Lichtpunkte

„Dieserhalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater (unseres Herrn Jesus Christus).“ (Eph. 3, 14)

„Dieserhalb beuge ich meine Knie vor dem Vater [unseres Herrn Jesus Christus],“

Eph. 3 14‬‬

Autor: Karl Geyer, auszugsweise aus seiner Schrift  „Deshalb beuge ich meine Knie!“ Das zweite Gemeindegebet des Apostels Paulus im Epheserbrief (3, 14-21) https://data.kahal.de/pdf/290-KG-DBK.pdf

„Dieserhalb…” — Mit diesem Wort begründet der Apostel der Nationen das nun folgende zweite Gemeindegebet des Epheser-Briefes. Auch das erste Gemeindegebet dieses Briefes (Eph.l,l5—23) leitet er mit einer Begründung ein: »Weshalb auch ich . . . nicht aufhöre, für euch zu danken . . .” Beide Einlei-tungen zeigen an, daß er sich über die Gründe seines Betens klar war. Er bete-te nicht wahllos, sondern aus klarer Einsicht und Erkenntnis heraus. Der Dienst, den ihm der verherrlichte Christus durch Gottes Willen übertragen hatte (Eph. l, 4. Apg. 9 1—21: 22, l5: 26. 15—18: Gal. l, 1: l. Kor. l, l u. a.) (vergl. Auch 1.Tim.1, 12— 17), legte ihm die Pflicht der Fürsorge für alle durch seine Arbeit aus den Nationen herausgerufenen Gemeinden aufs Herz. Und dieser Pflicht kam er mit solch heiliger Liebe und so unwandelbarer Treue nach daß sein Gebetsleben für alle Zeiten richtungweisend für das unsrige  ist und den Gläubigen, die in all den vergangenen Jahrhunderten  der Söhnegemeinde hinzugefügt wurden, ebenso wohl  als „Bild gesunder Worte“  (2.  Tim.  l,   13) zum  Muster  diente,  wie  es   bis  zum Schlusse der  jetzigen Haushaltung der Gemeinde allem wahrhaft geistlichen Beten den Weg weist. 

Paulus schrieb  diese Worte  im   Gefängnis   zu   Rom,  genauer  gesagt: In der  Kaserne der Leibstandarte  des römischen Kaisers, dem Prätorium, wo die politischen Häftlinge lagen, deren Tätigkeit als bedrohlich und gefährlich für das Reich oder seinen Herrscher angesehen wurde. Dorthin hatte ihn der Haß sei-ner Volksgenossen gebracht, die ihn unter allen Umständen aus dem Wege räumen wollten. Gerade die Umstände aber. in die sie ihn dadurch brachten, schlugen vielmehr zur Förderung des Evangeliums aus, wie er in Phil, 1, 12-14 uns mitteilt. Zunächst war seine Unschuld offenbar geworden. Dann gelangte durch seinen Aufenthalt in der Hauptstadt des damaligen Weltreiches das Evangelium bis in des Kaisers Haus (Phil. 4, 22). Sodann wurden durch seine Rechtfertigung die Brüder in Rom gedrängt, freimütig die Frohbotschaft zu be-zeugen und damit das Heil hinauszutragen in das gesamte Reich und seine Kolonien. Zuletzt aber, und das ist der größte Herrlichkeitsertrag seiner ganzen Gefangenschaft, offenbarte ihm der Herr in der Stille des Gefängnisses die Tie-fen seines vorweltlichen Vorsatzes, durch den die ganze Gemeinde erst zu dem gemacht werden soll, was sie nach dem Willen Gottes in den zukünftigen Aeonen sein wird. (Siehe auch die kleine Schrift „Ehrenmale der Gemeinde Christi“ Weil sein Aufenthalt im Gefängnis so zur Verherrlichung des Herrn und zur Ehre der Gemeinde ausgeschlagen war, konnte Paulus im Blick auf die Weisheit der Wege Gottes nur eins tun:  die Kniee beugen vor dem Vater und da alles ausbreiten, was das Herz eines treuen Dieners und Gesandten bewegt. Im Allerheiligsten, allein mit dem Vater, treibt ihn die Herrlichkeit der Gnade, die ihm zuteil geworden war, dazu, für die Heiligen und Treuen in Christo Jesu all das zu erflehen, was auch sie zur geistlichen Reife und zum vollkommenen Manneswuchse in Christo zum Erfülltwerden mit der ganzen Fülle Gottes führen konnte. Bereits am Anfang des Kapitels beginnt Paulus mit „dieserhalb” und weist damit auf die wunderbaren Tatsachen hin, die er in dem voraus gehenden Abschnitt schildert. Sie waren ja einst tot in Vergehungen und Sünden gewesen. Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, ging ihnen in seiner Liebe nach, errettete sie durch die Gnade, machte sie mit dem Christus lebendig und versetzte sie mit ihm in die himmlischen Oerter. Dort war nun ihr Bürgertum, zusammen mit allen Heiligen, mit denen sie nun auch aufgebaut wurden zu einem heiligen Tempel, zu einer Behausung Gottes im Geiste. Als  Hausgenossen Gottes,  als  seine  Erben   und  als  Miterben  seines Sohnes  Jesus  Christus, waren sie ein Leib mit  dem erstgeborenen der    Brüder, waren Mitteilhaber aller seiner Verheißungen, die der Vater ihm  gegeben hatte,  waren sie zugleich auch Mitwisser der  Geheimnisse,  die in  den  vor-ausgehenden  Geschlechtern  den  Söhnen  der  Menschen  nicht kundgetan worden. Ihnen wurde das Evangelium der Herrlichkeit Gottes, der unausforschliche Reichtum des Christus verkündigt nach  der Macht der Gnade, die Gott dem Paulus zu diesem Dienste gegeben hatte, damit den Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen Oertern die gar mannigfaltige Weisheit Gottes kundgetan werde durch die Gemeinde; und dies alles soll geschehen nach dem Vorsatz der  Aeonen  (Zeitalter), den Gott gefaßt hat in Christo Jesu, unserem Herrn. Daß der Vater dieses heilige Gefäß, die Leibesgemeine, in das er selbst seine ganze Gottesfülle ergießen will, auch seiner eigenen Herrlichkeit gemäß zubereiten möge, ist die Bitte, die dem Apostel auf dem Herzen liegt. Dieserhalb beugt er seine Kniee vor dem Vater, wissend, daß hier seine Sehnsucht mit dem Liebesrat und Liebeswillen des Vaters übereinstimmt, sodaß er getrost für die Heiligen und Treuen das Höchste bitten kann, wie er es denn auch in den nächsten Versen tut und ausspricht. Wie himmelhoch erhaben sind  doch  die Beweggründe seines Betens gegen-über so vielem seelischen, ichmäßigen Geseufze,  das Tag für Tag in Menschen zum Himmel emporsteigt! Ganz  gewiß  dürfen und  sollen  wir  alle  unsere Anliegen,  auch  die Geringsten  und kleinsten, vor Gott kundwerden lassen;  aber wir dürfen dies, im Bewußtsein der Tatsache, daß der Vater weiß, was wir bedürfen, und daß er treu besorgt ist um uns, mit Danksagung tun (Phil. 4, 6). Wichtiger aber ist doch das Gebet für das geistliche Wachstum des ganzen Leibes Christi und für die Voll-bereitung der Gemeinde Gottes, der sich ja nach dieser Behausung sehnt, in der er einmal seine ganze Herrlichkeitsfülle vor dem Kosmos darstellen und offenbaren möchte. Es sei hier an Oetingers Wort erinnert: „Geistleiblichkeit ist das Ende aller Wege Gottes.” Diesen  Geistleib Gottes bereitet der Heilige Geist in dem jetzigen Zeitalter für Gott zu. Wer das erkannt hat, wie es einem Paulus geschenkt war vergißt, was dahinten ist und streckt sich aus nach der ganzen Fülle, die der Geist Gottes vor ihm ausbreitet. Diese Fülle möchte er mit allen Heiligen erfassen, und daher geht sein Gebet auf sie alle hin und vereint sein eigenes  Sehnen mit dem ihrigen und mit der Sehnsucht Gottes.

Wer sich bei seinem Beten so in Uebereinstimmung weiß mit dem Willen Gottes, der hat auch das Erbetene bereits als festen Glaubensbesitz und weiß daß dieser Besitz auch bald erfahrungsgemäß geoffenbart werden wird. Das Gebet ist ja der sicherste Gradmesser für unser Glaubensleben. Es bringt vor dem Angesichte Gottes das zum Ausdruck, was unser Innerstes bewegt. Im stillen Kämmerlein, allein mit Gott, sind wir am ehrlichsten beim Aus-sprechen der Gedanken unseres Herzens. Da strömt dann all das aus uns her-aus, was zuvor in uns sich bildete. An geistlichen Dingen kann aber nur soviel herausströmen und zu ihm hinaufsteigen, als zuvor herabgeströmt ist aus sei-nem Geiste in uns hinein. So wird das Gebet zum unbewußten und darum umso wahrheitsgemäßeren Ausdruck dessen, was uns im Tiefsten bewegt, und was der Geist in uns wirken konnte.

Wer immer nur mit sich selbst beschäftigt ist, wird daher auch beim Beten immer nur von sich selbst reden, von seiner Sünde und seinem Heil, von seiner Schuld und der ihm widerfahrenen Gnade, von seinem Heiland, seinen Bedürfnissen, seinem Wachstum, seinem Zukurzkommen, seinen Wünschen und seiner Sehnsucht. Mehr oder weniger geht alles nach der Formel: „ich, meiner, mir, mich”. Die Liebe aber sucht nicht das Ihre, sondern das, was des andern ist. Wo sie die Herzen bewegt, werden sie gedrängt, für die Brüder einzutreten in Fürbitte und Gebet und Danksagung. Da dreht es sich nicht mehr in allem um das liebe, fromme „Ich”, sondern das „Du” tritt in den Vordergrund. Die Bedürfnisse der Brüder liegen uns auf dem Herzen, und  wir kämpfen für alle Heiligen in anhaltendem Gebet. Aber wir tun es mit Danksagung, weil der Vater uns in den Heiligen die Mitgenossen der gleichen himmlischen Berufung zur Seite gestellt hat, ohne die wir nicht vollendet werden können und deren Gnadengaben uns mit reich machen in allem. Ihre Handreichung hilft uns zur Vollendung, und wir preisen den Vater für diese Hilfe, die er uns in den Brüdern gab.

Wenn wir aber hinangelangen zur Vaterschaft in Christo Jesu, so dürfen wir den erkennen, der von Anfang war und dürfen alles Geschehen im ganzen All, das vergangene und das gegenwärtige und das zukünftige, zurückführen auf ihn, der von Anfang war, und der es plante; und nach seinem Plan der Zeitalter auch ausführen läßt. Da werden unsere Herzen ganz stille in heiliger Bewunderung der Größe des Ewigen und Unwandelbaren, und wir beten an im Geist und  in der Wahrheit.

Erst auf dieser Stufe stehen unsere Gebete ständig in dem unmittel- baren geistlichen Zusammenhang mit dem Willen und dem Handeln Gottes selbst und haben ihre einzige Ursache in seinem ewigen Liebesrat, den er uns in Christo Jesu erschloß.

Möge der Vater es uns schenken, daß unsere Gebete immer aus dieser Quelle fließen, sodaß wir als klare Begründung unseres Betens stets sagen dürfen: „Dieserhalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater.”

Dann v/erden wir einst mit verherrlichter Freude dabeistehen dürfen, wenn die Gebete der Heiligen vor Gott in Erinnerung gebracht werden (Off. 8, 1—5). Im Blick auf diese weltweite, die Aeonen überdauernde Wirkung unserer Gebete, sei es uns ein heiliges Anliegen, unser Gebetsleben in seinen Beweggrün-den in Uebereinstimmung zu bringen mit dem Willen Gottes, sodaß die bewußte Einleitung zu jedem unserer Gebete heißen kann: “Dieserhalb beuge ich meine Kniee.”

.,. . . beuge ich  meine Kniee . . .”

Jeder Glaubende weiß um die Ausübung dieser einfachen Handlung des Knieebeugens und es erscheint unnötig, hierüber etwas zu sagen. Wir kennen ja das, was Paulus dort in der Einsamkeit seines Gefängnisses tat, aus eigener Erfahrung. Wozu noch weitere Worte zur Erklärung. –

Aber wissen wir auch wirklich etwas um die Tragweite dieses Vorgangs? Wer einmal im Lichte der Heiligkeit Gottes stand, wie es einem Jesaja zuteil wurde (vergl. Jes. 6, 1—8), oder wie der Seher auf Patmos es erlebte (Off. 1. 9 —20), wurde sich da in überirdischer Klarheit seiner Stellung als Geschöpf bewußt gegenüber dem Schöpfer Himmels und der Erde Er war, ehe wir waren; er kann auch sein ohne uns, denn er ist nicht aus uns, sondern war und ist alles in sich selbst ohne jede fremde Beihilfe. Wir aber sind aus ihm und vermögen nicht, ohne ihn zu sein und zu existieren. Bevor das Geschöpf dies erkennt, fehlt ihm jede Voraussetzung für die Erkenntnis der Wahrheit. Erst muß es sich seiner Abhängigkeit von Gott bewußt werden, muß seine Relativität erkennen und anerkennen gegenüber der Absolutheit Gottes, sein geschöpfliches Gewordensein gegenüber dem unwandelbaren, unerschaffenen Sein Gottes, seine kreatürliche Vergänglichkeit gegenüber der göttlichen Unsterblichkeit. Dann erst kann Gott weiter mit ihm reden. Das ist Gott sich selbst schuldig, und er ist es auch um der Wahrheit willen dem Ge-schöpf schuldig. Solange nicht Wahrheit und Klarheit über das gegenseitige Verhältnis herrschen, kann von Gnade und Gemeinschaft nicht geredet wer-den. Es bleibt bestehen: “Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang” (Psalm 111, 10: Spr. 9, 10). Darum auch hat Gott bei sich selbst geschworen, alle Geschöpfe zu diesem Anfang zu führen (Jes. 45, 22—24). Bei diesem Eidschwur bleibt es. Von diesem Wort der Gerechtigkeit, d. h. des ewigen und unabänderlichen Rechtswe-sens Gottes selbst, wird nichts abgetan und nichts zurückgenommen werden. Jedes Knie soll sich ihm beugen und alle Zungen sollen bekennen und sagen: „Nur im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke. (Vergl. hierzu auch Rom. 14, 11, und Phil. 2, 11.) Ja, zu ihm werden kommen und sich schämen alle, die wider ihn entbrannt waren. Welche Gnade, nicht erst durch äonenlange Gerichte zum Anfang der Weisheit gebracht zu werden, sondern schon jetzt in wahrer geistgewirkter und gnadengeschenkter Ehrfurcht vor Gott freiwillig seine Kniee beugen zu dürfen vor dem, der nicht nur der große und erhabene Schöpfergott ist, sondern in Christo Jesu uns zum Vater wurde! Jeder, der so seine Kniee beugt, ist vor der ganzen unsichtbaren Welt ein Zeugnis dafür, daß Gottes Eidschwur Stuck für Stück in Erfüllung geht, bis endlich am Ende der Aeonen jedes Knie sich ihm beugt.

Hast du das schon einmal überdacht, Bruder, wenn du deine Kniee beugst, daß du ein Schauspiel bist für die ganze Welt, den ganzen Kosmos, sowohl Engel als Menschen? — (1: Kor. 4, 9 b.) Bist du dir dessen bewußt, daß vier Verse vorher Paulus sagt (Eph. 5, 10), daß jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Oertern durch die Gemeine die gar mannigfaltige Weisheit Gottes kundgetan werden soll? — Vergl. hierzu auch 1. Kor. 2. 6— 8. Denn die, die da meinen, etwas sein zu können ohne ihn, werden zunichte gemacht durch die, die da erkennen durften, daß sie in sich selbst nichts sind (1. Kor. l, 28—50).Und wenn die Heiligen einmal Welt und Engel richten sollen (1. Kor. 6, 2. 3), so ist die Voraussetzung hierfür gerade die, daß sie sich zu-nächst selber richteten. Indem wir unsere Kniee beugen, bekennen wir vor Gott, daß wir mit der Rebellion des Widersachers Gottes, Satans, und der seiner ihm folgenden Geister und Dämonen nichts zu tun haben wollen, sondern in heiliger Freude und Dankbarkeit die Gnade anerkennen, die uns vor dem gleichen Lose errettete, das jenen bevorsteht. Zugleich aber ist trotz allem je-des Knieebeugen dennoch der Triumph des Glaubens, der im Voraus bekennt, daß alle anderen einmal das Gleiche tun werden, wenn das Gericht sie dahin brachte, wohin die Gnade uns schon jetzt führte Darum sagt Paulus auch nicht nur: „Dieserhalb bete ich”, sondern: „Dieserhalb beuge ich meine Kniee,“ Wollen wir dieses bewußte Knieebeugen hinfort nicht auch üben? — vor dem Vater”. Das Beugen der Kniee bezeugt die Ehrfurcht des Geschöpfes, vor dem Schöpfer, von dem es alles empfing, was es hat. In Christo Jesu aber kam Gott ins Fleisch, die Welt mit sich selbst versöhnend. Indem er nun, nachdem wir versöhnt sind, uns zu Kindern annahm und uns seinen Geist gab, ihn ausgießend in unsere Herzen (Rom. 5, 5), machte er uns zu Teilhabern seiner Gott-natur. Dadurch wurden wir das, was er selbst seinem Wesen nach ist. Das ist aber unendlich mehr als das, was er hat Er will uns nicht abfinden mit den reichen Gütern seines Hauses, sondern will uns als geistliche Persönlichkeiten hineingestalten in sein Bild, bis wir ihm gleich sind (1. Joh. 3, 2). Vollkommen sollen wir sein, wie unser Vater im Himmel selbst vollkommen ist. Mit nichts weniger begnügt er sich. Liebe kann ja nicht mit Gütern erkauft, noch durch Güter befriedigt werden. Liebe sucht die Vervollständigung ihres eigenen Seins in einem gleichgearteten Wesen. Darum ist die Liebe Gottes nicht eher erfüllt, bis er seine ganze Gottesfülle in uns ergossen hat, sodaß wir als Träger seiner Fülle ihn wiederlieben können mit der Liebe, mit der er uns zuerst geliebt hat. Wenn von der Liebe geschrieben steht: „Wollte ein Mann alle Habe seines Hauses um die Liebe geben, man würde ihn nur verachten (Hohelied 8, 7), so gilt dies nicht nur von der Liebe der Menschen, sondern vielmehr und in seiner wesenhaften und tiefsten Bedeutung von der Liebe, die letzten Endes allein diesen Namen mit Recht verdient. Gott selbst will unsere Liebe nicht erkaufen mit all dem Reichtum seines Hauses, sondern nur um den Preis seiner eigenen Liebe, mit der er sich uns selbst gibt, damit wir uns ihm wiedergeben. Durch diese Liebeshingabe machte er uns zu Teilhabern seiner göttlichen Natur (2. Petr. l, 3. 4). Er gab den Geist der Sohnschaft in unsere Herzen, durch welchen wir rufen: „Abba, lieber Vater!'” (Rom. 8. 15). Nun ist der weltenferne Schöpfergott uns in Christo Jesu so nahe geworden, daß wir nie-mand näher stehen als ihm. Selbst unsere irdische Vaterschaft verblaßt gegen die Wesenhaftigkeit dieser Liebeshingabe und dieses  In –uns -seins. Wen unter allen Herrschern der Welt möchten wir Vater nennen? — Und wenn wir es täten, so könnte uns keiner von ihnen aus unserer Menschheit herausnehmen und uns zu göttlicher Größe emporführen. Der Eine aber, der über allen steht und wahrhaft der Herrscher aller Herren ist, erhebt sich nicht über uns, sondern neigt sich in Gnaden zu uns herab, weil seine Liebe ihn dazu treibt, sich uns ganz mitzuteilen und seine ganze Gottesfülle in uns zu er-gießen (Eph. 5, 19).

Sollte solche Liebe uns nicht unsere Herzen ganz abgewinnen, sodaß wir uns ihr hingeben mit allem, was wir sind und haben? —

Es gibt nur ein einziges Vorbild für die Vollkommenheit dieses Verhältnisses zwischen dem Vater und uns: das ist das Verhältnis des erstgeborenen der Brüder zum Vater. Der Sohn der Liebe sagt hierüber in Joh. 17, 23: „Ich in ihnen und du in mir, auf daß sie in eins vollendet seien, und auf daß die Welt er kenne, daß du mich gesandt und sie geliebt hast, gleichwie du mich geliebt hast.” Die Liebe des Vaters an uns ist die völlig gleiche, wie zum Sohn der Lie-be, dem eingeborenen Sohn, dem erstgeborenen der Brüder. „In Liebe hat er uns zuvorbestimmt zur Sohnschaft durch Jesum Christum für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens” (Eph. l, 5). Unter all dem, was Gott will, steht ein Vorsatz an erster Stelle und erregt das ganze Wohlgefallen seines eigenen Willens: Söhne zu haben, wie der erstgeborene Sohn. Durch ihn will er viele Söhne zur Herrlichkeit bringen (Hebr. 2, 10). Gott will viele Söhne haben, und alle sollen so sein, wie der erstgeborene der Brüder es ist. Und der ist Gott gleich. Und wenn es erscheinen wird, was wir sein werden, dann werden wir ihm auch gleich sein. Das ist Sohnschaft! Und nur diese weiß, was es heißt, wenn  ein  Mensch  zu  dem   Schöpfer  aller   Welten   Vater ,sagen darf. Eine  der  besonderen  Segnungen  unserer  Sohnschaftsstellung  liegt  ja gerade darin, den Vater zu kennen. Denn niemand kennt den Vater, als nur der Sohn. Umgekehrt kennt auch niemand den Sohn, als allein der Vater (Matth. 11,  27). Dies gilt zunächst  vom Eingeborenen,  dann aber auch von allen Söhnen, von denen der Herr in  Joh.  10,  15 sagt: „gleichwie der Vater mich kennt, und ich den Vater kenne”. Den Fremden und Knechten offenbart  sich der  Vater nicht,   aber  den  Söhnen.  Denn  der Knecht bleibt nicht für immer im Hause, aber der Sohn (Joh. 8, 55). Und nur von den Söhnen steht geschrieben, daß sie einmal den Vater sehen dürfen wie er ist (1. Joh. 3, l—3). Da begreift man, warum der Apostel dort ausruft:  „Sehet,  welch eine Liebe hat  uns  der Vater  erzeiget,  daß wir Kinder Gottes heißen sollen.” Und wie der Sohn der Liebe bezeugen darf: „Alles was der Vater hat ist mein” (Joh. 16, 15), so bezeugt er als der Verherrlichte durch seinen Gesandten Paulus  den Söhnen, die den gleichen Geist der Sohnschaft tragen wie er: ,.Wenn aber Kinder, dann auch Erben, — Erben Gottes und Miterben Christi” (Rom. 8, 17 a). Und im gleichen Kap. bezeugt er uns: „Wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken?” (Rom. 8, 32). Wir sind Gottes Geschlecht (Ap. 17, 29) (Luther: göttlichen Geschlechts), sind Teilhaber der göttlichen Natur (2. Petr. l, 3. 4). Nichts hat uns der Vater vorenthalten von dem, was er hat und von dem, was er ist. Alles hat er uns geschenkt. Wenn das heute auch noch nicht öffentlich geschaut wird, weil ja unser wahres, wesenhaftes Leben verborgen ist mit dem Christus in Gott, so wird es dennoch bei seiner eigenen Offenbarung (Enthüllung) mit ihm offenbar wer-den in Herrlichkeit (Kol. 3, 3. 4).Und dann wird es kundwerden, daß wir ihm gleich sind (1.Joh.3, 2). Hier hat jedes einzelne Wort der göttlichen  Offenbarung mehr Ge- wicht, als alle sichtbaren Güter der ganzen Welt. Was könnte man uns sonst noch an-bieten, das uns zu einem Tausch reizen könnte? — Gegen dieses Erstgeburts-recht sind doch alle Schätze des vergänglichen Kosmos nur ein armes Linsengericht, und dafür wollen wir nicht tauschen. Darum , gehen auch dem herrlichen Wort in 2. Kor. 6,  18:  „Im will euer Vater sein!” die mahnenden Worte an die Kinder voraus, kein Teil mehr mit der Welt, dem Unglauben und der Finsternis zu haben (2. Kor. 6, 13—17), und als nächster Vers folgt in Kap. 7, 1: „Da wir nun diese Verheißungen haben, Geliebte, so lasst uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem wir die Heiligung (Heiligkeit) vollenden in der Furcht Gottes.” Söhne Gottes, weil durch seinen Geist sein Wesen in uns ist, — weil sein Geist uns leitet (Rom. 8, 14). Wer solche Hoffnung zu ihm hat, der reinigt sich, gleichwie er rein ist (1. Joh. 3. l—3). Darum müssen wir immer wieder an die Würde unserer Berufung erinnert werden, damit wir auch dieser Berufung würdig wandeln können. Deshalb steht auch die Ermahnung zu einem würdigen Wandel immer nach der Verkündigung der Sohnschaftsstellung, wie wir es in Eph. l, 5 und 4, l sehen, oder auch in 1. Joh. 3, 2. 3 oder 2. Kor. 6, 18 und 7, l und an vielen anderen Stellen. Denn jede Ermahnung hat nur einen Sinn, wenn ihr eine Verheißung zugrunde liegt, oder anders ausgedrückt: Nur auf dem Grunde einer gottgeschenkten Stellung, können wir auch das Gottgeschenkte darstellen. Ja, das ist ja das Eigentliche unseres Glaubenslaufes wie auch einer gesunden biblischen Heiligung, daß wir versuchen, unseren praktischen Zustand in Uebereinstimmung zu bringen mit dem hohen Stande unserer Berufung. Das, was wir in Christo sind, soll nun an uns sichtbar werden. Es ist darum ein Rückfall in gesetzliches Wesen, wenn man nur ermahnt, ohne auf die entsprechende Verheißung hinzuweisen. Und leider gibt es auf zehntau-send Zuchtmeister immer nur wenige Väter. Dies kommt aber daher, daß man selbst vom Geheimnis der Vaterschaft Gottes wenig erkannt hat und sich daher noch wie ein Knecht benimmt, der von der Herrlichkeit der Sohnschaft wenig oder nichts weiß. Im Geheimnis der Vaterschaft Gottes aber sind verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis (Kol. 2, l—3). (Siehe auch Luther, Knoch u. a.) Nur der Gläubige kann seiner Berufung entsprechend würdig wandeln, der die hohe Würde seiner Berufung wirklich kennt. Solche sind nicht vom Gesetz ge-trieben, sondern vom Geist geleitet, und der läßt es uns wissen, daß wir Söhne sind. Unser Vater ist ein Vater der Herrlichkeit (Eph. l, 17). und sein Geist, der Geist der Herrlichkeit, ruht auf uns (1. Petr. 4, 14). Durch seinen auf uns ruhen-den Herrlichkeitsgeist vermögen wir sein Herrlichkeitswesen darzustellen vor Engeln und Menschen. Und das will er, denn seine Gottseligkeit beruht ja dar-auf, daß er geoffenbart wird im Fleisch, einmal in Fülle im Sohn der Liebe, jetzt immer wieder in den nachgeborenen Söhnen. So bedeutet Sohnschaftsstellung: Repräsentation des Vaters. Wissen wir etwas  davon? — Nur dann können  wir, die er zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens (Eph. l, 5), etwas sein zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade, worin er uns begnadigt hat in dem Geliebten (Eph. l, 6). Unser Vater ist aber auch ein Vater der Barmherzigkeit (2. Kor. l, 3). Nachdem wir selbst Barmherzigkeit durch ihn empfingen und zu Söhnen ge-macht  wurden, hat er in uns den Dienst der Versöhnung niedergelegt (2.Kor.5;17—20). Welches Erbarmen ist bei diesem Dienste notwendig um nicht  seine eigene große Schuld  gegen  Gott  zu  vergessen  und  die kleine Schuld des Nächsten gegen uns von seiner Hand zu fordern und so zum Schalksknecht zu werden! Wo aber der Geist Gottes die Leitung eines Menschenlebens hat,  wird das Wesen des Vaters offenbar. Dann können wir barmherzig sein, wie unser Vater barmherzig ist (Luk. 6, 36) und können  einander vergeben, gleichwie Gott in Christo uns  vergeben hat (Eph. 4, 32). Unser Vater ist weiterhin auch ein Vater des Lichts (bzw. der Lichter) (Jak.1,17), von dem alle Gaben und Geschenke in vollkommener Reinheit herabkommen. Er wirft nichts vor, sondern gibt allen willig (Jak.1,5) ja, wenn unser schwaches Menschenherz, dieses trotzige und verzagte Ding, immer wieder versagt, gibt er größere Gnade (Jak. 4, 6), bis das Herz fest wird, welches geschieht durch Gnade (Hebr. 13, 9). — Sollte sein Geist in uns etwas anderes bewirken, als daß auch wir im Lichte wandeln und unseren Brüdern gegenübertreten ohne heimliche Vorbehalte im Herzen und nur ihr Wohl suchen in allem? — Denn die Liebe sucht nicht das Ihre, sondern das, was des andern ist. Und wir müssen ihm gleichgemacht werden in allem. Der Geist, den wir als Söhne tragen, ist aber auch ein Geist der Kraft und der Liebe und der Zucht (bzw. der Besonnenheit) (2. Tim. l,7). Er läßt uns wandeln in der Kraft unseres Vaters, wie uns ja auch Paulus in Eph. 1, 19. 20 und Eph. 5, 16 bezeugt. Er läßt uns auch wandeln in der Liebe, gleichwie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns dahingegeben hat (Eph. 5, 2). Dieser Geist weicht aber auch nicht der Zucht aus, die der Vater an uns als Söhnen übt, sondern unterstellt sich willig dem Vater der Geister (Hebr. 12, 4—11). Söhne können nichts von sich selber tun, sondern was sie den Vater tun sehen, daß tun auch sie gleicher weise, wie der erstgeborene der Brüder es uns zeigte und darstellte. Immer wieder treten sie vor den Vater und bekennen: „Nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine!” — Ja, es ist ihre Speise, den Willen des Vaters zu tun, weil sie den Vater kennen und weil sie wissen, daß nur das, was mit ihm in Übereinstimmung ist, wirklich gut und vollkommen ist. Und darum beugen sie ihre Kniee vor niemand anderem, als vor dem Vater.