Was ist wahre Demut? (1. Petr. 5, 6-7)

So demütiget euch nun unter die mächtige Hand Gottes, auf daß er euch erhöhe zur rechten Zeit, indem ihr alle eure Sorge auf ihn werfet; denn er ist besorgt für euch.

‭‭1. Petrus‬ ‭5:6-7‬ ‭

Von Adolf Heller, Quelle: Zeitschrift GuH

Wir sind ein hochmütiges Geschlecht, obwohl wir, genau besehen, gar keinen Grund dazu hätten. Der Größenwahn sitzt jedoch unausrottbar in uns allen. Von Herzen demütig war nur einer: unser Herr und Haupt. Uns aber fehlt diese schönste aller Tugenden. Die großmäulige Reklame und Propaganda, die uns von allen Seiten und auf die verschiedenste Art und Weise umbrandet und ver-giftet, sorgt schon beim Kinde dafür. Dennoch ist man in christlichen Kreisen oft sehr stolz auf seine vermeintliche Demut. Ein begnadeter, origineller Gottesmann gebrauchte einmal während der Unterhaltung die Redewendung: „O diese hochmütige Demut der Frommen!” Eigenartig, aber für den Kenner seelischer Zusammenhänge durchaus ver-ständlich, ist die Tatsache, dass solche, die von ändern Demütigungen und Sterbenswege am stärksten fordern, durchaus nicht gewillt sind, sie selber auch zu gehen. Manche geben sogar ‘unumwunden zu, ‘dass sie für Brüder, die ihnen aus irgendeinem Grunde nicht genehm sind, nicht beten können noch wollen, und sind tief beleidigt, wenn sie ihre führende Rolle, die ihnen nach ih-rer Meinung für alle Zeiten zusteht, nicht unangefochten spielen können. Prüfen wir uns doch alle, ob das, wenn vielleicht auch nur in geringem Maße, nicht bei uns allen, auch bei dir und mir, der Fall ist, ehe wir mit dem Finger auf andre deuten.

Die Schrift redet häufig von Demut und Demütigung. Es lohnt sich, ‘die 62 Stel-len gründlich nachzulesen und sein Leben in das Licht dieser Gottes-Zeugnisse zu stellen. Das führt in ein heiliges Selbstgericht, durch das man dann zu be-glückenden Lösungen gelangt. Wenn wir uns nun fragen, wie wir es praktisch anstellen sollen, in gottgefälliger, Ihm gemäßer Demut zu leben, so haben wir sicherlich alle möglichen Antwor-ten zur Hand. Doch wäre davon sicherlich vieles falsch und entspräche durch-aus nicht den Gedanken des Herrn. Es ist durchaus nicht damit getan, dass wir uns zum Trottel und Hanswurst machen lassen, mit dem brutale Menschen um-springen können, wie es ihnen beliebt. Ein Chef muss seinen Untergebenen befehlen können, Anordnungen treffen, Entscheidungen fällen. Und der Vater ist das Haupt der Familie, dein Frau und Kinder sich unterordnen sollen, auch wenn sie nicht immer mit allein einverstanden sind, was er sagt. Ein Lehrer, dem seine Schüler auf dem Kopf herumtanzen, ist nicht demütig, sondern unfä-hig zu seinem Beruf. Wir brauchen nur das Leben Jesu und den Werdegang des Apostels Paulus zu verfolgen, um sehr klar zu erkennen, dass Demut durchaus nicht eine passive, schwächliche Haltung ist, sondern oft mit dem scheinbaren Gegenteil, einer starken, klaren Selbstbehauptung gepaart sein kann. Jesus und Paulus wurden durchaus nicht von allen ihren Zeitgenossen für de-mütige Menschen gehalten; die Pharisäer, Schriftgelehrten und Gesetzeseiferer entrüsteten sich oft über ihr scheinbar eigensinniges Verhalten.

Stellen wir eine einzige Überlegung an, zu der uns der Philemonbrief führen muss: Onesimus hatte einen gläubigen Chef, dem er aber aus irgendeinem nicht genannten Grund durchbrannte. Das war nach den damaligen Begriffen hinsichtlich des Verhaltens eines Sklaven ein schweres Vergehen, das entsprechend grausam bestraft wurde. Wir würden ohne weiteres sagen: wenn einem gläubigen Arbeit-geber ein Arbeiter davonläuft und sich dadurch in die Gefahr begibt, sein Leben zu verlieren, so ist es um das Gläubigsein des Chefs schlecht bestellt. Davon schreibt aber Paulus keine Silbe in seinem berühmtem „Vaterbrieflein”. Er macht Philemon keinerlei Vorhaltungen, gibt ihm keine moralischen Verhal-tungsmaßregeln, sondern verfasst aus der Tiefe des Vaterherzens Gottes die-ses wunderbare Schriftstück, das in der gesamten Weltliteratur nicht seinesglei-chen findet. Unter der Leitung des Heiligen Geistes entrollt der gefangene Apostel die Herzensabsichten Gottes und löst für den Glauben das uralte Problem vom Sinn und Zweck des Leides. Auch dem Onesimus macht er keine moralischen Vorhaltungen, sondern sen-det ihn zurück zu seinem rechtmäßigen Herrn, wobei er ihm allerdings eine wunderbare Aufnahme garantiert: er soll nicht länger dessen Sklave, sondern für immer sein Bruder sein!

Wenn wir die Schrift daraufhin erforschen, anfangend von Abel bis zu den zwei Zeugen der Endzeit, wer ein demütiger Mensch ist und wer nicht, so werden wir manche vorgefasste Meinung korrigieren müssen. Wirklich demütige Geistes-menschen hielt man oft für hochmütig und eigenwillig, während andre, die nach außen demütig und nachgiebig erschienen, nichts anderes waren als triebhaft und seelisch, denen aber der Hochmut aus allen Knopflöchern ihres Demutsge-wandes der Niedrigkeit und Nachgiebigkeit heraussah.

Was wahre Demütigung ist, wollen wir aus einem einzigen Wort zu verstehen suchen, das wir in 1. Petr. 5, 6. 7 lesen. Dort steht geschrieben: „So demütiget euch nun unter die mächtige Hand Gottes, auf dass Er euch erhöhe zur rechten Zeit, indem ihr alle eure Sorge auf Ihn werfet; denn Er ist besorgt für euch.” Wir wollen zunächst versuchen, den inneren Zusammenhang zu sehen, in dem die-ses eigenartige Wort bezeugt ist. Im letzten Kapitel seines ersten Schreibens ermahnt Petrus die Ältesten, die Herde Gottes zu hüten. Manche Handschriften sagen, die Herde Gott gemäß (kata theon) zu weiden. Dabei warnt er vor den Gefahren, die mit diesem. Dienst verbunden sind. Sie sollen freiwillig und nicht aus Zwang, ohne Geldgier und Herrschsucht ihres heiligen Amtes walten. Dafür wird ihnen der Herr, der als „guter Hirte” Sein Leben gab (Joh. 10, 14. 15), als „großer Hirte” aus den Toten auferstand (Hebr. 13, 30), einst als „Erzhirte” die „unverwelkliche Krone der Herrlichkeit” verleihen (1. Petr. 5, 4). Die jüngeren Brüder der Gemeinden sollen sich gehorsam und bescheiden ein-ordnen und den Ältesten unterwürfig sein. Alle aber sollen mit Demut fest um-hüllt .sein, wörtlich: eng angeknotet wie ein Schiff, das durch ein Tau unlösbar an den Pflock gebunden ist. Weder sollen die Älteren gegen die Jüngeren noch die Jüngeren gegen die Älteren hochmütig sein, da Gott den Hochmütigen wi-dersteht, ihnen Seinen Segen verweigert und ihnen nichts gelingen lässt, den Demütigen jedoch Gnade oder Gunst darreicht.

Deshalb (darum oder aus diesem Grunde) sollen sich beide, die Ältesten und die Jüngeren, unter die mächtige (sieghafte, Herrschaft ausübende) Hand Got-tes demütigen. Wie aber soll das geschehen? Das sagt uns die erste Hälfte des 7. Verses: „. . . indem ihr alle eure Sorgen auf Ihn werfet (geworfen habt und nun dort auch liegen lasst).” Das hier gebrauchte Wort epirriptoo kann auch mit niederlegen oder schleudern übersetzt werden. Das ist ja eine erstaunliche Sache, die wir hier lesen! Man demütigt sich da-durch unter Gottes sieghafte, allmächtige Hand, indem man alle seine Sorgen auf Ihn legt und dort liegen lässt. Ja, wenn das so ist, dass man alle seine Sor-gen, seine qualvollen Ängste und Note auf Gott legen und dort getrost liegen lassen kann, da Er Selbst in heiliger Besorgnis sie an unsrer Stelle erledigen will, da gibt es ja nichts Großartigeres, nichts Beseligenderes, als sich zu de-mütigen! Ist dem wirklich so? Erliegen wir hier nicht einem Trugschluss? Täuscht uns dieses Wort heiliger Schrift«? Ja, es ist wirklich so! Wer sich noch selbst mit seinen Sorgen und Befürchtun-gen herumschlägt und abquält, sich selbst und seine Angehörigen damit belas-tet und elend macht, der verunehrt Gott. Er benimmt sich so, als ob Gott gar kein Interesse an unserm Ergehen habe, uns nicht helfen wolle oder nicht hel-fen könne. So, wie es eine Schande für einen Vater oder eine Mutter ist, wenn sie sich nicht um ihr Kind kümmern, nicht für ausreichende Nahrung, Kleidung und gesunden Wohnraum sorgen, so wäre es eine Schande für Gott, wenn Er Sich um uns, Seine geliebten Söhne und Töchter, nicht kümmern -wollte. Darum ehren wir Gott und bereiten Ihm Freude, wenn wir alle unsre Sorgen auf Ihn legen, werfen oder schleudern, da Er ja Selbst für uns besorgt ist oder, wie man auch übersetzen kann, Ihm an uns liegt. Ist das nicht eine frohe Bot-schaft? Ist das keine großartige Sache? Indem wir uns nicht .mehr mit unsern Sorgen ((Kümmernissen, angstvollem, grübelndem Nachsinnen) abquälen, de-mütigen wir uns vor Gott und geben Ihm die Ehre, der Seine Zusagen hält und am uns tun will und „zu tun vermag über die Maßen mehr, als wir erbitten oder erdenken” (Eph. 3, 20). Wer aber seine Sorgen und Kümmernisse, sein angstvoll quälendes Grübeln und Zermartern, nicht abwerfen will, der degradiert Gott zu einem unzuverlässi-gen Helfer, dem man nicht recht trauen kann, so dass man es am besten doch selber zu erledigen und abzuwenden versucht, was so bedrückend und dro-hend vor einem steht. Halten wir fest: Demütigung bedeutet nicht, dass man sich durch Menschen, Umstände und Verhältnisse zum Hanswurst oder einem willenlosen Nerven-bündel machen lässt, sich von brutalen oder raffinierten Betrügern unter-drücken und ausbeuten lässt, sondern dass man alle seine Anliegen, seine Sünden und Sorgen auf Gott wirft, der allein uns herrlich helfen will und helfen kann. Nur auf diese Weise verherrlichen wir den Vater, demütigen uns vor Ihm und werden selbst glückselig.