Vom Wesen der Liebe (1. Joh. 4, 8ff)

Von Karl Geyer

Liebe ist Wille zur Gemeinschaft, ist zugleich heiliger Opferwille, der alles duldet, um den Weg zur Gemeinschaft freizumachen, um den andern und die andern zu gewinnen.

Alles, was groß und gut und wahr und schön und edel ist, findet sich in der Liebe.

Liebe ist zart und keusch und in ihrer Selbsthingabe wie heiligste Jungfrauschaft. Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist unwider­stehlich wie der Scheol; ihre Kraft ist höchste Männlichkeit, die alles trägt, die in die Bresche tritt für die andern.

Im Sohn der Liebe wird sie geschaut.

Die Liebe ist aus Gott. Gott ist Liebe (1. Joh. 4, 8.16). Darum ist alles Göttliche in ihr, und sie ist selbst göttlich in ihrem ganzen Wesen und Umfang. Weil alles Göttliche in ihr strömt, um Fernes und Nahes, Himmlisches und Irdisches, Williges und Widerstrebendes zu einen und zu verbinden, ist sie das Band der Vollkommenheit.

Sie ist größer noch als Glaube und Hoffnung. Ohne sie nützt alles an­dere nichts, selbst Geistesgaben und Berge versetzender Glaube und das Wissen aller Geheimnisse und der Besitz aller Erkenntnis. Sie schließt Glauben und Hoffnung in sich, denn sie glaubt alles und hofft alles (1. Kor. 13, 7). Darum ist sie noch größer als diese beiden, – ist sie die größte unter den dreien, die da bleiben.

Der, aus dem das All ist, sprach zu Seinem Bilde, dem Menschen: “Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei” (1. Mose 2, 18). Wenn dies schon für das Bild gilt, wieviel mehr für das Wesen selbst, für den, der Liebe ist! Ohne diesen Willen zur Gemeinschaft hätte Er Sich daran genügen lassen können, die Fülle Seines Lebens und Wesens in Sich Selbst zu schauen und zu genießen. Niemand hätte sich dann an Seiner Herrlichkeit ge­freut. Seine Gnade hätte keinen Gegenstand gehabt, an dem sie sich hätte erweisen können, keine Bewunderung und Anbetung wäre Ihm je­mals zuteil geworden, und das wunderbare Gottesleben hätte sich nicht gemehrt und wäre für immer ohne Frucht geblieben.

Alles in Ihm treibt Ihn zum andern, in dem Er Sich offenbaren und erfüllen kann. Alles in Gott drängt nach Gemeinschaft. Um diese zu er­langen, geht Er, um deswillen alle Dinge sind, jeden Weg des Opfers bis zur Selbsthingabe, um mit Seinen Geschöpfen in das Verhältnis der tief­sten und letzten Gemeinschaft zu kommen, in der sich Seine Liebe völlig erfüllen kann.

Liebe kann nicht allein bleiben. Im Alleinsein gibt es keine Lebensmeh­rung und keine Fruchtbarkeit. Erfüllung und Mehrung gibt es nur in der Gemeinschaft.

Die Sehnsucht des Menschen, des Gottesbildes, geht nach Gemeinschaft. Sie wird ihm nicht gestillt durch irgend etwas Wesensfremdes, sondern nur durch sein anderes “Ich”, durch seine Ergänzung, durch den anderen Teil seines Wesens, mit dem er gemeinsam erst ein Ganzes und aus dem Ganzen heraus eine Fülle wird.

Die Sehnsucht Adams, des Bildes, ist nur ein schwacher Abglanz der Sehnsucht Gottes, in dem auch in Seiner Gotteseinsamkeit alles nach Er­füllung drängte. Und als der Sohn der Liebe auf Erden ging, da sprach Er es aus: “Mich hat sehnsüchtig verlangt, das Osterlamm mit euch zu essen.”

Alles Leben und Wesen kann nur durch die Liebe völlig erkannt wer­den. Darum sehnt Sich Gott danach, Sich liebend zu erfüllen. Nur im Liebenden erkennt der Geliebte die Liebe.

Die Liebe ist Geistesfrucht (Gal. 5, 22). Gott ist Geist. Darum ist die Liebe aus Gott.

Gott erkennen, heißt die Liebe erkennen, denn Gott ist Liebe.

(Quelle: “Gnade und Herrlichkeit”; 1956; Paulus-Verlag, Heilbronn)