Völlige Freude (1.Johannes 1, 1-4)

„Und dies schreiben wir euch, damit eure Freude vollkommen sei.“

‭‭1. Johannes‬ ‭1:4‬ ‭SCH2000‬‬

Von Karl Geyer, aus seinem Buch „Ich bin Gewiss“

„Was von Anfang war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und was unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens — und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns erschienen ist —, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir euch, damit eure Freude vollkommen sei.“ 1. Johannes‬ ‭1:1-4‬ ‭SCH2000‬

Alles Leben drängt nach Ausgestaltung seines Wesens, sehnt sich nach Erfüllung seines tiefsten Seins, strebt nach Erreichung des Zieles seiner Bestimmung. Was uns und jedes andere Lebewesen hierbei fördert, erweckt in uns das Gefühl der Lust; was uns hindert, empfinden wir als Unlust. Jede Hemmung bei der Entfaltung unseres Lebens und Wesens und Seins leh-nen wir (bewusst und unbewusst) instinktiv ab; jede Förderung stärkt unser Le-bensgefühl, macht uns freier und frischer und froher. Dies gilt von dem geistigen Leben in noch weit höherem Maße, als von dem natürlichen. Was dazu dient, uns zur Persönlichkeit werden zu lassen, beglückt uns unendlich mehr, als jeder äußere Gewinn; ja, für die Glückseligkeit wahrer Menschwerdung und charakterlicher Reife gibt der geistlich Gesinnte willig alles andere hin, und der Glaubende achtet alles für Schaden und Verlust, was seine Umgestaltung in das Bild Gottes aufhält. Wer sich daher freuen will in echter Freude, muss alles vermeiden, was das Ausgeborenwerden und die Entwicklung wahren Menschentums bei ihm hindert. 

Freude ist der Ausdruck des erfüllten Menschseins, ist das Hochgefühl der Seele, das sie empfindet, wenn echte Sehnsucht so ins Licht getreten und erfüllt ist in makelloser Reinheit, dass kein trüber Hauch die Erinnerung dämpft und keinerlei Belastung sie hemmt. Freude ist die Lust der Seele am Echten, am Wahren, am Wesenhaften, am Guten, an der Treue und der Wahrheit, am ungetrübten Licht der Ewigkeit. Freude ist die glückhafte Befriedigung der Seele über die Vollendung reinen Wollens, ist das glückselige Bewusstwerden des Gelingens reinster Absichten. Freude ist der Gleichklang eines Wesens mit seinem Ursprung, ist die Überein-stimmung des Werdenden mit dem Seienden, ist die Harmonie des in der Zeit-lichkeit Stehenden mit dem Ewigen. Freude ist das Aufjauchzen der das Ziel schauenden Seele, ist die Wonne des ans Ziel gelangten Geistes. Freude ist die überströmende Seligkeit des in Gott zur Unsterblichkeit Gekommenen, der nun gewiss ist, dass ihn von der Gemeinschaft mit Gott und von dem Genuss Seiner Liebe niemand und nichts mehr scheiden kann. Darum gibt es echte Freude nur dort, wo Wesenhaftes und Bleibendes in göttlicher Klarheit erscheint und in makelloser Reinheit des Geistes vermittelt wird. Solche Freude bleibt! 

Wer echte Freude sucht, darf sie nicht im Vergänglichen suchen, denn mit dem Schwinden der Scheinwerte dieser Welt vergeht auch die kurze Berauschung, die wir solange für Freude halten, als sie andauert. Denn schon während des Genusses steigt im Hintergrunde die Angst auf, dass die zeitliche Ergötzung verfliegt. Das Erwachen aus jedem Rausch aber ist bitter und hinterlässt nur einen eklen Nachgeschmack und das Gefühl der Leere und der Öde. Im Suchen nach Freude ist die Jugend am gefährdetsten. Dies hat zwei Haupt-gründe. Weil Freude der Ausdruck des erfüllten Menschseins ist, so begehrt der junge Mensch, in dem alles nach Erfüllung drängt, dem aber Erfüllung noch nicht zuteil wurde, am stärksten danach. Und dann ist ja Jugend an sich schon Trunkenheit ohne Wein, wie Goethe einmal sagt. Sie ist also der Berauschung zugänglicher als das erfahrenere und gereiftere Alter und gerade deshalb be-sonders in der Gefahr, unnüchtern zu urteilen, wenn die Welt ihr alles Mögliche anbietet, was angeblich Freude bringen soll. Aber auch Alter schützt vor Torheit nicht. Und die nicht zur wahren Freude Gelangten tragen in sich das Gefühl des Zukurzgekommenseins, das geradezu ein Nährboden für jede Sucht ist. Darum kann man auch nach Kriegen und an-deren Notzeiten immer wieder das krankhafte und krampfhafte Bemühen fest-stellen, das entgangene Vergnügen nachzuholen und um jeden Preis sich zu entschädigen für die verlorenen Genüsse. Damit aber beweist man eindeutig, dass man von wesenhafter Freude keine Ahnung hat. Denn diese hängt nicht ab von dem äußeren Ergehen, sondern erweist ihre Echtheit mitten in der Not und lässt uns mit einem, der sie kannte und besaß, bekennen: «Jetzt freue ich mich in den Leiden» (Kol. 1,24). Die Welt bietet ja vieles an, was Freude geben soll. Ohne Freude kann kein fühlendes Menschenherz auf die Dauer leben; ohne Lust wird das Leben zur Last. Unlust verdirbt alles und lässt den Menschen am Wert des Daseins irre werden und verzweifeln. Darum streckt sich jeder Mensch unbewusst ständig aus nach irgendeinem Lustgewinn, auf welchem Lebensgebiet es auch sei. Im Blick auf irgendeine zu erwartende Freude, die als Hochgefühl des Lebens dem Dasein wieder Sinn gibt, vermag der Mensch auch die größte Not zu ertragen. Dies gilt nicht nur vom natürlichen, unerneuerten Menschen. Sogar vom Sohne Gottes steht geschrieben, dass Er für die vor Ihm liegende Freude das Kreuz erduldete (Hebr. 12,2). Freude macht das Leben sinnvoll und ist darum auch selbst wieder Ausdruck eines sinnerfüllten Daseins. Darum lechzt alles Lebendige im tiefsten Grunde nach Freude, d. h. nach sinnvoller, befriedigender Lösung seines Lebenshungers und nach beglückender Erfüllung seines gesamten Wesens. 

Wir haben aber die Möglichkeit zur sinnvollen und sinnerfüllenden und dadurch beglückenden Gestaltung unseres Menschentums nur einmal. Wenn der Tod den Schluss-Strich unter unser Erdendasein zieht, haben wir nicht mehr die Macht, von uns aus zurückzukehren und anders und sinnvoller zu handeln, als wir es in diesem Leben taten. Daraus ergibt sich die Tragweite unserer Entschlüsse in bezug auf die Sinngebung unseres Lebens. Der Hunger der Seele nach Leben und Freude kann nur da wirklich und wesen-haft gestillt werden, wo unvergängliches Leben und bleibende Freude sind. Beides ist nur in dem Einen zu finden, der allein Unsterblichkeit hat, in Gott (l. Tim. 6,16). Er hat auch dem Sohne gegeben, Leben zu haben in Sich selbst (Job. 5,26). Aus Liebe zu Seinen Geschöpfen, zur gesamten Welt, zum Kosmos, sandte Er den Sohn in die Welt, um sie zu retten. Einmal nur gab Gott Seine ganze Lebensfülle zeugend weiter: «Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt!» — Dieses Leben erschien im Sohne unter uns, als das Wort Fleisch ward. Die ganze Gottesfülle wohnte in Ihm leibhaftig (Kol. 2,9). Gott kam selbst ins Fleisch (2. Kor. 5, 19; 1. Tim. 3, 16 u. a.). Weil das Ge-schöpf keinen Weg von der Erde zum Himmel bahnen kann, weil es nicht im-stande ist, aus vergänglichem Fleisch unvergänglichen Geist zu schaffen, des-halb kam Er selbst zu uns und bahnte einen Weg vom Himmel zur Erde. Der Schöpfer aller Welten, der Unsichtbare und Unfassbare, trat ein in unser eigenes Dasein, in die umgrenzte Wirklichkeit unserer Geschichte, damit wir Ihn selbst schauen können und Sein innerstes Wesen, die Liebe, wahrzunehmen und zu erfahren vermögen. Und nicht nur wahrzunehmen, sondern in uns auf-zunehmen, damit wir als Teilhaber Seiner göttlichen Natur heranwachsen sollen zur göttlichen Größe, um Ihm gleich zu sein in allem (1. Job. 3,2.3). Das ist der Weg der alles überragenden Liebe und Gnade. Aber in dieser Gnade liegt zugleich auch Gericht, weil sie zur letzten Entscheidung drängt. Gott tut alles, was das Geschöpf nicht tun kann. Nun gibt es aber auch keine andere Möglichkeit mehr. 

Gott kann nicht aus Schwäche die Wahrheit verleugnen und das Geschöpf in seiner Selbsttäuschung belassen, es könne aus sich Unsterblichkeit und göttli-ches Herrlichkeitswesen erzeugen. Wenn wirklich Heil und Rettung werden soll, muss das Geschöpf erst zur Erkenntnis seiner Abhängigkeit von Gott gebracht werden. Gott war, ehe wir waren, und Er kann existieren ohne uns. Wir aber sind nur durch Ihn da und können nur existieren durch Ihn. Diese ein-fachste Klarstellung führt uns an den Anfang der Weisheit. Denn die Furcht Gottes, d. h. die Ehrfurcht des Geschöpfes vor dem Schöpfer, ist der Weisheit Anfang (Ps. 111,10; Spr. 9, 10). Wer dies erkennt und anerkennt, der hat seinen Sinn über sich selbst geändert. Er hat begriffen, dass die Rettung und das Heil und das Leben nicht in uns selbst liegen, sondern in dem errettenden Gott. Diese Sinnesänderung aber nennt die Schrift Buße. Sie ist mehr, als nur die Reue über einzelne Sünden. Buße ist die Gesamtumstellung unserer Gesinnung im Blick auf uns selbst und auf Gott. Sie ist die Bankrotterklärung der eigenen Leistungsfähigkeit in göttlichen Dingen und das Verlangen nach dem Eingreifen Gottes zu unserer Rettung. 

Die Übergabe unseres Lebens an den rettenden Gott nennt die Schrift Glaube. Glaube ist darum der auf die Buße folgende zweite Schritt des sich nach Leben und Freude sehnenden Menschengeistes. Er ergreift das Göttliche, Unverwesli-che und wird so der göttlichen Natur und der Unsterblichkeit teilhaftig. Indem er so die Ewigkeit in unsere Zeit hereinzieht, vollbringt er gerade das, was dem Geschöpf aus sich selbst unmöglich ist. Der Glaube hat das Unmögliche mög-lich gemacht und vollbracht. Darum ist der Glaube des Geistes höchste Tat. (Aus: Ich bin gewiss.)