So erstarke nun, mein Kind, durch die Gnade! (2. Tim. 2,1) (oder Fünf Ursachen der Schwachheit)

Von Otto Voßeler

Der Ausdruck “erstarke” ist ein Zeichen dafür, daß sich Timotheus schwach fühlte. Seine Schwachheit hatte verschiedene Ursachen:

1. Er war jung, und er war sich dessen bewußt, daß ihm noch manche Erfahrung in der Leitung einer Gemeinde fehlte. Dazu kam, daß er es mit einer schwierigen Gemeinde zu tun hatte, nämlich mit Ephesus. Paulus hatte schon einen Brief dorthin gerichtet; aber es waren dort auch noch ganz andere Strömungen vorhanden.

2. Er reichte an seinen Vorgänger nicht heran. Sein Vorgänger in der Leitung der Gemeinde war ein hochgebildeter griechischer Jude gewe­sen, Apollos aus Alexandrien An die Sprachgewandtheit und Sprach-schönheit dieses hochgebildeten Mannes kam Timotheus bei weitem nicht heran, stammte er doch aus den galatischen Landen, aus dem Inneren Kleinasiens, aus Lystra – aus der “Provinz” und nicht aus einem Zentrum griechischen Geisteslebens.

3. Durch mancherlei Strömungen war die Gemeinde zu Ephesus im Laufe der Zeit unterwandert worden, und die Epheserchristen waren stolz darauf, daß sie mehr hatten, als man ihnen am Anfang verkündigt hatte. Daß das Kreuz ihre Schuld bedeckt, das Blut Jesu sie reinigt, und daß der am Kreuz Verstorbene auferstanden ist und wiederkommt – diese vier schlichten Heilstatsachen waren diesen gescheiten Leuten zu wenig, und so holten sie aus mancherlei Anschauungen der damaligen Zeit manches fragwürdige Gedankengut in die Gemeinde herein und glaubten dadurch mehr zu haben.

4. Dazu erinnerte ein Magenleiden den jungen Timotheus an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit und erzeugte Verzagtheit. Darum schreibt Paulus auch in 2. Tim. 1, 7: “Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnen­heit.

5. Dazu kam noch als letztes: Die Wirksamkeit des Paulus, seines väterlichen Freundes, neigte sich ihrem Ende zu. Der 2. Timotheusbrief ist der letzte seiner Briefe, das eigentliche Testament des Apostels, in dem er klar voraussieht, daß er den Märtyrertod erleiden wird. Dann würde Timotheus allein dastehen, und Alleingelassensein ist ein schwe­res Los.

Spielen diese fünf Punkte, die Schwachheit erzeugen möchten, auch in unserem Leben eine Rolle?

1. Fühlen wir uns entweder zu jung, um in den Dienst des Herrn zu treten, oder zu alt, um noch von Ihm zu zeugen? oder verspüren wir, wenn wir im mittleren Alter stehen, daß wir noch mehr haben müßten an Ausrüstung und Kraft, um ein richtiger Zeuge Jesu Christi zu sein? Das kann einem schwer zu schaffen machen.

2. Scheint anderen alles leichter zu fallen als uns? So merkte ja  damals Timotheus, daß dem Apollos das Reden viel leichter fiel als ihm, der ständig mit Dialektfehlern kämpfen mußte, weil er eine ganz andere Heimatsprache hatte. Stehen auch wir unter dem Eindruck: Warum habe ich es so schwer? Anderen fällt alles viel leichter.

3. Will die Umgebung irgendwie bedrückend auf uns wirken? Nimmt man zuwenig Notiz von uns, auch vielleicht in der Gemeinde? Es kann eine große Not sein, wenn Geschwister sagen: Ich komme zwar in die Gemeinde, aber niemand fragt nach mir: Wie geht’s? Wie steht’s? Wie könnte es weitergehen? Und wenn Notiz genommen wird, dann vielleicht in abwertender Weise, so daß einem fühlbar gemacht wird, welche Fehler man noch hat. Das könnte zur Not werden.

4. Oder sind vielleicht körperliche Schwächen vorhanden, wie bei Timotheus? “Ich möchte mehr für den Herrn tun – und bin doch so müde und fühle ständig meine Schwachheit!”

5. Oder gar das letzte: Ich bin allein. Timotheus sah, daß er jetzt in die vorderste Front gestellt sein würde, und hinter ihm würde kein väterlicher Freund mehr stehen; hinter ihm stand nur noch Gott. Aber es ist doch gut, wenn einem Gott auch in einem Menschen begegnet, der Verständnis hat und eingeht auf die Nöte. Es ist schwer, allein gelassen zu sein, vielleicht gar einsam oder vereinsamt. Wie viele vereinsamte Gotteskinder gibt es doch!

Ich glaube, was dem Timotheus widerfuhr, ist auch uns nicht ganz unbekannt. Und in diese Lage hinein sagt nun Paulus: “Mein Kind, erstarke durch die Gnade!”

Sicher meint Paulus nicht das unmündige Kind, das dauernd gegängelt werden soll, er will aber damit ein in Christus geschenktes ganz zärtliches Verhältnis beschreiben, den Ausdruck innigster Liebe. Aber selbst wenn uns kein Mensch mit solcher Liebe umgibt – hinter uns steht Gott, der durch den Propheten Jesaja sagen läßt: “Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.” Und: “Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet” (49, 15; 66, 13). Denn in Gott ist beides vorhanden: die Vaterliebe in Jesus Christus und die Mutterliebe, die sich gerade den Schwächsten zuwendet.

Die Gnade allein kann in aller Schwachheit weiterführen. Was die Gnade hindert, in unserem Leben zu wirken, ist nicht unsere Schwachheit, sondern unsere vermeintliche Stärke. Denn wo wir stark sind in uns selbst, kann die Gnade nichts ausrichten. Gnade wirkt dort, wo wirkliche oder empfundene Schwachheit vorhanden ist. Das wird schon in Jesaja 57, 15 ausgesprochen. Und in 2. Kor. 12, 9 lesen wir: “Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.”

Das ist die Gnade, die in Christus Jesus heute für Gottes Kinder, die nach Ihm allein verlangen, erschienen ist, und diese Gnade bringt fertig, was dem Leistungsstreben nie gelingen kann. Wir sprechen bereits im menschlichen Leben von einem “begnadeten” Künstler. Der bringt fertig, was ein anderer bei größtem Fleiß und Einsatz seines letzten Könnens nicht zustande bringt. Ein Mozart konnte Musikstücke komponieren, die einem gewöhnlichen Menschen nie gelingen würden, selbst wenn er die Harmonielehre bis ins letzte hinein studiert hätte. Das ist im menschlichen Bereich schon so, und im Glaubensleben ist es ebenso. Nicht die Starken haben Gnade zu erwarten, sondern die schwach sind wie ein Timotheus. Laßt uns im Gebet für alle Verkündiger eintreten, daß ihnen, wenn sie ihre Schwachheit fühlen, immer wieder die Gnade dargereicht wird. Uns aber möge die Gnade begleiten hinein in unseren Alltag. Wir haben sie so nötig. “So erstarke nun, mein Kind, durch die Gnade Christi Jesu!”

(Gebetsandacht auf der LaHö 1988))