Seid gehorsame Kinder! (1. Petr. 1,14)

Von Otto Voßeler

Kind sein und gehorsam sein gehören existentiell zusammen. Mit dem Kindsein wird man zugleich auf Gehorsam festgelegt. Wer diesen exi­stentiellen Zusammenhang zerstört, begeht ein Verbrechen am Kinde. Kinder können nur als gehorsame Kinder froh und frei werden, und ungehorsame Kinder mögen sich meist selber nicht. Sie werden immer mürrischer, unfroher, verdrossener und untüchtiger zum Guten. Ein Ju­gendpsychologe schrieb von jungen Menschen unserer Tage, sie seien gekennzeichnet durch eine Art “mürrischer Melancholie” – Schwermut mit Verdrossenheit gepaart. Alle Ansprüche, die sich im Zusammenleben mit anderen naturgemäß ergeben, erscheinen als ungerechtfertigte For­derung, die nicht angenommen werden will, sondern mit wachsender Reizbarkeit abgelehnt wird. Diesen jungen Menschen sollte durch Zer­störung des Gehorsams Freiheit geschenkt werden – sie wurden nur in neue Zwangslagen geführt, die ihnen nicht mehr erlauben, in Freiheit auch einmal eine Forderung zu erfüllen. Das ständig wachsende Heer der Erziehungsberater und der Jugendpsychologen ist nicht mehr in der Lage, hier ausgleichend zu wirken. Es ist heute schon durch Beobachtungen und Analyse der ersten Er­gebnisse erhärtet, daß die sogenannte “antiautoritäre Erziehung” in eine Sackgasse führt. Der Ausdruck ist bereits in sich ein Widerspruch: wo erzogen werden soll, bedarf es der Autorität, und wo keine Autorität mehr vorhanden ist, bricht jede Erziehung zusammen. Es entsteht Wildwuchs, Krüppelwuchs, menschliche Verkümmerung. Mir wurde ein Fall bekannt, wo eine Erzieherin mit Erlaubnis ihrer vorgesetzten Behörde versuchsweise mit siebenjährigen Kindern “autoritätsfrei” (also noch nicht einmal “antiautoritär”) arbeiten durfte. Theoretisch war die Arbeit gut und einleuchtend begründet – in der Praxis ergab sich trotz red­licher Mühe ein Fiasko. Nach einem Jahr mußte die Arbeit abgebrochen wer4en. Nichts stimmte mehr, weder unterrichtlich noch erziehlich. Die Nachfolgerin, eine begnadete Erzieherin, sollte ausgleichen; sie mußte feststellen, daß bei den meisten Kindern nicht mehr gutzumachende Schä­den (“irreparable Schäden”, sagte sie) vorhanden waren. Das ist schlimm!

Gesunde Kinder wollen gehorsam sein, ebenso wie gesunde Gläubige Gott gehorsam sein wollen. Wie können Kinder froh sein über e i n e Gehorsamstat, namentlich wenn sie merken, wie sehr sich die Eltern über diese eine Tat freuen! Eine bekannte Theologin schrieb vor einigen Jah­ren ein Buch mit dem Titel “Phantasie und Gehorsam”. Darin werden diese beiden Fakten als gegenseitig sich ausschließend hingestellt: wer Phantasie besitzt, kann auf den Gehorsam verzichten. Darum, so meint diese Theologin, sei Jesus nicht gehorsam gewesen, doch hätte ihn die Kraft der Phantasie veranlaßt, immer das Richtige zu tun. Die Widmung dieses Buches lautet: “Meinen drei Kindern, die selten gehorchen”. Das sollte wohl ein Lob sein, ist aber in der Tat eine Abwertung – o, wie schade! Ich mußte mir denken: Ob diese Frau nicht auch einmal froh wäre, beim Nachhausekommen, statt der Unordnung, wie sie bei unge­horsamen Kindern üblich ist, eine aufgeräumte Wohnung und einen freundlich gedeckten Tisch vorzufinden, und Kinder, die vor Freude strahlen über die Freude der Mutter? Man muß einmal gesehen haben, wie die Zimmer von Kindern aussehen, die selten gehorchen!

Mir wurde von einer Lehrerin erzählt, die auch versuchte, alles auf die Phantasie und den guten Willen der Kinder abzustellen. Nach einiger Zeit fragten die Kinder: “Fräulein, müssen wir heute wieder tun, was wir wollen – oder dürfen wir nicht auch einmal tun, was wir sollen?” Diese höchst vernünftige Frage zeigt, daß es das natürliche Verlangen ge­sunder Kinder ist, ihre Lebenskraft nicht nutzlos zu verpuffen, sondern gelenkt sinnvoll einzusetzen. Eine zweckvolle Betätigung der Lebens­kraft ist nur dort möglich, wo eine Einengung auf eine Gehorsamstat erfolgte. Gewiß kann man das Wasser eines Baches breitflächig in vielen Rinnsalen verströmen lassen; man kann es aber auch konzentriert einer Mühle zuleiten, wo dann aus Korn Nahrung für viele entsteht. Nur wo Lebenskraft durch den Gehorsam zusammengefasst und geleitet wird, er­gibt sich Lebensmehrung und Lebensförderung. Gehorsamstaten bringen voran, stärken das Leben, machen froh und gewähren wahre Freiheit – und dazu können sich auch Kinder sehr wohl gegenseitig ermutigen.

“Seid gehorsame Kinder!” – so ermuntert der Apostel in 1. Petr. 1, 14 die Gläubigen; denn der Gehorsam ist ihre Lebensform. Der Gehorsam war auch die Lebensform unseres Heilands. Seine Speise war es, den Wil­len des Vaters zu tun (Joh. 45 34). Er war gehorsam und blieb gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz. Diese Gesinnung wird uns als Vorbild hingestellt (Phil. 2, 5). In dieser Lebensform konnte sich Jesus als Mensch voll entwickeln, und nur in der Lebensform des Gehorsams können auch Kinder Gottes zur vollen Entfaltung kommen.

Nie schafft der Wildwuchs die schönen Früchte – auch draußen in der Natur nicht. Sie reifen nur dort, wo sorgliche Hände Pflanzen aufbinden und wilde Schößlinge beseitigen. In Südtirol beobachtete ich einmal, wie in einem Weinberg ein Winzer von Rebstöcken alle Schößlinge bis auf einen Haupttrieb wegschnitt. Das tat den Pflanzen sichtlich wehe – den Schnittstellen entquollen tränenartige Safttropfen. “Bevor der Wein blüht und fruchtet, muß er weinen”, sagt man dortzulande. Doch das ist der einzige Weg zum Fruchttragen, und wer hätte nicht schon im Herbst in den Meraner Weinbergen die übervollen, saftigen Weintrauben be­wundert, eine Labsal für Gesunde und für Kranke! Auf dem Weg des sorglich gelenkten Lebens gibt’s köstliche Frucht. Wir brauchen auch im Glaubensleben Lenkung – wir können nur in der Lebensform des Ge­horsams gedeihen und vorankommen.

(Auszug aus der sehr empfehlenswerten Vortragskassette 1046 “Wandel als gehorsame Kinder” (1. Petr. 1, 13-19) von Otto Voßeler, Oberschulrat i. R., München. Vom Autor wurde dieser Textauszug für den Druck überarbeitet.)

Nur wen des Vaters Gnadenarm
Umschlungen hat und hält,
Dem wird es im Herzen wohl und warm,
Er hat, was Gott gefällt.
Er singt der Sohnschaft Siegeslied
Und ruht an Jesu Brust;
Und was die Welt verlacht und flieht,
Wird ihm zur höchsten Lust.                                                          A. H.