Letzte werden Erste sein (Matth. 20,16)

„Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Denn viele sind berufen, aber wenige auserwählt.“

‭‭Matthäus‬ ‭20:16‬ ‭SCH51‬‬

»So spricht der Herr, der König Israels und sein Erlöser, der Herr der Heerscharen: Ich bin der Erste und bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott.«

Jes. 44,6

 »Ich, der Herr, bin der Erste, und bei den Letzten bin ich derselbe.«  

Jes. 41,4

Autor: Gerhard Herbst, Berlin. Artikel aus GuH

Diese wenigen Schriftzeugnisse offenbaren uns wunderbare heilsge- schichtliche Zusammenhänge. Es sind Worte, die Jahweh spricht, der Herr, der König Israels, der Erlöser, der Herr der Heerscharen, der kein anderer ist als Christus, der Herr und das Haupt der Gemeinde. Dieser Herr der Weltgeschichte und der Heilsgeschichte stellt sich als der vor, der der Erste und der Letzte ist, der am Ende noch derselbe ist, der Er am Anfang war und der damit unter Beweis stellt, dass Er die ganze Menschheitsgeschichte – von Adam bis zu dem Zeitpunkt, da Himmel und Erde vergehen (Matth. 24,35) – fest in Seiner Hand hält. Hiob konnte in Vollgewissheit sagen (Hiob 19,25): »Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird Er auf der Erde stehen.« 

Dieser Herr, dieser Kyrios, ist der Sohn Gottes, den der Vater vor al- len Zeitaltern durch Sein Zeugungswort »Du bist mein Sohn, heute ha- be ich dich gezeugt« zum Erstgeborenen aller Schöpfung gemacht hat (Ps. 2,7; Kol. 1,15; Hebr. 1,5.6). Als solcher ist der Sohn auch der Schöpfer aller Dinge in den Himmeln und auf der Erde, der sichtbaren und der unsichtbaren, es seien Throne, Herrschaften, Fürstentümer oder Gewalten. Alle Dinge sind durch Ihn und für Ihn  geschaffen, und das ganze All besteht zusammen durch Ihn. Zur Durchführung Seiner allumfassenden Aufgaben hat Ihm der Vater »alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben« (Matth. 28,18). Diese Gewalt ge- braucht der Sohn nicht für sich. Vielmehr hat Er Seinen Willen voll und ganz dem Willen des Vaters untergeordnet (Hebr. 10,9). Dass die Ziele des Vaters mit der Schöpfung bis zum letzten i-Tüpfelchen erreicht werden, dafür bürgt der Sohn, der nicht nur der Erste, der Anfang, son- dern auch der Letzte, das Ziel, ist und der sich bis zum Ende nicht ver- ändert, sondern derselbe bleibt (Jes. 41,4). 

Zur Durchführung Seiner Ziele und Pläne auf dieser Erde braucht der Sohn Geschöpfe als Werkzeuge, die bereit sind, Seinen Willen zu tun. Naturgemäß ist die Masse der Menschen dazu nicht bereit. Darum hat sich Christus vor Grundlegung der Welt eine Auswahl aus den Natio- nen herausgerufen (Eph. 1,4–10), die Seine Heilsabsichten auf dieser Erde vorbereitet. 

Der Heilsplan Gottes mit den Menschen ist von drei grundlegen- den Kriterien geprägt: 

1. Gott rettet nicht alle Menschen auf einmal, sondern in bestimmten Ordnungen nacheinander (1. Kor. 15,22-28). 

2. Gott rettet zunächst eine Auswahl, dann die Masse. 

3. Zu den Auserwählten Gottes gehören nicht die Weisen, Mächtigen und Edlen dieser Welt, sondern das Törichte, Schwache, Unedle und Verachtete, das, was nichts (eine Null) ist (1. Kor. 1,26–28). 

Er, der der Erste und der Letzte ist, erwählt sich aus den Letzten die- ser Erde – allein aus Gnade – eine Schar, die Er zu den Ersten in Sei- nem Reich machen will. »Er hat uns mit dem Christus lebendig ge- macht … und mit sitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christus Jesus, auf dass Er in den kommenden Zeitaltern den überschwänglichen Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen uns erwiese in Christus Jesus« (Eph. 2,5–7). Andererseits stürzt Gott auch Mächtige – die in ihren Augen Erste sind – vom Thron und macht sie zu Letzten. So be- wahrheitet sich Jesu Wort in Matth. 19,30: »Viele Erste werden Letzte und Letzte Erste sein.«  

Auch im großen zeitlichen Ablauf der Heilsgeschichte verfährt Gott nach dem Prinzip »Erste werden Letzte sein«. Jeder der drei Heilskör- perschaften (1. Nationen, 2. Israel, 3. Gemeinde) hat Er im Ablauf der etwa 6000-jährigen Menschheitsgeschichte – dem Tag des Menschen – 2000 Jahre zur Verfügung gestellt, in denen der Mensch zeigen konn- te, wie er mit dem Schöpfungsauftrag umgegangen ist, die Erde zu füllen und sie sich untertan zu machen. Auch Israels Thora-Weise teilen den »Tag des Menschen« in dreimal 2000 Jahre ein: Die Zeit von Adam bis Abraham (0 bis 2000) nennen sie die »Tohu-Zeit«, die gesetzlose Ur-Periode; die Zeit von Abraham bis zur Zerstörung des Tempels (2000 v. Chr. bis 70 n. Chr.) die Thora-Zeit (die Zeit des Gesetzes); die Zeit von 70 n. Chr. bis heute die messianische Zeit; als Christen wür- den wir sie die Zeit der Gemeinde nennen. Dem 6000-jährigen Tag des Menschen folgt das 7. Jahrtausend als Sabbat-Jahr, als Jahrtausend der Ruhe für Israel und des Friedens für alle Völker. 

Die Zeitpunkte des Übergangs von einer Periode zur anderen hat Gott durch persönliches Handeln markiert: Am Ende der 2000-jährigen ge- setzlosen Zeit berief Gott Abraham zum Stammvater des jüdischen Volkes und erwählte sich Israel zum Eigentumsvolk, das Er von den übrigen Nationen absonderte, dem Er das Land Israel zum ewigen Be- sitz und – später durch Mose – das Gesetz vom Sinai als Richtschnur gab. 

Das Ende des 2000-jährigen Zeitalters des Gesetzes markierte Gott mit der Hingabe Seines Sohnes am Kreuz von Golgatha. Damit schuf Er gleichzeitig die Grundlage zur Erlösung einer ganzen Menschheit, nicht nur der Menschen, die nach Golgatha geboren wurden, sondern auch derer, die seit Adam über diese Erde gegangen waren, ohne etwas von der Frohen Botschaft gehört zu haben. Weil dieses Ereignis von so ausschlaggebender heilsgeschichtlicher Bedeutung war, hat Gott schon vor Grundlegung der Welt Seinen Sohn zum Opferlamm bestimmt (1. Petr. 1,18–20). Die Fleischwerdung des Sohnes fand genau zu dem Zeitpunkt statt, den der Vater bei sich selbst festgesetzt hatte. Darum schreibt Paulus in Gal. 4,4: »Als aber die Fülle der Zeit (griech. das pläroma des chronos) gekommen war, sandte Gott Seinen Sohn, geboren aus einer Frau.« Damit erfüllte sich auch die Verheißung des Schlangentreters in 1. Mose 3,15. 

Während das Zeitalter des Gesetzes durch die Geburt und den Opfertod Jesu abgeschlossen wurde, endet das Zeitalter der Gemeinde mit der Wiederkunft Christi. Auch diesen Zeitpunkt hat der Vater bei sich selbst festgesetzt. Als die Jünger den Herrn kurz vor Seiner Himmel- fahrt nach dem Zeitpunkt fragten, erwidert Er ihnen (Apg. 1,6): »Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in Seine eigene Gewalt gesetzt hat.« Dieser Zeitpunkt ist von ganz besonderer Bedeutung, weil die Heilsgeschichte dann von der Gemeinde auf Israel übergeht. In Röm. 11,25.26 hat Paulus das Geheimnis bekannt gemacht, dass Verstockung Israel zum Teil widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird, und so wird ganz Israel gerettet werden. Es wird aus Zion der Erretter (Erlöser) kommen, und Er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden. – Die Ablösung der Gemeinde mit himmlischer Berufung durch Israel mit irdischer Be- rufung macht eine zweifache Wiederkunft Christi erforderlich. Zu- nächst kommt Christus als Herr und Haupt der Gemeinde am Tage der Entrückung – für die Welt unsichtbar – bis in den Lufthimmel, um Seine Glieder in einem Herrlichkeitsleib sich Ihm entgegenzurücken (1. Thess. 4,13–17; Phil. 3,20.21). Danach beginnt für Israel auf der Er- de die Drangsalszeit der 70. Daniel’schen Jahrwoche (Dan. 9,24.27). Erst wenn Israel diese durchlebt und durchlitten hat, wird für das ganze auserwählte Volk der Erlöser aus Zion kommen (Röm. 11,26; Jes. 59,20). Wenn Er Seine Füße auf den Ölberg setzen wird, werden Ihn alle Geschlechter Israels sehen, auch die, die Ihn durchbohrt haben, und sie werden bitterlich über Ihn wehklagen (Sach. 12,10; Offb. 1,7). »Kann ein Land an einem Tage zur Welt gebracht oder eine Nation mit einem Male geboren werden?« Über dieses Wunder der Wiedergeburt des ganzen Volkes staunte schon der Prophet Jesaja (Jes. 66,8). 

Die Gemeinde wartet nicht – entgegen dem, was allgemein verkündet und auch im Liedgut ausgedrückt wird – auf die sichtbare Wieder- kunft Jesu, sondern auf den Tag der Entrückung und der Verwandlung ihrer Leiber. Die letzte der drei Heilskörperschaften wird als Erste in die Vollendung eingehen, bald danach wird ganz Israel errettet, und schließlich wird das erlöste Israel im Tausendjahrreich alle Nationen zu Jüngern machen (Matth. 28,19.20). So werden auch heilsge- schichtlich Letzte Erste und Erste Letzte sein. Richten wir unsere Blicke auf unsern bald wiederkommenden Herrn!