Judas Iskariot und die Liebe Gottes (Lukas 15,32)

 „Es geziemte sich aber fröhlich zu sein und sich zu freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden und verloren und ist gefunden worden.“

Lukas 15, 32

Autor: Arthur Muhl, auszugsweise aus seiner gleichnamigen Schrift

 PDF: https://data.kahal.de/pdf/034-AM-JLG.pdf

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„Judas” ist die griechische Form für die hebräische Schreibweise des Namens „Juda”. Sowohl der Stammvater Juda im Alten Bund als auch dieser Jünger Jesu, als ein Sohn seines Ahnen, tragen, neutestamentlich gesehen, den Na-men „Judas” und machten ihrem wunderbaren Namen Schande statt Ehre. Denn ihr gemeinsamer Name bedeutet: „Lobpreis”! Und doch werden wir sehen, dass die Untreue dieser beiden die Treue Gottes nicht aufhebt. Auch dem Judas hat Jesus die Füße gewaschen, und auch Judas gehört zu den Seinen, die Er liebte bis ans Ende, und zwar obwohl der Satan es dem Judas schon ins Herz gegeben hatte, Ihn zu verraten. Wie muss es mit feurigen Kohlen in Judas gebrannt haben, während Jesus ihm die Füße wusch und er den Verrat schon im Herzen trug. Diese ihm erwiesene Güte des Herrn macht natürlich seine üble Handlungsweise noch verwerflicher. Noch ergreifendere Zeugnisse von Jesu Herzensstellung zu Judas enthüllt uns der Geist Gottes in Ps. 55, in dessen ersten Versen die Seelenkämpfe Jesu in Gethsemane eindrücklich geschildert werden. Dann – von Vers 12 an – richtet sich die Klage wieder auf die eine Person (von der es schon hieß (Ps. 41, 6): „Und wenn einer kommt, um mich zu sehen, so redet er Falschheit, sein Herz sammelt sich Unheil —“), auf Judas nämlich: „Denn nicht ein Feind ist es, der mich höhnt, sonst würde ich es ertragen.” Von Jesus aus gesehen, ist Judas auch an dieser Stelle nicht Sein Feind, sondern Sein Freund, Sein Kamerad, Sein Vertrauter. Dass gerade dieser gegen Ihn auftritt und Ihn höhnt, ist dermaßen grausam für Jesus, dass dies sogar für Ihn unerträglich ist. Solange Seine Gegner Ihn höhnten, ertrug Er es. „Der Hohn hat mein Herz gebrochen” lesen wir in Ps. 69, 20. Und nochmals legt der Geist Gottes den Nachdruck auf die Schwere dieses bit-teren Erlebens: „Nicht mein Hasser ist es, der wider mich grossgetan hat, sonst würde ich mich vor ihm verbergen” (Ps. 55, 12). Welch grelles Licht fällt hier auf beide, auf Jesus, dessen Treue unverbrüchlich bleibt, und auf Judas, der in Sil-berliebe verblendet seinen wunderbarsten Freund verrät. Die Worte »Sonst würde ich mich vor ihm verbergen” entsprechen den zuerst geklagten Worten „Sonst würde ich es ertragen”. Tritt da nicht ganz deutlich das sonderbare Verhalten Jesu vor unsere Augen: Soundso oft lesen wir von Ihm, dass Er sich denen, die Ihn greifen wollten, ent-zog und sich vor ihnen verbarg … warum? Es waren wirklich Seine Hasser. Zu der Stunde aber, in welcher dieser eine zum Anführer und Wegweiser derer ge-worden war, die Ihn greifen wollten, entzog und verbarg Er sich zum ersten Male nicht vor Seinen Häschern. * Vielleicht die härteste Rede in bezug auf Judas lesen wir in Joh. 17, 12: „Und keiner von ihnen ist verloren, als nur der Sohn des Verlorenseins”.

Was ist zu sagen von diesem Sohn des Verlorenseins? Mancherlei von der Güte dessen, vor dem kein Ding unmöglich ist, gerade dann, wenn es gilt, Verlorenes zu suchen, bis Er es findet und bereit ist, das größte Fest zu feiern, wenn der verlorene Sohn wiedergefunden und der Tote wieder lebendig gemacht wurde. Nach Johannes 13, l gehörte auch Judas zu den „Seinigen”, die in der Welt wa-ren und die Er liebte bis ans Ende. Dies dürfte zu denken geben. Wie ist denn die Einstellung des Heiligen Geistes dazu, wenn ein Feind ins Ver-derben gestürzt wird? „Freue dich nicht über den Fall deines Feindes, und dein Herz frohlocke nicht über seinen Sturz: damit nicht Jehova es sehe und es böse sei in Seinen Augen” (Spr. 24, 17 und 18), sondern vielmehr: „Menschen-sohn, stimme ein Klagelied an” (Hes. 28, 11; 2. Sam. l, 17-27); denn auch alle Feinde sind Geliebte. Und: „Wenn dein Hasser hungert, so speise ihn mit Brot, und wenn ihn dürstet, so tränke ihn mit Wasser; denn glühende Kohlen (als Entsündigungsmittel) wirst du auf sein Haupt häufen, und Jehova wird dir vergelten” (Spr. 25, 21 und 22; Rom. 12, 20). 

Wir kommen uns sehr fromm vor, wenn wir beten: „Herr, segne, was sich segnen lässt” und vergessen dabei, dass Jesus sagt: „Segnet, die euch fluchen”. Und wenn wir dieses wissen und tun, so vergessen wir, dass, wenn wir die Flu-cher segnen, diese auch wirklich gesegnet sind auf göttliche Art. Darüber hinaus wird uns vom Herrn selbst noch vergolten, und nicht zuletzt dadurch, dass Er unsere Hasser mit uns in Frieden sein lässt (Spr. 16, 7). Eine nicht geringe Bestätigung für die Hoffnung, die sogar für diesen einen, der verloren ist, besteht, findet sich in der Tatsache, dass Jesus in den drei Gleichnissen von einem verlorenen Schaf, von einem verlorenen Groschen und von einem verlorenen Sohn genau das gleiche Wort für „verloren” gebraucht wie hier, wo bezeugt wird, dass nur der eine verloren sei: Judas! Auch er wird gesucht werden, bis er gefunden ist; auch auf ihn wartet der Vater und sieht ihn mit erhobenen Augen von fern wieder nach Hause kommen. Hoffentlich muss der Herr dann nicht auch zu uns sagen: „Es geziemte sich aber, fröhlich zu sein und sich zu freuen —!” 

An seiner Einstellung zum verlorenen Bruder konnte der bis jetzt tadellose Sohn seine verborgene Verkehrtheit und Verwerflichkeit erkennen und musste vor der unbegreiflichen Barmherzigkeit und Güte seines Vaters verstummen. 

Es ist gut, wenn wir uns grundsätzlich merken, dass alles, was in der Schrift als „verloren” bezeichnet wird, die suchende und wartende Liebe Gottes über sich hat, und zwar so sehr, dass für die Geretteten und Gerechten große Gefahr zu einer Eifersucht besteht, die nicht das Wohlgefallen Gottes findet. * 

Wir kehren zurück zur Beobachtung der Ereignisse, wie sie sich vom Verrat in Gethsemane an weiter abwickelten, Wir lesen deshalb: Als Judas, der Ihn überliefert hatte, sah, dass Er verurteilt wurde, gereute es ihn, und er brachte die 30 Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sagte: „Ich habe gesündigt, indem ich schuldloses Blut überliefert habe”. Sie aber sagten: „Was geht es uns an? Siehe du zu”. Und er warf die Silberlinge in den Tempel und machte sich davon und ging hin und erhängte sich (Matth. 27, 3). Hier tritt nun im Leben des Judas eine meist unbeachtete, aber tiefgehende erste Wendung zum Guten in Sicht, und dies in drei- oder vierfacher Weise: 

1. Da gereute es ihn. 

2. Er brachte zurück. 

3. Er bekannte: „Ich habe gesündigt, indem ich unschuldig Blut über-liefert habe”. 

4. Er erhängte sich. Da gereute es ihn! Warum? Weil er sah, dass Jesus verurteilt wurde! Das hat er demnach nicht gedacht und nicht gewollt. 

Seine Schlussfolgerung scheint eher die gewesen zu sein: Wenn ich die 30 Silberlinge bekomme, so habe ich, was ich will; die Hohenpriester sollen dann selbst sehen, wie sie Ihn greifen -es wird ihnen, wie bisher immer, unmöglich sein. Liegt nicht in der Reue des Judas ein Muster göttlicher Betrübnis vor? „Ich habe gesündigt, indem ich unschuldig Blut überliefert”: ein klares Sündenbekenntnis gegen sich selbst; ein klares Bekenntnis für Jesu Unschuld! Ob hier nicht auch Gottes Wort gelten muss; „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass Er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.” Und ist es nicht sonderbar, oder besser wunderbar, dass der erste Zeuge im Neuen Testament für Jesu unschuldig Blut gerade Judas ist? 

Und als zweiten Zeugen hierfür hat Gott den Heiden Pilatus gewählt, welcher spricht: „Ich bin unschuldig am Blute dieses Gerechten; ich finde keine Schuld an Ihm”. Er brachte die 30 Silberlinge zurück. Judas bekennt und bereut nicht nur seine Sünde, sondern er lässt sie auch, macht wieder gut, soviel er kann. Und ging hin und erhängte sich. „Jetzt fügt er zu den anderen Übeltaten noch Selbstmord hinzu”, denken oder sagen wir beim Lesen dieses Berichtes und vergessen dabei, dass Gott das Herz ansieht und nicht das Sichtbare. Was wollen wir antworten, die wir den Selbstmord des Judas als solchen noch dick zu unterstreichen bemüht sind, wenn die göttliche Beurteilung z. B. lauten würde: Er hat sich gehängt, ja, es war die letzte Konsequenz vom Unwillen und Ekel gegen sich selbst, von einer völligen Selbstaufgabe; mit einem Wort: Er hat sich selbst gerichtet! Nicht nur in seinen Gedanken, sondern auch buchstäblich. Wer sich aber selbst verurteilt und richtet, kommt nicht ins Gericht. Und nun tritt vor unser inneres Auge ein Schauspiel, das uns zur Anbetung zwingt, um so mehr, als dessen Tatsachen kaum je beachtet wurden. Jesus wusste gewiss um das Ende Seines verlorenen Sohnes, den Er aber auch unvermindert liebte bis ans Ende. Im Geiste sieht Er den Verlorenen hilflos an einem Fluchholz hängen – und was geschieht? Jesus lässt Sich selbst auch ans Fluchholz hängen und wird so selbst dem Verfluchten und Gehängten ein Verfluchter und Gehängter. Zur gleichen Zeit hängen nun diese beiden Freunde aus dem Stamme Juda, von allen geschmäht, jeder am Fluchholz. 

Es geziemt uns zu fragen: Gibt es denn nicht auch Gnade für Judas, den Verfluchtesten unter allen Menschen? Gott sei innig Dank! Es gibt auch für den Barmherzigkeit, dem ein mehrfach unbarmherziges Gericht zuteil wurde. Denn Gott hat alle unter den Ungehorsam eingeschlossen, auf dass Er sich aller erbarme, auch des Judas. Und zwar haben die Juden dem Messias nicht geglaubt, auf dass die Barmherzigkeit den verfluchten Heiden zuteil werden könne, und an die nun erfolgte Begnadigung der Heiden glauben sie nicht, auf dass auch sie selbst, die Juden, unter die Begnadigung kommen. (Römer 11,30-31).

Die einfache und wunderbare Lösung dieses Problems und die Beantwortung der vorhin gestellten Frage liegt in der göttlichen Tatsache, dass Christus allen Fluch, der gegen Seine Geschöpfe ausgesprochen wurde, auf Sich nahm und so für uns und sie zum Fluch und zur Sünde geworden ist. Damit hat Jesus auch allen Fluch von Ps. 109 auf sich genommen in anbetungswürdigster Weise. Aber auch in Ps. 109 selbst gab uns der Heilige Geist ein kostbares Schlüsselwort in die Hände. Es sind die Verse 27 und besonders 28: (Gal. 3,13; Kor. 5,20).

„Damit sie wissen, dass dies Deine Hand ist,

dass Du, Jehova, es getan hast.“

Lassen wir uns hier an das gewaltige Wort des

Petrus und Johannes in Apg. 4, ebenfalls die Verse 27 und besonders 28 erinnern:“ ́

„Denn in dieser Stadt versammelten sich in Wahrheit wider Deinen Heiligen Knecht Jesus, den Du gesalbt hast, sowohl Herodes als Pontius Pilatus mit den Nationen und den Völkern Israels, alles zu tun, was Deine Hand und Dein Ratschluss zuvor bestimmt hat, dass es geschehen sollte“.

So verstehen wir, dass wohl Gott die Gerichte über Judas ratschlußmäßig bewilligte und festlegen ließ; dass aber der Antrag zu diesen Gerichten ebenso wenig aus dem Herzen Gottes kam, wie der Neid, der hass und die Mordgier der am Tode Christi Beteiligten. Auch hier gilt: „Nicht von Herzen plagt Er die Menschenkinder“.

Den Ps. 109, 28 enthüllt uns die göttliche Stellung zu dem allem:

„Mögen sie fluchen, Du aber segne!

Das bittet der Sohn den Vater und das gilt auch für uns.

Hier tritt die Gesinnung Christi und des Vaters zutage, die auch dann nur segnet, wenn alle anderen fluchen.

Die Ausübung aller von Gott über Judas bewilligten Flüche und Gerichte überlässt Er denen, die in Unkenntnis ihrer eigenen Verdorbenheit meinen, Gott einen Dienst zu tun, wenn sie aufs grausamste über Judas herfahren, es seien Engel oder Menschen.

Aus alldem geht hervor, dass Christus gerade den Mann Seines Friedens als Zielscheibe für alle hingestellt hat, die Er trotz all ihrer Frömmigkeit als „Schalksknechte“ und „harten Herzens“ überführen muss. Denn jeder Mensch, der da richtet, ist nicht zu entschuldigen, sondern verdammt sich selbst, da er dasselbe tut (Römer 2,1).

Mit diesem wunderbaren Wort in Ps. 109, 28, distanzieren sich der Sohn und der Vater von denen, die dem Judas fluchen und ihn erbarmungslos verdammen. Ja, vielmehr nahm Er die Sünde Seines Freundes und dessen ganzen Fluch mit allen damit verbundenen Schmähungen von seiten der Geschöpfe auf sich indem Er auch diesem Gehängten ein Gehängter wurde.

Dadurch hat Gott in Christo dessen Fluch sogar in den Segen der Welterlösung verwandelt, und so geziemt es uns, auch hier anbetend dem zu vertrauen, der den Gesetzlosen rechtfertigt und nach dem letzten Vers von Ps. 109 zur Rechten auch dieses Armen stehen wird, um ihn zu retten von denen, die seine Seele richten.