Ihm leben sie alle (Lukas 20, 38)

„Er ist aber nicht Gott der Toten, sondern der Lebendigen; denn ihm leben alle.“

Lukas‬ ‭20:38‬ ‭SCH51‬‬

Autor: Karl Merz – gleichnamiger Artikel aus GuH

Die Toten leben weiter  – Vier Betrachtungen von Karl Merz (1890–1969)  

1. Ihm leben sie alle  

»Dass aber die Toten auferstehen, darauf hat auch Mose bei dem Dornbusch hingewiesen, da er den Herrn heißt ›Gott Abrahams und Gott Isaaks und Gott Jakobs‹. Gott ist aber nicht der Toten, sondern der Lebendigen Gott; denn Ihm leben sie alle« (Luk. 20,37.38).  

Um Kenntnis über das Leben nach dem Tod zu erlangen, fragen wir bewusst nicht das Alte Testament. Zwar wissen wir, dass bei der Behandlung dieser Frage vielfach der Prediger Salomo und dergleichen angeführt wird. Aber wir halten dafür, dass es in der Schrift eine fortlaufende Offenbarung gibt, nicht zuletzt im Blick auf den Gegenstand, mit dem wir uns hier beschäftigen. Wir wenden uns darum an das Neue Testament, weil dieses die letzten Offenbarungen enthält. Da aber erbitten wir unsAuskunft zunächst vom Herrn selber. – In dem obigen Wort sagt Er deutlich und unmissverständlich, dass die Toten (weiter) leben. Er entnimmt diese Tatsache sogar dem Alten Testament, das über unsere Frage mehr sagt, als für gewöhnlich angenommen wird. Man muss es nur recht zu lesen verstehen. Jesus weist auf 2. Mose 3,6 hin, wo es heißt: »Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.« Er war es also nicht nur, solange sie lebten, sondern Er ist es noch, auch nachdem sie gestorben sind. Folglich müs- sen sie (weiter) leben. – Lessing soll gesagt haben, dass Jesus mit dieser Seiner Antwort an die Sadduzäer den größten Beweis Seines Scharfsinns geliefert habe. Nun bedarf unser Herr an sich eines solchen Zeugnisses nicht.Aber wir sind dankbar, dass es Ihm von einem Großen dieser Welt ausgestellt worden ist. – »Ihm leben sie alle.« Dies beweist u. a. Matth. 17,3 (Mose mit Elia auf dem Berg der Verklärung); ferner Joh. 8,56 (»Abraham sah meinen Tag und freute sich«). Nein, keineswegs ist »mit dem Tode alles aus«. Dies wollen wir ernsthaft bedenken.   

2. Das Leben nach dem Tod  

»Darum befleißigen wir uns auch, wir sind daheim oder sind in der Fremde, dass wir Ihm wohlgefallen« (2. Kor. 5,9). 

Paulus hat in 1. Thess. 5,23 (und an manchen anderen Stellen) unseren Blick auf die Wiederkunft des Herrn gerichtet. Die Glieder der ersten Gemeinde haben ihr persönliches Leben in der Erwartung des wiederkommenden Herrn geführt. Das erscheint uns bedeutsam. Leider haben die Gläubigen späterer Zeiten sich mehr auf den Tod eingestellt. Wir wollen dies nicht überhaupt tadeln. Denn es sind inzwischen alle Gläubigen gestorben, ohne die Wieder- kunft des Herrn erlebt zu haben. Da lag es nahe, den Herrn um ein seliges Ende zu bitten. Die obige Stelle ist uns ein Beweis dafür, dass es ein Leben nach dem Tod überhaupt gibt. Paulus spricht im Zusammenhang von einem Entkleidet- und von einem Überkleidetwerden (2. Kor. 5,2–4). Unter dem Ersteren versteht er, dass unsere Seele (oder unser Geist) ihr Kleid, also den Leib, ausziehen muss, anders ausgedrückt, dass ein Mensch stirbt. Mit dem Letzteren meint er, dass die Gläubigen die Wiederkunft des Herrn erleben und ihre an sich sterblichen Leiber verwandelt werden. In beiden Fällen liegt ihm daran, dem Herrn wohlzugefallen. Es gibt also ein (sofortiges) Weiterleben nach dem Tod. Dies entspricht übrigens durchaus dem Wesen und dem Wirken Gottes. Bei Ihm gibt es keinen Stillstand, sondern eine Weiterentwicklung.   

3. Ohne Kleid  

»Da es das 5. Siegel auftat, sah ich unter dem Altar die Seelen derer, die er- würgt waren um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses willen, das sie hat- ten. Und sie schrien mit großer Stimme …« (Offb. 6,9.10).  

Wir werden hier in die Zeit der Siegelgerichte versetzt, d. h. in die Zeit der letzten großen Drangsal. Johannes schaut »Seelen«, die um Jesu willen getö- tet worden sind. Offenbar handelt es sich dabei um die Märtyrer, die unter der Herrschaft des »Tieres« (Offb. 13) ihr Leben lassen mussten. Unter »Seelen« verstehen wir hier körperlose Menschen. Ihnen ist widerfahren, was ihr Herr sagte: »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber die Seele nicht mögen töten« (Matth. 10,28). Wir hören sie um Rache schreien. Das will uns nicht recht gefallen. Aber gerade damit wird uns ein weiterer Beitrag zu der Frage des Lebens nach dem Tode geliefert. Der Tod verändert einen Men- schen nicht; er macht nur offenbar, was da ist. Dies gilt ganz allgemein. Jene Märtyrer haben Schweres und Schwerstes durchzumachen gehabt. Vielleicht waren sie nicht lange vorher zum Glauben an Christus gekommen. Der Geist Gottes hatte noch nicht so viel Raum und Macht in ihnen gewonnen, dass sie ihren Mördern hätten ohne Weiteres verzeihen können. Sie mögen sich noch dazu als bloße »Seelen« nackt vorgekommen sein (2. Kor. 5,3). Darum wird ihnen ein Kleid (eine Hülle) gereicht, und sie werden gebeten zu warten, bis auch ihre Brüder vollends dazugekommen seien. Dann werde Gott schon Gericht halten. – Ohne den Glauben an eine Ausauferstehung nach Phil. 3,10.11, die ja eine Einzelauferstehung ist, preisgeben zu müssen, scheint es nach obi- gem Wort, als ob die Auferstehung in Gruppen stattfindet. Deutlich wurde das, als nach der Auferstehung des Herrn jene vielen Leiber der Heiligen ihre Gräber verließen (Matth. 27,52.53). Deutlich wird es auch werden, wenn nach Oetinger das »Gros« der Leibesglieder bei der Wiederkunft des Herrn entrückt wird (1. Thess. 4,13–18).   

4. Bei Christus  

»Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn … Ich habe Lust, ab- zuscheiden und bei Christus zu sein« (Phil. 1,21.23).  

Der Vater von Adolf Schlatter lag auf dem Sterbebett. Die Umstehenden suchten ihn im Blick auf den Gang durch das dunkle Tal zu stärken und zu ermuntern. Sie taten es, indem sie auf die Stadt mit den Perlentoren und den goldenen Gassen hinwiesen, wo er nun bald weilen dürfe. Aber der Sterbende wehrte ab. Ihn verlange nicht nach solchem »Plunder«, sagte er. Er freue sich viel mehr darauf, bald am Halse seines Heilandes hängen zu dürfen. – Vielleicht würden wir von der zukünftigen Herrlichkeit nicht als von »Plunder« gesprochen haben. Was uns aber an jenem Manne gefällt, das ist das Verlan- gen nach Jesus, so wie Gustav Knak es in jenem bekannten Lied ausdrückt: »Lasst mich gehn, dass ich Jesum möge sehn! Meine Seel’ ist voll Verlangen, Ihn auf ewig zu umfangen und vor Seinem Thron zu stehn.« Paulus rechnete mit der Möglichkeit, dass er zum Tode verurteilt werden könnte, also sterben müsste. Er verspürte jedoch keinerlei Angst, vielmehr wurde er von der Lust erfüllt, bei Christus zu sein. Dieser war ihm das Leben, und Sterben konnte ihm nur Gewinn bringen. Gewiss ist es kein Unrecht, sich auf die Herrlichkeit der neuen Welt zu freuen und sich nach dem Wiedersehen mit seinen Lieben zu sehnen. Aber der beste geistliche Stand drückt sich darin aus, dass uns nach Jesus verlangt.