Gottes Friede als der rechte Sorgenbrecher (Phil 4, 6-7)

Otto Vosseler (LaHö, 1978)

6 Seid um nichts besorgt[a], sondern in allem sollen durch Gebet und Flehen mit Danksagung[b] eure Anliegen vor Gott kundwerden[c];   a) Mt 6,25   b) 1Tim 2,1   c) Kol 4,2
7 und der Friede Gottes[a], der allen Verstand[A] übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus[b].   A) o. alles Denken; o. alle Vernunft  a) Joh 16,33; 2Thes 3,16   b) Kol 3,15

Phil 4, 6-7

Dieser Text läßt ein Vierfaches erkennen:

  1. Sorgen sind gefährlich;
  2. Sorge muß richtig erledigt werden;
  3. Gottes Friede ist ein Sorgenbrecher;
  4. Gottes Friede bewahrt Herz und Gedanken.

1. Sorgen sind gefährlich 

Sie sind gefährlicher als Sünde. Denn die Sünde wird leicht als Unrecht erkannt; die Sorgen aber haben immer den Schein der Berechtigung. Man muß doch sorgen, man muß doch Vorsorge treffen – und auf einmal ist das Herz von lauter Sorgen erfüllt und man ist, ohne es zu merken, durch lauter “berechtigte” Dinge von Gott weggekommen. Nicht Gott steht mehr im Mittelpunkt, sondern die Sorgen. Darum sind sie so gefährlich. Sie gleichen einer abgezogenen Handgranate. Man darf sie nur kurze Zeit in der Hand behalten, dann muß sie weggeschleudert werden, sonst gibt es ein schreckliches Unglück. So sagt Petrus: “Werft euere Sorge auf Ihn” (1. Petr. 5, 7). Paulus aber sagt hier: “Laßt es nicht so weit kommen: nehmt sie gar nicht erst in die Hand!”.

Sorgen quälen die Gedanken und belasten das Herz. Sorgen greifen immer den Glauben an und beschädigen ihn. Sorgen rauben die Freude (Phil. 4, 4-5) und verdüstern den Sinn. Sorgen zerstören den Frieden und zermürben das Leben. Freude und Friede aber sind zwei Hauptanliegen des Philipperbriefes.

2. Sorge muß richtig erledigt werden 

Menschen empfehlen zur Erledigung der Sorgen den Rausch. “Trink, trink, Brüderlein trink, laß doch die Sorgen zu Haus”, dieses Studentenlied steht stellvertretend für alle anderen Ratschläge der Menschen, die Sorge zu übertönen. Manche versuchen die Sorge zu vergessen in der Droge; andere in der Geselligkeit, andere in der Musik, die für viele eine Art Narkotikum ist, kurzum: durch alles was das Vergessen fördert. Aber der nörgelnde Stick der Sorge bleibt bei allen falschen Erledigungsversuchen; weder Wein noch Musik sind der rechte Sorgenbrecher.

3. Gottes Friede ist der wahre Sorgenbrecher 

Er stellt sich dort ein, wo man alle Anliegen – große und kleine einmalige und alltägliche, bedeutende und unbedeutende – vor Gott kundtut. In dieser Philipperstelle ist nicht verheißen, daß Gott alles, was kundgetan wurde vor Ihm, auch so, wie wir es wünschen würden, erledigt; aber es ist verheißen: In dem Augenblick, wo du deine Sorgen vor Ihm aussprichst, kommt Sein Friede, Gottes eigener Friede, ins Herz.

Sag´ deine Anliegen, laß sie kundwerden, und Sein Friede wird dein Herz erfüllen! Laß sie kundwerden im Gebet mit Fehlen. Hier ist nicht eine besondere Art, flehentlich zu beten, gemeint; das Wort meint: jede Einzelheit beim Namen nennen. Unser Leben setzt sich ja zusammen aus lauter kleinen Einzelheiten; und wenn diese beim Namen genannt werden, dann kommen sie in den Friedensbezirk Gottes hinein. Dieses Flehen soll geschehen “mit Danksagung”. Jede Danksagung ist ein aufhellender Sonnenstrahl, und jedes namentliche Aussprechen der Sorge eine Erleichterung, jedes Gebet ein Abwälzen von Lasten. Wo Sorgensteine aus Herz und Gedanken herauskommen, strömt Gottes eigener Friede ein.

4. Gottes Friede bewahrt Herz und Gedanken

Das mit “bewahren” oder auch “verwahren” übersetzte Wort meint eigentlich noch viel mehr: so umgeben, daß nichts anderes mehr hineingelangen kann. Gottes Friede möchte uns so umgeben, daß ein hermetischer Abschluß erfolgt. Hermetisch verschließt man Gefäße mit einem wertvollen Inhalt, damit der Inhalt nicht geschädigt wird. So will der Friede Gottes uns umgeben.

Dieses Wort “verwahren” kommt mehrmals im Neuen Testament vor, z.B. in 2. Kor. 11, 32, wo es heißt: “Der Statthalter des Königs Aretas verwahrte die Stadt der Damascener”. Dann kam keiner mehr hinein und keiner heraus, es sei denn vielleicht durch ein Fenster in der Stadtmauer. Oder in 1. Petrus 1, 5: “Ihr werdet in der Kraft Gottes verwahrt durch den Glauben, zur Rettung in der letzten Zeit.”

So will Gott uns umgeben, aber Er knüpft auch eine Bedingung daran: Laß doch dein Sorgen sein! Sag´ Mir´s und probier Mich aus, ob Ich Wort halte und wirklich mit Meinem Friede in dein Herz komme.

Das dürfen wir in einsamen und gemeinsamen Gebet immer wieder ausprobieren. Es ist das Mittel für die Gemeinde, um bewahrt zu bleiben, hermetisch abgeschlossen zu bleiben in dem Frieden Gottes. Amen.