Gnade in zukünftigen Zeitaltern (Epheser 2,7)

„damit er in den kommenden Weltzeiten den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade in Güte an uns erweise in Christus Jesus.“

‭‭Epheser‬ ‭2:7‬ ‭

Autor: Professor E. F. Ströter (1846–1922) 

Wir lesen in Epheser 2,7: »… auf dass Er erzeige in den zukünftigen Zeital- tern den überschwänglichen Reichtum Seiner Gnade durch Güte gegen uns in Christus Jesus.« Was heute noch nur für den Glauben selige Tatsachen und köstliche Rea- litäten sind, aus denen er eine Fülle von sieghafter Kraft zu schöpfen   weiß – der Welt aber bei all ihrem Forschen und Wissen ein verborgenes Ding und törichtes Gerede –, das wird in den noch kommenden Zeitaltern of- fenkundig zum Ausdruck und zur entsprechenden Darstellung gelangen. Wie auch Johannes schreibt: »Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden; wir wissen aber, wenn Er (oder es) erscheinen wird, dass wir Ihm gleich sein werden, denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist« (1. Joh. 3,2). Jetzt ist die wahre Gemein- de der Gläubigen – d. h. derer, die wirklich des Glaubens leben in weltver- leugnender, himmlischer Art, nicht aber eine weltförmige Christenheit – der Welt ein Liedlein, das ihr gar närrisch vorkommt, ein Schauspiel, das ihren Spott, ihre Verachtung, ihr Mitleid oder ihren Hass herausfordert. Darin wird es alsdann eine gewaltige Wendung und Wandlung geben. Es wird dann of- fenbar werden, wer eigentlich die Toren waren und welches die mannigfa- che Weisheit Gottes an der Gemeinde. Das ist aber keineswegs der überwiegende, viel weniger der einzige Ge- danke, den Paulus hier zum Ausdruck bringt. Zunächst wird deutlich ge- sagt, dass auf das jetzige Zeitalter, das der Zubereitung und Ausgestal- tung der Gemeinde, des Leibes Christi, dient, noch andere folgen werden. Daran wird die weit verbreitete Anschauung als Irrtum offenbar, wonach mit diesem Zeitalter überhaupt alle Zeitläufe zu ihrem Abschluss und Ende kommen würden. Es ist schier unglaublich, wie viele unklare Vorstellungen gerade auf diesem Gebiet selbst in entschieden gläubigen Kreisen herr- schen. Als ein Beispiel statt vieler diene eine Redewendung, der man na- mentlich bei Todesfällen sehr häufig begegnet: Der oder die sei »in die Ewig- keit gegangen« oder »aus der Zeit in die Ewigkeit abgerufen worden«. Das ist eine Redeweise, die der Schrift durchaus fremd ist und die verrät, wie wenig Sinn und Verständnis vorhanden ist für die durch alle Offenbarung sich hinziehende biblische Lehre von der geordneten Aufeinanderfolge und der Vollendung der Zeitalter. Man denkt sich das so genannte »Jenseits« (auch ein unbiblischer Ausdruck) etwa als ein großes Meer, als den Ozean der »Ewigkeit«, in dem dann wie kleine Bächlein die einzelnen Menschen- leben durch den Tod münden. Demgegenüber erklärt die Schrift einfach: 

Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat das ewige Leben, d. h. der lebt Ewigkeitsleben schon jetzt, bei Leibesleben. Auf der anderen Seite weiß sie nichts davon, dass der abgeschiedene Gläubige durch sein Sterben et- wa den Zustand der Vollendung erreicht habe. Denn die großartigste Wand- lung seines Zustandes, die Auferweckung und Verherrlichung seines sterblichen Leibes, steht ihm auch nach seinem Sterben noch bevor. Wenn also der Ausdruck »in die Ewigkeit gehen« irgendeinen Sinn hat – aus der Schrift ist er nicht geschöpft und mit ihr deckt er sich nicht. Denn die »Ewig- keit« der Schrift setzt sich nach ihrem einfachen Wortlaut zusammen aus lauter großen und immer großartiger sich entfaltenden und aufrollen- den Zeitaltern. Das kann auch ein ungelernter Bibelleser schon daraus er- sehen, dass wiederholt die Rede ist von Ewigkeiten der Ewigkeiten, buch- stäblich von Zeitaltern der Zeitalter (Äonen der Äonen), was gar keinen Sinn hätte, wenn das mit »Ewigkeit« übersetzte Wort (Äon) einen endlos langen Zeitraum bedeutete. Wohl aber hat es Sinn, wenn man da liest: von Äon zu Äon, oder: in die Äonen der Äonen. (Man vergleiche u. a. Dan. 2,20; Ps. 90,2; 103,17; Eph. 3,21; Phil. 4,20; 2. Tim. 4,18; Hebr. 1,8; 13,21; Offb. 1,18; 4,9.10; 5,13; 7,12; 11,15; 15,7; 20,10; 22,5.) Es ist ein lähmendes und uns schwer belastendes Erbstück altherge- brachter, mittelalterlicher Auffassung, dass diese jetzige Zeit überhaupt die allerletzte aller Heilszeiten sei für die Menschenwelt. Sie schließe ab mit dem »jüngsten Gericht« bei der Wiederkunft Christi, und was bis dahin nicht ge- rettet sei, das sei unwiederbringlich verloren. Unzweifelhaft wahr ist daran nur, einmal, dass mit der Wiederkunft des Herrn Jesu allerdings die ge- genwärtige Heilszeit ihr Ende erreicht und dass niemand, der in dieser Zeit das ihm dargebotene Heil im Evangelium von der Sohnschaft in Christus von sich gewiesen hat, dasselbe Anerbieten jemals wieder gemacht be- kommt. Ebenso wahr ist, dass die Wiederkunft des Herrn zum Gericht ge- schehen wird, und zwar nach verschiedenen Seiten, vornehmlich zum Ge- richt über eine abgefallene, dem Evangelium Gottes ungehorsame Christenheit und Völkerwelt. Aber grundfalsch ist die Auffassung, dass nach der gegenwärtigen Heils- zeit überhaupt keine mehr folgen werde. Der Apostel redet von einer Mehr- heit von kommenden Äonen, die alle dem großen Zweck dienen, dass Gott in ihnen den überschwänglichen Reichtum Seiner Gnade erzeige. Also nicht ein geringer Überrest an Gnade, nicht ein bescheidenes Maß davon, son- dern ihr über alles menschliche Denken hinausragender Überschwang ist Gegenstand der Erweisung in den künftigen  Zeitaltern. 

„Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat um seiner großen Liebe willen, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren durch die Übertretungen, mit dem Christus le­ben­dig gemacht — aus Gnade seid ihr erret­tet! — und hat uns mitauferweckt und mitversetzt in die himmlischen [Regionen] in Christus Jesus, damit er in den kommenden Weltzeiten den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade in Güte an uns erweise in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch — Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme. Denn wir sind seine Schöpfung, erschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.“

‭‭Epheser‬ ‭2:4-10‬ ‭