Geh hinaus… in das Land, das ich dir zeigen werde! (1. Mose 12, 1)

„Der Herr aber hatte zu Abram gesprochen: Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde!“‭‭

‭‭1. Mose‬ ‭12:1‬ ‭

Autor: Karl Geyer, auszugsweise aus seiner Schrift „Abraham“

Was hat die Geschichte Abrahams uns zu sagen?  Welchen Wert hat sie für unser praktisches Leben?  In welcher Weise dient sie zu unserer Erbauung oder welchen moralischen Nutzen haben wir von ihrer Betrachtung?  

Die Schrift gibt uns in Galater 3, 9 eine Antwort auf diese Fragen. Alle Gläubigen werden mit dem gläubigen Abraham gesegnet. Er ist das Musterbeispiel, an dem Gott seinen Grundsatz zur Darstellung brachte: „Gerechtigkeit aus Glauben.“ Wer auf die Rechtfertigung aus Glauben Anspruch macht, tut gut, sich die göttliche Erziehungsweise am Leben Abrahams anzusehen. In derselben Weise erzieht Gott alle Gläubigen, mögen die Umstände im Leben der Gläubigen noch so verschieden sein. „Es ist aber nicht allein seinetwegen geschrieben, daß es ihm zugerechnet werden soll …“ (Römer 4, 23. 24; siehe auch das ganze Kapitel).  

So deutlich fordert uns Gott auf, das Leben Abrahams glaubend zu erforschen! Dieser Hinweis ist beschämend genug für uns, weil darin die ausgesprochene Voraussetzung liegt, daß wir von Natur aus daran gewöhnt sind, die Geschichten des Alten Testamentes rein historisch zu lesen, so, als ob sie alle nur die dort genannten Personen angingen. Und doch bekommt der Timotheus gesagt, daß in dem Willen dieser alttesta-mentlichen Schriften ein großes Vermögen steckt, eine Macht, die wirksam wird zu unserem Heil, wenn sie nur glaubend erkannt und angewandt wird. Denn alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützt uns in mancherlei Teilzwecken, auf daß der eine große Endzweck Gottes mit uns erreicht werde, den Gottmenschen in uns vollkommen zu machen, zu jedem guten Werke völlig geschickt (2. Timotheus 3, 15 – 17). 

„Geh hinaus… in das Land, das ich dir zeigen werde!“ 1. Mose 12,1

Wenn der Glaube sich aufmacht, um auszuziehen, so wird mit einem Male das Fleisch betriebsam. Der alte Mensch regt sich und arbeitet, so daß es fast den Anschein hat, als ob die Anregung zum Auszug von ihm ausgegangen sei. Tarah bedeutet: „Der Riechende“. Wenn der Glaube auszieht, so trägt er noch eine Zeit den Geruch des alten Menschen mit. Aber dann kommt eine Station, Haran, von der ab der alte Mensch nicht mehr weiter kann. Die Leitung wird aus seiner Hand genommen und er stirbt. Denn Haran heißt Hitze. Wenn der alte Mensch in das Feuer der Trübsal kommt, kann er die Hitze nicht ertragen. Er stirbt und gibt dem Glauben den Weg frei.  

Der Glaube stirbt nicht in der Hitze. Er kommt geläutert daraus hervor (1. Petrus 1, 7). Und nach der Prüfung sind Ausharren (oder Geduld) und Tragkraft verdoppelt. Hiob bekam nach seiner Prüfung doppelt soviel Schafe und doppelt soviel Rinder, als zuvor. Das Schaf ist in der Schrift ein Bild der Geduld, der arbeitende Stier ein Bild der Kraft. Doppelte Geduld und doppelte Kraft sollen das Ende jeder Prüfung für uns sein. Wäh-rend der alte Mensch in der Hitze stirbt, gewinnt der Glaube Habe und Seelen (1. Mose 12, 5). Leer zog Abram aus Haran, voll kommt er wieder heraus. War auch das volle Ziel nicht erreicht und das Land noch ferne, so diente doch auch diese Station in jeder Weise zum Besten (Römer 8, 28). Darum soll uns auch keinerlei Prü-fung betrüben, sondern dem Glauben ein Angeld auf allerlei köstlichen Gewinn sein. 

Dieses Nichtkennen des Fleisches hat nichts mit menschlichem Haß zu tun. Der Zwölfjährige verleugnet nicht den Gehorsam, noch der am Kreuz Hängende die Dankbarkeit (Lukas 2, 51; Johannes 19, 25 – 27). Wo es sich aber um den Auftrag des Vaters handelt, ist sie ihm nicht Mutter, sondern Weib. Da lehnt er alle Bindungen ab. So nur kann er den Willen des Vaters tun, ohne von Menschen beirrt zu werden. Denn gerade liebende Menschen führen uns leicht irre, weil sie uns schonen möchten (Matthäus 16, 21 – 26). Die natürliche Liebe ist blind gegen den göttlichen Liebeswillen. Darum  muß sie ausgeschaltet werden, sobald sie hemmend wirkt, damit die Aufträge Gottes in Reinheit erfüllt werden können. Denn der Satan hat großen Einfluß auf den natürlichen Menschen durch die Familienmitglieder. Er benützt unsere eigenen Hausgenossen, um uns zu vorschnellem Handeln zu bewegen, oder gar dazu, uns von dem Weg des Opfers zurückzuhalten. Wenige erkennen in so wohlgemeinten Ratschlägen die Taktik des Feindes, der sich als Engel des Lichts aufspielt und durch unsere Hausgenossen uns in Feindstellung wider Gott bringt, indem er uns zu Handlungen anleitet, in denen wir nur ein Schonen unserer selbst sehen. Ja, wir wären jedenfalls von der Fürsorge des Petrus ganz gerührt gewesen und hätten vielleicht als höfliche Menschen gesagt: „Ich danke die Petrus! Das war sehr lieb von dir!“ Doch der, der uns von Grund unseres Wesens aus kennt, weiß, wo es uns fehlt. Er will uns aus der Bindung in die Freiheit führen, damit wir ihm verfügbar werden zum Dienst. Und deshalb spricht er: „Gehe aus deines Vaters Haus!“  

… in das Land, das ich dir zeigen werde. Wenn wir ausziehen im Glauben, so wissen wir nicht , wohin es geht. Aber wir kennen den Führer, der nicht nur den Weg weiß, sondern der selbst der Weg ist. Er wird uns das Land zeigen; denn er hat es versprochen, und er ist die Wahrheit. Er wird uns auch hineinbringen und uns nicht in der Wüste sterben lassen; denn er ist das Leben. Sollte da die Wanderschaft nicht zum Ziele führen, wenn der Führer nicht nur den Weg weiß, die Wahrheit kennt und das Leben hat, sondern Weg, Wahrheit und Leben ist? Er führet uns auf rechter Straße um seines Namens willen. Auch wenn der Weg des Pilgers durch finstere Täler geht, ja , durchs Tal des Todesschattens, so hat er nicht Übles zu fürchten. Der Führer ist ja bei ihm und wehrt mit seinem Stecken und Stab das Unheil ab. Ja, im Angesicht der Feinde bereitet er einen Tisch, dessen Speise sie nicht kennen, die aber wunderbar stärkend ist, so daß man in der Kraft dieser Speise viele Tage und Nächte wandern kann, ohne zu ermüden. Sollte dem Wanderer bei einem solchen Füh-rer bangen, er werde das Ziel nicht erreichen (Psalm 23; 1. Könige 19, 8; Psalm 46, 2, Luther: Vers 3)? Nein, der Führer kann des Weges nicht fehlen und verliert auch nichts von allem, was der Vater ihm gegeben. Er bringt sein teuer erkauftes Eigentum ja nicht in ein fremdes Land, sondern in  sein Land, in das wahre Vaterland, in das Land, in dem der Vater ist.  

Und ich will dich zu einer großen Nation machen … Wenn der Gläubige von Gott in die Einsamkeit ge-führt wird, so ist ihm der Boden für jede Wirksamkeit an der Masse entzogen. Es scheint so, als wäre er fortan nutzlos für jede soziale Betätigung, für jede gesellschaftliche und genossenschaftliche Arbeit. Aber wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, so bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, so bringt es viel Frucht. Frucht ist etwas anderes als Erfolg. Menschen mit organisatorischen Fähigkeiten können Erfolg haben. Sie gründen Vereine, Aktiengesellschaften und Parteien. Aber Vereine können sich auflösen, Gesellschaften können Kon-kurs machen und Parteien können sich zersplittern. Das Leben des Glaubens aber ist unauflöslich (Hebräer 7, 16), sein Besitz ist unverweslich, unbefleckt und unverwelklich (1. Perus 1, 4), seine Gemeinschaft wesenhafte Einheit mit dem Vater, dem Sohn und den Brüdern (Johannes 17, 22 – 24; 1. Johannes 1, 3). Erfolg vergeht, Frucht bleibt. Und der Glaube soll viel Frucht bringen. Söhne und Töchter soll der Glaube zeugen und zu einer großen Nation werden. Söhne sind in der Schrift ein Bild der Tat, des Wandels. Töchter sind ein Bild des Ge-fühls, der Neigung, der weisen Einsicht. (Selbst die Heiden haben weise Frauen, und auf der Linie des Un-glaubens sind fast alle Medien Frauen.) Die Schrift stellt die Weisheit als Weib dar und ihr dunkles Gegenspiel nennt sie „Frau Torheit“. (Sprüche 9. Siehe besonders Vers 13 in der Elberfelder Übersetzung). Sprüche 8, 14 sagt von ihr, daß bei ihr Rat und Einsicht ist. Darum soll auch Abram Saras Rat hören (1. Mose 21, 12). Hiob hat sieben Söhne, das heißt, er war vollkommen in seinem Wandel. Gott selbst bezeugt ihm dies (Hiob 1, 8; 2, 3). Dazu hat er drei Töchter, das heißt, göttlich (drei) waren seine Weisheit und Einsicht, darum auch rein sei-ne Worte (Hiob 1, 22 und 2, 10). Selbst „Frau Torheit“ kann ihn nicht überreden (Vers 9 und 10).  

Solange der Glaube nicht auszieht aus dem Greuel der Verwüstung, ist Sara, sein Weib, seine Weisheit und Einsicht, unfruchtbar. Der Auszuziehende hat die Verheißung, daß viel Frucht von ihm kommt, daß er zu einer großen Nation wird. Soll unser Glaube nicht tot und fruchtleer bleiben, so müssen wir ausgehen aus allen Verbindungen, in die wir durch unser natürliches Dasein hineingeboren sind. Dann aber wird durch den „Rat der Sara“, durch die Erkenntnis der Weisheit, auch unser Glaube Kraft gewinnen zu einem wohlgefälligen Wandel und wird wachsen und fruchtbringend werden zu jedem guten Werk (Kolosser 1, 9 – 11. Siehe auch die beiden nächsten Verse, in denen der Auszug und die Versetzung beschrieben sind. Galater 5, 22 – 25).  

Auf diesem Wege werden wir auch echte Kinder nach dem Glauben haben (1. Timotheus 1, 2; Titus 1, 4). Und so wird die Mehrung des Glaubens in uns auch zu einer Mehrung des Volkes Gottes nach außen sich darstellen.  

… und dich segnen, Gott löst seine Verheißungen ein (1. Mose 24, 1. 35. 36). Und wie löst er sie ein! Nicht nach der Melodie, die unser frommes „Ich“ in selbstgemachter Bescheidenheit so gerne singt: „Sende Tropfen auch auf mich!“ Wenn er segnet, dann öffnet er die Schleusen des Himmels und läßt Ströme sich über uns ergießen, bis wir von der Flut getragen werden (Epheser 1, 8 – 11; Hesekiel 47, 1 – 5). Er vermag weit mehr zu tun, als wir mit unseren begrenzten Maßstäben auszumessen vermögen (Epheser 3, 20; 1. Korinther 1, 4 – 9; 2, 6 – 13).  

Die Segnungen des Landes, in das Gott den Abram führte, waren vorzugsweise irdischer Art. Sie schatten die Segnungen vor oder ab, die Gott uns in himmlischen Örtern bereitet hat (Epheser 1, 3). Alle Gaben und Kräfte, alle Einsicht und Ausrüstung, welche die Gemeinde seines Leibes zur Durchführung ihrer großen und gewaltigen Zukunftsaufgaben braucht, hat Gott ihr in Christo schon bereitstellen lassen in allen Örtlichkeiten der Himmelswelten. Wenn wir mit dem Haupte als seine ausführenden Organe einmal Welt und Engel richten sollen (1. Korinther 6, 2. 3), wenn wir mit ihm herrschen sollen, bis alle seine Feinde gelegt sind zum Schemel seiner Füße (Offenbarung 3, 21; 1. Korinther 15, 25), wenn wir als Erben Gottes und Miterben Christi einmal alles in Besitz nehmen sollen, was ihm selbst gehört bis an die letzten Grenzen des Weltalls (Römer 8, 17, siehe auch das Vorbild in 1. Mose 24, 36), wenn zuletzt jede Gottesverheißung, so viele es ihrer gibt, ausgeführt werden soll durch uns zum Lobe und zur Verherrlichung Gottes (2. Korinther 1, 20), damit jede Kreatur in der ganzen Schöpfung durch die Erstlinge erhoben wird zu selben herrlichen Freiheit, wie die Söhne Gottes auch (Römer 8, 18 – 23), damit alles, was Odem hat, Gott als seinen Herrn lobt (Psalm 148 und Psalm 150, 6; Jesaja 45, 22 – 24; Philipper 2, 9 – 11), dann, ja, dann muß er selbst auch uns Unvermögenden Stärke genug geben, um dies alles ausrichten zu können, und zwar so, daß alles herrlich hinausgeführt wird, entsprechend der herrlichen Größe des Hauptes, das ja verherrlicht werden soll durch die Glieder.  

Öffnen sich uns nicht allein schon bei diesem Ausblick die Schleusen des Himmels? Ahnen wir da nicht et-was von der Herrlichkeit und Größe dessen, der uns hierzu berufen hat? Fängt nicht die völlige Freude an, unser Herz zu erfüllen über die Segnungsabsichten dessen, dem niemand etwas hinzuzufügen vermag? Wenn nicht, dann ist die Liebe noch nicht übergeströmt bei uns in Erkenntnis und alle Einsicht (Philipper 1, 9), und die Furcht wohnt noch in unseren Herzen. Die vollkommene Liebe aber treibt die Furcht aus und macht das Herz dessen gewiß, daß der Vater der Herrlichkeit, der alles wirkt nach dem Rate seines Willens, alle seine Pläne auch ausführt und alle seine Herrlichkeitsziele auch ohne jeden Abstrich erreicht. Was er sich vorgenommen hat, und was er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel! Ihm sei die Herrlichkeit und die Ehre und die Segnung, jetzt und in allen Äonen! 

„Der Herr aber hatte zu Abram gesprochen: Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! Und ich will dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf der Erde!“
‭‭1. Mose‬ ‭12:1-3‬