Die Ersten werden die Letzten sein (Matth. 20, 16)

Also werden die Letzten Erste, und die Ersten Letzte sein; denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte.

‭‭Matthäus‬ ‭20:16‬ ‭ELB‬

Von Adolf Heller, aus der Zeitschrift GuH

Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matth. 20, 1-16) wird uns ein grundlegendes Gottesgesetz gezeigt. Schon der Umstand, daß bei der Lohn-auszahlung mit den Letzten und nicht mit den Ersten begonnen wird (Vers 8), ist bedeutsam. Das widerspricht, wie das ja bei vielen göttlichen Wahrheiten der Fall ist, unserm natürlichen Gerechtigkeitsgefühl und unsern menschlich-irdischen Denkgesetzen. Darum bezeugt auch Gott, daß Seine Gedanken und Wege höher und anders sind als die unseren (Jes. 55,8.9). Gleichzeitig offenbart aber die Güte Gottes, die nicht nach Verdienst, sondern über alles Verdienst hinaus wohltut und mitteilt, die abgrundtiefe Bosheit des natürlichen Menschen (Vers 15)! 

Wie wenig denken wir daran, daß die Gerichte wohl Gottes Wege und Mittel zu unserem Zerbruch sind, daß uns aber letztlich Seine Güte zur Buße leitet und zurechtbringt (Römer 2,4)!
Wir wollen den Grundsatz, daß die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein werden, nach zwei Seiten betrachten: einmal im Blick auf die Vollen-dung der Leibesgemeinde, und zum anderen hinsichtlich der Errettung der Engelwelt. 

  1. Die Art und Weise, wie Gott die Menschheit errettet, ist die der Auswahlen. Wir brauchen nur das klare Programm zu lesen, das Jakobus in Apg. 15, 14— 17 aufzeigt: zunächst kommt eine Auswahl aus den Nationen daran, dann Is-rael, «die zerfallene Hütte Davids», darauf die übrigen der lebenden Menschen und zuletzt alle die Nationen, über denen je der Name Gottes angerufen wurde. Dass das alle ohne Ausnahme sind, ergibt sich aus l. Tim. 2,1. Nach dem zeitlichen In-die-Erscheinung-Treten wurde die Auswahl aus den Na-tionen zuletzt berufen. Erst Paulus wurde vom erhöhten und verherrlichten Herrn, dem Haupt Seines Leibes, die wunderbare Füllebotschaft von der Gliedschaft des Christus geoffenbart. Vorher war solches völlig unbekannt, wie wir in Eph. 3,1—6 lesen. Längst schon vorher hatte Gott die Nationen ihre eigenen Wege gehen lassen (Apg. 14, 16) und später auch Israel, Sein Volk der Wahl, wegen seines Unge-horsams beiseitegesetzt. Zeitlich gesehen war die Berufung zum Leibe des Christus die letzte. Mit ihr war das Wort Gottes erfüllt, d. h. auf sein Vollmaß gebracht (Kol. 1,25). über das hinaus, was Paulus verkündigt, gibt es keine Botschaft. Die Berufung zur Gliedschaft Christi, zum Einssein mit Ihm in allen Stücken, war die letzte, aber auch die höchste und herrlichste. Darum wird auch diese Körperschaft zuerst vollendet. Hier bewahrheitet sich in wunderbarer Weise das Wort, daß Letzte Erste sein werden. Erst wenn Christus Seine Glieder angezogen und verherrlicht hat, hat Er Seine Fülle, Seine Vervollständigung, und beginnt all die großen umfassenden Rettungsaufgaben auszuführen, die Ihm vom Vater aufgetragen sind. Deshalb wartet auch die ganze Kreatur darauf, daß die Söhne Gottes offenbart werden (Römer 8, 19). Darum steht auch von uns geschrieben, daß wir die Engel richten (1. Kor. 6,3). Aus diesem Grunde bezeugt auch Paulus durch den Heiligen Geist, daß die Verheißungen Gottes durch uns, die Christusglieder, ausgeführt werden (2. Kor. 1,20). Die Offenbarung (Sichtbarmachung, in die Öffentlichkeit treten) Christi geschieht nicht eher, bis daß auch wir als Vollendete zusammen mit Ihm in Herrlichkeit geoffenbart werden (Kol. 3,4). Erst mit und durch diesen Seinen Herrlichkeits- oder Vollendungsleib führt dann der aus Haupt und Gliedern beste-hende Christus die die Errettung vorbereitenden Gerichte durch. Wir als die zuletzt Berufenen werden die zuerst Vollendeten sein; Letzte sind in Wahrheit Erste! Was zeitlich richtig ist, trifft aber auch auf andere Art und Weise zu: Wir sind nicht nur in der Reihenfolge der Berufungen die letzten, sondern auch bezüg-lich der Rolle, die wir in diesem Äon spielen. So schreibt Paulus in l. Kor. 4,9: «Denn mich dünkt, daß Gott uns … als die Letzten dargestellt hat…» Wir, die wir jetzt Auskehricht und Auswurf der Welt sind (1. Kor. 4,13), Nichtse (1. Kor. 1,28) und Narren um Christi willen (1. Kor. 4,10), werden dereinst im Zustand der Vollkommenheit solche sein, in denen Christus verherrlicht und be-wundert wird (2. Thess. 1,10) und die in jeder Beziehung die Ersten sein wer-den. Jetzt Unbekannte (2. Kor. 6,9) und Verborgene (Kol. 3,3), werden wir einst als Miterben und Mitleib des Christus, Mitteilhaber der Verheißungen Gottes in die Erscheinung treten (Eph. 3,6). Wer vermöchte diesen Wechsel in seinem vollen Umfang auszudenken? —
  2. Das Gottesgesetz der Ersten und Letzten wirkt sich auch in der Reihenfolge von Schöpfung und Erlösung aus. Wer sind die erstgeschaffenen Wesen? Hiob 38,4—7 gibt uns die Antwort: «Wo warst du, als ich die Erde gründete … als die Morgensterne miteinander jubel-ten und alle Söhne Gottes jauchzten?» Aus diesem Wort lernen wir ein Doppeltes: einmal, daß bei der Erschaffung der Erde schon Engelfürsten und Engel da waren, und zum ändern, daß diese Geister damals noch nicht gefallen waren. Denn «alle» jauchzten! Später fiel ein großer Teil dieser Engelwelt von Gott ab. Im Bilde des Königs von Babel (Jes. 14) und des Fürsten von Tyrus (Hes. 28) sieht das Auge des Glaubens jene gewaltigen Vorgänge im Geisterreich. Wer allerdings in Jes. 14 und Hes. 28 nur geschichtliche Ereignisse im Sprach-gewand orientalischen Bilderreichtums erkennen kann, der mag das tun. Uns jedoch ist Gottes Wort mehr als bloßer historischer Bericht von Begebenheiten, die für unsere Zeit ziemlich belanglos sind. Ehe es eine Erde und Menschen gab, existierten schon Morgensterne und Söhne Gottes, die mit Jubel und Jauchzen der Urschöpfung der Erde zuschauten. Was die Erschaffung angeht, so stehen die Engel vor den Menschen.

Da aber Erste Letzte und Letzte Erste sein werden, so kommen in der Erlösung die Menschen vor den Engeln. Erst wenn das Erlösungsprogramm der Menschheit nach Römer 11,32; 1. Tim. 2,4; 4,10 und vielen anderen Stellen durchgeführt sein wird, werden die Geistermächte Heil erlangen. Lesen wir statt vieler Stellen nur einige! In Jes. 53 ist die Rede von dem für uns leidenden Gottesknecht, der die Strafe zu unserem Frieden trägt. Er ist aber nicht nur unser Schuldopfer, sondern wird auch die «Großen», «Gewaltigen» (Vers 12) als Frucht Seines Erlösungswerkes gewinnen. Die «Großen», «Gewaltigen» oder «Starken» sind aber nach dem ganzen Schriftzusammenhang Benennungen für die Engel- und Geisterwelt, wie jeder aufmerksame Bibelleser finden wird. Nach Phil. 2,10.11 werden sich auch die Kniee der «Unterirdischen» vor Christus beugen und frohlockend, um Gott den Vater dadurch zu verherrlichen, bekennen, daß Er Herr ist! 

Wenn Ps. 103,21 in Erfüllung geht, dann werden wieder «alle» Seine Heer-scharen Gott loben und preisen, und nach Offb. 5,13 wird einst «alle Kreatur… in dem Himmel … und unter der Erde …» in den Lobpreis der Erlösten einstim-men. Die Engel- und Geisterwelten, die vor uns erschaffen waren, werden erst nach uns das Ziel der Vollendung erreichen; Erste werden Letzte sein! Wie wunder-bar sind unseres Gottes Wege! —