Ermunterung zur Hoffnung und Liebe (Hebr. 10, 23)

Lasst uns das Bekenntnis der Hoffnung unbeweglich festhalten, (denn treu ist er, der die Verheißung gegeben hat); und lasst uns aufeinander achthaben zur Anreizung der Liebe und zu guten Werken”

Hebräer 10, 23-24

Adolf Heller, Quelle: Zeitschrift Gnade und Herrlichkeit.

Das Bekenntnis (homologia = Zustimmung oder Zeugnis) der Hoffnung blickt in die Zukunft. Der Glaube klammert sich an das, was Christus für uns getan hat, an sein vollgültiges, ungenügsames Erlösungswerk am Kreuz. Die Hoffnung oder Erwartung jedoch schaut in zuversichtlicher Gewissheit nach dem aus, was der Herr auf Grund seiner vollbrachten Erlösung nach seinem und des Vaters Wort und Eidschwur einmal an uns und seiner ganzen Schöpfung tun wird.

Die Bürgschaft dafür, dass der Herr auch all das einmal ausführen wird, was sein heiliger Mund versprach, ist nicht unsre Frömmigkeit oder christliche Betriebsamkeit, sondern zutiefst nichts anderes als seine eigne Treue, die von seinen Verheißungen niemals abgehen wird, auch wenn er die Erfüllung wegen der Untreue und des Versagens seiner Geschöpfe für Äonen hinausschieben muss. Darum begründet der Apostel seine Ermunterung, das Bekenntnis der Erwartung, das Zeugnis der Hoffnung unbeweglich festzuhalten, nicht mit den Worten „denn treu seid ihr”, sondern: „denn treu ist er, der die Verheißung gegeben hat.” (Vers 23 b)

Möchten auch wir, du und ich und alle, die den Herrn wirklich kennen und lieben, dieser Ermunterung Folge leisten, damit sich das paulinische Gemeindegebet von Eph. 3 an uns erfülle und wir mit erleuchteten Augen des Herzens wissen, welches die Hoffnung seiner und damit auch unsrer Berufung ist (Vers 18)! Das bedeutet das unbewegliche (eigentlich: unbeugsame!) Festhalten des Bekenntnisses der Hoffnung, wozu wir ermahnt und ermuntert werden, auch wenn es uns vonseiten der gottlosen und frommen Welt oft nur Schmach einbringt (1. Tim. 4, 10).

„Lasset uns aufeinander achthaben zur Anreizung zur Gottesliebe!” (10, 24) Wenn der natürliche oder seelische Mensch gereizt wird, dann kommt alles andre aus seinem Herzen und seinen Gebärden heraus als Liebe. Die Schrift aber kennt einen Anreiz zur Liebe. Wenn wir nicht den Reizungen und Lockungen des Fleisches, sondern denen des Geistes uns öffnen und ihnen folgen, dann kommt selbstverleugnende Gottesliebe heraus. Nur wer das immer wieder in heiligem Staunen erleben darf, weiß um die Wonnen und Seligkeiten, die dadurch in uns geboren werden.

Das hier gebrauchte Wort kataneoo = beobachten, durchschauen, erwägen, wurde im weltlichen Griechisch für die Tätigkeit der Spione benützt, die andern auflauerten. Das sollen auch wir tun. Aber im gegenteiligen, positiven Sinn! Denn Gottes Liebe macht uns nicht blind, wie das bei dem Rausch sündiger Fleischeslust der Fall ist, sondern im Gegenteil hellwach und sehend, wie und wo und wann wir dem ändern dienen und helfen dürfen. Wenn wir nun den Zusammenhang des 24. und 25. Verses beachten, so fällt uns auf, dass die Gottesliebe und die „guten Werke”, zu denen wir einander anreizen sollen, zunächst darin bestehen, dass wir unser Zusammenkommen nicht versäumen oder aufgeben.

Das hier vorkommende Wort episynagogä bedeutet nun ein Mehrfaches. Zunächst ist es das Zusammenkommen der Ortsgemeinde, das „In-die-Stunde-gehen”, um es einmal schwäbisch auszudrücken. Dann aber ist es auch die durch das Zusammenkommen entstandene Gottgemeinde, in der der Herr in besonderer Weise gegenwärtig ist und sich offenbart (Matth. 18, 20; 1. Kor. 15, 23—25).

Darüber hinaus hat aber das Wort synagogä einen noch viel tieferen Sinn. Es kommt nur noch ein einziges mal in der Schrift vor, nämlich in 2. Thess. 2. Dort lesen wir: „Wir bitten euch aber, Brüder, wegen der Ankunft unsres Herrn Jesus Christus und unsres Versammeltwerdens zu ihm hin, dass ihr nicht schnell erschüttert werdet in der Gesinnung.” (Vers l. 2a) In diesem Zusammenhang eröffnen sich dem Bibelleser große und wichtige Fragen. Was ist mit diesem „Versammeltwerden zu dem Herrn Jesus Christus” gemeint? Ist es die Entrückung der Gemeinde des Leibes Christi oder ist es die Errettung Israels und seine Vereinigung mit seinem wiederkommenden König und Messias? Wenn der 2. Thessalonicherbrief, wie manche bedeutenden, geistvollen Schriftforscher meinen (z. B. Prof. Harnack-Berlin), an Judenchristen ging, die eine noch nicht in die Gemeinde eingeschmolzene Minderheit bildeten, dann wäre das eine ausgesprochen jüdische Endzeiterwartung. Wenn aber der 2. Thess.-Brief an die gleichen Empfänger geht wie der erste, dann wäre die episynngogii die Entrückung der aus gläubigen Nationen und Juden bestehenden Christuskörperschaft.

Soweit wir die Schrift zu verstehen glauben, ist wohl das letztere der Fall. Doch wollen wir nicht darüber streiten: auch hier sei jeder seiner Meinung gewiss. Eineinheitliches, lückenlos bis in alle Einzelheiten gehendes Lehrbild göttlicher Wahrheit werden wir wohl nicht haben, ehe Christus wiederkommt. Aber einander zur Liebe anreizen, dass wir unser Zusammenkommen mit dem Herrn, hier im Geist mit den Brüdern und dort in der Herrlichkeit mit ihm selbst, nicht versäumen, — das können und dürfen und sollen wir tun! —

Quelle: https://data.kahal.de/pdf/531_A.Heller_Die_Ermunterung_zur_Hoffnung_GuH.pdf