Der Werkmeister und sein Werkzeug (Spr. 16,4)

Von Adolf Heller

,,Der Herr hat alles zu Seiner Absicht gemacht, und auch den Gesetzlosen für den Tag des Unglücks.”

Spr. 16, 4

In diesem schlichten Zeugnis wird uns der letzte Zweck alles Seins enthüllt. Es gehört zu der tiefsten Tragik des Menschen, der Krone der Schöpfung, daß er nicht weiß, wozu er eigentlich da ist. Jedwedes Ding auf dieser Welt hat seinen Zweck: Erde und Acker, Haus und Hof, Reif und Regen, Tisch und Stuhl, Buch und Brille. Selbst das kleinste Schräub­lein an irgendeiner Maschine ist nicht umsonst da, sondern erfüllt eine Aufgabe.

Wozu aber ist der Mensch auf der Welt? Warum wird er unter Schmer­zen geboren, geht eine kurze Zeit mit viel Weinen und Wehklagen, mit hungrigem Herzen und unstillbarem Sehnen durch das dunkle Erdental und verläßt dann, meist ohne etwas Großes und Bleibendes geschaffen zu haben, diese unverstandene Welt der Wirrnis? Warum? Das nieder­drückende Bewußtsein, die schmerzliche Erkenntnis des eignen Unwertes, die im tiefsten Innern verborgen gehaltene Klage, zu gar nichts zu taugen, entmutigt und quält die meisten Menschen.

In heiligem Frohlocken ruft der Apostel der Christusfülle den Heidengemeinden zu, wozu sie, die meist aus Sklaven und Arbeitern, aus einfachen, ,,ungebildeten” Leuten bestehenden ,,Sekten”, da sind: ,,zur Sohnschaft durch Jesum Christum” (Eph. 1, 5), ,,zum Preise der Herrlichkeit Seiner (d. i. Gottes) Gnade” (Eph. 1, 6), ,,damit wir zum Preise Seiner Herrlichkeit seien” (Eph. 1, 12) und wiederum ,,zum Preise Seiner Herr­lichkeit” (Eph. 1,14)!

Welch ein wunderbarer Beruf, Künder und Darsteller der Gnade und Herrlichkeit des unfaßbar großen Gottes aller Barmherzigkeit und Vaters der Geister sein zu dürfen!

Ganz ähnlich, wenn auch nicht auf dieser hohen paulinischen Stufe, spricht unser Gotteswort. ,,Der Herr hat alles zu Seiner Absicht gemacht.” Der Absicht Gottes, dem Plan und Programm Seiner Gedanken, dient alles, was irgend ins Dasein gerufen ist.

Wem sollte da nicht das Herz in heiligem Begehren brennen, um die Absichten Gottes, um Seine Wege und Ziele zu wissen? Wie könnte da ein denkender und fühlender Mensch, der offenen Auges und aufgeschlossenen Sinnes durch diese Schöpfung geht, keine Anteilnahme haben an der Zweckbestimmung alles Bestehenden? Sollte man glauben, daß es sogar Fromme gibt, die in scheinbarer Demut von Gottes Gedanken und Absich­ten nichts zu wissen begehren, sondern sich mit der Erkenntnis und Pflege des eignen Heils begnügen?

Gott hat alles erschaffen zur Durchführung und Erfüllung Seiner Ab­sichten und Pläne. Er hat das All durch und für Seinen Sohn ins Dasein gerufen (Joh. 1, 3; Kol. 1, 16). Christus ist darum Gottes Werkmeister (Spr. 8, 22). Ihm dient, bewußt oder unbewußt, das ganze All (Ps. 119, 91).

Ist aber auch der Feind und Gottlose ein Werkzeug Gottes und Christi? Hat auch er irgendwelche Aufgaben im Gesamtplan Gottes durchzufüh­ren? Unsere menschliche Vernunft ist geneigt, diese Fragen entschieden zu verneinen. Anders aber redet das Wort Heiliger Schrift!

,,Auch den Gesetzlosen!” Der Feind darf und kann nicht tun, was er in der Bosheit seiner eignen Gedanken beabsichtigt. Auch dann nicht, wenn er seinem eignen verwerflichen Gutdünken zu folgen wähnt. Er ist immer und unbedingt, wenn auch wider Wissen und Wollen, ein Gerichtswerkzeug Gottes und Christi.

Doch nicht immer und endlos! Die Tätigkeit des Gesetzlosen ist be­schränkt. Seine Zeit wird bald abgelaufen sein. Darum fügt unsre Schriftstelle hinzu: ,,Für den Tag des Unglücks”. Am Tag des Heils und der Gnade ist Christus der Wirkende und Segnende. Aber am Tag des Un­glücks und Gerichts ist der Feind das Werkzeug des heiligen Zornes Got­tes.

Christus und Satan – der Werkmeister und das Werkzeug! Dieses Be­wußtsein läßt uns stille und glückselig werden in allen Lagen unsres Lebens. Letztlich geschieht ja doch nur Gottes Liebeswille, und Seine Heilsgedanken führt Er nicht nur trotz aller dunklen Gewalten, sondern sogar durch und vermittels dieser Widerstände aus. Das ist ja gerade der Triumph der Gnade, daß nicht nur nichts sie hindern kann, sondern ihr alles, einschließlich der Mächte der Gesetzlosigkeit, dienen muß, damit die über alle Maßen herrlichen Vollendungsziele Gottes mit Seiner ganzen Schöpfung erreicht werden.