Der weggeworfene Stock

Adolf Heller

Einst standen zwei Gelehrte in einer Gemäldegalerie in Rom. Sie be­trachteten das Bild eines berühmten Meisters. Es stellte die Heilung des Blindgeborenen dar.

“Was halten Sie für das Schönste an dem Gemälde?”  fragte der eine.
“Gewiß das Angesicht des Herrn”! antwortete der Gefragte.
,,Etwas anderes erscheint mir kostbarer”
“Sie meinen wohl die Apostel, die um die Person des Heilandes ste­hen?”
,,Auch das nicht”!
,,Vielleicht die Gestalt des Blinden?”
,,Nein, lieber Freund! Am wertvollsten erscheint mir der weggeworfene Stock des Bettlers. Es ist zwar nur ein plumper Knotenstock, an dem nichts Außergewöhnliches zu sehen ist. Sein Wert besteht nur darin, dass er am Boden liegt. Bedenken Sie, der Blinde hat ihn weggeworfen, ehe er etwas sehen kann! Die einzige Stütze, die er hatte, hat er preisgegeben. All sein Erwarten und Begehren ist auf den Herrn gerichtet. Seine leeren Hände streckt er Jesus entgegen. Treffend hat der Maler in dem weggeworfenen Stock etwas vom Wesen wahren, rettenden Glaubens darge­stellt. Der Glaube an die Person Christi sieht mit dem äußeren Auge noch nichts, aber er wirft alle Stützen und Krücken weg und setzt sein Ver­trauen ganz auf die Person und liebende Rettermacht des jetzt noch un­sichtbaren Herrn. – Fürwahr, der Künstler verstand darzustellen, was glauben heißt! Der blinde Bettler wurde geheilt, weil er restlos alles von Jesus erwartete und keine irdischen Stützen mehr begehrte.

Nur leere Hände werden von Gott mit ewigen herrlichen Gütern ge­füllt; nur leere Hände vermögen den überschwenglichen Reichtum himm­lischer Segnungen zu erfassen und festzuhalten!

Viele aber machen es nicht so wie der auf dem Bilde dargestellte Bett­ler, sondern möchten für alle Fälle ihre irdischen Krücken behalten.

Solchen zweifelnden Menschen kann der Herr natürlich nicht die Hände des Glaubens füllen. Ihnen kann Er nicht die unaussprechlichen Reich­tümer Seines Hauses und Herzens mitteilen. Nur entleerte Gefäße füllt Er mit Seiner ewigen Kraft und Gottheit.

Mancherlei sind der Krücken und Stützen, auf denen Halberlöste ein­herhumpeln. ,,Etwas muß der Mensch doch haben!” sagen sie vorwurfs­voll, wenn man ihnen helfen möchte, ihre elenden Knotenstöcke wegzuwerfen und sich allein auf Christus zu stützen und sich von Ihm führen und tragen zu lassen.

Da ist die Krücke der Weltfreundschaft. Man wagt nicht, den klaren Weg der Treue zu gehen. Man würde ja auch sonst verlacht und ver­spottet werden! Man muß doch da und dort mitmachen und der Welt beweisen, daß man für Kunst, Wissenschaft und Vergnügen Verständnis hat!

Und so hinkt und humpelt man an diesem brüchigen Knotenstock der Weltliebe zwischen Christus und Belial hin und her und erfährt nie die wunderbar beseligende Wahrheit, daß sich Gott an denen mächtig er­weist, deren Herz ungeteilt auf Ihn gerichtet ist.

Wirf diese elende Krücke weg! Der Herr gibt dir mehr, als die Freund­schaft der armen betrogenen Welt je zu geben vermag! –

Viele sehe ich an einer anderen Stütze einherhumpeln. Es ist der Stab der Werkgerechtigkeit. Sie gründen ihre Rettung nicht allein auf die Gnade. Das Fundament, auf dem sie stehen, ist nicht das Wesen und das Wort des lebendigen Gottes. Unzählig viele sind verankert in dem, was sie als ihre Bekehrung rühmen. Sie sind bekehrt bis zu ihrer Bekehrung. Weiter nicht! Sie glauben höchstenfalls an ihren Glauben. An mehr aber kaum! Die Retterherrlichkeit und Liebesallmacht des Vaters der Barm­herzigkeit ist ihnen unbekannt. Ihre Heiligung oder Heiligkeit beweisen sie mit den guten Taten, die sie tun oder zu tun glauben. Ihre Vollen­dung vollzieht sich nach ihrer Meinung als Frucht ihrer religiösen Lei­stungen und Bemühungen.

Gewiß, es gibt einen Lohn der Treue, der je nach unserer Hingabe und unserm Eifer verschieden sein wird. Aber das Fundament, die Grundlage unserer Rettung ist nie und nimmer etwas, was wir zu tun haben oder wozu wir im geringsten beitragen könnten. Sobald ich mich einer andern Sache rühme als der Heilstaten Gottes, die nicht ich, sondern Er voll­bracht hat, stehe ich auf dem trügerischen Flugsand menschlicher Leistungen und Gefühle und bin jeden Augenblick in Gefahr zu entgleisen.

Lieber Leser, komm, wir wollen uns allein auf die herrliche Person und das ewige, vollgültige Werk unseres Herrn stützen. Dann stehen wir fest, dann sind wir unantastbar für den Feind.

Es gibt noch so mancherlei Krücken. Sündige und fromme. Aber alle sind ein Hemmnis, in tiefere, lebendige Liebesverbindung mit dem Herrn zu kommen. Möchten wir von dem weggeworfenen Stock lernen und uns allein auf Christus verlassen!                                                         A. H.