Der Gott aller Gnade (1. Petr. 5, 10)

Von Otto Voßeler, München

“Der Gott aller Gnade aber, der uns berufen hat zu Seiner ewigen Herrlichkeit, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen.”

Petr. 5, 10

Gebet:  Wir danken Dir, treuer Gott und Vater, daß wir im Namen Jesu Christi hier zusammenkommen dürfen. Wir können es nur wagen, unsere Stimme zu Dir zu erheben, dem Allerhöchsten, weil Du in Jesus Christus unser Vater geworden bist und weil wir Deine Liebe darin sehen können, daß wir, die Letzten und die Fernsten, heimgeholt wurden ins Vaterhaus und dort nun einen Platz haben, wo auch wir Dich anreden dürfen. Komm Du selber, Herr Jesu, in unsere Mitte, und schenke uns die Bitten, die Du selber dem Vater vorlegen möchtest! Amen.

Es ergibt sich bei diesem Vers ganz von selber eine fünffache Gliede­rung:

1. Der Gott aller Gnade.  Dieser Name Gottes ist die Zusammenfas­sung a l l e r Gottesnamen. Denn alles, was von Gott in Seinen Namen sonst ausgesagt wird, läßt sich zusammenfassen in dem einen Wort G n a d e. Er ist der Gott der Liebe, und Liebe ist Gnade. Er ist der Gott des Friedens; denn Friede ist Gnade. Wir sehen es an den vielen vergeb­lichen Bemühungen, Frieden herbeizuführen. Es steht wohl geschrieben:

“Soviel an euch liegt, habt mit jedermann Frieden” – aber viele Bemü­hungen scheitern. Friede muß immer als ein Gnadengeschenk uns gegeben werden. – Gott ist ferner ein Gott der Freude; denn Freude ist Gnade. Andernfalls ist Freude nur ein schales Vergnügen oder bloße zur Schau getragene Heiterkeit. Tiefe Freude ist ein Gnadengeschenk. – So könnten wir fortfahren, die Gottesnamen in der Schrift zu suchen und darauf zu sinnen: Wo ist hier die Gnade? Und wir würden immer wieder finden:

Gott ist der Gnädige, der sich herabneigt. Auch wenn wir lesen vom “Gott der Gerechtigkeit” oder vom “Gott des Gerichts” – es ist alles Gnade. Wo hört die Gnade auf? Dort, wo sich Gott zurückzieht und schweigt. Solange Er aber noch redet, und sei es im Gericht, ist Er uns immer noch zugewandt. Martin Luther hat gesagt: “Kein größer Übel ist, denn daß ein Mensch tun darf, was er will, und Gott schweigt.” Wenn Gott schweigt, dann ist die Gnade zu Ende. Aber Er  r e d e t in Seinem Sohn; darum ist Er der “Gott aller Gnade”.

Doch ist hier ein “Aber” angefügt: “Der Gott aller Gnade a b e r”. Der große, majestätische’ heilige Gott ist so groß, daß Ihm das Kleinste nicht zu klein ist. Daran erkennt man die Größe, auch die Größe eines Menschen, daß er sich des Kleinen annimmt Der “Gott aller Gnade” aber – das ist der Gott, der sich um die Kleinen kümmert.

2. Er hat uns berufen.  Die Gemeinde ist nicht bloß die “Herausge­rufene”. In dem Wort Ekklesia (Herausgerufene) ist auch enthalten das Wort klesis, d. h. “Beruf”. Die Gemeinde ist für einen Beruf herausge­rufen worden. Gott braucht sie, jeden einzelnen, für sich selbst; denn Er hat in Seinem Herzen unendlich große Dinge vor, die früheren Geschlech­tern und Zeitaltern nicht geoffenbart wurden, die aber Paulus, dem aus­erwählten Rüstzeug, dem Herold, Apostel und Lehrer der Nationen, ge­zeigt wurden. Diese Dinge einmal auszuführen, dazu ist die Gemeinde berufen.

  • Zu Seiner ewigen Herrlichkeit.  Diese Herrlichkeit ist heute noch verborgen, sie will aber in Erscheinung treten. Und wir merken aus der ganzen Heiligen Schrift dieses brennende Verlagnen dieses herrliches Gottes, in Erscheinung zu treten, sich zu offenbaren. Heute ist diese Herrlich­keit nur der Gemeinde gegeben, sie will aber in Erscheinung treten nicht nur auf dem Erdenball, sondern im ganzen Weltenall, und dazu soll die Gemeinde mit beitragen. Darum mahnt ja Paulus: “Wandelt würdig eurer hohen Berufung!” Wichtig ist es, diese Berufung überhaupt einmal zu sehen und ins Herz zu fassen.

4.  “Die ihr eine kleine Zeit leidet.”  Wir leiden u n t e r der Welt, wir leiden a n der Welt, und wir leiden auch m i t der Welt. Wem greift es nicht ans Herz, wenn er von all dem Leiden in der Welt hört, das allein über die

K i n d e r ergeht? Wer würde nicht mitleiden wollen? Und wir leiden auch an u n s  s e l b e r , an unseren Begrenztheiten. Aber nur “eine kleine Zeit”. In Hiob 11, 16 steht das Wort: “Du wirst der Müh­sale gedenken wie vorübergeflossener Wasser.” Einmal sind sie vorbei, und an vorübergeflossene Wasser denkt niemand mehr. Darum wollen wir uns daran erinnern lassen: Das Leid geht vorüber!

5. Über dem Leid aber steht die bewahrende Hand des Herrn. Er schenkt ein Vierfaches: Vollbereitung, Stärkung, Kräftigung, Gründung

a) Vollbereitung : Was uns wohl am meisten schmerzt, ist die Tatsache, daß so vieles in unserem Leben unvollendet liegen bleibt. Wir können so weniges nur zu Ende führen. Wir können nur säen, anfänglich wirken, um es dann in andere Hände zu legen – am besten in die Hände Gottes. Das gilt besonders im Hinblick auf die Heranwachsenden: alles in die Hände Gottes legen. In Psalm 57, 3 (Elberf. Übs. V. 2) steht das Wort: “Ich rufe zu Gott – hier steht EL, der Allmächtige, über dem es keine andere Gewalt mehr gibt – ich rufe zu EL, der es für mich voll­endet (oder: der für mich Seine Ziele erreicht)”. Vollbereitung: Er wacht über Seinem Werk.

b) S t ä r k u n g: In Jesaja 40, 29 wird uns gesagt, wer Stärkung bekommt: Er gibt Stärke dem Unvermögenden.

c) K r ä f t i g u n g : In derselben Stelle wird uns auch gesagt, wer Kraft bekommt. Wem gibt Gott Kraft? Den Unermüdlichen? Nein, Er gibt Kraft den M ü d e n. O wie müde möchte man oft werden ob all dem Streiten, ob all dem Durcheinander, ob all dem Fehlen und Ver­sagen! Hier aber wird uns verheißen: Dann bekommst du Kraft, wenn du deine Müdigkeit schmerzlich empfindest.

d) G r ü n d u n g: Ich sehe vor mir einen Baum, aber er könnte nicht Baum sein, wenn er nicht gegründet wäre. Und ich sehe vor mir ein Haus, aber es könnte nicht stehen und dem Sturm widerstehen, wenn es nicht gegründet wäre. Das aber können w i r nicht schaffen. In dem Gleichnis Jesu von den zwei bauenden Männern (Matth. 7) hat jeder gebaut, mit den gleichen Baustoffen, der zweite so fleißig wie der erste, aber bei dem einen fehlte es am rechten G r u n d : er hat statt auf Felsengrund auf Sand gebaut. Es lag nicht an der Aktivität, an der Mobilität, sondern am Grund. Wir aber haben einen Grund, und darum haben wir Verheißung. Amen.

Quelle: Kurzandacht von Otto Vosseler auf einer Konferenz über das Prophetische Wort, (Langensteinbacherhöhe, November 1978)