Der Glaube ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft (Hebräer‬ ‭11,1‬)

Von Karl Geyer

„Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht.“
‭‭‬‬

Hebräer‬ ‭11,1‬ ‭ELB


In Hebräer 11, 1 – 3 wird uns als Einleitung zu dem Kapitel von der großen Galerie der Glaubenshelden das Wesen des Glaubens geschildert. Es uns dort gesagt, was der Glaube ist, und dann, was er vermag. Er ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft. Alle kommenden Ereignisse, die in der Zukunft sich im Himmel und auf Erden abspielen werden, also heute für uns noch Hoffnungsgut sind, werden durch den Glauben in unserem Geiste zur Wirklichkeit, treten also für unseren Geist in die Gegenwart ein. Während die Welt diese Dinge erst sieht, wenn sie sich in der Zukunft abspielen, stehen sie für den Glauben jetzt schon fertig da. Der Glaube sieht alles in Gott, darum stehen auch alle Dinge vollendet vor ihm. So, wie die Dinge vor den Augen Gottes stehen, stehen sie auch vor den Augen des Glaubens. Deshalb ist auch dem Glaubenden kein Ding unmöglich, so wie dem kein Ding unmöglich ist, mit dem der Glaube rechnet, nämlich Gott. Insoweit wir also die Gegenstände der Verheißung glaubensmäßig schauen können, sind wir Teilhaber der göttlichen Natur (2. Petri 1, 4). Das kommende Unsichtbare ist uns gegenwärtig und sichtbar geworden im Geiste. Darum vermag auch der Glaube zu verstehen, daß das Sichtbare herkommt aus dem Unsichtbaren.

Alle sichtbaren Dinge sind darum nur Abschattungen unsichtbarer Dinge. Alles Irdische ist nur ein Gleich-nis. Wie ein Filmstreifen nicht das Wesen selbst ist, sondern nur der Schatten, das Bild, so gibt es unter der Sonne auch nur Schatten und Abbilder der Dinge in den Himmeln. Die ganze Geschichte des Himmels und seiner Bewohner wird uns in der Schrift in wunderbaren Bildern enthüllt:

  1. Das himmlische Jerusalem wird abgeschattet durch das irdische,
  2. der Hohepriesterdienst Christi durch den Dienst Melchisedeks,
  3. der obere Sinai durch den unteren, das Königtum Christi durch David.
  4. das tausendjährige Friedensreich durch Salomon,
  5. der letzte Richter durch Samuel, der in Rama wohnt, in Bethel anfängt zu richten, und über Gilgal und Mizpa wieder zur Höhe (Rama) zurückkehrt (Bethel heißt Haus Gottes, und das Gericht fängt an am Hause Gottes),
  6. die Opferung des Sohnes durch die Opferung Isaaks,
  7. die Erhaltung der Welt durch Joseph, der den Namen Zaphnat-Paneach erhält, zu deutsch: Erhalter der Welt.
  8. Ja, selbst der Feind und Gegner des Herrn wird abgeschattet in verschiedenen Kapiteln der Schrift. Man beachte nur, daß der König Pharao von Ägypten, zu deutsch: Herrscher der Finsternis, nur ein Gleichnis ist von einem anderen, der unter den Bäumen Edens der größte war, der droben im Garten Gottes der Herrlichste von allen war. Man lese das Kapitel Hesekiel 31, und beachte, wie die Schrift zweimal sagt: Wem bist du Herrscher der Finsternis gleich (oder zu vergleichen) an Herrlichkeit und Größe unter den Bäumen Edens? (Verse 4 und 18). Ja, das Kapitel schließt mit dem Hinweis, daß das der wahre Herrscher der Finsternis sei, und nicht das Schattenbild auf der Erde. Ähnliche Stellen finden wir auch in Jesaja 14, 12 – 14 und Hesekiel 28, 12 – 18.

Unser Glaube ist ein göttliches und himmlisches Gewächs. Seine Interessen liegen nicht in dem Sichtbaren. Wie sollten wir aber die unsichtbare Welt erkennen, wenn uns ihre Geschichte nicht enthüllt wäre an sichtbaren Dingen? Von der Sichtbarkeit aber vermag der Glaube den großen Schritt in das sinnlich nicht Wahrnehmbare zu tun. Damit erhebt er sich weit über jede Wissenschaft. Während diese nur die sinnlich wahrnehmbaren Dinge beurteilen kann, lebt der Glaube im Wesen der Dinge selbst und kann deshalb nie erschüttert werden. Um nun die Geschichte Christi, als der Offenbarung des unsichtbaren Gottes, recht verstehen zu können, müssen wir die Vorbilder der Schrift mit den Augen des Glaubens schauen. Tun wir dies nicht, dann bleiben sie entweder nur Geschichte, oder im besten Falle werden sie erbaulich auf uns angewendet. Wem aber, um nur eine Geschichte herauszugreifen, die Parallele zwischen der Opferung Isaaks und der Opferung Christi noch nicht aufgegangen ist, der kann wohl Glauben an Christus haben und gerettet sein, aber den Glauben Christi hat er nicht. Er ist nicht hingelangt zu einerlei Glauben und Erkenntnis mit dem Haupte.

Es gibt für ein gläubiges Herz nichts Köstlicheres, als dem lebendigen Gott selbst ins Herz zu sehen. Ja, es ist über die Maßen herrlich, schauen zu dürfen, wie er sich im Sohne offenbart, und wie er uns seine ureigene Gottesgeschichte enthüllt von dem Augenblick an, wo der Sohn aus dem Inneren des Vaters herauskam, bis zu dem Augenblick, wo er wieder mit dem ganzen All zu ihm zurückkehrt, auf daß Gott sei alles in allem.

Quelle: Aus dem Abschnitt „Die symbolische Bedeutung der ersten Gottesoffenbarung“ des Buches „Abraham“ von Karl Geyer

https://data.kahal.de/pdf/026-KG-ABR.pdf