Das Joch wird verfaulen infolge des Fettes (Jes. 10, 27b)

Und es wird geschehen an jenem Tage, daß seine Last weichen wird von deiner Schulter und sein Joch von deinem Halse; und das Joch wird gesprengt werden infolge des Fettes.

Jesaja 10,27

 Autor: Adolf Heller

Geschichtlich gesehen handelt Jesaja 10 von Assyriens Druck, den es auf Israel ausübte. Er wird mit der Sklaverei verglichen, die das heilige Volk in Ägypten erfahren musste (Vers 24). Dabei wird in Vers 27b eine seltsame Methode erwähnte, wie Gott das Joch von der Schulter der Unterdrückten wegnimmt. Es ist die Rede von einem Bersten, Zersprengtwerden oder Verfaulen des Joches. Und zwar soll Fett (Salbung oder Salböl) die Ursache für das Zerfallen des Joches sein.

Das ist ein eigenartiges Wort, das uns in seinem geistig-übertragenen Sinn – und jede Schrift hat neben ihrem geschichtlichen Inhalt persönlich-erbauliche Bedeutung für jeden Einzelnen! – etwas von der Art und Weise Gottes enthüllt, wie er Gebundenheiten und Hemmungen und Joche von uns nimmt, uns aus der Knechtschaft in die Erlösung, aus der Sklaverei in die Freiheit führt.

Fassen wir zunächst einmal ins Auge, was Gottes Wort unter einem Joch versteht! Es ist ein Bild für Belastung, Dienstschaft und Untertansein irgendwelcher Art. Und zwar im guten wie im bösen Sinn. So spricht z.B. der Herr von einem „sanften Joch“ (Matth. 11, 30), und Paulus schreibt in Philipper 4, 3 von einem Mitarbeiter als von einem synzygos = Jochgenossen.

Dass aber das Joch auch ein Bild für Sündenlast sein kann, ersehen wir aus Klagelieder 1, 14, wo der weinende Prophet ausruft: „Angeschirrt durch seine Hand ist das Joch meiner Übertretungen.“ Von einem „Joch der Übertretungen“ ist also hier die Rede, wie man ja auch von einem „Sündenjoch“ spricht.

Darum wird von manchen Opfertieren verlangt, dass sie keinerlei Joch getragen haben durften (4. Mose 19, 2; 5. Mose 21, 3).

Am häufigsten wird das Joch als ein Bild der Unterdrückung gebraucht. Schlagen wir etwa folgende Schriftzusammenhänge nach: 3. Mose, 26, 13; 5. Mose 28, 48; 1. Könige 12, 4; Jesaja 9. 4; 14, 25; 28, 2; Hes. 30, 18 u.a.

Joch ist ein treffendes Bild des Gesetzes und der Gesetzlichkeit. Denken wir nur an das Konzil in Apostelgeschichte 15, wo Petrus den Versammelten sagte: „Was versuchet ihr Gott, ein Joch auf den Hals der Jünger zu legen, was weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten? Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesu in derselben Weise errettet zu werden wie auch jene“ (Vers 10, 11). Es sei nur kurz angedeutet, dass gesetzlich-kultische Forderungen in ausgesprochenem Gegensatz zur Gnade gestellt und ein „Versuchen Gottes genannt werden. Vielleicht verstehen wir in diesem Licht die ernsten Worte von Galater 1, 6-9 besser.

Auch Paulus warnt vor dem Joch gesetzlicher Frömmigkeit, wenn er in Galater 1, 2 mahnt: „Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht; stehet nun fest und lasset euch nicht wiederum unter einem Joche der Knechtschaft halten. Siehe, ich, Paulus sage euch, dass, wenn ihr beschnitten werdet, Christus euch nichts nützen wird.

Stehen wir nicht alle in der einen oder anderen Art unter irgendwelchem Joch der Belastung? Drückt uns nicht irgendeine Not und Einengung, eine Schwierigkeit deren wir nicht Herr werden, eine unbestimmte Furcht und Angst, von der wir keine Befreiung finden? Wenn wir alle Masken ablegten, die wir vor unseren Mitmenschen, vor uns selbst und vor Gott tragen, wie viel unerfüllte Sehnsucht, wie viel gesetzliches, fruchtloses Abmühen und Abquälen an sich und anderen, wie viel unerlöste Gebundenheit, wie viel heimlicher Druck und hoffnungslose Trauer würden dann offenbar! Es gibt auch im Leben der Gläubigen mancherlei erkannte und unerkannte Joche; Joche, unter denen der eine sich wund reibt, weil er sie gewaltsam abzuschütteln versucht und immer wieder gegen sie ausschlägt; Joche, unter denen ein anderer unausgesetzt seufzt und gar nicht mehr an die Möglichkeit einer wirklichen Befreiung und völligen Erlösung zu glauben wagt. Solchen hat unser Wort eine wunderbare Botschaft zu verkündigen. Das Joch wird bersten (genauer: verfaulen!), d.h. von selbst zerbrechen und abfallen. Und das nicht infolge unserer Anstrengungen, nicht durch plötzliches gewaltsames Eingreifen von außen her, sondern vielmehr infolge „des Fettes (des Salböls)“. 

Was soll das heißen? Das Fett ist ein Bild der Vortrefflichkeit und des Wertes vor Gott. Darum gehörte alles Fett beim Opfer dem Jehova, wie wir in 3. Mose 3, 14b-16 lesen: „Das Fett, welches das Eingeweide bedeckt, und alles Fett, das am Eingeweide ist, und die beiden Nieren und das Fett an ihnen …. Soll er abtrennen. Und der Priester soll es auf dem Altar räuchern: es ist eine Speise des Feueropfers zum lieblichen Geruch: alles Fett gehört dem Jehova,“ Ja, selbst das Fett vom Aas, das doch ein Symbol gottwidriger Fäulnis und geistlichen Todes ist, durfte noch benützt werden, wie 3. Mose 7, 24 bezeugt: „Das Fett vom Aas und das Fett vom Zerrissenen kann verwendet werden zu allerlei Werk; aber ihr sollt es durchaus nicht essen!“

Auch das Salböl ist ein Bild göttlicher Segnung und zwar der höchsten und herrlichsten, deren wir jetzt teilhaftig werden können, nämlich des Heiliges Geistes. Wir brauchen nur an Sach. 4, 1-6 zu denken, wo der Leuchter mit einem Ölbehälter auf Gottes Geist gedeutet wird.

Dieses Fett oder Salböl bewirkt das Bersten, das Zerfallen oder Verfaulen jeglichen Joches. Indem uns Gott mit Segnungen überschüttet, die Herrlichkeit des Sohnes enthüllt und uns im Geiste die Vollmacht und Liebe Christi erkennen und genießen lässt, lösen sich Gebundenheiten und Ängste, Einengungen und Lasten ganz von selber auf. Sie verlieren ihre quälende Macht auf unser Geistes- und Seelenleben, sobald sie nicht mehr im Blickpunkt unseres ständigen Denkens und Sinnens liegen. Wenn wir durch das Salböl des Geistes nach dem trachten lernen, was droben ist (Kol. 3, 2), wenn uns statt des lieben eigenen Ich mit seinen fortwährenden Befürchtungen und Sorgen die wunderbaren Geheimnisse Gottes beschäftigen, deren Verwalter wir ja sein sollen (1. Kor. 4, 1), dann dürfen wir fortlaufend in immer steigendem Maße erfahren, dass so manches Joch der Angst und Not weicht, dass vieles, was uns vorher bedrückte und bedrängte, nach und nach sein Gewicht verliert und wir frei und froh dahingehen dürfen.

So empfand auch der Apostel Paulus seine Krankheit, sein Geschlagenwerden durch die Fäuste eines Satansboten, zunächst als schweres Joch, das er abzuschütteln versuchte. Es wurde ihm aber gezeigt, dass Gott ihm aus Liebe diese Last gegeben hatte, um ihn vor Überhebung zu bewahren und ihn nur um so mehr zu befähigen, ein Preis der allgenügsamen Gnade zu sein. Nun war dem Apostel sein Leiden nicht mehr eine unerträgliche Last, sondern im Gegenteil eine Ursache zum Ruhm. Das Joch war verfault infolge des Salböls.

Wer hätte ähnliches nicht schon auf diesem oder jenem Gebiet seines persönlichen Lebens erfahren? Wo Salbung ist, da ist Lob und Dank, da weicht der Geist der Verzagtheit und Verbitterung, da bricht das Joch mürrischen Unmutes und gesetzlicher Selbsterlösungsversuche entzwei. In diesem Lichte erkennen wir auch, dass es zuletzt wirklich nur eine einzige Sünde gibt: nicht zu glauben an Christus, sich nicht von ihm ganz erfassen und erfüllen zu lassen (Joh. 16, 9). Wo dieses Fett der Erkenntnis der Vortrefflichkeit des Sohnes Gottes fehlt, wo diese Salbung mangelt, da wird selbst unsere Frömmigkeit zu eitlem Wahn und wir geraten unter das Joch der Gesetzlichkeit und der Sünde.

Der göttliche Weg, um wirklich frei zu werden von Druck und Angst und Sorge, vom Zwang der Gesetzlichkeit besteht darin, sich vom Salböl der Segnung, vom Fett der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi völlig überführen und erfüllen zu lassen.

Nicht der Blick auf uns und unsere Nichtigkeit und Not, sondern der Blick auf ihn und seinen Gnade und Treue macht uns frei und lässt die uns umgestaltenden Licht- und Liebeskräfte Gottes wirksam werden. Dass Salböl der Herrlichkeit Christi bringt jegliches Joch der Sünde, Sorge und Gesetzlichkeit zum Modern und Verfaulen und gestaltet uns in sein Ebenbild um, wie Paulus in 2. Korinther 3, 18 schreibt: „Wir alle, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bilde.“

Wie auch das Joch heißen mag, das dich hemmt und hindert und in Trägheit und Trauer hineindrängen will, – lerne die Herrlichkeit Christi anbetend anschauen, indem du mit dem erhöhten Herrn schweigenden Liebesumgang pflegst, und du wirst die Seligkeit der Verheißung erfahren dürfen:

„Das Joch wird verfaulen infolge des Fettes“.