Sorgen ist unnötig (Matt. 6, 25)

25 Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und was ihr trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt! Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Seht die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht und ernten nicht, sie sammeln auch nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? 27 Wer aber von euch kann durch sein Sorgen zu seiner Lebenslänge eine einzige Elle hinzusetzen?28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen! Sie mühen sich nicht und spinnen nicht; 29 ich sage euch aber, daß auch Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30 Wenn nun Gott das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wird er das nicht viel mehr euch tun, ihr Kleingläubigen? 31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? oder: Was werden wir trinken? oder: Womit werden wir uns kleiden? 32 Denn nach allen diesen Dingen trachten die Heiden, aber euer himmlischer Vater weiß, daß ihr das alles benötigt. 33 Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles hinzugefügt werden! 34 Darum sollt ihr euch nicht sorgen um den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Jedem Tag genügt seine eigene Plage.

Matthäus 6, 25-34

Autor: Karl Layer – Sorgen ist unnötig, Wortdienst von Pastor Karl Layer (April 2005)

Liebe Geschwister und Freunde, man hat mich gebeten, mich zuerst kurz vorzustellen, und das will ich hiermit tun. Meinen Namen und Beruf kennen Sie schon. Als Pastor muss man immer wieder »wandern«, und die Stationen meines Dienstweges waren Blaubeuren, Neuhütten, Nürnberg, München, Freudenstadt und jetzt, im sogenannten Ruhestand, wohnen wir wieder in Winnenden, von wo ich ausgegangen war. Was soll ich Ihnen noch sagen? Verheiratet, vier Kinder, neun Enkelkinder, Jahrgang 1930.

Mir wurde vorhin gesagt, das sei aber ein gewagtes Thema: »Sorgen ist unnötig«. Regt sich da bei Ihnen ein Protest? Das wäre verständlich. Doch es sind immerhin Worte Jesu, die ich jetzt zunächst als Text vorlesen möchte (Matth. 6,25–34 nach Luther):

»Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? (26) Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? (27) Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? (28) Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. (29) Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. (30) Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte Er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? (31) Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? (32) Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

(33) Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. (34) Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.«

Wie ist dieser Text zu verstehen? Wollte der Herr Jesus damit ein leichtfüßiges, sorgloses Leben empfehlen, so wie manche Lebenskünstler einfach so dahinleben, vielleicht auch andere für sich sorgen lassen?

Ich möchte diesem Jesuswort vom Nicht-Sorgen ein Pauluswort an die Seite stellen. Offensichtlich hat Paulus seinen Herrn in dieser Sache richtig verstanden. Er schreibt nämlich in Phil. 4,6: »Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!« Damit nicht genug, möchte ich dem Herrn Jesus und dem Paulus auch noch den Petrus an die Seite stellen. Offensichtlich hat auch Petrus von seinem Herrn viel gelernt. Er sagt in 1. Petr. 5,7: »Alle eure Sorge werft auf Ihn; denn Er sorgt für euch.«

Welches Sorgen ist gemeint?

Natürlich müssen wir, wenn wir das Thema »Sorge« jetzt angehen, zunächst einmal fragen: Welches Sorgen ist denn gemeint? Wir können das Thema ja nicht allein mit dem Satz »Sorgen ist unnötig« erledigen.

Kann z. B. die Fürsorge gemeint sein? Ich meine jetzt nicht das Fürsorgeamt oder Sozialamt, sondern überhaupt die Fürsorge, die uns Menschen aufgetragen ist. Kann eine Mutter sagen: »Die Fürsorge für meine Familie ist unnötig, der liebe Gott wird mir den Brotlaib schon ins Haus schicken«? Das geht nicht. So schreibt ja auch der Apostel Paulus (1. Tim. 5,8): »Wenn aber jemand die Seinen, besonders seine Hausgenossen, nicht versorgt, hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Heide.« – Fürsorge kann also mit dem falschen Sorgen nicht gemeint sein. Fürsorge ist Aufgabe. Auch Gott sorgt ja für die Seinen. Häusliche Fürsorge und überhaupt Fürsorge für Menschen ist durchaus geboten.

Und wie steht es mit der Vorsorge? Wenn selbst Krankenkassen denjenigen Bonusse (oder Boni) vergüten, die zur Vorsorgeuntersuchung gehen, dann muss das ja einen Sinn haben. Vorsorge kann also auch nicht gemeint sein.

Ich hörte den Vortrag eines Mannes, der als Entwicklungshelfer tätig war. Nach seinen Ausführungen wird Entwicklungshilfe dann problematisch, wenn die Empfänger darauf verzichten, Vorsorge zu leisten, sondern von der Hand in den Mund leben. Könnte man das aus dem Jesuswort in Matth. 6,34 nicht auch ein bisschen heraushören, wenn es dort heißt: »Sorgt nicht für morgen …, es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat«? Man könnte das so verstehen: Was morgen sein wird, ist eigentlich nicht wichtig. Aber ist damit das Thema »Vorsorge« erledigt? – Die Unfähigkeit, Vorsorgewirtschaft zu betreiben, ist in manchen afrikanischen Ländern ein großes Problem. Missionare haben erzählt, dass, wenn wieder eine Hilfslieferung kam für eine Missionsstation, sich die Bewohner der Gegend scharenweise darauf stürzten, bis nichts mehr da war von dem, was als Vorsorge für einen bestimmten Zeitraum gedacht war. Die Mentalität, von der Hand in den Mund zu leben, führt zu keiner gesunden Wirtschaft. Es gibt natürlich Gebiete, in denen die Menschen ums nackte Überleben kämpfen und wo es vor lauter Armut und Hunger gar nicht anders möglich ist, als von der Hand in den Mund zu leben. Aber als grundsätzliche Einstellung kann diese Mentalität nicht richtig sein.

Die Angstsorge

Welche Sorge ist also gemeint, wenn wir sagen »Sorgen ist unnötig«? Ich möchte die falsche Sorge als Angstsorge bezeichnen. Die Fürsorge und die Vorsorge sind nötig, aber die Angstsorge ist nicht nötig. Was ist darunter zu verstehen? – Wenn es um Begriffserklärungen geht, schaue ich gern in ein Lexikon hinein, und da las ich in Bezug auf das falsche Sorgen Folgendes: »Die das Gemüt gleichsam spaltende, hin und her zerrende Erwägung der Möglichkeiten, insbesondere der schlimmen Möglichkeiten.« Also das Gemüt wird gleichsam gespalten; man weiß nicht mehr, in welche Richtung man denken soll; man wird hin und her gezerrt von der Erwägung: Klappt es wohl oder klappt es nicht? Komme ich durch oder komme ich nicht durch? Durch das hin und her zerrende Erwägen vor allem der schlimmen Möglichkeiten wird man schier selber zerrissen. – Ich fand noch eine andere Begriffserklärung für Angstsorge, sie lautet: »Ein ängstliches Vorausdenken ohne die Gewissheit, mit den vorhandenen oder drohenden Schwierigkeiten fertig zu werden.«

Angstsorge wird deshalb zum Problem, weil ich die ungewisse Zukunft nicht im Griff haben kann. »Zukunft« ist das, was auf uns zukommt. Die ungewisse Zukunft greift lähmend in die Gegenwart herein. Das ist es, was die Angstsorge ausmacht. Sie lähmt uns. Ich möchte das Ungewisse der Zukunft jetzt schon im Griff haben, doch es geht nicht. Das ist ein Grundproblem unseres Menschseins.

Wer das Problem dadurch lösen will, dass er einfach in den Tag hineinlebt, ohne an das Morgen zu denken, der kann das nur mit einer Art von Betäubung tun. Man muss einmal Menschen kennengelernt haben, die dem Alkoholismus verfallen sind. Da wird versucht, mit Hilfe des Alkohols das Leben zu bewältigen. Das ist schlimm, das geht nicht. Wir Menschen sind so konstruiert, dass wir an morgen denken. Aber wie? – das ist die Frage. Genau hier kann Jesus uns helfen.

Angstsorge entsteht also, wenn wir die Zukunft bewältigen wollen, in den Griff bekommen wollen, und erkennen müssen: Es geht nicht.

Welche Sorge also ist gemeint? Nicht die Fürsorge und nicht   die Vorsorge, sondern die Angstsorge.

Wie urteilt Jesus über das falsche Sorgen?

Jesus macht uns erstens deutlich: Angstsorge entspringt dem Kleinglauben. Er sagt sogar: »Nach dem allen trachten die Heiden« (V. 32). Mit »Heiden« oder »Nationen« meint Er Menschen, die den lebendigen Gott nicht kennen, die sich ihre eigenen Götter machen. Die Angstsorge entspringt dem Kleinglauben oder sogar dem Unglauben. Wenn du nicht vertrauen kannst, greift die Angstsorge nach dir. Es gibt ein sehr rigoroses Wort eines gläubigen Mannes, den man den »Heißdampfschmidt« nannte. Er war ein hochbegabter Mann, der vieles erfunden hat, darunter auch die Heißdampflokomotive. Er hat  gesagt: »Entweder ich glaube – dann sorge ich nicht. Oder ich sorge – dann glaube ich nicht.« Das ist deutlich.

Was meint nun Jesus mit dem Trachten der Heiden (oder Nationen)? Die Götzen bzw. Götter der Nationen sollen etwas erreichen, was sie nicht können. Man möchte durch sie eine Art von Zukunftsbewältigung bekommen. Wenn der Heide seine Reisschale vor seinen Regengötzen hinstellt, dann will er erreichen, dass der Regengötze für das richtige Wetter sorgt, damit sein ausgesäter Same wachsen kann. So will er seine Zukunft bewältigen.

Wenn wir im Kleinglauben oder Unglauben stecken bleiben, dann machen wir unser Ergehen und das Bewältigen unserer Aufgaben von unseren Verhältnissen abhängig. Wer nur so lebt, befindet sich in einer Art von Gefangenschaft. Wir kommen ja alle aus bestimmten Verhältnissen. Wir haben alle unsere eigene Art, und jede Art ist auch verbunden mit einer Un-Art. Wir haben alle unsere Prägung, unsere Lage, unsere spezielle Situation und unsere Aufgaben, die zu bewältigen sind. Die Mutter muss mit den Kindern zurechtkommen und der Arbeiter mit seinem Chef. – Es gibt in Phil. 4,13 ein Wort des Apostels Paulus, der auch mit den Verhältnissen zurechtkommen musste, das lautet: »Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.« Damit ist natürlich Christus gemeint. Da spricht nun Paulus im Zusammenhang nicht von hochgeistigen Dingen, sondern vom Hungern und vom Sattsein, vom Überfluss haben und vom Mangel leiden, also von ganz praktischen Dingen des Alltags. Paulus sagt einfach: »Ich vermag alles!« Wie kommt er dazu? Er weiß: Ich habe einen Herrn über mir, der die Oberleitung hat; darum muss ich nicht ängstlich sorgen. Er ist Herr jeder Lage. Wir Menschen möchten auch gern »Herr jeder Lage« sein, aber wir schaffen das nicht. Wenn ich im Glauben mit dem Herrn verbunden bin, dann habe ich auch den Blick frei für das Vermögen dieses Herrn. Ich bleibe dann nicht an meinen Möglichkeiten hängen, die sehr oft Unmöglichkeiten sind. Auch beim besten Wollen vermögen wir nicht alles! Glauben heißt: Ich begebe mich bewusst – mit meinem Willen – in die Abhängigkeit meines großen Herrn. Von Hermann Bezzel stammt das Wort: »Frömmigkeit ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen.« Der Kleinglaube oder Unglaube tut das nicht.

Wie urteilt Jesus über das falsche Sorgen? Er sagt uns als Zweites: Angstsorge ist vergeblich. Das sagt Er uns mit dem Hinweis: »Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?« (V. 27). Wir müssen es uns einmal klarmachen: Das Sorgen hat keinen Wert! Angstsorge ist vergeblich, denn sie ändert an der Situation gar nichts.

Es gehört zum Reifwerden eines Menschen, dass er unterscheiden lernt, was er kann und was er nicht kann. Das ist ein Lernprozess, das wissen wir nicht von Haus aus. Überfordern wir uns nicht selber! Weil wir’s nicht wissen oder nur zum Teil wissen, müssen wir es lernen – bis ins Alter hinein. Einer, der nicht musikalisch ist und auch nicht singen kann, muss nicht unbedingt im Chor mitsingen; und wer keine Redegabe hat, muss nicht Pressesprecher werden. Beim Angstsorgen überfordern wir uns, und das wirkt lähmend.

Die Angstsorge ist vergeblich, denn trotz all unserm Sorgen kommen ja doch die Proben, und wir bewältigen sie mit unserem ängstlichen Sorgen nur umso schwerer. – Es gibt ein Wort, das heißt: »Die Sorge wegen morgen stiehlt uns den Dank für gestern.« Deshalb verbindet Paulus in Phil. 4,6 seine Mahnung, nicht zu sorgen, mit der Ermunterung, zu bitten und zu danken. Das Danksagen bindet uns fest an Gott, und wenn wir an all die Erfahrungen denken, die wir im Gestern und Vorgestern mit dem lebendigen Gott gemacht haben, gibt es Stoff genug zum Danken. Es bindet uns an Gott, und in diesem Gebundensein können wir dann hineingehen in die Proben von morgen und übermorgen.

Eine dritte Antwort, wie Jesus über das falsche Sorgen urteilt, findet sich bereits in unserem Thema: Angstsorge ist unnötig. Jesus leitet dies ab von dem zentral wichtigen Hinweis auf Gott als Vater: »Euer himmlischer Vater weiß …« Was für ein gewaltiger Trost ist das! »Euer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.« Er denkt nicht erst an uns, wenn wir rufen, wenn wir schreien, wenn wir unsere Bedürfnisse bei Ihm anmelden – oder gar unser Zehn-Punkte-Programm, das wir uns ausgedacht haben. Er weiß doch alles längst zuvor! Er weiß, wer wir sind; Er weiß, was auf uns wartet; Er weiß, was wir können und nicht können; Er weiß, was wir brauchen; Er weiß, wie die Proben von morgen und übermorgen aussehen; Er weiß, wie alles kommen wird – es ist ja alles in Seinem Zukunftsprogramm enthalten und Er überschaut alles.

In Matth. 6,8 lesen wir: »Euer Vater weiß, wessen ihr bedürft, ehe ihr Ihn bittet.« Aus diesem Wort Jesu könnten wir eine Fehlentscheidung ableiten, indem wir denken: Also muss ich gar nicht bitten! Er weiß ja alles! Das wäre ein Kurzschluss; denn unser himmlischer Vater will, dass wir bitten. Er will nämlich von uns das Signal hören: Hier ist einer, der ist bedürftig, der ist annahmebereit, empfangsbereit, er wartet auf meine Gaben. Er will von uns das Bitt-Signal hören: Jetzt bin ich auf Empfang eingestellt, ich bin auf den Vater hin programmiert.

Der Wahn der Selbstbestimmung

Die Menschen leben ja im Allgemeinen in dem fürchterlichen Wahn, sie könnten ihr Leben selbst meistern. Die Autonomie, das Unabhängigseinwollen, ist die große Gefährdung für unser Menschsein. Wie hat man es uns in den Sechzigerjahren einbläuen wollen, der Mensch sei mündig geworden und auch die christlichen Gemeinden seien mündig. Der Mensch will sich selber führen, selber alles bestimmen, denn er meint selber am besten zu wissen, was gut für ihn ist. Wie töricht! Er kann sich nämlich nicht selber führen. Vielmehr ist der Mensch auf Führung bzw. auf einen Führer hin angelegt. Das ist mir wieder deutlich vor Augen getreten, als ich mitbekommen habe, wie nach dem Tod des Papstes Karol Wojtyla Millionen nach Rom geströmt sind. Der Mensch sucht nach einem Idol, einem Führer; er braucht jemand, der ihm den Weg zeigt. Das kann ein Massenphänomen werden: Die Masse strömt dorthin, wo sie Führung, Wegweisung, Hilfe zu finden meint.

Rechtes und falsches Bitten

Gott weiß, was wir benötigen. Er weiß, dass wir mit unserer Autonomie, mit unserer Selbstbestimmung, mit unserem Unabhängigseinwollen nicht weiterkommen. Darum wartet Er auf unser Bitten. Recht bitten heißt: Ich bin auf Empfang eingestellt. Es heißt nicht, Gott etwas vorschreiben zu wollen – was Er geben soll, wie viel und zu welchem Zeitpunkt Er es uns geben soll. Da kann sich leicht in unser Bitten ein Misstrauen einschleichen. Recht bitten heißt, Gott in herzlichem Vertrauen sagen: Hier bin ich mit meiner ganzen Bedürftigkeit. Es heißt nicht, Ihm ein Zehn-Punkte-Programm vorzubeten, in der Hoffnung, dass Er nur ja nichts vergisst! Je mehr Vertrauen wir investieren, desto lieber hilft Er uns als unser himmlischer Vater.

Gott der Vater ist auch der Erhalter. Das zeigt uns Jesus mit Seinen Hinweisen auf die Natur, z. B. auf die Vögel des Himmels, denen Gott den Tisch bereitet (V. 26). Der Vogel muss aber kommen und das Futter suchen. Jesus führt das an, um uns zu sagen: Wenn Gott sich so um die Vögel, um die Lilien und um das Gras des Feldes kümmert, wie viel mehr um euch, ihr Kleingläubigen! Wir sollen zwar als Kinder Gottes in rechter Weise fleißig und umsichtig sein, Fürsorge und Vorsorge betreiben, aber niemals selber Gott sein wollen! Paul Gerhardt hat es so ausgedrückt:

»Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll; Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.«

Jesus sagt uns also in Bezug auf das falsche Sorgen: Es ist kleingläubig – es ist vergeblich – und es ist unnötig. Unnötig ist es deshalb, weil Gott unser himmlischer Vater sein will, der weiß, was wir nötig haben, ehe wir Ihn bitten.

Was sollen wir nun daraus lernen?

Als Erstes sollen wir das Warten lernen. Das fällt uns oft unheimlich schwer. Es bedeutet, in der Prüfung, in der Not mit dem Eingreifen Gottes zu rechnen, und zwar im Sinne des Verses: »Wenn die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf’ mit Macht herein!« Oft geschieht das so überraschend, so überwältigend, dass wir nur staunen können. Es gilt, auf das Eingreifen Gottes warten zu lernen und dabei zu wissen: Wenn es nicht heute und nicht morgen kommt, dann doch zu dem richtigen Zeitpunkt, den Er bestimmt und weiß. Manche von uns kennen noch das Lied, das wir früher gern gesungen haben: Jesus verspätet sich nie. Weil das so ist, wollen wir zuversichtlich warten.

Zweitens sollen wir das Werfen lernen. – Ernst Modersohn schrieb in einem seiner Bücher, er habe einmal einem Kind beim Ballspielen zugeschaut. Das Kind warf den Ball an die Wand und fing ihn dann wieder auf. Und davon leitete er ab: Genauso würden wir’s machen mit unserem Sorgen. Petrus sagt uns (1. Petr. 5,7): »Alle eure Sorge werft auf Ihn!« Das tun wir auch im Gebet, doch wir machen es oft wie jenes Kind: Wir werfen die Sorge weg – und nachher kommt sie wieder zurück und wir fangen sie wieder auf. Deshalb sollen wir richtig werfen lernen. Wenn wir unsere Sorge auf Jesus werfen, ist es nicht wie das Werfen an eine Wand, sondern Er fängt die Sorge auf. Darum heißt es in dem Petruswort weiter: »denn Er sorgt für euch.« Das richtige Werfen ist ein Abgeben: Wir dürfen die Not bei Ihm abgeben, unsere Fragen abgeben, unsere Probleme abgeben. Wir dürfen bis in die kleinsten Dinge hinein alles abgeben an den, der ein Herr jeder Lage ist.

Drittens sollen wir vertrauen lernen. Wir dürfen wissen und es uns fest einprägen: Mein Vater im Himmel macht es auf jeden Fall richtig. Dieses Vertrauen lässt der Vater nicht unbeantwortet; Er greift ein. Und wenn dann einmal mein irdisches Ende kommt, darf ich in diesem Vertrauen mein Leben dem Lebensfürsten übergeben, nicht dem Todesfürsten (Apg. 3,15; 7,59; Offb. 1,17.18).

Als wir unsere Israel-Reisen machten, wurde uns von der Versicherung ein sogenanntes »Rundum-Sorglos-Paket« angeboten. Es gibt nicht nur Israel-Reisen, es gibt auch für jeden von uns eine Lebensreise, und auch da gibt es ein »Rundum-Sorglos-Paket«, und das heißt: warten lernen – werfen lernen – vertrauen lernen. Wer das lernt – und wir alle sind noch dabei und nicht fertig –, der versteht dann auch unser heutiges Thema: »Sorgen ist unnötig.« Gemeint ist das falsche Sorgen. Vom richtigen Sorgen hat der Herr Jesus in V. 33 unseres Textes gesprochen. Er verwendet dabei nicht das Wort »sorgen«, sondern das Wort »trachten«: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes!« Lasst das eure Hauptsorge sein, dann verschwinden alle anderen Sorgen! Dann sorgt nämlich Gott für euch in all den irdischen Angelegenheiten der Praxis des Alltags.

Manche Menschen sehen es als ehrenrührig an, von der Fürsorge zu leben. Man kann darüber verschieden denken. Es ist aber keineswegs ehrenrührig, von der Fürsorge Gottes zu leben. Fürsorgeempfänger zu sein bei Gott, unserem himmlischen Vater, ist eine große Sache. Lasst uns solche sein und bleiben! Denn unser Vater hat Mittel und Wege, uns aus jeder Ausweglosigkeit herauszuführen. Amen.