Ihnen – den Juden – ist vertraut, was Gott geredet hat (Röm. 3,2)

1 Was hat nun der Jude für einen Vorzug, oder was nützt die Beschneidung? 2 Viel, in jeder Hinsicht! Denn vor allem sind ihnen die Aussprüche Gottes anvertraut worden.

Römer 3, 1-2

Autor: Prof. E.F. Ströter, Auszugsweise aus seinem Buch „1. Buch Mose, Kap. 41

Empfehlenswert vorab zu lesen: 1. Mose 41 

Nach zwei Jahren hatte Pharao einen Traum (Vers 1). Die Pharaonen waren ähnlich den großen Königen der Babylonier von hervorragender Begabung des Geistes, wie wir das aus den Ausgrabungen wissen. Jene alten Kulturvölker hatten eine hochgradige Einsicht in die Zusammenhänge der Natur; und auf diesem Boden redet Gott mit Pharao. Ihre Anbetung war Anbetung der Naturkräfte. Stier, Krokodil, Schlange wurden von ihnen verehrt, vergöttert. Das hatte zur Vielgötterei getrieben.

  Unser neuzeitliches Heidentum ist genau dasselbe, wenngleich es nicht die groben Formen annimmt und Ochsen nicht anbetet. Aber wenn die Welt noch glaubt, dann glaubt sie an die Naturkräfte, die sie Naturgesetze nennt. Gott ist längst abgesetzt. Wir haben hier also genau dasselbe Kapitel wie in Ägypten.

  Auf dieser Bahn begegnet Gott dem Pharao und zeigt ihm geradezu schreckhaft ein doppeltes Gesicht.

  Zunächst nimmt Er sieben fette Kühe, die von sieben mageren Kühen gefressen werden (Vers 2-4).  Das muss einen erschütternden Eindruck auf den König gemacht haben. Er musste sich fragen: Was soll das bedeuten, wenn diese Naturkräfte, diese mageren, verminderten Kräfte die wohlgenährten so auffressen, dass man es ihnen gar nicht ansieht?

  Das zweite Gesicht von den fetten und mageren Ähren (Vers 5-7) bewegt sich auf derselben Linie, nur dass es sich um eine Erscheinung aus der Pflanzenwelt handelt.

  Was Paulus in dies Wort zusammenfasst: „Ihnen – den Juden – ist vertraut, was Gott geredet hat (Röm. 3,2)“, das ist hier schon vorgeschattet, ehe es ausgesprochen worden, ehe Moses den ersten Federstrich getan für seine Aufzeichnungen. Schon dem Auserwählten aus diesem Geschlecht wird die Offenbarung Seiner Ratschlüsse anvertraut, und auch in Zukunft wird es nicht anders sein. Was an zukünftiger Offenbarung zu erwarten ist, wird aus keiner andern Bezugsquelle geboten werden. Israel wird wie der Mundschenk wieder eingesetzt werden, der Menschheit den Willen Gottes darzulegen.

  Die zweimalige Wiederholung besagt, dass Gott es gewiss tun und eilends ausrichten wird. Diese Erklärung gibt Joseph bei Deutung der Träume (Vers 32), für die er herbeigeholt worden war. Aber er gab auch den Rat, der kommenden Not vorzubeugen und das Volk im Lande vor dem Elend und dem Untergang zu bewahren (Vers 33-36).

  Und nun kommt ein erfreulicher Fortgang. Der erschütterte König lässt sich das sagen! Anders als später Nebukadnezar beugt er sich unter die geoffenbarte Wahrheit Gottes. Es ist mir köstlich geworden, dass hier in der Schrift das erste Beispiel gegeben ist dafür, dass Der zu künftiger Herrlichkeit bestimmte herrliche Joseph für immer der Knechtschaft entnommen ist, nie mehr zurück geht, sondern Anerkennung, Ehre, Auszeichnung vom Vater findet, Der auf dem neuen Boden Ihm das tut, was Pharao auf seinem Boden dem Joseph in Aussicht stellt.

  Alles wird von Pharao ohne Abstrich angenommen und pünktlich ausgeführt (Vers 37-49) – ein köstlicher Hinweis auf jene Zeit, da Der in die Nacht verworfene Große Joseph es erleben wird, dass die große Weltmacht sich vor Ihm beugen und ähnlich wie die Knechte Pharaos sagen wird: Wo ist solch ein Mensch von solcher Weisheit Gottes (Vers 37)? Die Welt kann nichts Besseres tun, als diesem Rate und Beispiel zu folgen.

  Wir haben hier gleich vorne in der Schrift die erste Ankündigung davon, dass die Weltmacht an sich selbst verzweifelt in vollständiger Rat- und Hilflosigkeit und sich vor Dem in Finsternis verstoßenen, verachteten Nazarener beugen wird.

  Die ganze Welt kommt noch einmal zur Vernunft, aber nur durch schwere Gerichtsheimsuchungen. Das ist ein klarer Weg; einen anderen kann es nicht geben, auch für die Gemeinde Gottes nicht, wie es denn auch bei Joseph durch unverschuldetes Leiden, Dulden, Verspottet- und Geknechtetwerden hindurchgegangen ist.

  Geht für irgend einen Heiligen Gottes, der zur Herrlichkeit berufen ist, der Weg irgendwo anders daher, als über Golgatha? Es gibt keinen anderen Weg für Staubgeborene als durch tiefe Gerichte. Selbstverständlich ist das ja anders als das Verdammungsgericht, aber die Wirkung ist in beiden Fällen dieselbe. Es gibt weder für die Auserwählten noch für die verdammte und verfluchte Welt einen anderen als durch Gerichte.

  „Wenn Deine Gerichte über den Erdkreis gehen, lernen die Völker des Erdkreises Gerechtigkeit“ (Jes. 26,9).  Erst wenn sie an ihren Weltproblemen vollständig bankrott geworden sind, wird das eintreten.

  Da liegen Ziele für denkende Männer, die Leib und Seele im tiefsten Grunde erschüttern müssen, wenn sie sich die ernste Frage vorlegen: Was wird einmal, wenn der Plebs, das arme Volk die Schicht der Reichen auffrisst und doch nicht fett wird? Wenn die untern Schichten erwachen, den Reichtum verschlingen und dann doch keine Besserung zu sehen ist? Da steht dann Pharao, die hohe Politik, ratlos da: Was wird dann einmal werden? Nur Joseph weiß einen Ausweg. Das ist dann der gegebene Augenblick, wenn Gottes Joseph gegen diese furchtbaren brennenden Fragen eine Lösung findet und anbietet. Sie mag spät kommen, aber kommen wird sie.

  Höchst beachtenswert ist der Umstand, dass Pharao den Joseph nicht nur Erretter der Welt nannte, sondern ihm auch Asenath, die Tochter Potipheras, des Priesters zu On zum Weibe gab (Vers 45).  Im Anschluss daran wird mitgeteilt, dass Joseph durch Ägyptenland zog. Auch sein bemerkenswertes Alter wird genannt. Dreißig Jahre war er alt, als er vor Pharao stand, also im reifen Jungmannsalter (Vers 46). 

  In weiterer Folge wird berichtet wie Joseph den von ihm erteilten weisen  Rat, der ihm seine hohe Stellung eingetragen hat, ausführt und Fürsorge trifft für die kommende Zeit der Not (Vers 47-49).  Ehe aber diese teure Zeit kam, wurden ihm (Vers 50-52) zwei Söhne geboren, deren Namen bedeutungsvoll sind, wie uns die Schrift selbst mitteilt.

  Der Name des Erstgeborenen Manasse: Gott hat mich „vergessen lassen“ mein Unglück und das meines Vaters Hauses, und des zweiten Sohnes Ephraim: Gott hat mich „fruchtbar gemacht“ im Lande meines Elends, erzählen ein Stück seiner Lebensgeschichte.

  Hier haben wir ganz deutlich vor uns zwei klare biblische Beispiele, die die wichtige Tatsache beleuchten, dass die biblischen Namen für die Geschichte selbst weite Bedeutung haben.

  Nebenbei bemerkt, die Artikelreihe über die biblischen Namen im „Prophetischen Wort“, Jahrgang 1911, und in dem „Zionsfreund“ von der Hamburger Judenmission (1903) sind für das Schrifttum sehr zu empfehlen. In diesen Namen tun sich uns weite Schätze auf, abgesehen davon, dass wir auch ein besseres Verständnis bekommen für eine der größten Verheißungen Jesu für die neue Zeit: „Ich will ihm geben … einen neuen Namen geschrieben, den niemand kennt, als wer ihn empfängt“ (Offb. 2,17).

  Hervorzuheben aber ist, dass diese beiden Söhne, die aus der Ehe Josephs mit der ägyptischen Priestertochter hervorgehen, ohne Anstand erscheinen unter den Söhnen Jakobs, nicht nur anerkannt als Großsöhne, Enkel, sondern geradezu einverleibt den zwölf Stämmen. Das ist sehr bezeichnend. Darin kommt zum deutlichen Ausdruck, dass Joseph eines der Vorrechte des Erstgeborenen empfing, nämlich ein doppeltes Erbteil, wie er denn ja auch wirklich der Erstgeborene der Rahel war.

  Wir haben gesehen, wie der Erstgeborene der Lea seine Erstgeburtsrechte verscherzt hat, ebenso die ihm  folgenden Simon und Levi. Darum trat erst der Vierte, Juda in den Genuss der Erstgeburt: Die Führerschaft ging auf Juda über, wie es ganz deutlich im Segen Jakobs (Kap. 49, 3-12) entgegentritt. Aber Joseph als Erstgeborener der Rahel empfängt durch seine beiden Söhne ein zwiefaches Erbteil.

  Ephraim und Manasse erben also beide auf gleicher Stufe mit den Zehn – Levi bekommt kein Erbteil; zu Dem sagt Gott: „Ich bin dein Erbteil“. — Sie erben gleichberechtigt mit den wirklichen Söhnen; sie werden nicht als Enkel angesehen, die erst von ihrem Vater ihr Erbteil nehmen müssen, sondern sie gelten als zwei selbständige, gleichberechtigte Stämme in Israel.

  Der Umstand, dass die Abstammung der beiden Söhne Josephs von der ägyptischen Priestertochter kein Hindernis war für ihre Gleichberechtigung als Söhne im Hause Jakobs, wie das in anderen Fällen geschehen ist, ist, bei aller  Bestimmtheit, nach der jede Vermischung des heiligen Samens mit den Völkern verboten war, ehe es zur Volksbildung kam, ein deutlicher Hinweis auf eine spätere Zeit, in der die Beziehungen Israels zur Völkerwelt ganz andere sein werden, wie es uns z. B. in Sach. 8, 20-23 gesagt wird.

  Das sind vorläufige, vorbedeutende Züge für die neuen Beziehungen, wie sie in zukünftigen Zeiten zwischen den Söhnen Jakobs und den Nationen Gang und Gäbe sein werden, aber dabei bleibt es, die Söhne Josephs haben kein Teil in Ägypten. Sie erben nicht von der Mutter, mit der Mutter; sie werden nicht Priester in Ägypten. Sie sind vollzählige, vollberechtigte Söhne Jakobs.