Das Bild gesunder Worte (2. Tim. 1, 13)

12 Aus diesem Grund erleide ich dies auch; aber ich schäme mich nicht. Denn ich weiß, an wen ich glaube, und ich bin überzeugt, daß er mächtig ist, das mir anvertraute Gut zu bewahren bis zu jenem Tag. 13 Halte dich an das Muster der gesunden Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe, die in Christus Jesus ist! 14 Dieses edle anvertraute Gut bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt!

2. Tim. 1, 13

14 Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und was dir zur Gewißheit geworden ist, da du weißt, von wem du es gelernt hast, 15 und weil du von Kindheit an die heiligen Schriften kennst, welche die Kraft haben, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. 16 Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.

2. Tim. 3, 14-17

Autor: Karl Geyer, Das Bild gesunder Worte.

Der Mensch offenbart die Gedanken seines Inneren durch das Wort, sowohl durch das gesprochene Wort als auch durch das geschriebene. Das Wort ist das Gefäß des Geistes, durch das er sich kundmacht. Der Geist umfasst den gesamten Bewusstseinsinhalt des Menschen, so wie auch der Geist Gottes allein weiß, was in Gott ist (1. Kor. 2,11). Ohne das geschriebene oder gesprochene Wort vermöchten wir nicht unser Inneres einem anderen Menschen zu erschließen.

So wird auch das unsichtbare Wesen Gottes kundgemacht durch das Wort Gottes. Dieser Titel kommt sowohl dem Sohne zu als dem Fleisch gewordenen Wort (Joh. 1,14; Offb. 19,13) wie auch dem geschriebenen Worte Gottes, das vom Sohne zeugt. Im Sohn wohnte die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig (Kol. 2,9), sodass Er in vollkommener Geistes- und Gottesfülle den Vater kundmachen konnte. Darum gebührt auch niemand sonst der Name »das Wort Gottes« als nur Ihm allein.

Der religiöse Mensch kann Gott suchen, ob er Ihn wohl tastend fühlen und finden möchte (Apg. 17,27). Etwas Gewisses hat er nie. Gewissheit gibt es nur da, wo Gott selbst sich durch das Fleisch gewordene Wort so offenbart, wie Er wirklich ist. Alle Religionen enthalten Gedanken der Menschen über das Wesen Gottes. Das sind aber alles nur Tastversuche. Gottes eigene Gedanken über sich selbst hat Er nur im Sohne und durch den Sohn enthüllt.

Der gesunde Glaube ruht nicht auf den religiösen Tastversuchen der Menschen, sondern auf dem unerschütterlichen Fundament der Selbstoffenbarung Gottes im Sohn. Der Glaube kommt aus der Predigt, diese aber aus Gottes Wort (Röm. 10,17). Darum besitzt er auch volle Gewissheit (Hebr. 10,22) und ist selbst eine gewisse Zuversicht (Hebr. 11,1–3), weil er nicht aus dem geschöpflichen, vergänglichen Wesen herkommt, das schwankt und wechselt, sondern aus dem Wesen Gottes selbst, bei dem es keinen Schatten noch Wechsel des Lichtes gibt.

Gesunder Glaube kann seine Herkunft nicht verleugnen. Er steht auf dem Wort. – Worauf sollte er sich denn auch stützen, wenn es nichts Gewisses, Unveränderliches, Absolutes mehr gäbe in dieser vergänglichen Welt? – »Wenn Dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn? Mit ist’s nicht um tausend Welten, aber um Dein Wort zu tun.«

Die Weisheit von oben aber ist aufs erste rein (keusch) (Jak. 3,17). Diese Keuschheit geht zunächst auf das Wort hin. In zarter Ehrerbietung beugt sich der Glaubende unter die Aussprüche Gottes, und wenn er redet, so bemüht er sich, das Bild gesunder Worte festzuhalten, wie es die Schrift gebraucht (2. Tim. 1,13), und nichts davon- oder dazuzutun. Des- halb hat sein Reden auch ein ganz anderes Gewicht als das Reden nur religiös gesinnter Menschen. Er redet als Aussprüche Gottes (1. Petr. 4,11). Das Wort wird nicht verfälscht, sondern als aus Gott redet er auch vor Gott (2. Kor. 2,17). Aus dem Samen des Wortes kommt der Glaube, und aus dem Glauben kommt als Frucht wieder das gesunde Wort, die schrift- gemäße Rede (2. Kor. 4,13).

Die Gefahr, das Bild gesunder Worte zu verlassen, besteht für uns alle. Zunächst fällt es uns nach unserem Gläubigwerden oft sehr schwer, von menschlichen Dogmen und philosophisch fundierten Lehrsätzen frei zu werden, da sie durch eine Jahrhunderte alte Tradition geheiligt er- scheinen. Sodann ist aber auch das Gegenteil eine fast noch größere Ge- fahr, indem wir, um in unserem Bruderkreis originell zu erscheinen, unbedingt Neues bringen müssen. Der Mensch wird selbst des Mannas müde (4. Mose 21,5). Er muss Neues sehen und hören (Apg. 17,21). Wer diesem Verlangen von Brüdern oder ganzen Versammlungen nachgibt, muss notgedrungen bald menschliche Zusätze und eigene Erfindungen bringen. Schlimmer ist diese Gefahr natürlich dann, wenn wir selbst originell sein wollen. Die gottgesetzte Eigenart jedes Geschöpfes bedarf nicht solcher künstlichen Methoden, um originell zu scheinen. Wahres Wesen geht schlicht und einfach seinen Weg und ist damit artgemäßer als die bestaunt sein wollende Eigenartigkeit.

Es ist zwecklos, diese Gefahren bei anderen zu suchen und sie bei sich selbst nicht zu sehen. Wir alle straucheln oft. Darum ist es schwer, in der Gemeinde Gottes Lehrer zu sein (Jak. 3,1.2). (Siehe auch Verse 3–12.) Da- zu ist das Schwert des Geistes, das Wort Gottes, ein zweischneidiges Schwert, sogar noch schärfer als ein solches. Wer es recht gebraucht, empfängt durch die uns selbst zugekehrte Schneide beim Anschwingen zuerst die Verwundung, ehe er die andere Schneide nach dem Gegner schwingen kann. Das Wort muss erst an meinem Herzen seine Kraft erweisen, wenn es von mir ausgehend den Hörenden (oder Lesenden) Gnade darreichen und dienen soll.

Wer hätte noch nie in der Erregung ein Wort gesprochen, das er später lieber unausgesprochen gewusst hätte – noch nie einen Brief geschrieben, den er nachher am liebsten zurückholen wollte – wer hätte noch nie nach der spürbaren Gegenwart des Herrn und nach herrlichen Gnadenerweisungen des Geistes durch eine Bemerkung, die witzig sein sollte und die andern zum Lachen reizte, die heilige Stille einer Versammlung zerstört – noch nie Stunden heiliger Gemeinschaft mit dem Herrn und den Brüdern durch Worte der Kritik an Brüdern entweiht – noch nie so von einem an- deren Menschen geredet, dass es ihm nachher leidtat? Darum bedürfen wir des Selbstgerichts und der Ermahnung.

Beispiele zu unserem Thema

Eine Gefahr, das Bild gesunder Worte zu verlassen, liegt darin, dass man eine Seite einer Sache überbetont und die andere Seite leugnet.  Wer  z. B. nicht unterscheidet zwischen dem, was wir in Christus sind, und dem, was wir davon hier unten darstellen (also zwischen Stellung und Darstellung, oder Stand und Zustand oder Sein und Werden), der wird entweder nur das lehren, was von unserem erhabenen Stand in Christus geschrieben steht, wird aber die Mangelhaftigkeit unseres praktischen Zustandes leugnen, also in den vollendeten Perfektionismus fallen, – oder er wird (oft gerade als Reaktion auf solche falsche Stellungnahme) alles Gewicht auf den praktischen Zustand legen, eine fanatische, selbst- gemachte Heiligung betreiben und damit die Gnade entwerten. Erst die Einordnung beider Seiten in eine höhere Einheit löst die Schwierigkeiten und ergibt ohne Pressung das Bild gesunder Worte, wie es die Schrift bietet.

Wir stehen überhaupt ständig in der Gefahr, aus einer Seite einer Sache ein System zu machen, weil das sogenannte logische Denken immer ein- seitig ist. Von einer bestimmten Voraussetzung aus verfolgen wir mit eiserner Konsequenz einen Gedanken und bilden auf diese Weise eine Gedankenreihe oder ein Lehrsystem. Die Folgerichtigkeit der Schlüsse bei der Verfolgung einer Idee bürgt noch lange nicht für die Wahrheit und Wirklichkeit des Ergebnisses.

Man kann von der Gottheit Christi ausgehen und in völlig konsequenter Gedankenfolge Seine wahre Menschheit leugnen; man kann auch von Seiner Menschheit ausgehen und in gradliniger Denkweise Seine Gottheit leugnen. Es ist wohl unnötig zu sagen, dass beides Bild gesunder Worte entspricht, das die Schrift von der Gottheit und Menschheit Christi gebraucht.

Auch die Nichtbeachtung der Unterscheidung zwischen Seele und Geist gibt zu vielen Irrtümern Anlass. Könnte sonst ein wirklich treuer Bruder in einer Versammlung den Ausspruch tun: »Unsere Seele ist eine Gottesgebärerin«? – Die Schrift lehrt doch, dass der natürliche Mensch (wörtl. der seelische Mensch) nicht vernimmt, was des Geistes Gottes ist (1. Kor. 2,14). Gottes Geist zeugt doch mit unserem Geiste, nicht mit unsrer Seele. Das neue Leben ist geistgezeugt (Joh. 3,6), also aus dem Pneuma, nicht aus der Seele, der Psyche. Es tut auch hier not, das Bild gesunder Worte festzuhalten.

Bei der Willensfrage kann man ebenso die eine Seite unterdrücken und unterschlagen zugunsten der anderen, indem man das Verhältnis des Willens Gottes zum Willen des Menschen nur von einer Seite aus bestimmt. Es besteht gewiss im ganzen All nichts ohne den Willen dessen, der alles wirkt nach dem Rat Seines Willens (Eph. 1,11). Von hier aus lässt sich jegliche Willensbetätigung des Menschen leugnen. Umgekehrt kann man vom Willen des Geschöpfes ausgehen und durch die sich ergebenden folgerichtigen Schlüsse den unbeschränkten Gotteswillen so einschränken, dass alles Heil vom Geschöpf abhängig ist und nicht vom Schöpfer. Kennt die Schrift solche einseitigen, aber in sich selbst konsequenten Denk- reihen? – Nein, sie redet vom Willen Gottes und vom Willen des Menschen und zeigt ohne jede Pressung, in welchem Verhältnis beide zueinander stehen. Sie braucht weder den Willen des Geschöpfes zu leugnen noch den Willen Gottes zu beschränken durch die falsche Anwendung der Worte »Ihr habt nicht gewollt«, wobei vergessen wird zu erwähnen, dass die Fortsetzung heißt: »… bis dass ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn« (Matth. 23,37–39).

Der Mensch hat einen Willen, aber keinen unumschränkt freien Willen. Vielmehr ist sein Wille zeitlich und wesenhaft beschränkt, wie es ja überhaupt kein Geschöpf gibt, das sich den Anfang seines Daseins selbst bestimmen kann und vieles andere mehr. Innerhalb gewisser Grenzen darf der Mensch seinen Willen betätigen. Das ändert an dem Weltplan Gottes nichts. Macht man das Handeln Gottes vom Willen des Menschen abhängig, so lästert man. Leugnet man den Willen des Menschen, was häufig in guter Meinung geschieht, um Gott wirklich Gott sein zu lassen, so entbindet man das Geschöpf von jeglicher Verantwortung. Das ganze Weltgeschehen wird dann zu einem öden Mechanismus, in dem alle Wesen nur als Marionetten erscheinen. Wenn sie wirklich nur Marionetten wären, könnte der, der sie tanzen heißt, sie nicht verurteilen und strafen, weil sie so tanzten, wie Er befahl.

Man kann aber nicht auf der einen Seite jegliche Verantwortung aus- schalten und dabei doch die Ermahnungen stehen lassen, die selbst in den sogenannten Füllebriefen des Apostels Paulus noch die Hälfte des gesamten Textes in Anspruch nehmen. Ohne die Verantwortlichkeit gäbe es nie ein sittliches Handeln. Die Schrift hält es sogar für notwendig, im Epheserbrief ganz einfache, aber umso eindringlichere Ermahnungen an uns zu richten, z. B.: »Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr« (Eph. 4,28). Man beachte auch die Verse 29–32 sowie 5,3–6 und 6,1–9; oder aus dem Kolosserbrief die Stellen 3,18–25 und 4,1–6. Es kann hier gewiss nicht eingewendet werden, das ginge nur Juden etwas an.

Überhaupt ist der Schaden, der durch die Zerreißung der Schrift entstanden ist, wohl ebenso schlimm wie der, der durch das Nichtunter- scheiden oder Nichtteilen der Schrift sich einschlich. Wenn man, um den Charakter der Paulusbriefe als Botschaft an die Leibesgemeinde her- vorzuheben, solche Werturteile fällt wie das: »Die Petrusbriefe haben uns überhaupt nichts zu sagen«, so verleugnet man damit, dass jede gott- gegebene Schrift uns nütze ist. Und dies sagt ausdrücklich der Apostel der Leibesgemeinde, Paulus, in seinem letzten Brief, den er vor seiner Hinrichtung schrieb, im 2. Timotheusbrief (2. Tim. 3,16). Mit solchen irreführenden Werturteilen hat man den gesunden Weg der Schriftteilung verlassen und ist auf die ungesunde Linie der Schriftzerreißung geraten.

Es mag gewiss sein, dass mancher Bruder im Überschwang eines neu- en Durchbruchs eine Linie verlängert oder einseitige Folgerungen aus einer neu gewonnenen Erkenntnis zieht. Solange dies in Unwissenheit geschieht, mag der Herr ihm in Gnaden vergeben – ihm – und uns allen. Wo aber nach Erkenntnis eines Irrtums das Bekenntnis der Irrung nicht erfolgt aus Furcht, den Glorienschein der Unfehlbarkeit einzubüßen, da lastet bewusste Schuld auf einem solchen Bruder, und der Herr muss die notwendige Korrektur vornehmen, indem Er Zucht übt zur Zurechtbringung.

Gerade die Brüder, die eine erkannte Wahrheitslinie durch sogenannte folgerichtige Schlüsse weiter ausbauen, verlieren durch ihr Spezialistentum den lebendigen Zusammenhang mit dem großen Ganzen. Sie vergessen zu leicht, dass die Wahrheit keine Sache ist, die man umgrenzen kann, sondern eine Person, die sich uns in dauernder Lebensgemeinschaft immer tiefer erschließt, nämlich der, der gesagt hat: »Ich bin … die Wahrheit« (Joh. 14,6). Bei unserem Gläubigwerden stellten wir uns im Prinzip auf den Boden der Wahrheit; aber praktisch wahr im täglichen Leben sind wir nur insoweit, als der, der die Wahrheit ist, in uns Gestalt gewonnen hat und gewinnt.

Was ist in den letzten Jahren gestritten worden über Seelenschlaf, Tod- schlaflehre, die Erschaffung Satans, über Jehovah und den Engel Jehovahs, über den sogenannten freien Willen usw. Die Worte und Bilder, die dabei gebraucht wurden, entstammen zum großen Teil nicht dem Inhalt der Heiligen Schrift. Sie sollen Lehrmeinungen erläutern, verdunkeln aber die Schrift, weil sie ihr nicht entstammen. Das Bild gesunder Worte wurde nicht festgehalten. Mit welchem Ergebnis? – Brüder, die vor dem Angesicht des Herrn zusammengehören, wurden auseinandergerissen. Der Satan vermochte es, an die Stelle der einen Wahrheit in Person, des Christus, viele Lehrwahrheiten als Sachen zu setzen, als Dinge oder Ge- genstände oder Hauptstücke und Nebenstücke. Mit Sachen trennt er sachlich die, die dem Wesen nach zu dem einen Organismus des Christusleibes gehören. Und dieser Betrug wird selten erkannt. Die Blendung durch glänzende Lehrgebäude lässt es viele Gläubige gar nicht merken, dass sie durch eigene oder fremde Systeme in einen Wortmaterialismus gefallen sind, der deshalb so gefährlich ist, weil er mit Schriftworten arbeitet. Die schlimmsten Systeme sind die selbstgemachten, deren Gründer in der Re- gel jede fremde Beurteilung ablehnen, wenn auch nicht in der Theorie, so doch in der Praxis. Der Mensch ist zwar selbst sein bester Kenner, aber sein schlechtester Kritiker. Denn sein eigenes Fleisch und Blut hasst niemand.

Wer vor die Gemeinde hintritt als Lehrer, muss sich selbst belehren las- sen. Kein Mensch ist unfehlbar. Einer soll lehren, die anderen sollen beurteilen. Dabei wird es sich bald offenbaren, was die Schrift in den Worten sagt: »Die Weisheit von oben lässt sich sagen« (Jak. 3,17) und »Wer da meint, er wisse etwas, der hat noch nicht erkannt, wie man erkennen soll« (1. Kor. 8,2).

Das sei dir und mir der Prüfstein, an dem wir erkennen wollen, ob wir gesund sind im Glauben und bereit, das Bild gesunder Worte festzuhalten.