Sie mögen fluchen – du aber segne (Ps. 109, 28)

Sie mögen fluchen – du aber segne; erheben sie sich [gegen mich], so sollen sie zuschanden werden; aber dein Knecht soll sich freuen

Ps. 109, 28

24 Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; aber wehe jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen verraten wird! Es wäre für jenen Menschen besser, wenn er nicht geboren wäre.

Matth. 26, 24

Leserfrage: Wie ist Mark. 14,21 zu verstehen und einzuordnen? Dort sagt der  Herr: »Der Menschensohn geht dahin, wie über Ihn geschrieben steht. We- he aber jenem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Es wäre ihm besser (wörtl. gut), wenn er nicht geboren wäre, jener Mensch!« – Kann es da noch eine Hoffnung für Judas geben? Bedeutet dieses Wort nicht Verlorenheit bzw. Qual ohne Ende?

Hoffnung für Judas?

Autor: Professor E. F. Ströter schrieb zu Matth. 26,24 (in Beantwortung einer Leserfrage):

Auch uns hat dieses Wort des Herrn am längsten und am meisten zu schaffen gemacht. Wir hielten es auch für unmöglich, dasselbe stehen zu lassen und dann doch an eine endliche Wiederherstellung aller Kreatur, auch eines Judas, zu glauben. Aber die Lösung liegt auch da wieder ein- mal auf einer Linie, die leider von vielen ernsten Bibellesern und -forschern nicht genügend beachtet und befolgt wird. Wir meinen den einfachen Grundsatz, alle und jede Worte unsers Herrn uns nur aus der Schrift und aus ihrem Sprachgebrauch heraus zu erklären und zu deuten. Man gibt es ja im Allgemeinen gern zu, dass unser Herr durchaus in der Schrift gestanden habe mit Seinem ganzen Denken, Seiner ganzen Welt- und Gottesvorstellung. Aber man zieht aus diesem Zugeständnis bei weitem noch nicht alle Folgerungen, die berechtigt sind. So kommt es leicht, dass wir, ohne es zu beabsichtigen, dem Herrn Vorstellungen unterschieben, die nicht aus der Schrift geschöpft sind, sondern aus unsern eigenen Gedankengängen.

Da müssen wir denn zuerst berücksichtigen, dass zwei hervorragende biblische Charaktere, zwei bewährte Knechte Gottes, durch tiefes, unergründliches Weh veranlasst, den Tag ihrer Geburt verflucht haben. Der erste, Hiob, sprach: »Verloren gehe der Tag, da ich geboren bin, die Nacht, da es hieß: Ein Knabe ist gezeugt! Verfinstert werde dieser Tag; Gott in der Höhe frage nicht nach ihm, und niemals falle ein Lichtstrahl darauf … Warum starb ich nicht gleich bei der Geburt und kam nicht um, sobald ich aus dem Mutterschoß hervorging? … Oder wäre ich gar niemals dagewesen, wie eine verborgene Fehlgeburt den Kindlein gleich, die das Licht niemals gesehen haben … Was soll das Leben dem Manne, dem sein Weg verborgen ist, den Gott mit Dornen eingezäunt hat?« (Hiob 3,3–26.)

Das zweite Beispiel dieser Art ist der Prophet Jeremia: »Verflucht sei der Tag, da ich geboren bin! Der Tag, an welchem mich meine Mutter zur Welt gebracht hat, sei nicht gesegnet! … Warum bin ich doch aus dem Mutterschoß hervorgegangen, dass ich Mühsal und Kummer sähe und dass meine Tage in Schande vergingen?« (Jer. 20,14–18.)

Niemand wird im Ernst daran denken, diesen beiden Gottesmännern die Vorstellung zu unterschieben, als drücke sich in diesen Worten völlige, bewusste Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit aus; Hoffnungslosigkeit, wie wir sie gewöhnt sind mit der Vorstellung von dem endlichen Geschick der Gottlosen zu verbinden. Darum bleiben diese Worte dennoch echt und wahr, als der ergreifendste Ausdruck namenlosen Schmerzes, entweder angesichts des eigenen unbegreiflichen Erlebens von Gottverlassenheit wie bei Hiob oder angesichts der unsäglichen Schmach und Schande, die sein Volk seinem Herrn und Gott bereitete, wie bei Jeremia.

Daneben steht noch eine sehr beachtenswerte Parallele. Wir meinen das aus dem Munde des Herrn gesprochene erschütternde Wehe über Jerusalem, dem sich unmittelbar ein Ausspruch anschließt, der eine der köstlichsten Verheißungen von desselben Volkes zukünftiger Wiederherstellung enthält. Matth. 23,35ff.: »Auf dass über euch komme alles gerechte Blut, das auf Erden vergossen worden ist, vom Blute Abels des Ge- rechten an bis auf das Blut Zacharias, des Sohnes Barachias, welchen ihr getötet habt zwischen dem Tempel und Altar. Wahrlich, ich sage euch: Solches alles wird über dies Geschlecht kommen. Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind … siehe, euer Haus soll euch wüste gelassen werden.« – Und sogleich, in dem- selben Satz, spricht derselbe Herr eine der großartigsten Weissagungen für ihre nationale Erlösung aus an dem Tage, da sie Ihn mit Hosianna begrüßen werden, wenn sie Ihn sehen werden in Seiner Herrlichkeit.

Es kann keine Rede davon sein, dass die Drohungen des Herrn hier nicht sehr ernst zu nehmen seien. Aber auch der furchtbarste Gerichtsernst bedeutet für unsern Herrn nicht im entferntesten Hoffnungslosigkeit oder endlose Verzweiflung für Sein noch so sündiges Volk.

Das können Seine Worte darum auch nicht für Judas bedeuten, der immerhin weiter nichts war als ein Sohn seines Volkes, eine reife Frucht der furchtbaren Verblendung, deren sich ganz Israel schuldig gemacht, da es den Herrn der Herrlichkeit den Heiden überantwortete. Denn niemand wird behaupten wollen, dass die persönliche Schuld des Judas   schwerer gewesen sei als die des »frommen« Hohen Rates, der das Geld gab, um das Jesus verraten wurde.

Weiteres helles Licht fällt auch noch auf die vom Herrn gebrauchte Re- de aus dem Wort, das unser Apostel Paulus gebraucht, um seine tiefe Liebe zu seinem Volk zu kennzeichnen. Er sagt in Röm. 9,3: »Ich könnte wünschen, selbst verbannt (Anathema) zu sein von Christo für meine Brüder …« Auch hier ist es nicht möglich, dem Apostel die Vorstellung von einer endlosen, hoffnungslosen Verdammnis zu unterlegen. Es kann sich bei dieser stärksten Sprache der Schrift höchstens um ein zeitweises Erdulden des denkbar schwersten Loses handeln, des Verstoßenseins von dem Angesicht des Herrn hinweg.

Stellen wir nun jenes Wort des Herrn über Judas in das Licht all dieser Schriftworte und -Vorstellungen, so verliert es durchaus das Gepräge der absoluten Hoffnungslosigkeit und der endlosen Verzweiflung, die jeden Gedanken an eine mögliche Wiederherstellung ausschließt.

s. auch: Judas Iskariot und die Liebe Gottes (kahal.de)