Wahrheit und Liebe in der Gemeinde

4 Die Liebe ist langmütig und gütig, die Liebe beneidet nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf; 5 sie ist nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu; 6 sie freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.  

1. Kor. 13, 6

 6 in Keuschheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe;    

2. Kor. 6, 6

 14 damit wir nicht mehr Unmündige seien, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch das betrügerische Spiel der Menschen, durch die Schlauheit, mit der sie zum Irrtum verführen, 15 sondern, wahrhaftig in der Liebe, heranwachsen in allen Stücken zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus.

Eph. 4, 15

Autor: Pastor Manfred Mössinger, nach seinem gleichnamigen Artikel in GuH

(Nach einem Wortdienst auf der Langensteinbacherhöhe)

Eine kleine Einleitung soll zunächst aufzeigen, wie wir uns häufig von Christus und Seiner Gemeinde und von der Gemeinschaft der Heiligen falsche Vorstellungen machen.

Ideal-Vorstellungen

Der Mensch ist von Natur auf der Suche nach dem verlorenen Paradies. Er nimmt — durch Herkunft, Umwelt und Erziehung geprägt — bestimmte Ideale in sein Herz auf und strebt sie an und jagt ihnen nach. Er erstrebt den idealen Beruf, den idealen Ehemann oder die ideale Ehefrau und will ideale Kinder erziehen. Er erstrebt die idealen Lebensbedingungen, die ideale Partei, den idealen Lebensstandard, die ideale Gesellschaftsordnung, das ideale Altersplätzchen und vielleicht sogar das ideale Sterben — schnell und schmerzlos. — Auch im frommen Bereich tritt mancher, trotz Wiedergeburt, mit ganz bestimmten Ideal-Vorstellungen an eine Kirche, Gemeinschaft oder einen Hauskreis heran. Die Ursache hierfür ist häufig das Fleisch — es kam nicht zu einem bis in die letzten Tiefen vollzogenen inneren Zerbruch. Man sucht die ideale Gemeinschaft der Heiligen und ist enttäuscht, wenn sich diese Träume nicht erfüllen.

Ich muss an dieser Stelle sagen, daß uns weder der Herr noch die Bibel solche Ideale liefert. Im Gegenteil: in einer echten Bekehrung schlägt uns der Herr unsere Ideale aus der Hand. Das Wort „Ideal“ (dem Geiste vorschwebendes Muster der Vollkommenheit, Wunschbild) ist verwandt mit „Idol“ (Götzenbild, Abgott, Schwärm)! Der Herr nimmt uns unsere in unsrer Gefallenheit geformten und von Erbmasse, Umwelt, Fleisch und Sünde geformten Ideale und Idole und stellt uns ein ganz anderes Bild vor Augen. Das ist nach Römer 8 das Bild des Sohnes Gottes, in das wir hineingestaltet werden. Er macht unseren Idealen und Idolen ein Ende, indem Er in sämtliche Bereiche unseres Lebens und Daseins formend und bildend eingreift. Auch unsere frommen Ideale und Idole muss Er uns nehmen.

Ideale Gemeinden und Gemeinschaften gibt es nicht

Wenn jemand fragen würde, wo denn Gott Seine idealen Heiligen und Gemeinden und Gemeinschaften hat, müsste die Antwort lauten: die gibt es nicht! Es gibt auch nach dem Neuen Testament keine „lieben Brüder* — der Grundtext kennt nur „geliebte Brüder“. Wenn uns das klar wird, beginnen wir unsere Dienste nicht mehr mit „liebe Brüder, liebe Geschwister“, sondern sagen vielleicht: „geliebte Brüder (geliebte Geschwister) im Herrn“. Das ist viel nüchterner, das ist biblisch-neutestamentlich.

Wer Idealen nachhängt, gerät in Schwärmerei und Enttäuschung

Wer trotzdem Idealen nachhängt, sie erstrebt und ihnen nachjagt, gerät ohne Zweifel auch im frommen Bereich m Schwärmerei und Enttäuschung. Das ist für mich bei der Frage, was Schwärmerei sei, ein ganz entscheidendes Merkmal: Sucht einer ein Ideal mit allen Mitteln, auch mit neuen Arten und Strukturen von Gemeinschaft, zu erreichen, dann gerät er in Schwärmerei, weil er das gesunde, nüchterne, klare Bild des Christus falsch akzentuiert, verlagert, herumdreht und seine eigenen Ideale und Idole in den Christus hineinprojiziert „Christus“ im Sinne von „Christusgemeinde“,  Haupt und Glieder). Dann hat der Unglaube mit seinem Vorwurf recht: Ihr Christen schafft euch euern Gott nach eurem Bilde! Dann treiben wir Bilderdienst — einen verborgenen, geheimen, gefährlichen Bilderdienst, indem wir unsere eigenen frommfleischlichen Ideale in das Bild des Christus hineinprojizieren und nicht mehr wissen, wie Er wirklich aussieht.

Es gibt ohne Zweifel Gemeinschaften, die eine größere Nähe zum Neuen Testament haben als andere. Es gibt Kreise und Gemeinschaften, in denen es seelisch oder gar weibisch zugeht; bei anderen geht es männlich zu; sie sind vom Haupte her regiert; wieder andere sind gesetzlich.

Gelegentlich kommen die Leute und sagen: „Endlich haben wir gefunden, was wir suchten!“. Das kann dann sehr viel Not bereiten. Ein Beispiel: Auf den Hinweis, daß Paulus dem Timotheus schreibt „Trink ein. wenig Wein um deines kranken Magens willen“, kann man von gewissen Frommen die Antwort bekommen: Er hat nicht genug geglaubt, sonst hätte Paulus ihn geheilt! — Eine seelische Linie gibt es aber auch unter Intellektuellen. In manchen Kreisen wird nur hoch-geistig gesprochen, um das hohe Intelligenzstreben des Menschen zu befriedigen. Auch das kann seelisch und schwärmerisch sein. — Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Es geht mir nicht ums Richten oder Verurteilen, Es geht darum, die gesunde Mitte des Wortes Jesu Christi zu sehen. Dazu brauchen wir Waffen zur Rechten und „Waffen zur Linken.

Ideale sind in dieser gefallenen Welt, in der wir leben, auch im frommen Bereich, Illusionen. Die gesegnetsten Stunden — auch wenn sie uns noch so wehe tun — sind die Stunden, wo der Herr uns enttäuscht, uns die Tauschungen unsres fleischlichen Wesens zerstört, uns von Illusionen befreit und uns in die Klarheit der neutestamentlichen Schau hineinführt. Denken Sie einmal zurück in ihrem eigenen Leben! Wo hat der Herr Sie knotenhaft festgemacht, wirklich hineinverwurzelt in Ihn? — Genau dort, wo wieder einmal ein Idealbild zerbrochen ist und der Herr auf einmal dastand — Er selbst! Liebe und Wahrheit

Eine Gemeinschaft der Heiligen wird in erster Linie an den beiden geistlichen Früchten Liebe und „Wahrheit erkannt. Liebe und Wahrheit kommen im menschlichen Bereich ja kaum zusammen; deswegen ist die ganze Welt voller Lügen. Weil der Teufel ein „Vater der Lüge“ ist (Joh. 8, 44) und die Wahrheit nicht ertragen kann, deshalb ist auch die Welt voller Lügen. Es gibt Wirtschaftslügen, Höflichkeitslügen, Konventionslügen, politische Lügen — auch kirchenpolitische Lügen. Paulus sagt: Weil die Menschen die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, schickt ihnen Gott kräftige Irrtümer (2. Thess. 2, 10. 11). Das bedeutet Gericht!

Liebe und Wahrheit kommen in dieser Welt nicht zusammen. Ich möchte aber jetzt von den Gläubigen reden. Auch für uns ist es oft schwer, die Wahrheit in Liebe festzuhalten. Wir kommen dabei nach rechts oder links aus dem Gleichgewicht. Oft fehlt es an der Wahrheit. Wir sind sehr lieb und nett zueinander und sagen uns gegenseitig nichts, was Schwierigkeiten bereiten könnte. Wir tragen Masken, wir schmieren und schmeicheln, aber wir sagen uns nicht mehr die Wahrheit. — Brüder, wenn wir einander nicht mehr die gröbsten Wahrheiten sagen können, ohne davonzulaufen, dann ist unser Glaube nicht viel wert. Sprechen wir dann nicht von Gemeinschaft der Heiligen! Wir müssen uns auch einmal Dinge sagen können, daß uns wind und wehe wird. Wenn wir das nicht ertragen können, ist keine Gemeinschaft der Heiligen vorhanden, sondern nur eine seelische und fleischliche Art von Gemeinschaft. — Dabei darf aber die Liebe nicht fehlen. Oft sagen wir einander die Wahrheit ohne Liebe, und dann zerstören wir, wir zerschlagen und zerhacken und machen den ändern fix und fertig. Wir demütigen ihn, blamieren ihn, stellen ihn bloß. Bloßstellen darf aber nur Einer: der, der selber bloß am Schandpfahl hing. Wenn Er bloßstellt, bekleidet Er uns gleichzeitig mit Seiner Gerechtigkeit.

Liebe ohne Wahrheit ist Lüge; Wahrheit ohne Liebe ist Brutalität, ist tötendes Gesetz. Das Nicht-wahr-sein ist ein schwieriges Kapitel, aus dem viel Not kommt, auch in christlichen Kreisen: afterreden, hintenherum reden und doch freundlich sein; es entsteht dabei viel Schwelendes, Latentes, was im Raum steht und nie ausgesprochen wird. Und um nicht aufzufallen, muss man miteinander zum Herrenmahl gehen, miteinander Gebetsgemeinschaft haben! Ihr wisst, Brüder, in welche Zerreißproben wir da oft hineingestellt sind. Und — Hand aufs Herz! — sind wir in diesen Lagen nicht alle schon einmal umgekippt und haben versagt? Haben irgendwann einen Knicks oder Kniefall gemacht, oder haben unsern alten Menschen sich austoben lassen und es einem so richtig von oben herunter gesagt und ihn fertig gemacht? — Wir wissen das, und es ist uns eine große Not.

Ungeheuchelte Liebe

Paulus spricht von der unverfälschten, ungefärbten, ungeheuchelten Liebe. Was er damit meint, möchte ich in drei Ausdrücke fassen: unverfälschte Klarheit, unverstellte Eindeutigkeit und rückhaltlose Ganzheit.

Das Gegenteil wäre die gespielte, die scheinbare, die trügerische, die berechnende, auch die tendenziöse Liebe.

Liebe und Wahrheit! Es geht dabei nicht um eine Wahrheit, die ich dem ändern sagen will. Maßgebend ist nie, was ich über den ändern denke, sondern was der Herr denkt. Nur wenn ich dem ändern sage, was der Herr mir gesagt hat, dann sage ich ihm die Wahrheit Gottes. Diese letzte Wirklichkeit, in die ich mich mit dem ändern vor Gott hinstelle, ist maßgebend. Hier fällt jede Menschengefälligkeit, hier geht es auch nicht um menschliche Liebe oder Freundschaft, sondern es gilt allein die Liebe (agapä) Gottes.

Wahrheit und Liebe hat in einmaliger Fülle nur der Herr in sich vereinigt. In Johannes 1,17 heißt es: „Das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ Unser Herr ist uns in jedem Fall Beispiel und Vorbild für Liebe, Wahrheit und Gemeinschaft.

Dazu einige Beispiele aus dem Erdenleben unsres Herrn Jesus:

Jesus ist auf dem Meer und schläft im Boot. Die Jünger kommen in Seenot und wissen nicht mehr ein noch aus. Sie wecken Ihn auf mit dem Vorwurf: „Fragst Du nichts danach, daß wir hier umkommen und jetzt den nassen Tod sterben?“ Jesus fragt: „Wo ist euer Glaube?“ — Das war eine harte Wahrheit. Doch dann handelt die Liebe: Er steht auf und gebietet dem Sturm Einhalt.

Oder eine noch viel schwierigere Probe: Eines Tages sagt Jesus Seinen Jüngern, daß sie jetzt hinaufgehen nach Jerusalem und Er dort überantwortet werden und sterben wird. Petrus nimmt Jesus auf die Seite und sagt Ihm unter vier Augen: „Das darfst Du nicht tun — das widerfahre Dir nur nicht!“ Jesus antwortet: „Geh hinter mich, Satan!“ Das war hart! Stellt euch das einmal vor! — Und wo blieb die Liebe? Sie wird sichtbar, wo der Herr später zu ihm sagt: „Ich habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre!“

Wir kennen auch die Geschichte von Johannes 4. Da steht die Sünderin vor Jesus. Sie kann theologisch wunderbar reden. Sie möchte eine Diskussion darüber anzetteln, wie und wo man betet. Aber Jesus durchschaut die Maske dieser Frau und sagt: „Hole deinen Mann!“ In diesem Augenblick halten Himmel und Hölle den Atem an. Wenn sie jetzt nicht ehrlich ist, dann geht Jesus vorbei. Es gibt nochmals ein Aufbäumen, und dann sagt Jesus: „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ Das war die ganze Wahrheit. Nun ist alles offenbar. Aber dann zeigt ihr Jesus in Seiner Liebe, wer Er ist. „Ich bin’s, der mit dir redet!“ Und die Frau weiß: Hier ist der, der gekommen ist, die Sünde hinwegzutragen und die Fülle des Geistes in diese Welt zu bringen. Sie ist gerettet!

Am Kreuz Jesu Christi wurden Wahrheit und Liebe offenbar Am Schandpfahl, am Kreuz Jesu Christi, wurden Wahrheit und Liebe total offenbar. Hier wurde die Schwachheit und Armut der Jünger, ihre Verfinsterung und Verständnislosigkeit erschreckend enthüllt. An diesem Pfahl wurde die ganze Wahrheit über den Menschen offenbar. So nackt und bloß, wie Jesus am Kreuz hing (Er hat wirklich nichts angehabt, die keusche Bedeckung haben die Maler hinzugezeichnet), so nackt und bloß wurde die Sünde der Welt offenbar. — Und doch war dies zugleich die Stunde der herrlichsten Offenbarung der Liebe Gottes. „Er warf unser aller Sünde auf Ihn“ — uns zur Rettung! Jesu Leiden und Sterben sind zugleich das innerste Vorbild für die Gemeinschaft von Brüdern. Wo das Wort vom Gekreuzigten, vom geschändeten Christus proklamiert und gelebt wird, da geht’s ins Sterben hinein, und da entsteht Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft kann man es aushaken, weil Wahrheit offenbar wird. Hier am Schandpfahl werden die Gerechtigkeit Gottes und die Ungerechtigkeit der Menschen zusammengebracht. Die ganze Sünde der Menschheit wird hier verschlungen in den Sieg Christi.

Wo können wir miteinander wahr sein und in der Liebe stehen? Nur an dieser Stelle, wo die Macht des Gekreuzigten unter uns aufgerichtet ist. Wo einer dem ändern nichts mehr vormachen muss. Warum muss ich denn das nicht mehr? Weil die durch Jesus erworbene Gerechtigkeit so wunderbar und so herrlich ist, daß wir die Maske eines besonders guten Lebens voreinander nicht mehr zu tragen brauchen. Wir müssen uns nicht mehr rechtfertigen. Wir müssen es dem ändern nicht mehr beweisen, daß wir noch etwas besser sind als er, daß wir recht haben. Wir sind in Ihm gerecht. Auf diesem Boden fängt Gemeinschaft an. Hier ist Freiheit zur Wahrheit und Freiheit zur Liebe. Prophet und Priester

Zu Mose wurde einst gesagt: „Gott wird einen Propheten wie dich erwecken.“

Dieser ist in Jesus Christus gekommen. Es steht aber auch geschrieben, daß Christus ein Hoherpriester ist nach der Ordnung Melchisedeks. Also sind Prophet und Priester in Jesus vereinigt.

Genau das ist es, was auch in unserem praktischen Gemeindeleben zusammenkommen muss: Prophetenzeugnis und Priesterdienst.

Der Prophet sagt ungeschminkt die Wahrheit, er kündet die Wirklichkeit Gottes — so war es schon im Alten Testament. Der Priester stellt sich unter die Sünde des ändern. Wer nur Priesterdienst tun will und sagt: „Das muss man halt tragen, da muss man halt stille sein“, gerät in Gefahr, die Wahrheit Jesu Christi zu verraten. Wer aber nur Prophetendienst tut, indem er Sünden anprangert, hinterlässt ein Schlachtfeld von Verwundeten, wenn er nicht zugleich von der Heilung kündet, die der gebracht hat, der am Schandpfahl zugleich Priester und Prophet gewesen ist, indem Er enthüllt hat und getragen, geliebt, geheilt und wieder zurechtgebracht.

Der Prophet enthüllt die Wirklichkeit, der Priester opfert sich und trägt sie. Das ist es, was wir heute so nötig haben: Menschen, die heilige Hände aufheben, die „stehen vor dem Herrn“, die in den Riss treten.

Abschließend noch einige praktische, seelsorgerliche Dinge:

  1. Reden und Schweigen hat seine Zeit, Auch die Wahrheit sagen hat seine Zeit. Ich möchte nicht in der Weise missverstanden werden, daß man immer sofort und gleich jedem die Wahrheit ins Gesicht sagen müsse. Ob ich in eine Wunde noch sofort den Essig zu gießen habe, daß es recht brennt, oder ob ich das Trostöl des Heiligen Geistes zu geben habe — das können wir nur in einer letzten Todes- und Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus recht entscheiden. Manches braucht seine Reifezeit. Vieles erfordert Geduld. Erst wenn ein Geschwür reif ist, darf man schneiden. Die Zeit muss reif sein. „Da die Zeit erfüllet war…“! — Jesus selbst hat einmal den Jüngern gesagt: „Ihr könnt es jetzt noch nicht ertragen“ (Joh. 16, 12). Auch das gehört zum Thema: Wahrheit und Liebe. Zu Anfang der Konferenz wies uns Dr. Maier-Gerber auf Epheser 2, 9—10 hin: daß wir von Gott geschaffen sind zu den guten Werken, die Er zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen. Manchmal müssen wir wirklich warten, bis der Herr die offene Tür, die Stunde und Möglichkeit schenkt, das Wort der Wahrheit prophetisch zu sagen und auch als Priester in den Riss zu treten.
  2. Wir kommen noch einmal auf den Anfang zurück: Können wir die Wahrheit ertragen? Leben wir so in der Gemeinde, daß man uns die Wahrheit sagen kann? Denken Sie jetzt einmal an den Kreis oder Hauskreis, in dem Sie stehen, und fragen Sie sich: Kann man mir etwas sagen? Darf man mir die Maske vom Gesicht ziehen? Darf man mich etwa fragen: Du, Bruder, wie steht es denn mit deiner Ehe? Wie ist denn das mit deiner Kindererziehung, mit deinem Geschäft? Gehen wir gleich in Abwehrstellung und sagen: das geht dich nichts an!? — Unsere geheimen Sünden wirken sich in der Gemeinde aus. Sie können zwar lange Zeit vor den Menschen verborgen bleiben, aber im Grunde gehen sie als Bindung und Gericht in unseren Kreis oder unsere Gemeinde ein. Es gibt keine Gemeinschaft der Heiligen, ohne daß wir einander die Wahrheit sagen und uns damit am Fleisch wehe tun, und ohne daß wir einander Priester sind bis zum letzten. Wenn wir uns nicht die gröbsten Wahrheiten sagen können und wir das ertragen, haben wir noch keine Gemeinschaft der Heiligen; und wenn wir noch nicht als Priester füreinander einstehen können bis zum Sterben, haben wir sie auch noch nicht. Wenn wir nicht als Priester zudecken, was der Herr zuvor aufgedeckt hat, und wir uns lieber die Zunge abbeißen, als etwas Schlechtes über den ändern zu sagen, haben wir keine Gemeinschaft der Heiligen.

Am Schandpfahl Jesu Christi werden wir entleert, enthüllt, aber auch mit der Gerechtigkeit Gottes .bekleidet. Nur wenn wir unter dem Schandpfahl des Sohnes Gottes untereinander ehrlich sind, entsteht Gemeinschaft der Heiligen in Wahrheit und Liebe.