Von der Vielfalt des Wortes Gottes (Apg. 13, 44-47)

44 Am folgenden Sabbat aber versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort Gottes zu hören. 45 Als die Juden jedoch die Volksmenge sahen, wurden sie voll Eifersucht und widersetzten sich dem, was Paulus sagte, indem sie widersprachen und lästerten. 46 Da sagten Paulus und Barnabas freimütig: Euch musste das Wort Gottes zuerst verkündigt werden; da ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht würdig achtet, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden. 47 Denn so hat uns der Herr geboten: »Ich habe dich zum Licht für die Heiden gesetzt, damit du zum Heil seist bis an das Ende der Erde!«

Apostelgeschichte 13, 44-47

Autor: Otto Vosseler, auszugsweise aus seinem Artikel „Von der Vielfalt des Wortes Gottes (Apg. 13, 13-14, 28)“

1. Eine neue Art der Verkündigung
2. Das Wort des Heils für die Juden
3. Das Wort Gottes für die Nationen
4. Das Wort des Herrn für jeden einzelnen
5. Das Wort der Gnade für die Gläubigen

1. Eine neue Art der Verkündigung

Die gelesenen Verse – sie stehen genau in der Mitte der Apostelgeschichte – führen in eine Zeit, da eine völlige Umschaltung in der Verkündigung des Wortes Gottes erfolgt. Bis dahin wurde in erster Linie das Volk Israel als solches angesprochen und im übrigen das Wort nur an einzelne Heiden gerichtet. In Apg. 13 geht es nun hinaus in die Heidenwelt mit der Begründung eines alttestamentlichen Wortes.

Die Unterscheidung A.T. und N.T. ist nicht ganz richtig. Wir haben nur e i n Wort und das ist Altes und Neues Testament zusammen. Das N.T. fußt auf dem Alten. Die tiefsten Wahrheiten wagt namentlich der Apostel Paulus immer nur an Worten des Alten Testamentes zu entwickeln, damit er sagen kann, ich habe Schriftgrund unter meinen Füßen. Lesen wir nur einmal den Römerbrief oder den Epheserbrief Da zitiert er oftmals reihenweise das Alte Testament, um zu sagen, so ist es. Und dann entfaltet es der Heilige Geist, was in diesen Worten verborgen war.

Wort Gottes ist wie das Licht, das sich in sieben Farben zerlegen lässt, die wir mit Hilfe eines Prismas darstellen können. Nur im Zusammenklang ist es helles, weißes Licht. Die Schrift spricht auch von einer Vielfarbigkeit der Gnade Gottes. So ist auch immer wieder die Darstellung des Wortes Gottes in seiner Vielfalt und Vielfarbigkeit.

In Apostelgeschichte 13 lesen wir, dass der Apostel Paulus auf der ersten Missionsreise (45 – 48) in eine jüdische Kolonie auf Zypern kam, um Juden das Evangelium zu verkündigen. Es geschieht dort ein typisches Wunder: Nicht die Juden, sondern der Prokonsul, ein verständiger Mann namens Sergius Paulus in Paphos, öffnete sich dem Evangelium. Elymas, ein Zauberer, der den Prokonsul vom Glauben abwendig zu machen sucht, wird damit bestraft, dass er erblindet und umhertappt und solche sucht, die ihn an der Hand leiten. In dieser Gestalt wird hier symbolhaft das ganze Judentum dargestellt, das von Gott verstockt wird und seitdem blind umherirrt. Gott zeigt nun, jetzt kommt etwas anderes. Von dem Augenblick an wird auch der Name des Apostels geändert. Apg. 13,9: „Saulus, der auch Paulus heißt“, denn jetzt bekommt der den Namen, den er braucht, um hinauszugehen nach dem Westen. Kein anderer von den 12 Jüngern ging hinaus.

Nun geschieht im Inneren von Kleinasien die Umschaltung in der Verkündigung und zwar in Antiochia in Pisidien.

Übrigens: Markus ging nicht mit, er wich von ihnen. Er war so gebunden an seine jüdische Erziehung und konnte nicht fassen, dass man jetzt, bevor überhaupt sein eigenes Volk das Heil erfasst hatte, schon zu den Heiden gehen wollte und dazu in dieses wilde Bergland, wo Menschen wohnten, deren Sprache von keltischen Lauten verunstaltet war. In Zypern war das etwas ganz anderes. Dies war ja eine der reichsten Kolonien, von sehr vielen Juden bewohnt, die später allerdings vollkommen ausgerottet wurden, weil sie einen Aufstand machten. Die Heiden, so sagten die Alten, die kommen schon, aber das Volk Israel ist das Missionsvolk, das hinausgehen und die Völker herbeibringen und ihnen gebieten wird: „Haltet alles, was wir euch im Namen Jesu, des in Nazareth geborenen und auf Golgatha gestorbenen und auferstandenen Herrn verkündigen. Da konnte er, Markus, nicht mitgehen. Er konnte noch nicht verstehen, dass auch diese Menschen jetzt mit eingeschlossen wurden in das Heil. Paulus und Barnabas aber zogen weiter nach Kleinasien.

Es war eine ganz neue Predigtart und eine der längsten Predigten, die Paulus hier in Antiochien in Pisidien hielt, die Auferstehungspredigt. Davon wurde in dieser Ausführlichkeit vorher noch nie gesprochen. Achten wir einmal darauf, wie oft in diesem Kapitel 13 von der Auferstehung die Rede ist. Etwas ganz Neues. Paulus konnte ja nicht seine Bibel herausziehen und sagen: „Nun lese ich aus dem Evangelium vor, was sich begab.“ Das war nicht möglich, denn das erste Evangelium ist erst etwa im Jahre 70 n. Chr. entstanden.

2. Das Wort des Heils für die Juden

Lesen wir nun einmal die verschiedenen Bezeichnungen, die hier vorkommen.

Vers 26: „Brüder, Söhne des Geschlechts Abrahams, (also Juden) und die unter euch Gott fürchten“, (das waren Proselyten, Heiden, die davon überzeugt waren, dass nur der Eingott-Glaube Israels der richtige sei, und die die Beschneidung angenommen hatten; auch sie galten als Juden) „euch ist das Wort dieses Heils gesandt.“

Das Wort des Heils, von dem die Propheten und die Psalmen ausführlich sprachen, wird jetzt erklärt, weil es in Jesus leibhaftig Gestalt angenommen hatte. In diesem Jesus, der in Jerusalem gekreuzigt worden war und von dem die dortigen Bewohner sich abgewandt hatten und eine Verfolgung einleiteten. Nun suchte der Apostel Paulus von der Diaspora her die Juden zu veranlassen, dass sie dieses Wort des Heils annahmen, das in Jesus, dem Auferstandenen, nun wirklich nahe gekommen war.

Im Griechischen steht hier „Rettung“, ausgehend von einem Retter. Das ist die Eigenart; Wort Gottes ist nie ohne Bezug auf eine Person. Die ganze Heilige Schrift, vom ersten bis zum letzten Wort, ist immer gebunden an eine Person. Womit beginnt die Heilige Schrift? „Und Gott sprach.“ Und die letzten Worte der Schrift lauten: „Sein Name – seine persönliche Wesenheit – ist das Wort Gottes.“ Ein Wort dieses Heils ist nie denkbar ohne einen, der das Heil bringt, ohne einen Retter. In der damaligen Welt durfte sich nur einer „Retter“ nennen, nämlich der römische Kaiser Augustus Oktavianus. Er nannte sich Retter aller Menschen. Aber hier tritt uns in dem Augenblick, wo von dem Heil gesprochen wird, die Majestät Gottes entgegen. Euch ist das Wort des Heils gesandt, dieses Heils, das ich euch jetzt in dem Auferstandenen sage.

Das ist der Ausgangspunkt. Und nun wird weitergeführt.

3. Das Wort Gottes für die Nationen

V. 44: „Am nächsten Sabbat aber versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort Gottes zu hören.“ Weder Rundfunk noch Fernsehen noch Plakate hatten es bekannt gegeben, und fast die ganze Stadt kam zusammen Das müssen überwiegend Heiden gewesen sein, die noch nichts von dieser Botschaft gehört hatten. Und nun heißt es: „um das Wort Gottes zu hören“; nicht mehr um das Wort des Heils.

Warum dieser andere Ausdruck? Wem ist denn das Heil zuerst gesandt? Nur den Juden, und dann erst den Heiden. Die hätten das noch gar nicht verstanden. Sie hörten jetzt das Wort Gottes. Das kam für sie aus einer ganz anderen Welt, die ihnen bisher noch nicht bekannt war. Ganz hilflos standen sie dieser anderen Welt gegenüber. Was ist denn die Welt ohne Gott? Es ist eine Welt der Dämonen, die sie anbeteten. Das waren so viele, dass sie gar nicht den Platz hatten, um allen einen Altar zu errichten. Darum hatten sie einen Altar gebaut: „Dem unbekannten Gott!“ Aus dieser Welt heraus kamen die Leute und hörten jetzt Gottes Wort. Hier ist nicht das Wort von irgendeinem Gott gemeint, sondern von dem ~ den sie ja suchten, und von dem sie überzeugt waren; denn es konnte doch nur e i n e Persönlichkeit, e i n Gott hinter all dem Geschehen als sinnvolle Macht stehen. Es war ihnen klar geworden, so kommen wir nicht weiter. Sie waren satt des Pantheismus, der nur Angst und Ungewissheit erzeugte. Das war ja die Not des Heidentums. Darum auch der Hilferuf des Einen aus Mazedonien: „Komm herüber und hilf uns endlich aus der Angst vor den Göttern. Bring‘ uns eine Botschaft, bei der wir froh werden können.“

In Canberra/Australien, auf der Weltkirchenkonferenz vom 12. -19.2.1991, wurde laut einer Zeitungsnotiz folgendes gesagt und dem wurde nicht widersprochen: „Gott ist nicht nur in den christlichen Kirchen, sondern auch in anderen Religionen gegenwärtig.“ Mit dieser Feststellung hat sich der Weltkirchenrat gegen christliche Absolutheitsansprüche gewandt. Christen, Buddhisten, Moslems und andere sehen die Wahrheit vielmehr aus unterschiedlichen Blickwinkeln, erklärte der Direktor des interreligiösen Dialog-Programms beim Weltkirchenrat.

Entschieden wandte sich der aus Sri Lanka / Indien stammende methodistische Theologe Wesley Aria Raja aus Genf gegen die Auffassung, dass der christliche Glaube der richtige und die anderen deshalb falsch seien. Dies stelle eine falsche und unnötige Alternative dar. Aria Raja hält es deshalb auch nicht für die Aufgabe  der  Christen,  ihren  Glauben  missionarisch weiterzutragen.“

Stellen wir uns den Apostel Paulus auf der zweiten Missionsreise in Troas vor (Apg. 16,8). Wo er auch in Kleinasien anfangen möchte, zu evangelisieren, nirgendwo findet er eine Möglichkeit. Und da zeigt ihm Gott ein Gesicht: Ein Mann aus Europa, aus der Landschaft Mazedonien, ruft ihn: „Komm herüber und hilf uns.“ Wenn nun der Apostel so auf den Hilferuf des Mannes aus Mazedonien reagiert hätte: „Ihr habt doch auch Götter, ja, ihr seid ja über die Maßen religiös. Da ist es überhaupt nicht notwendig zu missionieren.“ Was wäre daraus geworden? Europa wäre untergegangen!

August Winnig, der frühere Oberpräsident von Ostpreußen, ein Sozialdemokrat, kam Anfang der 20er Jahre zum Glauben. Er legte seine Arbeit in der Partei nieder und lebte nur noch als Schriftsteller. Hitler hatte versucht, ihn zu gewinnen, weil er wusste, was für eine wertvolle Persönlichkeit dieser Mann war. In seinem Buch „Europa“ kommt der Satz vor: „Europa konnte nur Europa werden unter dem Kreuz. Nehmt das Kreuz hinweg, und es ist nicht mehr Europa.“

Das neue Europa steht nicht mehr unter dem Zeichen des Kreuzes, sondern unter dem blauen Schutzmantel Marias mit den 12 goldenen Sternen der Himmelskönigin als Symbol. (Wir denken dabei an die 12 Stämme Israels und die Frau, bekleidet mit der Sonne nach Off. 12,1, wo das neue Israel herausgeboren und auch verfolgt wird.) Europa, unter dem Zeichen Marias; was soll daraus werden?

Gott in seiner Weisheit hat es zugelassen, dass das Kreuz Europa prägte, manchmal von Männern, die ganz unwürdig dazu waren, die nur nach eigener Macht strebten, aber doch von Gott benutzt wurden, diesen Erdteil zu erhalten. Von ihm sollten Reformation, Pietismus und Gemeinschaftsbewegung ausgehen. Davon wurden wir alle geprägt.

Das Wort „Europa“ bedeutet „Dunkelheit“. In diesem Lande der Dunkelheit wurde es erst durch die Botschaft vom Kreuz hell.

Der Pantheismus (Vielgötterei) und das Fehlen der Gnade verbreiteten eine schreckhafte Dunkelheit. In ihr konnten sich weder Freude noch Frieden einstellen.

Im Pantheismus müssen die Menschen in ständiger Angst leben, einen noch möglichen Gott in der Verehrung übersehen zu haben, der sich nun grausam rächen wurde. Um sich davor zu schützen, stellten die Athener auch „dem unbekannten Gott“ einen Altar auf (Apg. 17/23). Angstfrei wurden sie trotzdem nicht; denn zahllos sollten die dunklen Mächte sein, die jederzeit gnadenlos zuschlagen konnten. „Zwischen Lipp‘ und Kelchsrand schwebt der dunklen Geschicke Hand!“ Ist es uns schon einmal klar geworden, was wir unserem Herrn Jesus Christus verdanken, dass er uns von diesen beklemmenden Ängsten befreite?

So ist das Heidentum eine gnadenlose Erscheinung. Man kannte zwar Mut, Tapferkeit, Treue, Weisheit, aber die „Gnade“ war unbekannt: gnadenlos wurde der besiegte Gladiator getötet, gnadenlos wurde ein Teil der Kriegsgefangenen hingerichtet, gnadenlos waren Sklaven ihren Herren ausgeliefert, gnadenlos setzte man Kinder mit einer Missbildung in der Wildnis aus  eine schaurige Welt. – „Komm herüber und hilf uns!“ – das klingt jetzt wie ein Verzweiflungsschrei.

In dieser Dunkelheit konnten sich weder Freude noch Frieden ansiedeln, die lieblichsten Früchte der Gnade. Gnadenlosigkeit, Freudenlosigkeit  und  Friedlosigkeit  kennzeichnen  das Heidentum. Sie umschreiben auch die Dunkelheit Europas.

Nun verstehen wir auch, warum alle Briefe des Apostels Paulus beginnen: „Gnade und Friede sei euch…“, denn das ist eine Botschaft, die auch Europa brauchte. Eine andere Botschaft haben wir nicht.

In Antiochien nun kam fast die ganze Stadt zusammen und hörte diese Botschaft als das Wort Gottes. Als aber die Juden die Volksmengen sahen, wurden sie von Eifersucht erfüllt. Sie machten sich auf und mobilisierten dagegen alle Kräfte. Schmähungen, üble Nachrede und Lästerungen kamen von den Frommen, denen das Wort des Heils dargeboten worden war.

Und nun sagt ihnen der Apostel Paulus: „Wenn ihr das Heil, das Freude bringen soll, von Euch weist, dann wenden wir uns zu den Heiden, die heute alle hier zusammengekommen sind, um das Wort von dem einen Gott zu hören.“ Er stützt sich dabei auf die Verheißung von Jesaja 49/6. Das sollte einmal kommen, wenn das Heilsvolk Israel sich ganz geöffnet hat und den Völkern die Frohe Botschaft bringt. Aber nun weiß er: Das hat jetzt schon Gültigkeit. Es ist eine neue Einstellung im heilsgeschichtlichen Handeln Gottes, das sich auf dieses Jesajawort gründet: Es ist ein Leichtes, dass du, Heilsvolk, die Verjagten Jakobs wieder zusammenbringst und vereinigst. Das ist keine schwere Aufgabe für dich, wenn es einmal soweit sein wird. Du bist mir auch das Licht für die Nationen bis über Rom hinaus, bis an das Ende der bekannten Welt. Jetzt seid ihr dran, ihr Heiden, denn das ist das Ziel. Es soll nicht so bleiben: Immer Angst, immer Traurigkeit und Sorge, immer Schatten des Todes.

4. Das Wort des Herrn für jeden einzelnen

Vers 48: „Als aber die aus den Nationen es hörten, freuten sie sich und verherrlichten das Wort des Herrn.“ Ihnen wird nun dieses Wort Gottes (Vers 44) zu einem „Wort des Herrn“, indem ihnen der innere Sinn geöffnet wird für die Richtigkeit dieses Wortes von dem einen Gott, der allein nur das Herz befriedigen kann und nicht der Pantheismus im Pantheon der Griechen, wo so viele Götter sind, dass man überhaupt nicht mehr weiß, an wen man sich wenden soll. Der eine Gott gibt die Ruhe und die Sicherheit. Deshalb freuten sie sich und verherrlichten das „Wort  des Herrn“.

Was ist denn das für ein Wort? Paulus wagt nicht, etwas in diesem entscheidungsvollen Augenblick zu sagen als nur in Wort Gottes, und dieses Wort Gottes wird hier ganz anders genannt, nämlich „das Wort des Herrn“. Ist denn das etwas anderes als das Wort Gottes? Es ist das gleiche Wort in einer anderen Ausprägung. Es ist hier vom „Herrn“ die Rede Ach, es gibt so viele Herren, aber was sind das für armselige Herren! Die Herren dieser Welt sind doch nur Überbringer des Todes und des Verderbens!

Hier spricht der Herr, der absolute Macht hat über Leben und Tod und der diese Macht sinnvoll einsetzt; der da etwas sagt und nun erwartet, dass das Gesagte überlegt und befolgt wird.

„Wort des Herrn“ ist eine der häufigsten Ausdrücke in der Heiligen Schrift. Er kommt im Alten Testament (mit 306 mal) sogar noch öfter vor als im Neuen Testament (mit 41 mal), weil dort der Grund gelegt wird zum Gehorsam. Gottes Reden bezieht sich in erste Linie auf den Gehorsam. Das war der Anfang der Wege Gottes mit den Menschen: Das habe ich dir gegeben in dem Garten, davon kannst Du leben. Und das aber sollst du nicht begehren, denn sonst begehrst du etwas, was wieder in Chaos hineinführt. 

Das „Wort des Gottes“ hingegen finden wir nur 6 mal im Alten Testament und 43 mal im Neuen Testament.

Ein Wort Gottes soll zum Wort des Herrn werden. An uns ergeht das Wort Gottes immer als Wort des Herrn. „Ich bin der Herr“, so heißt es im Alten Testament, davon wird nichts zurückgenommen. Die 10 Gebote werden niemals zurückgenommen. Wenn es heißt: „Christus, das Ende des Gesetzes“, so heißt das noch lange nicht das Ende der 10 Gebote. Sie bestehen und gelten für alle Menschen. Es wird zum Wort des Herrn und sagt, so sollst Du leben. Und nun erwarte ich von dir, dass du dem erleuchteten Verstand folgst.

„Sie verherrlichten das Wort des Herrn“ und fingen nicht an, zu diskutieren und zu streiten über die Wortauffassungen, sondern sie freuten sich, und das möchte unser Vater haben. Ich weiß ja, was ich in dein Leben hineinverordnet habe zu deiner Erziehung. Du kannst ja nur das werden, was ich aus dir machen werde, wenn du den Weg geführt wirst, den ich für dich bestimmt habe. Auch, wenn es ein schwerer Weg ist. Du darfst Dich freuen; denn auf diesem Weg komme ich mit dir zum Ziele und mit all den Menschen, um die Du dich sorgst.

Sie wussten, dass der Sprecher dieses Wortes Gottes nicht als Fremder mir gegenüberstehen will, sondern er will mein Herr sein, d.h. er nimmt alle Verantwortung auf sich. Damals gehörte zum Herrsein weit mehr als es heute der Fall ist. Er hatte allein die Verantwortung, Souveränität im Handeln, im Planen, im Ausführen. Das allgemein gesprochene Wort wird jetzt zu einer persönlichen Bindung an den, der es gesagt hat. Das ist das Kennzeichen in allen Gottesworten: Die persönliche Bindung.

Wir haben nicht wie die Mohammedaner einen Koran, in dem einer etwas gesagt hat, und nun wird dieses Wort immer wiederholt. Unser Wort ist eine Person, und wo diese Person spricht, können wir dieses Wort in uns aufnehmen. „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh. 1,14a). Jesus selber ist dieses Wort. Was ist Jesus Christus für uns? Er ist der verherrlichte Sohn des lebendigen Gottes. Das war die Botschaft, die Paulus zu verkündigen hatte. Dass er Mensch wurde, würde für uns nicht genügen. Nicht einmal die Auferstehung würde vollkommen genügen. „Er ist in den Himmel selbst eingegangen, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen.“ Hebr. 9,24 sagt es deutlich den Menschen, die nun für ihre Lebensreife notwendig Geduld brauchten, weil sie geglaubt hatten, jetzt müsse doch das Himmelsreich kommen. Und es zog sich hin. – Den Raub ihrer Güter hatten sie mit Freuden erduldet, aber nun kamen die Verfolgungen. Und sie fragten sich, ist das überhaupt der richtige Weg, haben wir uns nicht getäuscht? Nun werden sie auf etwas neues hingewiesen. Das ist der Glaube, der nicht mehr Sichtbares braucht, wie es im 2. Korintherbrief 5, 7 steht: „Wir leben nicht im Schauen, sonder im Glauben.“ Und sie blicken auf den einen, den Gott verherrlicht hat und der uns im Wort dargestellt wird.              

Der seine Gemeinde nicht nur herausruft, sondern auf dem Wege begleitet, ja noch mehr, der sie bis zum Ziel bringt, weil er sich vorgenommen hat, jeden einzelnen so zu pflegen, dass er m i t den anderen das Ziel erreicht.

Der verherrlichte Christus, ihn haben wir so notwendig, namentlich dann, wenn die Lichter erlöschen, wenn wir sagen müssen: Aller Glanz ist erloschen, Stern um Stern ist erstarrt und nun stehe ich da, einsam in der Finsternis.

Otto Stockmeyer sagte: „Glauben heißt, absehen von der augenblicklichen Situation, von den Gefühlen, ob es Licht ist oder Dunkel; es heißt: mit einem Worte Gottes in der Hand weitergehen.“ Der verherrlichte Christus hat uns in der Gefangenschaft umgeben, wo niemand mehr war, der uns ein Wort sagen konnte. Vorher hatte mir Bruder Borngraeber in einem Brief geschrieben: „Nun musst du von dem leben, was du auf den Konferenzen gehört hast.“ Es war ein gutes ermutigendes Wort: „Festhalten an dem, was unsere Lehrer gesagt haben.“ Und es hat ausgereicht! „Meine Gnade reicht aus!“ Es ist die Gnade des Herrn, der als Geliebter in meinem Leben – nein! – als liebevoller Ordner, Zurechtbringer, Zusprecher immer wieder wirkt. Der den Weg bahnt, der den Weg führt, der gesagt hat: „Ich bringe dich ans Ziel.“ Ja, wir wollen uns freuen, dass ER alles in die Hand genommen hat.

Die Juden lästerten und wiegelten die Bevölkerung auf, gegen Paulus Stellung zu nehmen. Sie erweckten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas, und sie mussten Antiochien verlassen. Nun kamen sie in die Bilderstadt Ikonium, die Ikonenstadt, wo man die verehrten Götterbilder kaufte und zu Hause aufstellte. Man kniete vor ihnen nieder und rief den Namen dieser Götter an, weil man glaubte, hier fände man Hilfe und Schutz.

5. Das Wort der Gnade für die Gläubigen

Apg. 14, 1: „Es geschah aber zu Ikonium, dass sie in die Synagoge der Juden gingen und also redeten, dass eine große Menge, sowohl von Juden als auch von Griechen, glaubte.“ Vers 3: „Sie verweilten lange Zeit und sprachen freimütig in dem Herrn…“ und jetzt kommt ein ganz neuer Ausdruck zum ersten Mal in der Botschaft der Evangeliumsverkündigung: „der dem Wort seiner Gnade Zeugnis gab.“

Jetzt handelte es sich um gläubige Menschen, die brauchten das Wort der Gnade, der überströmenden Gnade, die keine Schranken mehr kennt, die Sünden vergibt. Nicht wie im Vaterunser, wo wir bitten: „Vergib uns unsere Sünden in dem Maße, wie wir vergeben.“ O, das wäre eine armselige Sache. Nein, nach dem Reichtum seiner Gnade (Eph. 1, 7b). Und wie groß ist dieser Reichtum? Da fangen wir vielleicht lieber gar nicht an? – Der ist unausspürbar und unausschöpflich.

Mit diesem Wort der Gnade ist der Apostel auf den Ruf des mazedonischen Mannes hinüber gezogen nach Europa und wir sehen an zwei Menschen, wie dort dann das Wort der Gnade zu wirken anfing. An einem Typus des Judentums, das war eine sehr fromme Frau (Lydia) und an einem Typus des Tatmenschen (dem Kerkermeister), der in seinem Leben überhaupt nie nach Gott gefragt, sondern nur seine Pflicht getan hat und zwar immer mehr als die Oberen verlangten. Wir kennen das, wie oft die Pflichterfüller schlimmer sind als die, die sie auferlegen. Auch ein Dietrich Bonhoeffer ist in einer Zeit, wo er nicht mehr hätte sterben  müssen,  an  der  falschen  Pflichterfüllung  eines Pflichtbewussten – soll man sagen Beamten? – gestorben, der sich ohne Verkehrsmittel, auf einem Rad ohne Gummireifen, auf den glatten  Felgen,  mit  dem  Todesurteil  nach  Flößenburg durchgearbeitet hat. So ein ausgedienter römischer Veteran, der so treu seine Soldatenpflicht erfüllte, dass man ihm den schwierigen Posten eines Kerkermeisters anvertraut hat, war wohl der Kerkermeister zu Philippi. Er wurde von dem Wort der Gnade getroffen.

Von diesem Wort der Gnade leben wir, und es ist dieses Wort der Gnade, das von dem Apostel Paulus im Auftrag des Heiligen Geistes ausgeführt und im Lichte dieser Gnade entfaltet wird bis hin zu dem Wort: „Er wird herrschen, bis er alle seine Feinde zu Füßen seines Schemels gelegt hat.“ (1. Kor. 15, 25) Ein Wort aus dem Alten Testament (Psalm 2 und 8), von dem auch heute schon katholische Theologen sagen: Ein weiter ausgespanntes Wort gibt es nicht. Weder die Juden noch die Kirche werden alle Menschen zum Glauben bringen und dennoch bleibt bestehen: „Er wird herrschen, bis alle Feinde zu Füßen seines Schemels liegen und Gott sei alles in allem.“ Der katholische Theologe Urs v. Balthasar, ein Schweizer, der seine Bücher im Marianischen Verlag in Einsiedeln erscheinen lässt, hat das so klar ausgedrückt und fügt hinzu: „Wie das geschieht, weiß kein Mensch, aber das es geschieht, denn es steht geschrieben.“

Als Paulus mit seinen Gefährten auf seiner ersten Missionsreise wieder zurückkehrt nach Lystra, Ikonium und Antiochien, befestigt er die Seelen der Jünger und ermahnt sie, in der Gnade zu bleiben. Das hängt auch mit der Lehre zusammen. Er erklärt es ihnen im einzelnen, dass sie es erfassen konnten, was ihnen eigentlich geschenkt war in dem Wort des Herrn, das ihnen zum Wort der Gnade wurde, damit sie etwas damit anfangen konnten und im täglichen Leben eine Stütze hatten. Dass sie nicht nur so allgemein religiös dahinlebten, überschüttet mit einer neuen Gnadenfülle, sondern zum Lobpreis dieser Gnade leben konnten. Über Gnade muss man belehrt werden, denn der Inhalt dessen, was das Wort Gnade umfasst, ist dem natürlichen Menschen nicht geläufig.

Der Jude wusste etwas von der Gnade. Im Psalm 32 lesen wir in Vers 1: „Glückselig der, dessen Übertretung vergeben, dessen Sünde zugedeckt ist! Glückselig der Mensch, dem der Herr die Ungerechtigkeit nicht zurechnet…“ Damit begründet ja der Apostel Paulus die Rechtfertigung aus Gnaden. „Gnädig und barmherzig ist Gott!“ Das ist der Cantus firmus durch das ganze Alte Testament, der feste Gesang vom Anfang der Schöpfung an bis Maleachi, wo noch einmal auf die Gnade hingewiesen wird, denn nach Maleachi hat Gott 400 Jahre lang geschwiegen. In dieser Zeit konnte nur das weitergegeben werden, was im Wort bereits vorhanden war durch die kleine Schar, die im Stillen Lande, die auf die Hoffnung Israels warteten.

Dass wir doch die Gnade recht verstehen und recht gebrauchen möchten! Es war ein mühevoller Dienst, dieser Lehrdienst und man braucht lange Unterweisung, um zu verstehen, was die Gnade möchte. Wir können nur immer wieder versuchen, in die Tiefen des Wortes einzudringen und zu bitten: „Herr, öffne mir das Verständnis, nicht aus dem Wunsch heraus, dass ich dann mehr weiß, sondern dass ich in meinem Leben etwas sein kann von dem, was dir vorschwebt.“ Wir sollten etwas sein zum Lobpreis  seiner  Gnade.  Darum nimmt  Gott unwürdige Geschöpfe heraus, damit er an ihnen zeigen kann, was seine Gnade vermag. Dieses Wort der Gnade soll uns bewegen, und es scheint eine besondere Kraft in sich zu haben, denn als der Apostel weiß, er muss einen ganz anderen Weg gehen als bisher, möchte er diesen Weg mit Freuden gehen. Konnte er bisher in Freiheit das Evangelium sagen unter dem Schutz der römischen Staatsmacht, so sollte sein Weg nun in die Gefangenschaft führen, und er weiß, Trübsale warten auf ihn. So nimmt er Abschied von den Gemeinden in

Asien, wo er zuerst angefangen hat zu wirken. In Ephesus kann er nicht mehr reden, wo er drei Jahre lang, Nacht und Tag gelehrt hat. Die Hauptarbeit geschah nämlich bei Nacht in Einzelgesprächen, während er an seinem Webstuhl  saß und für  sich und  seine  Gefährten den Lebensunterhalt beschaffte, damit er in der treueren Stadt Ephesus überhaupt leben konnte. Drei Jahre lang lehrte er jeden Tag mindestens 5 Stunden, von 11 – 16 Uhr. Das war die Zeit, da man in den heißen Ländern nicht arbeiten kann. Da hatten die Sklaven frei, und so kamen sie zusammen. Mancher mag eingeschlafen sein, weil er schon seit Morgengrauen gearbeitet hatte, aber sie kamen. Und Paulus hat ihnen, wie er sagte, nichts vorenthalten, sondern ihnen den ganzen Ratschluss Gottes geoffenbart. Woher nahm er denn die Kenntnis des Ratschlusses Gottes? Gewiß, Gott hatte ihm besondere Offenbarungen gegeben. Aber er musste seinen Zuhörern sagen können, ich habe festen Grund, und das war nur das Alte Testament, auf dessen Grund er zu ihnen sprach. Die ersten Schriften des Neuen Testamentes waren ja die Briefe des Apostels Paulus. Der erste Thessalonicherbrief war überhaupt der älteste, ca. 20 Jahre bevor es ein Evangelium gab. Das Markusevangelium entstand etwa im Jahre 70 n. Chr., und das Johannesevangelium stammt erst aus der Zeit 95 – 100 n. Chr.

Wären die neutestamentlichen Evangelien Grundlage des Glaubens geworden, dann hätten die Menschen damals lange warten müssen auf einen Schriftgrund. Gott hat es anders gemacht. Es wäre gut, man hätte die Bücher nach der Entstehung angeordnet, das wäre eine große Erleichterung gewesen. Dann würde einem ganz klar werden, Gott gibt zuerst das Umfassende, und dann geht er ins Detail. Was uns die Evangelien sagen sind Detailangaben. Aber was wir zuerst brauchen, das ist der Überblick über das Ganze. Dabei war eben das Wort der Gnade so bedeutend.

Kurz bevor der Weg des Apostels in die Gefangenschaft führte, wurde ihm das Wort von der „ausreichenden Gnade“ gegeben, 2. Kor. 12, 9: „Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht.“ Sie ist mächtig auch in denen, die in der Gefangenschaft sitzen. Da kann er nichts anderes mehr tun wie Mose in seiner Rede zu seinem 120. Geburtstag. Man merkte dieser Rede in 2. Mose 31 nichts an, dass er 120 Jahre alt war, sie war frisch wie am Anfang, diese Rede vor dem ergreifenden Lied in Kapitel 32. Er sagt ihnen: „Ich weiß, ihr werdet euch abwenden. Schon zu meinen Lebzeiten war es schwierig, euch bei Gott zu halten. Wie wird es erst sein, wenn ich nicht mehr da bin?“ Genau den gleichen Aufbau hat die Rede, die der Apostel Paulus gehalten hat bei seinem Abschied, vor allem vor der ephesinischen Gemeinde zu Milet, wohin er die Ältesten hatte kommen lassen. In Ephesus konnte er sich ja nicht mehr sehen lassen, da hätten sie ihn buchstäblich zerrissen, so hatte er den Hass der dortigen Menschen auf sich gezogen. Er sagte ihnen: „Ich weiß genau, es wird nicht so bleiben. Passt auf, dass ihr der Gemeinde bewahrt, was euch anvertraut ist.“ Genau das was Bruder Karl Merz uns immer sagte. „Passt auf, dass nichts verloren geht von dem, was uns anvertraut ist.“ „Denn es werden greuliche Wölfe kommen, die der Gemeinde, der Herde, nicht schonen. Aber auch aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Lehren bringen.“

Gibt es für uns da einen Schutz? Jawohl! „Ich befehle euch Gott und dem Wort seiner Gnade an“, denn das Wort der Gnade hat eine bewahrende Kraft; wenn man nicht mehr in sich selbst etwas sucht und Kräfte in sich selbst mobil macht. Mit unserem Vermögen schaffen wir es nicht, aber das Wort der Gnade hat die Kraft, zu bewahren und das Erbe, das bereit liegt, aufzubewahren, dass es auch übernommen werden kann. Stützt euch allein auf das Wort seiner Gnade!