Von der Treue der Haushalter der Gottgeheimnisse (1. Kor. 4, 1)

1 So soll man uns betrachten: als Diener des Christus und Haushalter der Geheimnisse Gottes. 2 Im übrigen wird von einem Haushalter nur verlangt, daß er treu erfunden wird. 3 Mir aber ist es das Geringste, daß ich von euch oder von einem menschlichen Gerichtstag beurteilt werde; auch beurteile ich mich nicht selbst. 4 Denn ich bin mir nichts bewußt; aber damit bin ich nicht gerechtfertigt, sondern der Herr ist es, der mich beurteilt.5 Darum richtet nichts vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das im Finstern Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenbar machen wird; und dann wird jedem das Lob von Gott zuteil werden.

1. Kor. 4, 1-5

Autor: Adolf Heller, aus GuH

Es ist eine geradezu überwältigend große Tatsache, dass die Glieder der Gemeinde Christi Jesu nichts Geringeres sind als Haushalter der Geheimnisse Gottes (1. Kor. 4, 1). Erst wenn wir anfangen, diese Wahrheit nicht nur zu durchdenken, sondern auch in heiliger Hingabe für diese Gnadenberufung zu danken, werden wir darüber beseligt und entzückt, aber zugleich auch gedemütigt und gebeugt. Wenn diese Doppelwirkung fehlt und die Botschaften Gottes auf die Dauer nur einen Rausch der Freude oder nur Beugung und Zerbruch auslösen, so liegt eine gefahrdrohende Vereinseitigung, eine krankhafte Schwerpunktverlagerung vor. Dadurch ist aber ein gesundes, fruchtbares, gottgefälliges Glaubensleben unmöglich.

Wir wollen im folgenden nicht von den Geheimnissen Gottes als solchen reden, so wichtig es auch ist, auf den Unterschied zwischen Reichsgeheimnissen und Gemeindemysterien hinzuweisen, damit wir unsre Stellung und Aufgabe im Heilsplan Gottes erkennen. Und zudem: wie sollen wir etwas verwalten, Haushalter über etwas sein, wovon wir kaum vom Hörensagen etwas wissen? Das wäre ein eigenartiger Lagerverwalter, der weder den Bestand seines Lagers kennte noch etwas von den Anweisungen wüsste, an wen und wie viel von den zu verwaltenden Gütern er auszugeben hätte. In einem weltlichen Betrieb wäre das einfach undenkbar. Wie aber steht es da hinsichtlich der göttlichen Haushalterschaft? Wenn Paulus, der Apostel des Leibes Christi, sich mit den gewiss nicht vollkommenen Korinthern zusammenschließt und sie und sich als Ökonomen der Mysterien Gottes bezeichnet, gilt da dieses gewaltige Wort nicht all denen, die in Wahrheit Christo angehören? Vergl. hierzu 1. Kor. l, 2! Diese Frage stellen bedeutet nach dem Sinn und Geist des Neuen Testamentes, sonderlich aber der uns geltenden paulinischen Briefe, sie von ganzem Herzen bejahen. Man wird jedoch angesichts solcher Glaubenserwägungen zutiefst erschrecken. Und das ergeht auch jedem Gläubigen so, der nicht nur in dem äußeren Ablauf eines frommen Betriebes steht, sondern wirklich von Gott berufen ist, Glied am Leibe Christi zu sein.

Denn es bricht eine entscheidende Frage auf, die Antwort fordernd vor uns steht: Was erwartet der HErr von solchen, die „Unterruderer Christi und Haushalter der Geheimnisse Gottes” sind? Worauf kommt es zutiefst an? — Wen diese Probleme noch nicht bewegt und erregt, erfüllt und umgetrieben haben, der weiß wohl noch wenig von einer wirklichen göttlichen Berufung. Wenn schon auf Erden eine wichtige Stellung in der Wirtschaft oder in der hohen Politik besondere Voraussetzungen und Verpflichtungen, Einsichten und Fähigkeiten erfordern, wie viel mehr muss das der Fall sein, wenn es sich um das Größte, Höchste und Herrlichste handelt, was es im weltweiten Universum gibt, um die großen und wunderbaren Geheimnisse, die Gott der Vater selbst im Herzen hegt?

Die Frage nach dem, worauf es bei uns als Haushaltern der Geheimnisse Gottes ankommt, was das Wichtigste und Entscheidende ist, wird gleich im folgenden Vers unsres Wortes geklärt. Der Ausdruck loipon, der den zweiten Vers mit dem ersten verknüpft, kann, wenn wir den Textzusammenhang anführen und darlegen dürfen, etwa so verdeutscht werden: „Dafür schätze man uns ein: Unterruderer Christi und Haushalter der Geheimnisse Gottes. Es bleibt noch übrig zu sagen (d. h.: dazu muss noch klargestellt werden, oder: demnach, oder: daraus ergibt sich), sucht man hier von den Verwaltern, dass einer (jemand, d. h. der Einzelne, also jeder für sich) treu (pistos = vertrauend, glaubend, zuverlässig, aufrichtig, Sicherheit bietend) erfunden werde.”

Gott erwartet nicht natürliche Gaben, hohe Intelligenz oder glänzende Beredsamkeit. Meist ist bei den wirklichen Heiligen das gerade Gegenteil vorhanden. Er will nicht, dass wir uns durch unsre Schlauheit oder die Wucht unsrer Persönlichkeit durchsetzen, um dann eine Rolle zu spielen. Das alles mag die Welt schätzen. Unser Gott benützt die Schwachheit und Torheit des Zeugnisses, um zu seinem Ziele zu kommen.

Eines aber ist unerlässlich: die Treue, die selbstlos, ohne List und Gewalt ihren gottverordneten Sterbens- und Siegesweg geht. Gott sucht an dir und mir, dass wir treu erfunden werden. Es gibt ungezählte verborgene Heilige, die in selbstloser Hingabe mit fröhlichem Herzen einen Opferweg der Liebe ohnegleichen gehen. Sie sind nirgends Vorsitzende und spielen keine Rolle, sie sind weder große Redner noch glänzende Organisatoren, aber sie lieben und leiden und segnen, wo immer auch Gott sie zum Zeugnis der unsichtbaren Welt hingestellt hat. Brennt nicht dein Herz in heiliger Liebesglut, auch ein solcher zu sein? Es hat mich bewegt und ergriffen, was Ralf Luther in seinem Neutestamentlichen Wörterbuch, einer Einführung in Sprache und Sinn des urchristlichen Schrifttums, erschienen im Furche-Verlag, über die Treue schreibt. Nur wenige Sätze seien hier angeführt, die wahrlich wert sind, in stillen Minuten immer wieder durchdacht und durchbetet zu werden. „Unter Treue wird im Neuen Testament die Bewährung im Verwalten von Anvertrautem verstanden. Jeder Mensch ist in irgend einer Weise ein Haushalter, dem Gott Wichtiges anvertraut hat (Luk. 16, 1—18; 19, 11—28: 1. Kor. 4, 2). Wer seinen Besitz und seine Gaben nach eignem Ermessen anwendet, macht sich der Unterschlagung schuldig. . . . Der himmlische Vater gibt nicht ins Blaue hinein die „eigentlichen” Gaben (Luk. 16, 11. 12) seines Hauses. Er erprobt vorher die Treue. Er ist ein solider Baumeister. Er baut von unten nach oben. Er fragt zuerst danach, ob Menschen im Kleinen treu sind, ob sie sich in ihrer nächsten Umgebung bewähren; ob sie mit dem „bösen Dinge”, dem Gelde, auch redlich umgehen. Wenn schon der stinkende Mammon, an dem auf seinem vielverschlungenen Wege soviel Gemeinheit haften geblieben ist, in den Augen des Menschen einen solchen Glanz haben kann, dass er sich um seinetwillen zur Untreue verführen lässt, wie viel mehr wird dann der Mensch sich betören lassen durch hohe geistliche Gaben! Ein Mensch, der so wenig Halt hat, dass er um etwas Staub zum Betrüger wird, der würde erst recht hohe geistliche Offenbarungen und Geisteskräfte zu seinen eignen Zwecken missbrauchen.

Untreue ist es, Gaben, die einem gegeben werden, verkümmern zu lassen, sie seinen Mitmenschen vorzuenthalten (Luk. 19, 20).

Untreue ist es, sich zu viel Arbeiten oder ein zu weites Arbeitsgebiet zuzumuten. Das Normale ist es, dass mehr Arbeit in ein Menschenleben kommt, wenn Gott den Menschen über mehr setzt (Luk. 19,  17); nicht aber, wenn der Mensch allerlei unternimmt oder gründet oder sich Aufgaben aufreden lässt, die ihm sein göttlicher Hausherr nie gab. Vielgeschäftigkeit und Hetze beruhen immer auf Untreue. Sie stammt aus der fehlenden Orientierung darüber, was Gott vom Menschen will. Der himmlische Arbeitsgeber hetzt seine Arbeiter nicht zu Tode. Treue arbeitet nur dort, wo sie hingestellt ist, und rührt sonst keinen

Finger. Treue macht gesund und nervenstark.” — Soweit Ralf Luther. — —

Wollen wir nicht den Mut zur Demut haben, uns im Licht dieses Zeugnisses unserm Gott neu zu weihen? Sind diese Gefahren nicht auch in deinem und meinem Leben vorhanden? Was nützen uns die höchsten und herrlichsten Erkenntnisse, wenn wir sie nicht treu und selbstlos, demütig und gehorsam verwalten? Müssen sie uns nicht dereinst zur Anklage werden? Hat nicht Thomas a Kempis recht, wenn er in seiner berühmten „Nachfolge Christi” uns ernstlich ins Gewissen hineinzureden bemüht ist, indem er uns bezeugt: „Je mehr und größer Ding du weißt, je härter Urteil du leiden musst, so du nicht auch heilig danach lebest.”

Möchten wir uns in demütiger Gottesfurcht und liebender Ganzhingabe unter das Wort unsres Bruders und Lehrers Paulus stellen, das er uns in 2. Kor. 13, 5 zuruft: „Prüfet (erprobet, versuchet) euch selbst, ob ihr im Glauben (in der Treue oder Zuverlässigkeit) steht; erforschet euch gründlich (stellt eine Musterung an, ob wirkliche Amtsfähigkeit vorliegt).” —

Unser Vater der Treue schenke es dir und mir und all den Seinen, dass wir die einzige Grundbedingung wirklich erfüllen, um seine Heilsträger zu sein, zu bleiben und immer wesenhafter zu werden: als treu, selbstlos und gewissenhaft erfunden zu werden in allem, was irgend er uns nach Geist, Seele und Leib, an Zeit und Kraft, an Geld und Gut, an Wissen und Können anvertraut hat. Dann, und nur dann werden wir dereinst mit Freuden vor seinem Angesicht stehen können und als zuverlässige Haushalter erfunden werden, die et über weit Größeres und Herrlicheres setzen wird, als wir jetzt, im Leibe der Niedrigkeit, zu erfassen Vermögen.