Vom Rätsel der Schuld (Ps. 34, 21b

„Die den Gerechten hassen, werden für schuldig gehalten werden. Alle, die auf ihn trauen, werden nicht für schuldig gehalten werden.”

Ps. 34, 21 b, 22 b

Autor: Adolf Heller, nach seinem gleichnamigen Artikel bei GuH

Ohne Zweifel ist die Schuld „der Übel größtes”. Ein schuldbelastetes Leben quält und zerstört sich selbst und andere. Das erfahren Menschen und Völker immer wieder, und es ist fast unbegreiflich, dass in dieser Beziehung keiner vom ändern, keine Generation von der vorhergehenden, keine Nation aus ihrer Geschichte etwas lernt.

Dabei ist für den Einzelnen die wirkliche und Wesenhafte Beseitigung seiner Schuld zutiefst sehr einfach. Sie ist so schlicht, dass ein Kind sie fassen kann, und dennoch so gewaltig und von solch unabdingbarem Totalitätsanspruch, dass Stolze und Starke darüber zerbrechen und zugrundegehen.

Denn der Hass gegen den Gerechten, also den Christus, und das Vertrauen auf Ihn sind nicht in erster Linie eine Angelegenheit unsres Denkens, Fühlens und Wollens, sondern eine innerste sittliche Herzensentscheidung. Diese Entscheidung aber ist unendlich mehr als das Anerkennen eines Dogmas, das Führwahrhalten einer Lehre: es ist ein bewusstes Sich-bergen, eine völlige Preisgabe jedes ändern Versuches, sich selber zu retten oder durch irgendwelche Verhältnisse und Umstände, Menschen oder Mächte gerettet zu werden, ein endgültiger, unwiderruflicher Verzicht auf jeden ändern Bergungsort. Glauben heißt soviel wie Zufluchtnehmen oder Sich-auf-jemand-fallen-lassen. Das kann ein Kind viel besser und bedenkenloser als ein Erwachsener. Darum ermahnt auch der Herr seine Jünger, zu werden wie die Kinder. Das gilt, nicht im seelischen, aber im geistig-geistlichen Sinn, auch uns, den Gliedern des Leibes des Christus.

Wer nun Den, der von Gott für uns zur Gerechtigkeit gemacht ist (1. Kor. l, 30), der schon im Alten Testament Jahve tsidkenu = Herr, unsre Gerechtigkeit, genannt wurde (Jer. 23, 6), hasst, also bewusst ablehnt und verwirft, der begeht damit die entscheidende Sünde seines Lebens (Joh. 16, 9). Wer sich aber in dem gottgegebenen Zufluchts- und Rettungsort birgt, wer sich selber loslässt und hingibt, wer von Herzen Ihm vertraut und allein mit Ihm rechnet, der die Sünde der Welt gesühnt, die Strafe der Schöpfung getragen hat, der wird auf keinen Fall für schuldig gehalten werden.

Da aber dieser Glaubensakt, wenn er echt und geistgewirkt ist, immer zugleich ein Demütigungsweg und Sterbensprozess für das eigne Ich ist, der zunächst dunkel erscheint, aber ins wahre Leben und in ungeahnte Herrlichkeiten hineinführt, vermag ihn nur der zu vollziehen, der sein eigenes Leben preiszugeben bereit ist. Sein Ich kann aber nur der lassen und Gott weihen, der die Tiefe seiner Schuld in etwa zu erkennen beginnt und davon um jeden Preis loskommen und freiwerden will.

Die Schuldfrage, das größte Problem der Schöpfung, wird nur durch den Glauben, der wirklich „des Geistes größte Tat” ist, gottgemäß und völlig gelöst. Diese Lösung führt aber in solche selige Tiefen und Weiten des Heils, in eine solche Überfülle von Gnade und Herrlichkeit hinein, dass je und je Menschen, die das erfasst und erfahren haben, immer wieder ausriefen: „O glückselige Schuld!” Denn ohne Nacht wäre uns das Wesen des Lichtes, ohne Sünde der Überstrom der Gnade, ohne Gottesferne die Wonnen der Gemeinschaft mit dem Vater durch den Sohn in einem solchen Umfang und Reichtum, wie wir sie jetzt besitzen, genießen und bezeugen dürfen, nie zuteil geworden.