Unser Teil und Erbe (4. Mose 18,20)

20 Und der Herr sprach zu Aaron: In ihrem Land sollst du nichts erben, auch kein Teil unter ihnen haben; denn ich bin dein Teil und dein Erbe inmitten der Kinder Israels!

Mose 18,20

Autor: Adolf Heller, aus GuH

Das ganze Volk Israel bekam das Land Kanaan und alle seine Schätze und Früchte verheißen. Alle sollten Strome von Milch und Honig genießen, die Städte der Einwohner besitzen und in jeder Beziehung wohlhabend und glücklich sein.

Anders stand es mit den Leviten! Hinsichtlich ihres Besitztums sagte der Herr: „Den Kindern Levi habe ich allen Zehnten in Israel zum Erbteil gegeben für ihren Dienst, den sie verrichten, den Dienst des Zeltes der Zusammenkunft. Und die Kinder Israel sollen nicht mehr dem Zelt der Zusammenkunft nahen, um Sünde auf sich zu laden, dass sie sterben; die Leviten vielmehr sollen den Dienst des Zeltes der Zusammenkunft verrichten, und sie sollen ihre Ungerechtigkeit tragen: eine ewige Satzung bei euren Geschlechtern. Aber inmitten der Kinder Israel sollen sie kein Erbteil besitzen” (4. Mose 18, 21—23). Levi sollte zwar kein eigenes Erbe haben, aber an allem, was den übrigen 11 Stämmen gehörte an Besitz und Genuss, Anteil haben.

Mit Aaron hingegen, dem Hohepriester, und seinen Söhnen nach ihm ging Gott noch einen Schritt weiter: er sollte weder erben noch Anteil an den Gütern der ändern haben, wie in 4. Mose 18, 20 geschrieben steht: „Der Herr sprach zu Aaron: In ihrem Lande sollst du nichts erben, und du sollst kein Teil in ihrer Mitte haben; ich bin dein Teil und dein Erbe inmitten der Kinder Israel.”

Aaron hatte nicht nur, wie ganz Israel, Zutritt zum Vorhof und bediente nicht nur, wie Levi, das Heiligtum, sondern hatte seinen gottverordneten Platz im Allerheiligsten, den sonst kein menschlicher Fuß betreten durfte.

Damit aber hatte er Anspruch auf Gott selber. „Ich bin dein Teil und dein Erbe!” bezeugt ihm der Herr. Welch ein kostbares Wort!

Den Kindern Israel gehören die natürlichen Schätze und Reichtümer des Landes zum Besitz und Genuss; die Leviten erfreuen sich und ernähren sich von den reichen Opfergaben, die ihnen für ihren Dienst dargebracht werden; der Hohepriester jedoch lebt zutiefst von, für und mit Gott selbst. Nur wer je wirklich Gemeinschaft mit dem Herrn geschmeckt und darin gelebt hat, weiß, was das bedeutet.

Dem Fleischesmenschen erscheint das als Torheit und Unsinn; der seelische Mensch hält das für übertrieben und schwärmerisch; aber der Geistesmensch weiß, dass nicht in Blut und Boden, in Essen und Trinken, in Kleidung und Nahrung und Wohnung unser Leben ist, sondern allein in Dem, der im Vollsinn das Leben selber ist. Nur wer den Sohn hat, hat das Leben. Tausendmal lieber mit Christus leiden und sterben, als ohne ihn vegetieren! Denn dieses kurze, arme, mühsame Erdendasein ist ja nichts anderes als die Vorbereitung für das wahre Leben, ist ja nur, wie schon das „Weltkind” Goethe erkannte, „eine Pflanzschule der Geister”.

Gott selbst will unser „Teil und Erbe” sein. Was soll das heißen? Was will der Herr damit sagen? Alle Wesen und Welten haben ihre besondere „Zuteilung”, wenn wir so sagen dürfen, ihr Erbe, oder, genauer übersetzt, ihr arteigenes Losteil. So wie der Herr in Israel, dem Vorbild und Abbild für Engel und Menschen, jedem Stamm sein Besitztum „zuloste”, so auch allen ändern Geschöpfen.

Vielleicht verstehen wir jetzt den königlichen Sänger David, wenn er in PS. 16, 3. 5. 6 in heiliger Freude frohlockt: „Du hast zu den Heiligen gesagt, die auf Erden sind, und zu den Herrlichen: An ihnen ist alle meine Lust (mein Wohlgefallen oder Entzücken).” Andre übersetzen: „An ihnen hängt mein Herz!” und französische Bibeln sagen: „Sie sind der Gegenstand meiner gesamten Zuneigung.”

Der 5. und 6. Vers dieses köstlichen Psalmes lauten: „Der Herr ist das Teil meines Erbes und meines Bechers; du erhältst mein Los. Die Messschnüre sind mir gefallen in lieblichen Örtern; ja, ein schönes Erbteil ist mir geworden.”

Schon auf dem Boden des Alten Bundes, des Schattengesetzes von Sinai, gab es ein Durchbrechen und Hinauswachsen über die Sachbeziehungen göttlicher Segnungen in die persönliche Lebens- und Liebesgemeinschaft mit dem Herrn. Alle wahren Propheten durften das erfahren und wussten davon zu rühmen. Darum wurden sie auch von ihren frommen Zeitgenossen gehasst und umgebracht (Luk. 13, 33. 34 a).

Was Israel im Vorbild erfährt, besitzen und genießen wir als Gemeinde des Leibes des Christus in Wesenhaftigkeit. Die wahren Glieder Christi, die in allen Kirchen und Freikirchen, Gemeinschaften und Bruderkreisen als „Stille im Lande” in verachteten Minderheiten vorhanden sind, dürfen in heiliger Freude etwas von dem bezeugen, was ihr Bruder und Lehrer, der Apostel Paulus, der schon zu seinen Lebzeiten ein einsamer, von den meisten unverstandener Mann war, in die anbetenden Worte kleidete: „Der Gott unsres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst, damit ihr, erleuchtet an den Augen eures Herzens, wisset, . . . welches der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen ist” (Eph. 1, 17. 18).

Wenn von dem Erbe oder Losteil Gottes die Rede ist, so denken wir, da wir in allen Stücken meist nur egozentrisch, d. h, ichmäßig eingestellt sind, an das Erbe, das wir einmal erhalten werden. Das ist zunächst auch richtig. Denn die Schrift redet gerade in den Füllebriefen von unserm „Anteil am Erbe der Heiligen im Licht” (Kol. 1, 12), spricht von der „Vergeltung des Erbes”, das wir vom Herrn empfangen werden (Kol. 3, 24), bestätigt uns, dass wir „Erben Gottes” sind (Rom. 8, 17) und dass wir „Erben wurden nach, der Hoffnung des ewigen Lebens” (Titus 3, 7). Das ist alles richtig und wichtig, groß und wunderbar. Und dennoch sagt die Schrift über unsre Erbbeziehung zu Gott und Christus noch etwas Größeres und Köstlicheres!

Wir sahen bereits, dass Eph. l, 18 nicht von dem Reichtum der Herrlichkeit unsres Erbes spricht, sondern vielmehr von dem Reichtum der Herrlichkeit seines (d. i. des Vaters) Erbes handelt. Es dreht sich hier also um ein Erbe oder Losteil Gottes! Und dieses göttliche Losteil (klärouomia = etwas, in dessen völligen Besitz und persönlichen Genuss man kommt) sind seine Heiligen, sind wir, die Erstlingsgemeinde aus den Nationen, die Glieder des Leibes Christi. Da der Vater nicht nur einen herrlichen Sohn haben will, sondern in seiner heiligen Freudensehnsucht „viele Söhne zur Herrlichkeit führen” möchte, hat er auch uns zur Sohnschaft oder Sohneswürde verordnet durch Jesus Christus „für sich selbst” (Eph. l, 4).

Wir wähnen, Sohnschaft sei etwas, was in erster Linie für uns da ist, d. h. uns allein zugute kommt. Nein, sie ist in erster Linie für Gott selbst und zum Heil seiner Geschöpfe da. In unserm frommen Egoismus denken wir jedoch gar nicht daran und drehen uns immer im Kreis unsrer freudlosen Ichbezogenheit. Wir sind sein Erbe, d. h., ganz grob ausgedrückt: Gott erbt uns! Das steht auch, bei Lichte besehen, in Eph. l, 11. Da lesen wir, dass wir in dem Christus (siehe Vers 10!) „zu Erben (oder zum Erbteil!) gemacht worden sind”, also das Losteil bilden, das Gott selbst für sich haben will.

In einer rechten Ehe und Familie sind Frau und Kinder Nutznießer dessen, was dem Vater gehört und was der Vater genießt an Freuden und Segnungen an und in dem gemeinsamen Haus und Heim.

Aber auch das Umgekehrte ist der Fall: der Vater will eine treue, ihn liebende und um ihn besorgte Lebensgefährtin und gesunde und gehorsame, dankbare und glückliche Kinder haben. Eine einseitige Freundschaft oder Ehe kann ebenso wenig bestehen wie ein Haupt ohne Glieder oder ein Körper ohne Haupt.

Genau so ist es im Göttlichen. Nicht umsonst werden in der Schrift die Bilder vom Leib und von der Ehe so oft gebraucht. Wir sind die Erben Gottes, aber Gott ist auch unser Erbteil. Er gibt sich uns völlig, damit auch wir uns ihm ganz weihen zu heiliger Liebesgemeinschaft und Lebenseinheit. Gott ist in Christo Jesu unser Teil und Erbe, und wir sind das seine. Welche Würde, welche Hoheit, aber auch welche heilige Verpflichtung liegt in dieser Wahrheit verborgen! Mochten wir sie in ihrem ganzen beseligenden Reichtum sehen und fassen lernen, damit wir, „erfüllt mit aller Freude und allem Frieden im Glauben, überströmend seien in der Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes” (Rom. 15, 13)!