Gott gibt, damit wir nehmen (5. Mose 2, 31)

31 Und der Herr sprach zu mir: Siehe, ich habe begonnen, Sihon samt seinem Land vor dir dahinzugeben; fange an, es in Besitz zu nehmen, damit du sein Land besitzt!

5. Mose 2, 31

Göttliche Wahrheiten sind weder logisch noch unlogisch: sie sind überlogisch. Das bedeutet, dass sie nicht unsern engstirnigen Denkgesetzen entsprechen, da die Gottgedanken andrer, höherer Art sind. Der natürliche Mensch kann mit seinem Denken weder die Wege und noch viel weniger das Wesen Gottes erkennen. Wie trostreich und beseligend berührt es da unser Herz, wenn der Herr von sich bezeugt: „Ich weiß ja die Gedanken, die ich über euch denke, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht zum Unglück, um euch Ausgang (oder Zukunft) und Hoffnung zu gewähren” (Jer. 29, 11). Und wenn er in Jes. 55 sein Erbarmen und den Reichtum seiner Vergebung anpreist, so unterstreicht Er das mit den Worten: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. Denn wie der Himmel höher ist als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.” (Vers 7 b—9.)

Die göttlichen Güter und Schätze sind dazu da, dass sie im Glauben ergriffen werden. Ihre Annahme ist jedoch keine religiöse Leistung, wie manche meinen. Und dennoch ist sie eine sittliche Tat, ist der Beweis des Vertrauens, das man in Gott und sein Wort hat, ist die Absage an alle Art der Sünde und der Methoden der Finsternis.

Das sind wunderbare Dinge, die man erleben und erlieben, nicht aber in all ihren inneren Zusammenhängen nur verstandesmäßig erfassen kann. Gottes Wege und Wesen lassen sich eben nicht erlernen und erstudieren, sondern nur im Glaubensgehorsam erfahren.

Auch unser Wort aus 5. Mose 2. 31 bestätigt diese Wahrheit. Dort bezeugt der Prophet seinem Volk. das im Begriff stand. in das Land der Verheißung einzuziehen: „Siehe. ich habe begonnen, Sihon und sein Land vor dir dahinzugehen; beginne, nimm in Besitz, damit du sein Land besitzest!” Aus diesem Vers können wir vielerlei lernen. Zunächst das, dass Gott nichts mit einem Schlag wiederherstellt oder vollendet. Selbst bezüglich der Sendung seines Sohnes in dessen Kommen doch „die Zeit erfüllet ward”, steht geschrieben: „Er (d. h. Jesus) fing an zu tun und zu lehren” (Apg. 1.1) und „die große Errettung hat den Anfang ihrer Verkündigung durch den Herrn empfangen” (Hebr. 2. 3). Und sagt Jesus nicht selbst hinsichtlich seiner Lehre: „Noch vieles habe ich euch zu sagen. aber ihr könnt es jetzt nicht tragen” (Joh. 16. 12)? Erst durch den Apostel Paulus. Den Lehrer der Nationen, ließ er sein Wort vollenden, auf sein Vollmaß bringen oder in die Fülle fuhren (Kol. 1. 25).

So sagt der Herr auch in unserm Wort: „Siehe (d. h. macht doch einmal die Augen weit auf !), ich habe begonnen.” Gott wirkt zuerst Anfänge, bereitet sich Erstlinge als Gnadengefäße für die übrigen Wesen und Welten zu. Er stellt seine Geschöpfe gewissermaßen in sein Heilswirken mitliebend und mitleidend hinein. So schreibt z. B. Paulus in Kol. 1: „Ich ergänze in meinem Fleische. was noch rückständig ist von den Drangsalen des Christus für seinen Leib, das ist diejenige Gemeinde deren Diener ich geworden bin nach der Verwaltung Gottes, die mir inbezug auf euch (Nationengemeinden) gegeben ist” (Vers 24. 25).

Das bedeutet nicht, dass wir seine Mitberater wären oder auch nur das Geringste aus eigner Kraft zu leisten vermöchten! Ganz gewiss nicht! Und dennoch sind wir „Mitarbeiter Gottes”, wie wir in 1. Kor. 3, 9; 1. Thess. 3, 2 u. a. St. lesen.

Der Herr wirkt alles allein; aber „wir müssen dabei sein”! Er kann alles ohne uns, aber wir können nichts ohne ihn. Er braucht uns nicht. Aber er benützt uns in seiner unnachahmlichen Weisheit und Gnade. Er schenkt uns ohne jedes „Verdienst und Würdigkeit” sein großes, wunderbares Heil und seine eigne Herrlichkeit (1. Thess. 2, 12; 2. Kor. 4, 17; 8, 23; Phil. 3. 21; Kol. 3. 4 u. v. a. m.). aber wir müssen das alles „glauben“. d. h. ihm vertrauen und seine Rettung gehorsam fassen und festhalten. Denn wer nicht glaubt, hat das Leben nicht, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.

Gott hat begonnen, Sihon vor Israel dahinzugehen. Wie hat er das gemacht?

Hier stehen wir wiederum staunend vor den unbegreiflichen Methoden Gottes. Der vorhergehende 30. Vers sagt uns: „Sihon, der König von Hesbon, wollte uns nicht bei sich durchziehen lassen, denn der Herr, dein Gott, hatte seinen Geist verhärtet und sein Herz verstockt, auf dass er ihn in deine Hand gäbe, wie es an diesem Tage ist.” Solch eine göttliche Aussage sprengt die engen Grenzen und Fesseln unsres blinden. dunkeln Denkens.

Sihon, der König von Hesbon (auf deutsch: der Auswurzler oder Ausrotter von Rechnung Messung Nachdenken oder Weltauffassung) wollte entgegen Gottes ausdrücklichem Gebot dessen Volk Israel keinen Durchzug gewähren. Sehen wir hier nicht ein Bild der Taktiken des Feindes? Während der Heilige Geist darauf hinarbeitet, dass wir „gewurzelt seien in ihm” (Kol. 2. 7) oder „gewurzelt in der Liebe” (Eph. 3, 17). ist Sihon Satan der Auswurzler oder Ausrotter. Er will nicht. dass wir besonnen seien (vgl. dagegen Titus 2, 12!) und nachdenken oder erwägen, was wahr, würdig, gerecht und rein ist (vgl. Phil. 4, 8). Wie viele köstliche Wahrheiten erschließen uns doch die Vorbilder und Abbilder der Schrift! Wie heißt denn dein Sihon, der dein Leben einengt dir Dankbarkeit und Liebe vorenthält dich belastet und quält, wo irgend er nur kann? Wer er auch sei: Gott hat ihn dazu gesetzt und bestellt! Wenn wir erst in Wahrheit allezeit für alles, also auch für unsern Sihon von Hesbon, danken können, dann erst sind wir erlöste Menschen, die ein Siegesleben des Friedens, der Freude und der Fruchtbarkeit zu führen vermögen. Möchte das bei dir und mir und allen Geliebten Gottes der Fall sein! —

Wie kam nur Sihon dazu, so gehässig gegen Israel zu sein? Er war halt, wird man sagen, ein boshafter Mensch „streitsüchtig und der Wahrheit ungehorsam” (Röm. 2, 8), der sich dadurch Gottes Grimm und Zorn zuzog. Das ist eine natürliche, vernünftige Antwort. Aber sie ist nicht erschöpfend, zeigt nicht die göttlichen Hintergründe.

Diese finden wir jedoch in unserm Mosewort: Sihon von Hesbon ließ Israel deshalb nicht durch sein Gebiet ziehen, weil Gott seinen Geist verhärtet und sein Herz verstockt hatte.

Warum aber tat das Gott? Weil er ihn in die Hände seines Volkes zu geben gewillt war! Und das wiederum geschah deshalb, weil Sihon, gleich andern Nationen, gerichtsreif geworden war und nicht länger die benachbarten Völker verderben sollte. So schließt sich der Ring von Ursache und Wirkung. Nur der Glaube vermag diese inneren Zusammenhänge zu erfassen, die uns sowohl das Alleinwirken Gottes als auch die Verschuldung und die sich daraus ergebende Bestrafung der Geschöpfe im Lichte seiner unbestechlichen Gerechtigkeit und unantastbaren Heiligkeit erstrahlen lassen. Der Herr begann. Sihon und sein Land vor Israel dahinzugeben. Weil aber Gott begonnen hatte. sollte auch sein Volk handeln. Darum fordert Jehova sein Erbe auf: „Beginne, nimm in Besitz!” Völker und Menschen sind keine Schachfiguren, die ohne sittliche Entscheidungsfreiheit und einem bis zu gewissen Grenzen reichenden Eigenwillen hin- und hergeschoben werden. Dass sie jedoch auch nicht das Geringste ohne oder gegen den Willen Gottes zu tun oder zu lassen vermögen, ist eine zweite, übergeordnete Wahrheit, die nur nach den starren Gesetzen unsres verfinsterten Verstandes der ersten Tatsache zu widersprechen scheint. „Nimm in Besitz, damit du besitzest!” Das heißt doch nichts anderes als: in bewussten Besitz und Genuss kommst du erst dann, wenn du das, was Gott dir zuteilt, auch wirklich ergreifst. Wenn ich einem toten Gegenstand etwas hinhalte oder anbiete, so reagiert er nicht. Es scheint wenigstens so, denn wir wissen von den verborgenen Gesetzen der scheinbar leblosen Materie nur sehr wenig; man denke doch nur etwa an Adhäsion und Kohäsion, an magnetische und elektrische Ströme oder an die erst jetzt entstehende Atomphysik! Wir tappen blind in einer unverstandenen Welt der Sachen und Dinge, der Völker und Menschen, der Engel und Dämonen umher und meinen Wunders, wie klug wir wären und wie weit wir es gebracht hätten. Was sind wir doch für armselige, lächerliche Narren (Jes. 44, 25; Matth. 23, 19; Röm. l, 22; Ps. 2. 4)!

Auch Paulus, unser Bruder und Lehrer in Christo, ermunterte seinen Schüler und Mitarbeiter Timotheus: „Ergreife das ewige Leben, zu welchem du berufen worden bist!” (I. 6, 12.) Hatte denn Timotheus nicht das ewige Leben? Ganz gewiss hatte er es, denn „wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben” (Joh. 3, 36). Und sollte Eph. 2, 5, wonach wir mit dem Christus lebendig gemacht worden sind, ausgerechnet für seinen treuesten und wertvollsten Mitarbeiter nicht gelten? Sicherlich! Und dennoch muss das, was uns von Gott gegeben ist, immer wieder neu ergriffen und praktisch ausgelebt werden. Gott schenkt uns alles. Aber was wir nicht im Glaubensgehorsam nehmen, ist nicht unser. Nur was wir in heiligem, dankbarem Vertrauen erfassen und in der anbetenden Hingabe unsres Leibes, unsrer Seele und unsres Geistes festhalten, wird uns zum göttlichen Besitz und Genuss, zur Kraftquelle und zum Auftrag. „Meine Brüder, haltet das Erfasste fest!” pflegte Spurgeon seinen Studenten zuzurufen. Das ist es, was uns die Schrift in mannigfaltigen Zusammenhängen und auf die verschiedenste Art und Weise sagt und wozu wir uns gegenseitig ermuntern sollten.

Gott schenkt uns seinen Sohn und mit ihm und in ihm alles, — schlechterdings alles! Aber unser Glaube ist die Hand, die das aus Liebe und Gnade, aus Güte und Barmherzigkeit Dargereichte ergreift und festhält. Ein Bettler wird nie seine Hand rühmen, weil sie eine Gabe annahm, sondern den Geber und sein Geschenk. Machen wir es gerade so: wir glauben nicht an unsern Glauben, so notwendig und unerlässlich er ist, sondern wir preisen den Geber und seine unaussprechliche Gabe (2. Kor. 9. 15).

Möchten wir solche sein, die in Wahrheit von sich sagen dürfen: „Aus Seiner (d. i. des Vaters) Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“ (Joh. 1. 16)! Bezeugt nicht der von Christus ergriffene Paulus in Phil. 3, 12. dass er dem Ziel der Ausauferstehung aus Toten „nachjagt”, damit er es ergreifen möge? Ausauferstehung ist ein von Gott allein bewirktes und verliehenes Gnadengeschenk. Wir müssen es aber „erobern” oder „erbeuten”, wie man das hier gebrauchte Wort lambano übersetzen darf.

Ohne unsern heiligen Ernst und Eifer werden wir Gottes Ziel in unserm Leben während unsres Erdenwandels im Niedrigkeitsleib nicht verwirklichen, obwohl der Herr ohne und oft sogar gegen unsern Willen alles allein wirkt und bewirkt. Selbst zum Stillesein ist es notwendig dass wir uns „beeifern” (1. Thess. 4, 11), was ja nach menschlichem Dafürhalten ein Widerspruch in sich selbst ist! Nur was wir glaubend nehmen, besitzen wir. „Jeder Ort, auf den eure Fußsohle treten wird, wird euer sein”, verheißt der Herr in 5. Mose 11, 24 seinem Volk (vgl. Josua 1. 3!).

Lasset auch uns lernen die großen Zusagen unsres Vaters in Christo Jesu im Glauben dankbar zu nehmen. Denn dadurch verherrlichen wir ihn. Wenn wir aber das, was er uns in der überströmenden Inbrunst seiner Liebe zu schenken gewillt ist, missachten oder gar ablehnen. so betrüben und verunehren wir ihn. Durch die „volle Gewissheit”, dass Gott das, „was er verheißen hat, auch zu tun vermag”, preisen, rühmen oder verherrlichen wir ihn (Rom. 4, 20. 21). Und das völlig zu tun, erstrebt unser Herz.

Der Sänger des 116. Psalmes fragt in heiligem Dankesbegehren: „Wie soll ich dem Herrn alle seine Wohltaten an mir vergelten?” (Vers 12) und antwortet, inspiriert durch den Geist Gottes, im nächsten Vers: „Den Becher (oder Kelch) der Rettungen (oder des Heils) will ich nehmen und anrufen den Namen des Herrn.” Er dankt und vergilt seinem Gott dadurch dass er noch mehr Heil und Rettung nimmt ! —

Gott gibt, damit wir nehmen. Unser glaubendes Nehmen aber bedeutet für Gott Dank und Verherrlichung. So dürfen wir in den Vollumfang der Gewissheit und der Freude des Heils und der Herrlichkeit des Vaters hineinlauschen und hineinschauen, hineinsterben und hineinwachsen. Gott schenke das je länger je mehr dir und mir und all denen, die in Wahrheit sein eigen sind!