Gibt es heute noch Propheten? (1. Kor. 14, 1)

1 Strebt nach der Liebe, doch bemüht euch auch eifrig um die Geisteswirkungen; am meisten aber, dass ihr weissagt!

1. Kor. 14, 1

Autor: Karl Merz, nach seinem gleichnamigen Artikel in GuH.

So wird immer wieder einmal gefragt. Die Antwort lautet dann meist: nein. So überschreibt „Der Herold Seines Kommens“ den ersten Artikel im neuen Jahr mit den Worten: „Heute haben wir Schriftgelehrte, aber keine Seher.“ Wer wollte leugnen, dass in einer solchen Behauptung viel Wahres steckt? Doch können wir dem Verfasser in dem leider vielfach sensationell aufgemachten Blatt nicht ohne weiteres zustimmen.

Wir wollen zunächst fragen, was die Schrift unter einem „Propheten“ versteht. Vielleicht dürfen wir ganz einfach sagen, dass es sich dabei um einen Menschen handelt, durch den Gott unmittelbar redet. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob es die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft ist, die geoffenbart, beleuchtet oder angesprochen wird. Alle diese Möglichkeiten kommen in der Schrift vor. So verdanken wir die ersten Kapitel unserer Bibel der rückschauenden Prophetie. Denn bei der Entstehung der Welt ist kein Mensch zugegen gewesen; sie hat also später geoffenbart werden müssen. Oder denken wir an die Samariterin, zu der der Herr sagt: „Fünf Männer hast du gehabt, und den du jetzt hast, der ist nicht dein Mann.“ Die Frau bricht darüber in Erstaunen aus, indem sie sagt: „Herr, ich sehe, dass Du ein Prophet bist.“ Da ging es um die Vergangenheit und Gegenwart der Samariterin. Oder denken wir an das Reden der alttestamentlichen Propheten, die durch ihr Reden vielfach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einzelner wie ganzer Völker erhellten. Die Propheten standen (und stehen) vielfach im Gegensatz zu den Priestern. Während die einen unmittelbar von Gott aus redeten, taten die anderen – im besten Fall – solches mittelbar. An diesen Unterschied mag auch der „Herold“ gedacht haben, Wenn wir’s auf eine einfache Formel bringen wollen, dann dürfen wir vielleicht mit jenem bayrischen Kirchenmann sagen: „Die Weissagung ist sowohl ein Hervorsagen als ein Vorhersagen.“

Paulus schreibt in 1. Kor. 14, 1: „Eifert um die geistlichen Gaben, am meisten aber, dass ihr weissagen möget.“ Nebenbei sei erwähnt, dass es sich bei der Weissagung und der Prophetie um ein und dasselbe handelt. Weissagung ist der deutsche, Prophetie der griechische Ausdruck.

In dem von Paulus angeführten Wort geht es mehr um das „Hervorsagen“. Wir wollen dabei etwas stehen bleiben. Die Lage in Korinth war die: Da kommt in die Versammlung ein Ungläubiger oder „Laie“, sagen wir ein Fremder. Einem oder mehreren Brüdern ist es gegeben, von einer Schuld und Sünde zu reden, die den Fremden, in diesem Fall: den noch Unbekehrten belastet. Es geschieht dies noch dazu in einer Weise, dass dieser Mann (oder diese Frau) auf den Gedanken kommt, dass er (sie) gemeint sei. – Ich denke da an Heinrich Dallmayer. Da wendet er sich in einer Versammlung an eine „Marie“; er nennt sie also mit Namen. Er sagt zu ihr: „Du bist heute nicht umsonst hier hergekommen.“ Tatsächlich war diese Marie auf eine ungewöhnliche Art in die Versammlung gekommen. Oder da hat Fritz Binde mit einem Fräulein zu tun, das vorgibt, nicht glauben zu können. Sie meint, sie sei nicht zum Glauben bestimmt. Da offenbart der Herr Seinem Knecht, wie es in Wirklichkeit um das Fräulein stand. Binde sagte: „Nein; aber Sie scheinen sich zum Ehebruch bestimmt zu haben.“ Erschreckt gab sie zu, dass sie in einem ehebrecherischen Verhältnis mit einem verheirateten Mann lebte. Oder Samuel Zeller wollte in einer Andacht klarmachen, was man zu tun habe, wenn man etwas veruntreut habe. „Nehmen wir einmal an, in unserer Versammlung säße ein Schmied; er kommt von da und da und hat Nägel gestohlen. Was muss der tun?“ Nachher meldet sich in der Sprechstunde ein Mann, der von Beruf Schmied war, der von dem genannten Ort stammte, und der Nägel gestohlen hatte. – Von Markus Hauser haben wir gelesen, dass der Herr ihm manchmal zeigte, wer in die Sprechstunde kommen werde und wie es um sie stehe.

Wir wissen, dass es auch in unseren Tagen Kreise gibt, die so etwas Ähnliches zu haben scheinen. Da heißt es etwa: „Unter uns ist ein Ehebrecher.“ Oder: „Unter uns ist ein Dieb.“ In einer größeren Versammlung wird sich dann immer jemand finden, auf den das zutrifft. Solche „Offenbarungen“ stammen jedoch vielfach nicht aus dem Geist, sondern aus dem Fleisch. Sie entspringen nicht selten einer berechnenden Überlegung, die Eindruck machen will, und sind nicht selten unkeusch. Solche Weissagung meinen wir nicht. Wohl aber halten wir dafür, dass die von 1. Kor. 12 und 14 uns in unseren Kreisen not täte. Ich bin jedenfalls immer dankbar gewesen, wenn mich am Schluss einer Versammlung jemand gefragt hat: „Haben Sie mich gemeint?“

Doch geht es uns heute weniger um das Hervorsagen, als um das Vorhersagen.

Fehlt es uns auch daran? Wir fragen wieder: Was versteht die Schrift unter solchem Weissagen? In Offb. 19, 10 lesen wir darüber: „Das Zeugnis aber Jesu ist der Geist der Weissagung.“ Dies kann kaum so verstanden werden, als ob jeder, der das Zeugnis Jesu hat, also ein Eigentum Jesu ist, auch die Gabe der Weissagung besitzt. Wir verstehen es so: Unter denen, die das Zeugnis Jesu haben, findet sich auch der Geist der Weissagung, – nicht, bei jedem, aber da bei einem und dort bei einem. Treffend sagt dazu die Jubil.-Bibel: „Der Geist der Weissagung besteht nicht bloß in der Gabe zu weissagen, sondern auch in der Gabe, Weissagung zu verstehen. Dieser Geist bezeugt den Gläubigen nicht nur, dass sie Kinder Gottes sind, sondern auch, dass sie Erben Gottes und Miterben Christi sein werden.“

Gern führe ich hier auch an, was mir unser Bruder Kahn anfangs dieses Jahres schrieb: „Ich spüre, dass die heutige prophetische Verkündigung in großer Gefahr steht, entwürdigt und entstellt zu werden. Das falsche dramatische Hochspielen von Tagesgeschehnissen schiebt die prophetische Sicht auf ein falsches Geleise.“

Wir führen dazu zwei Beispiele aus unseren Tagen an. Da schreibt uns ein Bruder, dass Goldwater der letzte Weltherrscher sein werde. Es geschah dies noch vor der Wahl des amerikanischen Präsidenten. Weil es aber nicht ganz sicher war, dass Goldwater gewählt würde, sagte jener Bruder: „Und wenn er diesmal nicht Präsident wird, dann das nächste Mal.“ Oder was sollen wir dazu sagen, wenn Walter Schäble in seiner Broschüre „Die glaubende Gemeinde in der Endzeit“ davon spricht, dass Hitler wiederkommen werde, also nicht ein Mann seiner Art, sondern er selber. Schäble hält ihn für den Achten in Offb. 17. Merken diese Brüder nicht, wie gewagt solche Behauptungen sind? Durch solche (und ähnliche) Prophezeiungen machen wir das prophetische Wort vielfach unglaubwürdig.

Ich halte es für durchaus möglich, dass der Herr dazwischen auch Einzelheiten offenbart. Auch dafür haben wir in der Bibel und in der Geschichte Beispiele. Aufs Ganze gesehen, werden wir aber Bruder Kahn zustimmen müssen, dass es zunächst gilt, die Grundlinien des Heilsgeschehens zu erkennen und herauszustellen.

Da aber meine ich, dass wir im Lauf der letzten Jahrzehnte ein gut Stück weitergekommen seien. Ich nenne hier dreierlei.

Vor einem Menschenalter galt es in gläubigen Kreisen als eine ausgemachte Sache, dass wir die große Trübsal durchzumachen hätten, Inzwischen hat der Herr vermehrtes Licht geschenkt. Einmal halten die Kenner des prophetischen Wortes dafür, dass die große Trübsal nicht die Christen, sondern die Juden angehe. Man denke hier an Jer. 30, 7, wo von einer Drangsal für Jakob die Rede ist. Derselbe Gedanke begegnet uns in Dan. 12, 1. Oder man sehe daraufhin Matth. 24 an. Das traurige Gemälde, das der Herr dort entwirft, trägt durchaus jüdische Farben. Womit wir zu rechnen haben, das ist nicht eine letzte große Christen Verfolgung, sondern eine letzte schwere Juden Verfolgung. Von da aus ergibt sich auch eine andere Antwort auf die Frage nach der Errettung aus der großen Trübsal. Wenn diese ausbricht, werden die Glieder des Leibes Jesu Christi nicht mehr auf Erden sein. – Also früher hat man gemeint, dass „wir“ die große Trübsal noch durchzumachen hätten. Später hat man die große Trübsal in die Mitte der letzten Jahrwoche verlegt; und heute mehren sich die Stimmen, die sagen, dass wir vorher entrückt werden. Ich halte dies für einen Fortschritt, und zwar in dem Verständnis des prophetischen Wortes.

Weiter rechnen wir die Unterscheidung von zwei Heilskörperschaften dazu, nämlich Israels einerseits und der Leibesgemeinde andererseits. Wir wundern uns immer wieder darüber, dass die herkömmliche Theologie zwar ein Altes und ein Neues Testament unterscheidet, dass sie aber von dem ändern nichts wissen will. Eph. 3 kann nicht anders verstanden werden. Denn schon die alttestamentlichen Propheten haben davon geredet, dass auch die anderen Völker, also die Nichtjuden, in das Heilsgeschehen einbezogen werden. Wenn Paulus sagt, dass es ihm zuerst geoffenbart worden sei, dann muss es sich dabei um etwas Neues handeln. Sein Gedanke ist der: Damit die Weiterführung des Heilsplanes nach der vorläufigen Ablehnung des Messias durch die Juden nicht stillstehe, habe Gott eine neue Heilskörperschaft gebildet, eben die des Leibes Jesu Christi. Ich weiß, dass die meisten der „Interessierten“ davon bis auf den heutigen Tag nichts wissen wollen. Immerhin betrachte ich es wieder als einen Fortschritt im Verstehen des prophetischen Wortes, dass davon geredet werden darf.

Endlich nenne ich den Gedanken an die Allversöhnung. Auch da gebe ich mich keiner Täuschung hin. Ich weiß, dass immer wieder zum Angriff gegen diese Wahrheit angesetzt wird. Es wird aber immer klarer, dass der Feind dahintersteckt, der begreiflicherweise nicht zugeben will, dass „Gott einmal alles in allem sein wird“. Statt dessen meinen auch unter den Gläubigen immer noch viele, für die Wahrheit zu streiten, wenn sie die Allversöhnung bekämpfen. In Wirklichkeit besorgen sie des Teufels Geschäfte. Freilich muss die Allversöhnung recht verstanden werden. Auch sie kennt Höllenstrafen; aber sie hat keinen Raum für endlose Höllenstrafen. Im übrigen war mir sehr wertvoll, jetzt auch von dem nüchternen Pastor Michaelis, dem seinerzeitigen Vorsitzenden des Gnadauer Verbandes, zu lesen, dass er eine solche Möglichkeit (die der Allversöhnung) nicht ausschließe. (Th. Brandt teilt dies in seinen „Begegnungen auf dem Wege“ mit.)

Lasst uns weiter die Lampe des prophetischen Wortes hochhalten und nur darauf achten, dass uns immer neues öl zufließe. Vielleicht darf in diesem Zusammenhang auch auf die diesjährige „Prophetische Woche“ in Seeshaupt hingewiesen werden. Sie findet vom 9.-16 Oktober statt.