Fluchträger oder Segensträger (1. Petr. 3, 9)

8 Endlich aber seid alle gleichgesinnt, mitfühlend, voll brüderlicher Liebe, barmherzig, gütig! 9 Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Schmähung mit Schmähung, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr wißt, daß ihr dazu berufen seid, Segen zu erben. 

1. Petr. 3, 9

Autor: Adolf Heller, aus GuH

Was ein Flugzeugträger ist, weiß jedes Kind. Es ist ein Mutterschiff, von dem Flugzeuge aufsteigen und nach Ausführung ihres Auftrages wieder auf ihm landen können. Solch ein Flugzeugträger ist eine wichtige Hilfe für die eine Seite, aber eine große Gefahr für den Gegner. ,

Wie nun solch ein Flugzeugträger leicht zu entsendende Flieger beherbergt und dauernd aufsteigen lässt, damit sie ihr Verderbenswerk, bzw. ihre wichtige Hilfs- und Rettungsaufgabe für ihre Truppen tun können, so ist auch jeder Mensch entweder eine Behausung von Dämonen oder eine ‘Wohnstätte des Heiligen Geistes. Er ist ein Fluchträger oder ein Segensträger.

Je nach seiner innersten Einstellung kann ein Mensch helfen und heilen, lieben und segnen und dadurch Licht und Losung, Friede und Freude in die Herzen Enttäuschter und Verzweifelter tragen, oder aber kann er als ein Finsterling Bahnbereiter Satans sein und durch Undank und Lieblosigkeit, Bosheit und Selbstsucht, Neid und Hass nicht nur andre quälen, sondern sich selber zugrunde richten. Denn der Volksmund hat nur allzu recht, wenn er sagt: „Friede ernährt, Unfriede verzehrt.”

 Das kann man nicht nur unter den Völkern in erschreckendem Ausmaß beobachten, wie wir es ja dauernd erleben und erleiden, das gilt auch für berufliche und gesellschaftliche Beziehungen, für die Ehe und das Familienleben, selbst für christliche Kreise in Kirchen und Freikirchen, Gemeinschaften und Brudergemeinden und zutiefst für die engste Zelle des eignen Herzens. Wer nicht mit andern und sich in Frieden lebt, ist ein Finsternisträger und verzehrt sich selbst. Steht nicht in Hiob 18, 13 geschrieben: „Der Erstgeborene des Todes wird fressen die Glieder seines Leibes, seine Glieder wird er fressen!”? Während Christus, das Leben, seine Glieder, nämlich die Gemeinde seines Leibes, nährt und pflegt, frisst der Tod, dieser grausame Höllenfürst, seine eignen Glieder, wie dereinst Nebukadnezar seine eignen Knechte, die die drei Freunde Daniels in den glühenden Feuerofen schleppen mussten, dadurch zu Tode brachte. So gibt es auch Menschen, die sich selber nicht gut sind; wie könnten sie da andre lieben und segnen? Sie zerstören durch ihren Neid und Hass sich selber. Wehe dem, der mit einem solchen verbitterten, gehässigen Menschen zusammenzuleben gezwungen ist! Er wird in solcher Umgebung nur schwer seines Lebens froh, es sei denn, dass er wirklich gelernt hat. Augenblick um Augenblick in Christo zu bleiben und allezeit für alles zu danken.

Der Mensch ist das Bindeglied, zwischen Himmel und Hölle, die Brücke zwischen den Lichtswelten und den Finsternisräumen des Todes und der Verdammnis, der Heilsträger Gottes für seine verlorene Schöpfung. Wer diese tiefste Schau nicht hat, der tappt im Dunkel und weiß nicht, wozu er eigentlich ins Dasein gerufen wurde. Er hat sein ureigentliches Lebensziel verfehlt. Wenn wir nur dazu auf dieser armen, blutgetränkten Erde voll Furcht und Grauen sind, um mit möglichst wenig Mühe möglichst viel Geld zu verdienen, alles Unangenehme von uns fernzuhalten und alles zu genießen, was wir bekommen können, dann wäre es besser, wir waren nie geboren. Solch ein Leben ist wirklich nicht wert, gelebt zu werden.

Wenn Goethe singt: „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: glücklich allein ist die Seele, die liebt!”, so gilt das für die wesenhafte, die göttliche Liebe in unendlich höherem Maße, als er es wissen und ahnen konnte. Denn wir sind gesetzt, zu lieben und zu segnen. Die höchsten Geistesgaben, die umfassendsten Erkenntnisse und die Aufopferung des eignen Lebens sind nichts gegen die Liebe. „Segnet, weil ihr dazu berufen worden seid!” ruft uns Gott in 1. Petri 3, 9 zu.

Es gibt kein größeres Glück auf Erden, als selbstlos zu lieben und zu segnen. Wer sich noch nie gedrungen fühlte, einem Menschen segnend die Hand aufs Haupt zu legen (sei dieser sein Freund oder ein Gefängnissträfling seien es Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester oder ein wildfremdes, schmutziges Kind in einer Gasse oder Gosse) — wer sich nie mit heißem Herzen zu ändern beugte, der ist von Gottes urinnerstem Sein und Wesen noch nicht ergriffen. Ein wirklich begnadeter und gesegneter Mensch kann gar nicht anders, als auch ändern Heil zu wünschen, Gnade zu erflehen und Frieden zu vermitteln. Nur so lernt man etwas von der unerhörten Würde des Menschseins verstehen und ergreifen.

Ach, was sind wir doch für armselige, selbstsüchtige, neidische Finsterlinge, die dem andern nichts gönnen, statt im Auftrag Gottes, in der Gesinnung Christi und in der Vollmacht des Geistes zu lösen und zu erfreuen und zu segnen! — Wie gut, dass unser Herr Fluchträger in Segensträger verwandeln kann! Weißt du aus deinem persönlichen Leben auch etwas davon? Das vollzieht sich sogar unter Umständen, menschlich betrachtet, gegenunsern Willen! Denken wir nur an Saulus, der Drohung und Mord gegen die Jünger Jesu schnaubte (Apg. 9, 1) und die Gemeinde des Herrn über die Maßen verfolgte (Gal. l, 13)! Er war nach seinem eignen Zeugnis ein Lästerer und Gewalttäter und Verfolger (1. Tim. 1, 13) und nannte sich den „äußersten” oder „hochrangigsten” Sünder (1. Tim. 1, 15). Das war nicht nur frommes Geschwätz, sondern ein Gotteszeugnis voll tiefer prophetischer und symbolischer Bedeutung. So war Saulus. War .das nicht ein Beweis dafür, dass auch gesteigerte Religiosität und heiliger, brennender Eifer um Tradition und Dogma nichts anderes als Feindschaft gegen Gott sein können und ihren Träger zum Mörder machen? Die Zahl der wahren Heiligen und Treuen, der Erlösten und Geliebten des Herrn, die im Namen Gottes oder einer frommen Organisation körperlich oder wirtschaftlich oder moralisch zu Tode gequält wurden, ist Legion. So war es und so ist es und so wird es sein, bis Christus wiederkommt.

Und welch ein Segensträger ohnegleichen wurde aus diesem Saulus von Tarsus mit einem Schlag! Was der Herr Jesus im Leib seiner Niedrigkeit noch nicht enthüllen konnte, offenbarte er als der verherrlichte Christus zur Rechten des Vaters durch den Mund und die Feder seines dazu ersehenen Werkzeugs, den Apostel Paulus!

Wenn nun manche meinen, Paulus habe doch auf keinen Fall mehr gewusst als Jesus und man müsse daher die Briefe den Evangelien unterordnen, bzw. die Aussagen der Evangelien über die Briefe stellen, so beweist das eine totale Unkenntnis der Gedanken Gottes über Israel und die Völker als solche einerseits und die Gemeinde aus den Nationen andrerseits. Der Apostel des Leibes Christi hatte den Auftrag, das Wort Gottes auf sein Vollmaß zu führen oder zu vollenden (Kol. 1, 25). Wenn er redet und schreibt, so tut er das nicht aus sich, nein, Christus wirkt durch ihn.

Diese Dinge können aber weder erlernt noch überliefert werden, sondern müssen uns vom Herrn persönlich offenbarungsmäßig vermittelt werden (Gal. 1, 11.12; 1. Kor. 2, 12. 13).

Je köstlicher und gesegneter das anvertraute Heilsgut ist, das ein Mensch haben und bezeugen darf, um so stärker ist die Feindschaft der Finsternis und um so stärker der Druck, den Satan vermittelst seiner Werkzeuge auf solche Heilsträger ausübt. Das war schon zur Zeit Jesu so und wird auch vorläufig so bleiben, ja, gegen Ende dieser Weltzeit noch zunehmen. Wesenhafter Heilsbesitz und Heilsgenuss führt immer in Vereinsamung und Leiden. Das sehen wir am Herrn selbst, an allen wahren Aposteln und Propheten und an den Heiligen aller Zeiten. Wirklichen Segensträgern wird immer geflucht werden. Und zwar weniger von der gottlosen, als vielmehr von der frommen Welt. Darum wurde auch der „Gesegnete des HErrn”, Christus, ein Fluch für Israel und alle andern Völker, Wesen und Welten.

Wir wollen neben Paulus noch einen ändern Fluchträger nennen, der, menschlich gesprochen, ebenfalls gegen seinen Willen zum Segensträger wurde. Es ist Bileam, von dem 4. Mose 22 berichtet. Da Gott gemäß seiner Verheißung mit seinem Volk Israel war und ihm, solange es im Glaubens- gehorsam stand. Sieg über alle seine Feinde schenkte, fürchteten sich die Moabiter vor ihm, und der König Balak ließ dem bekannten Propheten Bileam in Pethor am Euphrat sagen: „Komme doch, verfluche mir dieses Volk, denn es ist stärker als ich. Vielleicht gelingt es mir, dass wir es schlagen und ich es aus dem Lande treibe. Denn ich weiß: wen du segnest, der ist gesegnet, und wen du verfluchst, der ist verflucht” (Vers 6).

Trotz Gottes Warnung (Vers 912) zog Bileam nach anfänglicher Weigerung nach Moab, da ihn der Wahrsagerlohn blendete. Wie viele sind schon um der Ehre und des Geldes willen klar erkannten Wahrheiten untreu geworden und „haben sich für Lohn dem Irrtum Bileams überliefert” (Judä 9).

Auch das Erlebnis mit der sprechenden Eselin dem Unglauben ein Gegenstand des Spottes, aber dem Glauben köstliche prophetische Offenbarung! hielt ihn nicht ab, sich mit Balak (auf deutsch: Verwüster!) einzulassen. Siehe Vers 22—35! Doch dann muss er beim Anblick des Lagers Israels, getrieben von Gottes Geist, die ergreifenden Worte sagen: „Aus Aram hat Balak mich hergeführt, der König von Moab von den Bergen des Ostens: „Komm, verfluche mir Jakob, ja, komm, verwünsche Israel!” „Wie soll ich verfluchen, den Gott nicht verflucht, und wie verwünschen, den der Herr nicht verwünscht hat? Denn vom Gipfel der Felsen sehe ich es, und von den Höhen herab schaue ich es: siehe, ein Volk, das abgesondert wohnt und unter die Nationen nicht gerechnet wird. Wer könnte zählen den Staub Jakobs und, der Zahl nach, den vierten Teil Israels? Meine Seele sterbe den Tod der Rechtschaffenen, und mein Ende sei gleich dem ihrigen!” (23, 7—10.)

Wenn wir einmal begriffen haben, dass das Segnen und das Fluchen nicht leere Worte sind, „Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut”, sondern wesenhafte Darreichungen aus der oberen oder unteren Welt, dass ein Segen oder ein Fluch in Wahrheit löst oder bindet, ein Erfüllen mit Himmelskräften und Seligkeiten oder ein Ausliefern an die Finsternis und das Grauen der Satansmächte bedeutet, — wenn wir das einmal wieder begreifen lernen, dann verstehen wir auch den scharfen Vorwurf Balaks an Bileam: „Was hast du mir getan? Meine Feinde zu verwünschen habe ich dich holen lassen, und siehe, du hast sie sogar gesegnet!” (Vers 11.)

So wurde auch Bileam trotz seines Wankelmutes und seiner ungelösten Ehrsucht und Geldgier in jenen Augenblicken ein Segensvermittler, obwohl er die Gabe Gottes, die er empfangen hatte, zum Fluchen benutzen wollte. Später jedoch wurde er im Auftrag des Herrn getötet (4. Mose 31, 8; Josua 13, 22). Das sind gar ernste und heilige Dinge, die unser Herz bewegen sollten. Damit, dass man ein Gesegneter oder sogar ein Segensträger ist, ist man noch lange kein Vollendeter, ans Ziel Gebrachter! Und das möchten wir doch alle werden. Der Herr bewahre uns davor, bewusste oder unbewusste Fluchträger zu sein, die durch Sünde und Untreue, Hass und Neid sich Selbst und andre quälen und zugrunde richten! Vielmehr mache er uns zu Segenskanälen seiner wunderbaren Güte und Treue, auf dass wir vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt etwas seien zum Lobpreis der Herrlichkeit seiner Gnade!