Die Willensfrage (1. Tim. 2, 4)

1 So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen darbringe für alle Menschen, 2 für Könige und alle, die in hoher Stellung sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit; 3 denn dies ist gut und angenehm vor Gott, unserem Retter, 4 welcher will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

1. Tim. 2, 4

9 Er hat uns das Geheimnis seines Willens bekanntgemacht, entsprechend dem [Ratschluß], den er nach seinem Wohlgefallen gefaßt hat in ihm, 10 zur Ausführung in der Fülle der Zeiten: alles unter einem Haupt zusammenzufassen in dem Christus, sowohl was im Himmel als auch was auf Erden ist 11 – in ihm, in welchem wir auch ein Erbteil erlangt haben, die wir vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluß seines Willens, 12 damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit dienten, die wir zuvor auf den Christus gehofft haben.

Eph. 1, 10

Autor: Karl Geyer, auszugsweise aus seiner Schrift “Ewiges Gericht und Allversöhnung“, erschienen im Paulus-Verlag.

Über das Ziel des göttlichen Willens sind sich die Gläubigen wohl zum großen Teil einig. Niemand vermag es abzustreiten, daß Gott will, „daß alle Menschen errettet werden und daß alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim. 2, 4; Eph. 1, 10). Ebensowenig vermag jemand zu bestreiten, daß es der Vorsatz des geheimen Willens Gottes ist, das All unter ein Haupt zu bringen in dem Christus. Hinsichtlich der Erreichung dieses Zieles aber gibt es Meinungsverschiedenheiten. Während es der einen Seite völlig genügt, daß Gott irgend etwas will – denn was er will, das tut er auch nach dem Zeugnis der Schrift -, erklärt die andere Seite, Gott respektiere den Willen des Geschöpfes so sehr, daß er das Geschöpf nicht retten könne, wenn es nicht wolle.

In welchem Verhältnis steht nun der Wille Gottes zu dem des Menschen? Was geschieht, wenn die Schrift sagt: „Gott will, daß alle Menschen errettet werden“, aber auf der anderen Seite auch sagt: „Ihr habt nicht gewollt“ (Matth. 23, 37)?

Es wäre nun genauso töricht, zu behaupten, der Wille des Geschöpfes spiele für Gott gar keine Rolle, als zu behaupten, es käme nur auf die Entscheidung des Geschöpfes an. Beides ist falsch. Deutlich ist hierbei die philosophische Denkweise des religiösen Menschen zu erkennen, der entweder Gott zum Aus­gangspunkt der Philosophie nimmt und in dieser Richtung einseitig weiterdenkt, oder den Menschen als Ausgangspunkt nimmt und von ihm aus seine einseitigen Schlüsse zieht. Die er­ste Denkrichtung schließt jedes sittliche Handeln des Menschen aus, die zweite macht das sittliche Verhalten des Menschen zur Basis der Beziehungen zwischen Gott und ihm und macht das Handeln Gottes abhängig vom Tun des Menschen.

Gott aber hat es in seiner unergründlichen Weisheit so ge­ordnet, daß weder er selbst zugunsten des Geschöpfes seinen Willen beschränken muß, noch der Wille des Geschöpfes ausge­schaltet wird. Beide kommen zu ihrem vollen Recht. Gott gibt dem Geschöpf Gelegenheit, sich in seinem Wesen zu offenba­ren, und auch er hat jede Möglichkeit für sich selbst, den vollkommenen Plan seiner Gottesweisheit zur Durchführung zu bringen.

Einige Beispiele aus der Schrift mögen uns dies veranschau­lichen.

In 2. Mose 3, 16. 17 gibt Gott seinen Willen mit dem Volk Is­rael kund. Er sagt dort: „Ich will euch aus dem Elend Ägyptens heraufführen in das Land der Kanaaniter und Hethiter und der Amoriter und der Perisiter und der Hewiter und der Jebusiter, in ein Land, das von Milch und Honig fließt.“

Wie ging es nun mit diesem geoffenbarten Gotteswillen?

Das Volk murrte in der Wüste gegen Gott, obwohl er es so herrlich gerettet und heraufgeführt hatte. Die Kinder Israel klagten: „Wären wir doch in Ägypten gestorben, … wären wir doch in dieser Wüste gestorben!“ (2. Mose 16, 1 ff).

Was tut Gott auf solche Äußerungen ihres Willens hin?

Er antwortet ihnen gemäß ihrem trotzigen Unglauben und läßt ihnen geschehen, wie sie gesagt haben. Sie dürfen recht haben mit ihrem Willen. Er läßt sie alle in der Wüste sterben bis auf zwei, die sich dem Wunsche des Volkes nicht angeschlossen hatten.

Mose, der Knecht Gottes, will dieses Unheil abwenden und hält dem Herrn vor: „Wenn du sie in der Wüste sterben läßt, werden die Völker ringsum sagen: Er vermochte nicht, sie in das Land zu bringen“ (4. Mose 14, 15. 16).

Auch dieses Wort läßt Gott in Erfüllung gehen und läßt die Völker ringsum mit ihren Schmähungen recht haben. Um ihres (der Kinder Israel) Unglaubens willen vermochte er wirklich nicht, sie ins Land zu bringen, gleichwie auch von dem Herrn geschrieben steht: „Er vermochte daselbst nicht viele Wunder zu tun um ihres Unglaubens willen“ (Matth. 13, 58).

Vorher schickt Mose die zwölf Kundschaffer aus in das ge­lobte Land. Sie sind auch alle des Lobes voll über die Kostbar­keiten des Landes. Zehn jedoch erklären: „Wir vermögen nicht hineinzukommen“ (4, Mose 13, 31). Sie dürfen auch recht ha­ben. Ihnen geschieht ebenfalls nach ihrem Glauben. Sie bekannten ja, daß sie nicht hineinzukommen vermöchten. So ließ er es ihnen zu und ließ sie durch eine Plage sterben (4. Mose 13 u. 14).

Zwei von den zwölf Kundschaftern aber bekannten: „Wenn Jahwe Gefallen an uns hat, so wird er uns in dieses Land brin­gen und es uns geben.“ Auch dieser Glaube ging in Erfüllung, und die zwei Männer, Josua und Kaleb, behielten recht. Sie wurden von ihm in das Land gebracht, während alle anderen starben.

Nun hatten sie alle der Reihe nach einmal recht: Die ungläu­bigen Kundschafter, die gläubigen Kundschafter, das murrende Volk und die heidnischen Völker ringsum. Allen geschieht nach ihrem Glauben, und ihr Wille geht zunächst in Erfüllung.

Wo aber bleibt der Wille Gottes, der doch durch einen Eidschwur dem Abraham, Isaak und Jakob als unabänderlich zugesagt war?

Gott kann warten. Der Erfüller aller Gottesverheißungen, der Sohn (2. Kor. 1, 19. 20), kann es auch. Er ist der Vater der Aonen, dem eine Fülle von Zeiten zur Verfügung steht.

Was er sich vorgenommen, und was er haben will,
Das muß doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel.

Und so wartet er einen Zeitlauf nach dem andern, bis auch für diese Verheißung, die nach Hebr. 11, 13 und 39. 40 noch nicht erfüllt ist, die Zeit der Erfüllung gekommen ist. Dies ge­schieht dann, wenn die Körperschaft, durch die er alle Verhei­ßungen zum Lob des Vaters hinausführt, fertig ist, nämlich sein Leib, das Pläroma, die Fülle des Christus, durch die er das All in allem zur Erfüllung bringt (2. Kor. 1, 20) [„durch uns“ und Eph. 1. 22. 23). (S. a. 2. Thess. 1, 10). Wenn der Christus durch die Fülle seiner Glieder auf sein Vollmaß gekommen ist, wird er auch die schon dem Abraham, lsaak, Jakob, Mose u.a. gegebenen Verheißungen zur herrlichen Erfüllung bringen (Jes. 26, 19). Dann werden auch die in der Wüste dahingestorbenen Kinder Israel durch den Geist des Lebens wieder aus den Toten er­weckt und dürfen in das Land ziehen samt den lebenden Juden, die errettet werden. So wird er das ganze Volk Israel erretten und in das Land einführen und es die vollen Segnungen des Landes genießen lassen unter dem wiederkommenden Sohn Davids im Tausendjährigen Reich (Hes. 37). Dann wird er das Herz der Väter, die so lange schliefen, bekehren zu den Kin­dern, und das Herz der Kinder, die lebend die Ankunft des Mes­sias erfahren dürfen, zu den Vätern wenden (Mal. 3, 24 [4, 6]). Mit diesem Ausblick schließt der letzte Vers des Alten Testa­ments. Also wird ganz Israel errettet werden (Röm. 9-11). Was er ihnen verheißen hat, führt er auch aus. Seine Gnadengaben und Berufungen sind unbereubar! (Röm. 11, 29). (S. a. Vers 15.) -Ja, wunderbar groß und herrlich sind die Gerichtswege Gottes! Sie offenbaren die Tiefe des Reichtums seiner Weisheit und Er­kenntnis. Ohne Mitberater hat er das Endziel seiner beiden Wege, des Weges der Gnade und des Weges des Gerichts, festgelegt. Niemand vermag ihn darum auch an der endlichen Er­reichung des Zieles zu hindern. „Sein Werk kann niemand hin­dern!“ Darum sei ihm auch die Herrlichkeit durch alle Zeitalter hin! (Röm. 11, 29-36).

Der Mensch darf innerhalb der ihm festgelegten Grenzen seiner Verhältnisse recht haben, aber Gott behält recht. „Die Rechte des Herrn behält den Sieg“ (Ps. 118, 15. 16).

Etwas ähnliches sehen wir bei Josef und seinen Brüdern. Sie achten den geoffenbarten Willen Gottes nicht, der will, „daß Brüder einträchtig beieinander wohnen“ (Ps. 133, 1), sondern offenbaren die schlechte Gesinnung ihres fleischlichen Herzens dadurch, daß sie ihren Bruder nach Ägypten verkaufen. Gott läßt auch diesen bösen Anschlag der Brüder gelingen; aber er hat eine geheime Absicht dabei. Indem sie gegen seinen geof­fenbarten Willen handeln und hierdurch ihr törichtes Herz kundmachen, erfüllen sie die geheimen Retterabsichten Gottes mit ihnen selbst und mit ihrer Umwelt. Josef beschönigt nicht die böse Absicht der Brüder; aber er nimmt ihnen sogar noch den Ruhm für ihre schlechte Tat, indem er ihnen kundtut. daß nicht sie diejenigen waren, die ihn nach Ägypten gesandt ha­ben, sondern Gott (1. Mose 45, 4. 5 und Kapitel 50, 19-21). („Ihr glaubt zu schieben, und ihr seid geschoben.“)

Auch hier wird zuerst der Wille des Geschöpfes erfüllt. Es bekommt Gelegenheit, die fleischliche Gesinnung seines Herzens zu offenbaren. Es darf wollen; aber sein Wille besteht nicht, der Wille Gottes aber bleibt bestehen.

Betrachten wir noch die grausigste Tat der Weltgeschichte, den Gottesmord auf Golgatha, wo das Geschöpf, das aus der Hand seines Schöpfers Leben erhalten hatte, seinen Schöpfer ermordete. „Er kam in das Seinige, aber die Seinigen nahmen ihn nicht auf“ (Joh. 1, 11). Aber indem sie ihren bösen Willen durchsetzten und ihn zum Tode brachten, erfüllten sie die ge­heime Retterabsicht Gottes mit ihnen selbst und mit der ganzen Welt (Apg. 2, 23 und 4, 25-28). Indem sie tobten und Eitles wider ihn sannen unter Verachtung seines geoffenbarten Wil­lens, erfüllten sie seinen geheimen Liebeswillen, der in seinem Teil himmelhoch über den geoffenbarten Willen hinausgeht und zuletzt auch diesen noch zur Erfüllung bringt.

Gott offenbart zunächst nur Teilziele, indem das Geschöpf sich diesen wiedersetzt, erfüllt es die viel weiter gesteckten Zie­le, die noch nicht geoffenbart sind. Damit bringt das Geschöpf durch seine böse Gesinnung eine Verantwortung für sein Han­deln auf sich selbst und muß im Gericht für die schlechten Be­weggründe büßen. Nachdem es aber die Schuld verbüßt hat, kann Gott es dennoch rechtfertigen, weil es letzten Endes doch mit seinem Tun den geheimen Willen Gottes erfüllte.

So wird bei allem Weltgeschehen beides erfüllt: der Wille Gottes und der Wille des Geschöpfes. Das Geschöpf darf zu­nächst recht haben; Gott aber behält in jedem Fall recht. Darum steht auch nach jenem viel mißbrauchten Wort: „Ihr habt nicht gewollt“ die Fortsetzung: „… bis daß ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Dieselben Menschen, die nicht „erkannten zu dieser ihrer Zeit, was zu ihrem Frieden diente“, werden noch einmal nach schweren Gerichten ausspre­chen lernen: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Matth. 23, 29-39).

Es ist überhaupt falsch, den Willen Gottes und den Willen des Geschöpfes als gleichwertig einander gegenüberzustellen. Sie sind gar nicht neben- oder gegengeordnet, sondern über-, bzw. untergeordnet. Immer ist der Wille des Geschöpfes dem göttlichen Willen untergeordnet. Selbst Satan vermag nichts von sich selbst zu tun (Hiob 1, 6-12 und 2, 1-7). Viel weniger ein anderes Geschöpf. Es geschieht überhaupt nichts im ganzen weiten Weltall ohne den Willen Gottes. Noch nicht einmal ein Haar fällt von unserem Haupt ohne seinen Willen (Amos 3, 6b; Jes. 45, 7; Luk. 21, 18).

Der Wille Gottes und der Wille des Geschöpfes sind in ihrer Qualität himmelweit verschieden. Der Wille Gottes ist in seiner Freiheit absolut, der Wille des Geschöpfes nur relativ. Gott kann sich bei all seinem Handeln selbst Anfang und Ziel, Methode und Ausgang bestimmen. Das Geschöpf kann weder bestim­men, wie es geboren werden will, noch zu welcher Zeit, von welchen Eltern und unser welchen Verhältnissen. Es ist in sei­nem ganzen Dasein beschränkt durch die Grenzen, die ihm hinsichtlich seiner Fähigkeiten und seiner Verhältnisse gesetzt sind. Wie kann man da bei einem Geschöpf von einem freien Willen reden? – Es hat nur einen bedingt freien (relativen) Wil­len. Er ist zusammengesetzt aus dem Willen des Fleisches, den es durch die Erbschaft des Blutes von seinen Vorfahren erhält, sodann dem Eigenwillen, der jedem Menschen als besonderes Unterscheidungsmerkmal von anderen Menschen gegeben ist, und drittens dem Willen Satans, dem der Mensch seit dem Sündenfall unterjocht ist. Darum sind wir von Natur aus nicht frei, sondern Sklaven der Sünde und unter die Sünde verkauft. Es ist ein direktes Unding, bei einem Sklaven von einem freien Willen zu reden. Vergleiche Eph. 2, 3; Röm. 8, 7. 8; 3, 9-19; Gal. 3, 22; Tit. 3, 3; 1. Petr. 4, 3; Gal. 5, 19-21; 2. Petr. 3, 3; 2. Tim. 2, 26; Röm. 6, 16-22 u.a.

Aus der Sklaverei der Sünde sind wir freigemacht und zu Sklaven Gottes und Christi Jesu geworden, und nun beginnt erst das Hineinwachsen in den Stand der wahren Freiheit. Denn „für die Freiheit hat Christus uns freigemacht“ (Gal. 5, 1). Ehe­mals aber waren wir Unfreie.

Es ist merkwürdig, wie angesichts solcher klaren Urteile des Herrn, daß wir Sklaven sind, gefangen unter den Willen des Fleisches, den Eigenwillen und den Willen des Satans, gerade die Gläubigen oft mit so viel Energie das falsche Dogma von der Freiheit des menschlichen Willens verteidigen. Es genügt doch allein schon, die Gebundenheiten zu betrachten, die durch die Sünden der Väter sich auf die nächsten Generationen verer­ben. Heute bestätigt selbst die ungläubige Welt durch die Ergeb­nisse der Psychoanalyse die Wahrheit der Schriftlehre von der Erbsünde. Es geht aber nicht an, zu gleicher Zeit die Bindung durch die Erbsünde zu lehren und die Freiheit des menschli­chen Willens.

Meist liegt hier auch eine Verwechslung vor, indem man ei­gentlich gar nicht die volle Willensfreiheit lehren will, sondern nur die Tatsache hervorheben, daß diejenigen Menschen, denen Gott eine Erleuchtung durch den Heiligen Geist zuteil werden ließ, Wahlfreibeit haben, weiter als Sklaven Satans und der Sünde in ihrem alten Wesen zu verharren, oder aber die von Gott angebotene Gnade als die einzige Gelegenheit zu benut­zen, in der Jetztzeit aus der Sklaverei des Sklavenhalters herauszukommen und frei zu werden für Gott.

Gott hat zwei Methoden zur Rettung des Menschen: Gnade und Gericht. Wer die angebotene Gnade nicht annimmt, kommt ins Gericht. Das ändert aber gar nichts an der Tatsache, daß Gott doch sein Ziel erreicht. So wie er jene Israeliten, die er um ihres Unglaubens willen in der Wüste dahingestreckt hat, doch ins Reich einführt, wenn es einmal aufgerichtet wird, so daß letzten Endes sein Wille sich als der bleibende erweist, so er­reicht er sein Ziel auch mit allen anderen Menschen und Wesen, ob sie sich durch Annehmen der Gnade vor den schweren Wegen des Gerichts bewahren lassen, oder ob er durch „Gerichte“ hindurch es „richtig“ mit ihnen macht.

Wenn ich meinen Kindern befehle, die Holzkiste in der Kü­che zu füllen oder Wasser am Brunnen zu holen, so können sie dies mit williger Unterordnung sofort tun. Dann erhalten sie vielleicht von der Mutter Lob, manchmal auch Lohn in Gestalt von Schokolade oder dergl. Gehen sie aber lieber spielen und verschwinden auf der Straße, anstatt Holz zu holen, so mache ich deshalb doch keinen Bankrott mit meiner erzieherischen Absicht. Ich rufe sie herein, mache nicht viel Worte, verschreibe ihnen ein Rezept gegen Ungehorsam, und – die Holzkiste ist in wenigen Minuten gefüllt. Aber diesmal gibt es kein Lob und keinen Lohn. Das widerspenstige Wesen ist durch Tadel und Strafe gerichtet worden, damit ihnen dies zur Erkenntnis ihres eigenen Herzens und seiner armseligen Beweggründe gereiche. Auf jeden Fall aber wird mein väterlicher Wille zur Ausführung gebracht, einerlei, ob sie sich freiwillig unterordnen oder nicht. Sie können nur durch ihre verschiedene Einstellung zu meinem Vaterwillen die Methode bestimmen, nach der ich sie behandle. Das Ziel meines Willens aber wird erreicht, mögen sie gehorchen wollen oder auch nicht wollen.

Gott handelt ebenso. „Wenn seine Gerichte die Erde treffen, so lernen Gerechtigkeit die Bewohner des Erdkreises“ (Jes. 26, 9). Darum erweist er auch dem Gesetzlosen keine Gnade, damit dieser das Recht lernt (Jes. 26, 9-11). Mögen sie auch nicht wollen, die Gesetzlosen, so werden sie doch seinen Eifer schau­en und beschämt werden, wenn das Feuer sie verzehrt und alles vernichtet, worauf sie ihre fleischliche Hoffnung setzten. Das „Menschenherz ist ein trotzig und verzagt Ding“ (Jer. 17, 9). Solange es irgend geht, wehrt es sich, von seinem Eigenwillen abzulassen. Sie tun nicht Buße, selbst im Anfang der Gerichte Gottes noch nicht, bis daß sein Zorn vollendet und sein Grimm völlig über sie ausgegossen ist. Erst wenn jede Hoffnung des Fleisches zerstört ist, gibt es sich geschlagen, und der Trotz schlägt um in Verzagtheit. Dann lernt der Mensch Gerech­tigkeit.

Gottes Wille aber bleibt auch in diesem Fall bestehen und wird hinausgeführt.

Welch eine Gnade aber ist es, schon in der Jetztzeit die Aus­sichtslosigkeit aller Rebellion gegen Gott erkennen zu dürfen und den irrenden Menschenwillen unterzuordnen dem zielstre­bigen Gotteswillen, der im Sohn das gesamte All dem Ziel sei­ner Bestimmung entgegenträgt! –

Wo diese Veränderung in einem Menschenherzen vor sich geht, ist wieder eine Saite richtig eingestimmt auf den Grundton der Harmonie der Sphären, auf die Liebe, die aus Gott ist. Im Anfang der Schöpfung erklang diese in wunderbarer Einheit und Reinheit (Hiob 38, 4-7), bis einer sich selbst überhob und viele Geschöpfe in seinen Sturz verwickelte. Seitdem klingt das Seufzen der gesamten sterbenden Kreatur als furchtbare Disso­nanz durch den Weltenraum, bis am Ende aller Wege Gottes er selbst alles in allem sein wird. Dann wird kein Leid mehr sein und kein Geschrei. Alles, was Odem hat, lobt dann den Herrn, und die in Harmonie aufgelösten Disharmonien erklingen dann als eine gewaltige Symphonie durch das All, indem alle Zungen zur Ehre Gottes, des Vaters, bekennen:

„Jesus Christus ist Herr!“