Die siebenfache Freude (1. Joh. 1,4)

1 Was von Anfang war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und was unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens 2 – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns erschienen ist –, 3 was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. 4 Und dies schreiben wir euch, damit eure Freude vollkommen sei.

1. Joh. 1, 1-4

Die Freude am Herrn ist eure Stärke.

Nehemia, 8, 10

Autor: Kurt Schäfer, aus seinem gleichnamigen Artikel bei GuH

Manche Gläubige meinen: Es ist ja schon recht und gut mit der Freude, aber so ganz besonders wichtig ist es damit nicht. Es ist so ähnlich wie mit dem Zuckerguss auf einem Kuchen, der auch ohne Zuckerguss gut wäre. So stellt sich das mancher auch mit der Freude vor: Wir sollen uns als Christen ja freuen, aber es gibt wichtigere Dinge als gerade die Freude.

Da möchte ich daran erinnern, dass der Apostel Paulus in Galater 5,22 bei der neunfachen Frucht des Heiligen Geistes schon an zweiter Stelle die Freude nennt: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.“ Genauso wie der Heilige Geist in Gläubigen die Liebe wirkt, so will Er auch die Freude wirken.

Dabei geht es nicht darum, dass wir uns am Riemen reißen müssten und uns sagen: „Wenn man als Gläubiger sich freuen soll und die Freude so etwas Wichtiges ist im Christenleben, dann muss ich mich anstrengen, dass ich mich eben auch freue. Wir müssten ein bisschen freudiger aussehen. Man schlägt sich das bekannte Nietzsche-Wort um die Ohren: „Die Christen müssten erlöster aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Ein wenig abgewandelt: „Die Christen müssten freudiger aussehen …“ Dann strengen wir uns an und mühen uns ab, dass wir ein bisschen Freude auf unser Gesicht bekommen. So kann es wohl nicht sein!

Die Freude, die da gemeint ist, ist eine Frucht des Geistes. Das heißt doch: Der Heilige Geist muss sie schaffen, und er schafft sie auch. Unser Teil dabei ist, dass wir Platz machen und beiseiteräumen, was die Freude niederhält, Dornen und Disteln und allen möglichen Unrat. Wir wollen wegtun, was die Freude niederhalten kann im Leben eines Christen. Es gibt schwerblütige Kinder Gottes, die sich schwer damit tun, dass es leichtblütige Gotteskinder gibt, die immer solch eine Fröhlichkeit haben und die so kontaktfreudig sind. Sie haben Zugang zu allen Leuten, ihnen jedoch fällt alles so schwer. Nicht alle Fröhlichkeit ist eine Frucht des Heiligen Geistes. Wenn Sie von Ihrem Vater oder von Ihrer Mutter eine optimistische Grundeinstellung zum Leben mitbekommen haben, dann danken Sie Gott dafür. Sie haben es leichter im Leben. Aber das ist noch nicht eine Frucht des Heiligen Geistes. Geistesfrucht ist etwas, was der Herr in jedem Gläubigen wirken will. Darum wollen wir eine siebenfache Freude aus der Heiligen Schrift aufzeigen.

1. Die Heilsfreude

„Der Kerkermeister freute sich mit seinem ganzen Hause,  dass er an Gott gläubig geworden war“ (Apg.16,34).

Dieser Gefängnisbeamte hatte die schwerste und gleichzeitig schönste Nacht seines Lebens hinter sich. Diese Erdbebennacht war für ihn so schwer geworden, dass er sich das Leben nehmen wollte, weil er befürchtete, die Gefangenen seien entflohen. Und doch wurde es die schönste Nacht, die damit endete, dass es ein Festessen gab. Im Leben des Kerkermeisters war die Heilsfreude angebrochen, die Freude, dass er an Gott gläubig geworden war.

Dieses „an Gott gläubig“ meint nicht, dass er von jetzt an glaubt, dass es einen Gott gibt. Das ist noch kein Grund zur Heilsfreude. In Jakobus 2,19 steht das Wort: „Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben es auch und zittern.“

Diesem Gefängnisbeamten war vorher Jesus verkündigt worden als die zu uns Menschen ausgestreckte Hand Gottes. Gewiss hat Paulus ihm Kreuz und Auferstehung in kurzen Zügen klargemacht. Paulus und Silas haben bezeugt: „Glaube an den Herrn Jesus Christus, dann wirst du und dein Haus gerettet.“ Das hatte der Mann erfasst und hatte somit den Zugang durch Jesus zu Gott gefunden. Er hat erlebt: „Wer den Sohn hat, der hat auch den Vater.“ So war er an Gott als diesen wunderbaren Vater gläubig geworden. Kein Wunder, dass er sich jetzt mit seinem ganzen Haus freute.

Heilsfreude entsteht also da, wo einer zum Glauben findet an den Herrn

Jesus Christus als seinen Retter und dadurch auch zum Vater. Doch Heilsfreude ist nicht nur etwas für Neubekehrte. Weil sie sich auf die großen Taten Gottes gründet, ist Heilsfreude auch eine Angelegenheit für solche, die längst im Glauben stehen. In Jesaja 61,10 heißt es: „Ich freue mich im Herrn und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn Er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet.“ Heilsfreude gründet sich also auf die großen Taten Gottes und nicht auf unsere Gefühlserlebnisse.

Das sehen wir auch am Kämmerer aus Äthiopien. Philippus hatte ihm das Evangelium von Jesus gepredigt. Der Kämmerer war zum Glauben gekommen und hatte sich taufen lassen. Dann entrückte der Geist des Herrn den Philippus. Wie gerne hätte der Kämmerer aus Äthiopien diesen Bruder noch bei sich gehabt! Trotzdem heißt es: „Er zog aber seine Straße fröhlich“ (Apg.8,39). Er wusste: Meine Freude und mein Friede, meine Zuversicht und meine Hoffnung ruhen letztlich nicht auf diesem Philippus, sondern auf den großen Taten Gottes, die Er in Jesus Christus ein für alle Mal getan hat.

Die Heilsfreude ist darum so echt und klar, weil sie auf der Heilsgewissheit ruht. Der Herr Jesus sagt in Lukas 10,20: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind!“ Damit ist etwas Entscheidendes geschehen: Die Namen stehen im Himmel. Paulus sagt in Philipper 3,20: „Unser Bürgerrecht ist im Himmel.“ Glaubende sind also Menschen, die einen doppelten Wohnsitz haben. Sie leben auf der einen Seite hier und sind auf der anderen Seite längst Bürger in der anderen Welt Gottes. In Hebräer 12,22 heißt es: „Ihr seid gekommen zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem.“ Das ist nicht in erster Linie ein Beerdigungstext, sondern der Apostel schreibt das den Lebenden: Ihr seid in der Stadt des lebendigen Gottes daheim. Da seid ihr eingeschrieben. Das meiste, was uns interessiert, ist dort: Unser großer Gott und Vater, unser Herr Jesus Christus, die Myriaden von Engeln; auch die meisten der Kinder Gottes sind schon dort. Dort ist auch die Krone der Gerechtigkeit zurückgelegt. In einem Lied heißt es: „Und geh’ in den Himmel ich ein durch Sein Blut, dann werd’ ich kein Fremdling dort sein.“

2. Die Wortfreude

„Ihr habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis  mit Freuden im Heiligen Geist“ (1.Thess.1,6).

Die Wortfreude entsteht, wenn man das Evangelium hört und es im Glauben aufnimmt. Der Apostel Paulus erinnert die Thessalonicher daran: Wisst ihr noch, wie das war, als das Evangelium bei euch verkündigt wurde? Ihr habt es gehört und mit großer Freude aufgenommen. Erinnern wir uns noch daran, wie das Wort in unser Leben kam? War es in einem Gottesdienst oder bei einer Zeltevangelisation, unter dem Zeugnis eines Arbeitskollegen oder bei einer Sendung des Evangeliumsrundfunks? Wissen Sie noch, wie das war, als Sie zum ersten Mal fassen und glauben konnten: „Das Blut Jesu Christi macht mich rein von aller Sünde“? Als das Wort in unser Leben hineinkam: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist Mein!“, da kam Freude in uns auf, Wortfreude über das uns zugeeignete Evangelium.

Doch Wortfreude gibt es nicht nur am Anfang, wenn uns das Evangelium zum ersten Mal trifft, sondern auch weiterhin, wenn wir tiefer hineinkommen in unsere Bibel. Erinnern Sie sich noch, wie das war, als es erst richtig anfing mit Ihrem Hineinkommen ins Wort? Vielleicht haben Sie sich eine neue Bibelübersetzung gekauft und haben angefangen zu unterstreichen aus lauter Wortfreude. Sie haben entdeckt, was doch alles da drinsteht. Sie haben erfahren: „Wenn mir der Herr in Seinem Wort begegnet, wenn ich die großen Gnadentaten seh’, wie Er das Volk des Eigentums gesegnet, wie Er’s geliebt, begnadigt je und je, dann jauchzt mein Herz Dir, großer Herrscher, zu: Wie groß bist Du, wie groß bist Du!“ Wortfreude gibt es auch, wenn wir sehen dürfen, wie dieses Wort läuft. In Psalm 119,14 heißt es: „Ich freue mich des Weges Deiner Zeugnisse wie über allerlei Reichtum.“

Während es bei uns weithin recht still ist in unseren Kreisen, läuft andernorts das Wort gewaltig. Es gibt Gemeinden in der Dritten Welt, die jedes Jahr um zehn, zwanzig oder dreißig Prozent und noch mehr wachsen. Sie haben nur die Sorge, dass sie aus allen Nähten platzen und nicht genug Leute haben, die unterrichten und weiterführen können. Wenn wir so den Lauf des Evangeliums sehen, dann entsteht Wortfreude.

Das geschieht auch, wenn uns Gottes Wort in der Dunkelheit tröstet. Was hat der Prophet Jeremia alles mitgemacht! Wie nötig brauchte er Trost! Der Oberpriester Paschhur schlug ihn, warf ihn ins Gefängnis und ließ seine Füße in den Stock spannen. Jeremia aber bekennt: „Dein Wort ward meine Speise, sooft ich es empfing, und Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost“ (Jer.15,16). Ähnlich heißt es in Psalm 119,92: „Wenn Dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.“ Was wir am Wort haben, das merken wir ganz tief gerade dann, wenn alles andere uns entschwindet. Da dürfen wir wie Jeremia Wortfreude in dieser besonderen Weise erfahren.

3. Die Mitfreude

„Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt.

Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh.3,29.30).

Seine Jünger haben Johannes dem Täufer vom Wirken Jesu berichtet: „Jedermann kommt zu Ihm.“ Er tut gewaltige Dinge, alle laufen Ihm nach, und du? Du bist abgeschrieben. Das ist eine schmerzliche Sache, wenn an uns vorbei andere bevorzugt werden. Hier merken wir, dass die Mitfreude eine ganz seltene Sache ist.

Johannes sagt: „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam.“ Die Braut ist Israel, der Bräutigam ist der Herr Jesus, der Messias. Weil Er gekommen ist, gehen jetzt die Türen auf und es gibt ein großes Heilsangebot für Israel. Da kann ich mich doch nur freuen, wenn jedermann zu Ihm kommt. „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Das ist wahre Größe. Da wundert es uns nicht, dass der Herr Jesus gesagt hat: „Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer“ (Mth.11,11).

Normalerweise reagieren wir ganz, ganz anders. Wenn andere uns vorgezogen werden, ist das für uns eine bittere Angelegenheit. Wie schnell sind wir verletzt, gereizt und verärgert! Solch eine Reaktion sehen wir bei Ahitofel in 2.Samuel 17. Ahitofel war der Ratgeber des Königs David. Als Absalom sich gegen seinen Vater empörte und David fliehen musste, hat Ahitofel schnell sein Fähnchen gewechselt und wurde der Berater des Abtrünnigen. Von Ahitofel hieß es: „Wenn damals Ahitofel einen Rat gab, dann war das, als wenn man Gott um etwas befragt hätte; so viel galten alle Ratschläge Ahitofels bei David und bei Absalom“ (2.Sam.16,23).

Ahitofel macht den Vorschlag: „Ich will zwölftausend Mann auswählen und mich aufmachen und David nachjagen in dieser Nacht und will ihn überfallen, solange er matt und verzagt ist.“ Diese Rede gefiel Absalom gut und allen Ältesten in Israel.

Doch Absalom fragt nun auch Huschai, Davids Freund. Absalom konnte nicht wissen, dass er eingeschleust worden war, um Ahitofels Rat zunichtezumachen. Huschai rät das Gegenteil. „Da sprachen Absalom und jedermann in Israel:

,Der Rat Huschais, des Arkiters, ist besser als Ahitofels Rat.‘ So schickte es der Herr, dass der kluge Rat Ahitofels verhindert wurde, damit der Herr Unheil über Absalom brächte.“

Sicher war es das erste und einzige Mal, dass Ahitofels Rat verworfen und der Rat eines anderen vorgezogen wurde. „Als aber Ahitofel sah, dass sein Rat nicht ausgeführt wurde, sattelte er seinen Esel, machte sich auf und zog heim in seine Stadt und bestellte sein Haus und erhängte sich und starb“ (2.Sam.17,23). Das ist die Reaktion des natürlichen Menschen, wenn ein anderer vorgezogen wird.

Von der Mitfreude in der Gemeinde Jesu Christi spricht Paulus in 1.Korinther 12,26: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ Mitleiden ist nicht so selten. Das gibt es sogar in der Welt, aber Mitfreude? Das ist ein Ausdruck der Gemeinschaft untereinander.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass uns Mitfreude auf der Ebene der Familie nicht schwer fällt? Wenn es in der Familie einem gut geht, wenn einer eine schöne Reise machen darf oder wenn eines der Kinder das Abitur besteht, da freuen sich doch alle mit. Das ist ganz normal, da muss man sich nicht anstrengen.

Nun sagt der Apostel Paulus: Wir sind in der Gemeinde Jesu Christi eine große Familie. „Wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ Das ist Ausdruck der Gemeinschaft, die der Herr in Seiner Gemeinde wirkt. Wer Christi Geist hat, der wird vom Geist Gottes zum anderen gezogen. 

Gottes Geist wohnt in uns. Derselbe Geist zieht uns zusammen. In dieser Gemeinschaft untereinander wächst solche herzliche Mitfreude. Allerdings gehört zu dieser Mitfreude auch das Wissen um den Reichtum, der uns geschenkt ist.

Erinnern Sie sich an den älteren Bruder des verlorenen Sohnes? Der hatte keine Mitfreude über die Heimkehr seines Bruders, sondern wurde zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er aber sagt: „Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.“ Der Vater aber sagt ihm: „Alles, was mein ist, das ist dein.“ Hat er noch nicht begriffen, dass er der Erbe ist? Jetzt kommt er und will einen Bock haben.

Hier merken wir: Zur Mitfreude gehört das Wissen, wie reich wir sind in unserem Herrn Jesus Christus. Wenn wir wissen, dass uns in Ihm alles geschenkt ist, dann können wir uns von Herzen mitfreuen.

4. Die Gemeinschaftsfreude

„Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei“ (1.Joh.1,2.3).

Wie kommt es zu dieser Gemeinschaftsfreude? Durch die Verkündigung der Apostel, die Augen- und Ohrenzeugen gewesen sind. Gegen Ende des ersten Jahrhunderts, als der alte Apostel Johannes seine Briefe schrieb, gab es in den Gemeinden schon Einflüsse, die in eine ganz bestimmte philosophische Richtung gingen. Da gab es Leute, die vorgaben, sie hätten eine ganz besonders tiefe Erkenntnis, sie hätten einen viel weiteren Einblick in die Geheimnisse Gottes als die übrigen Christenmenschen. Diese Bewegung der Gnosis („Erkenntnis“) hatte verheerende Auswirkungen.

Hier sagt der Apostel Johannes: Ihr steht auf einem ganz anderen Boden, nicht auf dem windigen Boden der Gnosis. Wir, die Apostel, sind Augen- und Ohrenzeugen. Wir verkündigen euch, was wir gesehen und gehört haben.

Nachdem Judas ausgefallen war, musste ein zwölfter Apostel nachgewählt werden. Petrus sagte damals: „So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein und aus gegangen ist – von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem Er von uns genommen wurde –, mit uns Zeuge Seiner Auferstehung werden“ (Apg.1,21.22). 

Die Gemeinde Jesu steht auf dem Boden der Apostel, der Augen- und Ohrenzeugen. Auch heute dürfen solche, die das Leben aus Gott empfangen haben, dieses Leben weitergeben. So kommt es zur lebendigen Gemeinschaft und zu dieser Gemeinschaftsfreude.

Unsere Gemeinschaft ist eine doppelte. Johannes sagt: „Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus.“ Das weist uns nach oben. Johannes weist aber auch darauf hin: „Wir haben Gemeinschaft untereinander“ (V.7), ihr mit uns und untereinander. Es ist also eine vertikale und eine horizontale Gemeinschaft. Beides gehört zusammen. Daran entsteht auch die Freude. Doch Gemeinschaft ist nicht unproblematisch. Wir werden noch aneinander schuldig. Das stört die Gemeinschaft und damit auch die Gemeinschaftsfreude. Das Schlimmste ist aber nicht, dass wir manchmal aneinander schuldig werden, sondern dass wir uns das gegenseitig nachtragen. Das Schlimmste ist, dass manche Gläubige die Neigung haben, die Sünden ihrer Brüder und Schwestern einzuwecken wie in einem Einweckglas. Manche haben ein ganzes Regal bei sich daheim stehen. Da steht das alles drin und drauf, was sie schon erlebt haben.

Als ich ganz jung im Dienst war und noch wenig Erfahrung hatte, da habe ich mich in den Augen eines älteren Bruders ein bisschen zu weit vorgewagt. Was ich damals gesagt habe, war wohl richtig, aber nicht wie ich es gesagt habe. Jedenfalls hörte ich, dass der ältere Bruder äußerst verärgert über mich war. Deshalb meldete ich mich bei ihm an, um mit ihm zu sprechen. Er sagte zu mir: „Schließlich könnte ich Ihr Vater sein. Sie sind noch in den Windeln gelegen, als ich schon fünfundzwanzig Jahre in der Gemeinde war. Was Sie gesagt haben, habe ich geschluckt. Wissen Sie, das ist ja alles noch gar nichts. Was ich in den Jahrzehnten in dieser Gemeinde erlebt habe, das können Sie sich überhaupt nicht vorstellen.“ Dann greift er in seine Westentasche hinein und holt einen Zettel heraus.

Darauf hat er alles geschrieben, was ihm in all den Jahren in der Gemeinde tatsächlich oder auch nur vermeintlich Böses angetan worden war. Davon war ich nun der Letzte. Er brauchte nur den Zettel herausholen. Manche Gläubige haben solche Weckgläser, in denen alles eingeweckt ist. Wie schrecklich ist das! Machen Sie doch Schluss mit diesen Einweckgläsern, mit diesem Nachtragen, mit diesem Aufbewahren der alten bösen Geschichten! Das macht die Gemeinschaft kaputt und verhindert die Gemeinschaftsfreude. Stattdessen lasst uns das alles in ein Götzengrab hineinwerfen. Als Jakob neu mit seinem Gott klar kam, hat er ein großes Grab ausgehoben und die ganzen Götzen da hineingeworfen (1.Mose 35,4). Da wächst dann wieder ganz neu Gemeinschaft und auch Gemeinschaftsfreude.

5. Die Erhörungsfreude

„Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Wenn ihr den Vater etwas bitten werdet in Meinem Namen, wird Er es euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in Meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei“ (Joh.16,23.24).

Dieses Wort erinnert uns an die Bergpredigt, wo es ganz ähnlich heißt: „Bittet, so wird euch gegeben.“ Es gibt also Gebetserhörung. Schon in Psalm 65,3 heißt es: „Du erhörst Gebet; darum kommt alles Fleisch zu Dir.“

Immer wieder wird schon im Alten Testament das große Unterscheidungsmerkmal zwischen den Götzen und dem lebendigen Gott herausgestellt: „Unser Gott ist im Himmel; Er kann schaffen, was Er will. Ihre Götzen aber sind Silber und Gold, von Menschenhänden gemacht. Sie haben Mäuler und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht, sie haben Nasen und riechen nicht, sie haben Hände und greifen nicht, Füße haben sie und gehen nicht, kein Laut kommt aus ihrer Kehle. Die solche Götzen machen, sind ihnen gleich, alle, die auf sie hoffen. Aber Israel hoffe auf den Herrn! Er ist ihre Hilfe und Schild“ (Ps.115,9).

Jeder Gläubige weiß von Gebetserhörungen. Das gibt Erhörungsfreude. Wenn wir dem Herrn unsere Bitte vorgetragen haben und Er uns erhört, welche Freude ist das doch! Der Herr will uns damit stärken und uns sagen: „Kind, Ich bin doch da! Du kannst auf Mich zählen. Ich werde dich auch künftig nicht verlassen noch versäumen.“

Doch geht es nicht immer so. Manchmal bitten wir und empfangen nichts. Da fehlt dann auch diese spontane Erhörungsfreude. Es können schwerwiegende Dinge sein, die das ganze Leben beeinflussen. Bitten, deren Erhörung wir nicht bekommen, können eine schwere Sache sein und uns zur Anfechtung werden. Da gibt es bestimmte Hilfen.

In 1.Johannes 5,14 steht: „Wenn wir um etwas bitten nach Seinem Willen, so hört Er uns.“ Das Gebet ist kein Blankoscheck. Unser Beten wird eingeschränkt, „wenn wir etwas bitten nach Seinem Willen“.

Es gibt heute in der Christenheit eine Bewegung, die sagt: „Es ist nicht richtig, wenn Kinder Gottes bei ihren Bitten hinzufügen: ,Herr, wenn es Dein Wille ist.‘ Das lähmt die Glaubenszuversicht, das stürzt in Zweifel und macht das ganze Gebet zunichte. Wir wissen, dass es Sein Wille ist, und so bekommen wir es auch, so beten wir.“ Liebe Brüder und Schwestern, das würde ja voraussetzen, dass wir immer ganz genau wissen, was Sein Wille ist.

Aber das wissen wir oft nicht. „Soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch Meine Wege höher als eure Wege und Meine Gedanken als eure Gedanken“ (Jes.55,9). Auch wenn wir auf der Ebene des neuen Bundes sind und Gottes Heiligen Geist haben, sind wir trotzdem nicht Gottes Geheimräte, die von vornherein wissen: Das ist Gottes Wille.

Denken wir an 2.Korinther 12, wo der Apostel Paulus von seinem Dorn im Fleisch spricht. Das war für ihn eine notvolle Sache. Ein Satansengel war dabei, der ihn mit Fäusten schlug. Das hat den Apostel im Blick auf seinen Dienst zutiefst bedrückt. Ausdrücklich sagt er, dass er dreimal zum Herrn gefleht habe, dass dieser Dorn im Fleisch von ihm wiche. Zwar musste er diese Not und diese Last behalten. Und doch ist er erhört worden, weil der Herr ihm antwortete: „Meine Gnade genügt dir, denn Meine Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung.“

Wenn wir darauf achten, wie der Apostel Paulus das verarbeitet hat, dann entdecken wir: Der Herr hat dieses Gebet Seines Apostels auf eine Weise erhört, dass für den Herrn und für Paulus mehr herauskam als auf dem Weg, den Paulus erbeten hatte. Als dem Apostel das klar wurde, sagte er: „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Eine ganz eigene Art, wie Paulus hier mit dieser Anfechtung umgeht. Wir spüren hier etwas von Erhörungsfreude.

6. Die Leidensfreude

„Ich bin erfüllt mit Trost. Ich bin überschwänglich in Freuden  in aller unsrer Trübsal“ (2.Kor.7,4).

Darüber kann ich nur sehr vorsichtig und zurückhaltend sprechen. Es gibt Freude, die kennen alle Kinder Gottes:

Heilsfreude, Wortfreude, Freude über Gaben Gottes, Erhörungsfreude. Es gibt andere Freude, die kennen längst nicht alle. Schon die Mitfreude ist selten; so auch hier die Leidensfreude. Und doch ist sie im Neuen Testament an einer Reihe von Stellen bezeugt, und nicht wenige erleben sie auch heute. Bei dieser Leidensfreude geht es um ganz verschiedene Leiden.

Die Leiden in Anfechtungen

„Meine lieben Brüder, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt“ (Jak.1,2). Anfechtungen können ein schweres Leiden sein. Wo soll da die Freude herkommen? In Anfechtung wächst der Glaube, am Glauben Geduld, Geduld hält durch (Jak.1,3.4), so wie Stürme eine tiefere Verwurzelung der Bäume bewirken. Gegenstand der Freude ist nicht die Anfechtung an sich, sondern das, was Gott daraus macht und darin bewirkt.

Die Leiden in Trübsalen

„Nun freue ich mich in meinem Leiden, das ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an Trübsalen …“ (Kol.1,24). Es waren keine allgemeinen Nöte, sondern alles, was mit der gegenwärtigen Lage des Apostels zusammenhing, sein Leben im Gefängnis in Rom. Was war da Freude? Es war für Paulus kein sinnloses Leiden: „Ich erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an Trübsalen in Christus, für Seinen Leib, welcher ist die Gemeinde.“ Wie dem Sohn Gottes als dem Haupt, so hat Gott auch dem Leib des Christus ein bestimmtes Maß an Leiden zugemessen – das sind Gottes heilige Wege, in die wir jetzt noch kaum hineinschauen. Auch Paulus deutet es nur an. Aber voll Freude weiß er: Alles unverschuldete Leiden hat Sinn bei Gott.

Die Leiden in Schwachheit

„Wir freuen uns, wenn wir schwach sind“ (2.Kor.13,9). Diese Schwachheit macht ganz abhängig vom Herrn. Das aber ist die beste Voraussetzung für Vollmacht: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark“ (2.Kor.12,10). Die größten Wunder Gottes sind in aussichtslosen Lagen geschehen.

Die Leiden in Verfolgung

„Ihr habt den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet“ (Hebr.10,34). So hat es auch Paulus im Gefängnis in Philippi erlebt. So auch Petrus und die anderen Apostel: „Sie gingen fröhlich von des Rats Angesicht, dass sie würdig gewesen waren, um Jesu willen Schmach zu leiden“ (Apg.5,41).

Warum da Freude? „Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet über dem Namen Christi; denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch“ (1.Petr.4,14). Die Geschmähten erfahren die besondere Gegenwart Gottes im Heiligen Geist. Von Stephanus vor dem Hohen Rat heißt es: „Sie sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht“ (Apg.6,15). Die Beraubten dürfen sich freuen, weil sie „eine bessere und bleibende Habe im Himmel haben“ (Hebr.10,34).

Wir brauchen das Leiden nicht zu suchen. Es findet uns schon von allein, soweit es uns vom Herrn zugedacht ist. Aber wenn es kommt, dürfen wir mit besonderen Tröstungen Gottes rechnen mitten im Leiden, sodass es gar zur Freude, zur Leidensfreude kommen darf: „In dem allen überwinden wir weit mehr um deswillen, der uns geliebt hat“ (Röm.8,37).

7. Die Vollendungsfreude

„Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen“ (Jes.35,10).

Die Vollendungsfreude ist eine doppelte Freude: Sie ist die Freude aufs Ziel und die Freude am Ziel.

Die Freude auf das Ziel

„Seid fröhlich in Hoffnung!“ (Röm.12,12). Das ist also eine Vorfreude. Sie ist gedeckt durch das Wort Gottes. Wir freuen uns nicht ins Blaue hinein. Wir fantasieren nicht vom Himmel, weil es uns auf Erden zu mulmig wird. Wir können uns in Hoffnung freuen, weil diese Hoffnung auf Gottes Wort ruht. Dass es jenseits des Grabes viele Wohnungen gibt, bilden wir uns nicht ein. Das hat der Herr uns in Johannes 14,2 gesagt. Das ist wie ein gedeckter Scheck, vom Herrn Selbst unterschrieben.

Sie gibt uns Kraft. Selbst von unserem Herrn lesen wir: „Um der vor Ihm liegenden Freude willen erduldete Er das Kreuz“ (Hebr.12,2). Hoffnung, aus der keine Kraft kommt, ist entweder eine leere Hoffnung ohne Realität oder ein bloß gedankliches Wissen, das unser Herz nicht erfasst. Ein Hauptgrund, warum Gott mit Seinen Kindern über künftige Dinge spricht, ist der, dass sie Kraft empfangen: „Ich halte dafür, dass dieser Zeit Leiden nicht wert ist der Herrlichkeit, die an uns soll offenbart werden“ (Röm.8,18). Das war für Paulus tiefe Überzeugung, die sein Leben prägte: „Bande und Trübsale warten meiner daselbst. Aber ich achte der keines, ich halte mein Leben auch nicht für teuer, auf dass ich vollende meinen Lauf mit Freuden“ (Apg.20,24). Wir wollen darum bitten, dass unsere Hoffnung vom Kopf ins Herz kommt.

Die Freude am Ziel

Diese Freude kommt erst: „Wenn nun offenbart wird Jesus Christus, welchen ihr nicht gesehen und doch lieb habt …, werdet ihr euch freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude und das Ziel eures Glaubens davonbringen, nämlich der Seelen Seligkeit“ (1.Petr.1,7-9).

Das ist also eine Freude von ganz anderer Qualität, die wir hier noch nicht kennen. Warum nicht? Was ist da anders?

Sie bringt zum Schauen. Bis dahin hieß es: „Welchen ihr nicht gesehen habt.“ Jetzt aber erfüllt sich die Verheißung: „Wir werden Ihn sehen, wie Er ist“ (1.Joh.3,2). Nicht so, wie man Ihn einst auf Erden sehen konnte, wie Ihn Tausende gesehen haben. Auch nicht so, wie die Jünger und Maria Magdalena Ihn nach Seiner Auferstehung gesehen haben – da konnte man Ihn noch mit dem Gärtner verwechseln. Auch nicht einfach so, wie Paulus vor Damaskus und Johannes auf Patmos – das war ein abgeblendetes Sehen in einer Vision – mehr hätten beide nicht ertragen. Der eine wurde sofort blind, der andere „wie tot“. Dort aber sind wir tauglich gemacht zum Erbteil der Heiligen im Licht und haben die neue Geistleiblichkeit. Nun sind wir fähig, Ihn mit unverhülltem Angesicht zu sehen (2.Kor.3,18).

Sie lässt uns schweigen. Manche haben etwas einfältige Vorstellungen, was sie da alles sagen werden. Aber das ist keine Gartenparty. Sie sprengt alle Vorstellungen. Es gibt keine Vergleichsmöglichkeiten mit Hiesigem. Darum ist diese Freude „unaussprechlich“. Da bleiben uns in Wahrheit alle Worte weg.

Sie entspricht dem Herrn, sie ist „herrlich“. Herrlichkeit ist das Wesen Gottes: nicht nur Licht ohne Schatten, sondern auch völlige Harmonie. Zweimal spricht Paulus vom „glückseligen Gott“. Die Freude der Erlösten am Ziel ist eine „verherrlichte“ Freude, sie entspricht dem Herrn und Seiner Herrlichkeit. Dazu gehört, dass sie nicht mehr endet: „Ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude wird niemand von euch nehmen“ (Joh.16,22) – sich freuen, wie Gott Sich freut!

Sollte es dann Schwärmerei sein, wenn wir im Glauben das vor uns hinstellen, was der Herr uns darüber sagt? Wir werden es auf unserer Wanderschaft brauchen:

„Wer das im Geist geseh’n, bleibt nicht am Wege steh’n, lässt gern das Kinderspiel, eilet zum Ziel.“

Von Karl Geyer:
Freude ist:

  • die Lust der Seele am Echten, am Wahren, am Wesenhaften,  
  • am Guten, an der Treue und der Wahrheit, am ungetrübten Licht  der Ewigkeit.
  • der Gleichklang eines Wesens mit seinem Ursprung,  
  • die Übereinstimmung des Werdenden mit dem Seienden,  
  • die Harmonie des in der Zeitlichkeit Stehenden mit dem Ewigen.
  • die überströmende Seligkeit des in Gott zur Unsterblichkeit Gekommenen, der nun gewiss ist, dass ihn von der Gemeinschaft  mit Gott und von dem Genuss Seiner Liebe niemand und nichts  mehr scheiden kann.