Die Himmlischen (Joh. 3, 12.)

9 Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann das geschehen? 10 Jesus erwiderte und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht? 11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und wir bezeugen, was wir gesehen haben; und doch nehmt ihr unser Zeugnis nicht an. 12 Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von den himmlischen Dingen sagen werde? 13 Und niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel, außer dem, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, dem Sohn des Menschen, der im Himmel ist. 14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muß der Sohn des Menschen erhöht werden, 15 damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat.16 Denn so [sehr][4] hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat.

Joh. 3, 9-16

Autor: Adolf Heller – nach seinem gleichnamigen Artikel bei GuH

Wir wissen kaum Bescheid über die Gedanken und Pläne Gottes mit der Erde und den Menschen, wie viel fremder und unbekannter müssen uns da die Wege und Ziele des „Vaters der Geister“ mit den Himmeln und ihren Bewohnern sein! Wir verstehen durchaus den Vorwurf, den der Herr dem Pharisäer Nikodemus machte: „Wenn ich euch das Irdische gesagt habe und ihr glaubet nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch das Himmlische sage?“ (Joh. 3, 12.)

Wenn die Schrift nichts über das Himmlische bezeugte, dann wäre es eitel Torheit und Vermessenheit, etwas darüber sagen zu wollen. Nun spricht aber Gottes Wort oft und klar über jene Wesen und Welten, die unsern natürlichen Sinnen jetzt noch völlig verschlossen sind. Dennoch sind sie viel wirklicher und wesenhafter als das, was wir in diesem Körper von Fleisch und Blut mit unsern Augen sehen, mit unsern Ohren hören, mit unsern Händen betasten oder mit unsern schwerfälligen Geräten messen und wägen.

Wer nicht in selbstsüchtigem Begehren bei seinen eignen Bedürfnissen stehen bleibt, sondern in Gottes Gedanken und Pläne hineinlauschen und hineinschauen möchte und in des Vaters Art und Wesen hineingestaltet zu werden trachtet, der wird auch mit heilig-göttlichem Verlangen und Begehren Anteil nehmen an dem, was Gott über die unsern gehaltenen Sinnen unsichtbare Überwelt geoffenbart hat.

Darum sind uns die Zeugnisse der Schrift über „die Himmlischen“ nicht nebensächlich und bedeutungslos. Zum großen Universum Gottes gehören eben nicht nur die Erde und die Irdischen, sondern mindestens genau so gut die Himmel und die Himmlischen. Ja, diese Welten und Wesen sind äußerlich viel gewaltiger und mächtiger als die kleine Erde und ihre Bewohner. Die Schrift redet von einer Reihe von Ordnungen himmlischer Geistwesen. Sie nennt 1. Seraphim oder Feurige.

  • Cherubim oder Starke.
  • Throne oder Gerichtsbänke.
  • Herrschaften oder Majestäten.
  • Gewalten oder Ausführende.
  • Kräfte oder Dynamische.
  • Fürstentümer oder Urmächte.
  • Herrlichkeiten oder Glänzende.
  • Älteste, genauer: Ältere.
  • Heilige oder Abgesonderte.
  • Wächter oder Aufsichtführende.
  • Erzengel oder Oberboten.

Wir wollen von den Himmlischen (genauer: Überhimmlischen) einiges hören, was Gott darüber sagt. Lesen wir Eph. l, 3. 20; 2, 6; 3, 10; 6, 12! Unsre meisten Übersetzungen fügen eine Ergänzung hinzu, die gar nicht im Urtext steht; sie reden von himmlischen „Gütern“, himmlischen „Örtern“, himmlischen „Regionen“ usw. Es steht aber nur da: die Himmlischen (bzw. Überhimmlischen). Lasst uns darüber grundsätzlich etliche Wahrheiten bezeugen.

Das irdische Priestertum war samt seinen kultischen Einrichtungen ein Abbild und Schatten der Himmlischen. Das sagt Hebr. 8, 5. So, wie ich ein großes Gebäude an seinem kleinen Grundriss erkennen kann, ebenso verhält es sich auch mit den himmlischen Wesen und Welten und ihren irdischen Projektionen. Und der gleiche, ja, ein noch weit größerer Unterschied, wie er zwischen einem Prachtbau und seinem schlichten Grundriss besteht, klafft zwischen den himmlischen Welten und ihren kleinen, schwachen, irdischen Nachbildern.

Sehr klar lehrt Paulus: „Es gibt himmlische Leiber und irdische Leiber. Aber eine andre ist die Herrlichkeit der himmlischen und eine andre der irdischen.“ (1. Kor. 15, 40.) Dann und wann werden uns himmlische Körper beschrieben. Denken wir etwa an Dan. 10, 5. 6: „Siehe, da war ein Mann, in Linnen gekleidet, und seine Lenden waren umgürtet mit Gold von Uphas; und sein Leib war wie ein Chrysolith, und sein Angesicht wie das Aussehen eines Blitzes, und seine Augen wie Feuerfackeln, und seine Arme und seine Füße wie der Anblick von leuchtendem Erz, und die Stimme seiner Worte war wie die Stimme einer Menge.“ Das sind fürwahr keine Kindlein mit Flügelein und Grübchen in den Wangen, wie sie eine der Gotteswelt entfremdete Kunst darstellt!

Am deutlichsten können wir vielleicht den Unterschied zwischen irdischen und himmlischen Körpern am Herrn selbst erkennen. Bezüglich seines irdischen Leibeslebens sagt der Prophet: „Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; und als wir ihn sahen, da hatte er kein Ansehen, dass wir seiner begehrt hätten. Er war verachtet und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, und wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt; er war verachtet, und wir haben ihn für nichts geachtet.“ (Jes. 53, 2b. 3.)

Wie aber sieht ihn Johannes, sein Lieblingsjünger, der so oft an seiner Brust gelegen und vertrauten Umgang mit ihm gepflogen hatte, in seiner himmlischen Leiblichkeit? Er erblickt ihn „angetan mit einem bis zu den Füßen reichenden Gewande, und an den Brüsten umgürtet mit einem goldenen Gürtel; sein Haupt aber und seine Haare weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme, und seine Füße gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen, und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser; und er hatte in seiner Rechten sieben Sterne, und aus seinem Munde ging hervor ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht war, wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft“ (Offb. l, 13—18). Die Folge dieses Anblicks war, dass Johannes wie tot zu den Füßen des Auferstandenen niederfiel. Aus dieser Gegenüberstellung ersehen wir klar den Unterschied zwischen irdischen und himmlischen Leibern.

Das Erlösungswerk des Kreuzes gilt nicht nur den Irdischen, den aus der Adama, der roten Erde Geschaffenen, den Erdwesen, sondern auch den Himmlischen, den Glutwesen. Lehrt doch Paulus ganz unzweideutig, dass nicht nur die Menschheit, sondern „das All“ ausgesöhnt ist (Kol. 1, 20), und bezeugt doch der Hebräerbrief, dass die irdischen Abbilder himmlischer Wesenheiten durch das Blut von Böcken und Stieren, die Himmlischen selbst aber durch bessere Schlachtopfer, nämlich durch das Blut Christi gereinigt werden (9, 23).

Erst von dieser Warte aus vermögen wir zu glauben, dass einmal alles, was Odem hat, den Herrn preisen wird, dass „alle seine Engel“ und „alle seine

Heerscharen“ ihn loben werden (Ps. 103, 20—23). Auch der heilige Seher auf Patmos bezeugt, dass „jedes Geschöpf, das in den Himmeln ist“, in den Jubelruf von Offb. 5, 13 ausbrechen wird.

Das deckt sich ganz mit Phil. 2, 10, wo Paulus mit großer Bestimmtheit und unantastbarer Klarheit im Namen und Auftrag des erhöhten, verherrlichten Christus lehrt, dass sich auch jedes Knie der Himmlischen anbetend beugt und jede Zunge — also auch die der Himmlischen! — lobpreisend bekennt, dass Jesus Christus Herr ist.

Über das Verhältnis, in dem die Gemeinde des Leibes des Christus zu diesen Himmlischen steht, sagt Paulus ein Fünffaches. Dabei gebraucht er jedes Mal den Ausdruck „en tois epouraniois“ = in den Himmlischen oder inmitten der Überhimmlischen. In all diesen Zeugnissen steht nichts von Gütern oder Segnungen, Örtern oder Regionen, sondern es heißt einfach Himmlische. Das gilt es zu beachten, da man sonst das Wort Gottes entleert und verflüchtigt. Man sollte nicht glauben, wie oft das auch von treuen Gotteskindern in bester Absicht und Meinung geschieht, besonders dann, wenn sie für angelernte Dogmen eifern, zu deren Nachprüfung anhand der Schrift sie jedoch weder Zeit noch Kraft noch Möglichkeit haben. Der Ausdruck „en tois epouraniois“ kommt nur bei Paulus vor, und zwar nur im Epheserbrief. Was er in sich schließt, gehört zu den Dingen, die unter das Wort Jesu in Joh. 16, 12. 13 a fallen: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten.“ Wäre es nicht Torheit, Erklärungen und Auskünfte, die ein Vater seinem unmündigen Kinde gibt, in Gegensatz zu bringen zu solchen Darlegungen, die er seinem erwachsenen, volljährigen Sohn macht? Das tun aber diejenigen, die behaupten, man müsse die Worte Jesu Über die des Apostels Paulus stellen. Sie verstehen nicht oder wollen nicht verstehen, dass durch den Nationenapostel der Verherrlichte redet, der gleiche Herr, der in seiner Erniedrigung zu den Jüngern aus Israel sprach. Was ist da nun das Weitergehende, Zielführende seiner Offenbarungen das, was er im Fleisch, als er „nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ war, enthüllte, oder das, was er als der Bevollmächtigte und Verklärte den Nationen durch seinen besonders dazu berufenen und ausgerüsteten Apostel lehrte? Diese Dinge sind auf der einen Seite zu klar und eindeutig und auf der andern zu heilig und kostbar, als dass man darüber streiten sollte. Wer unser Zeugnis nicht annehmen kann oder will, lasse es liegen, schmähe aber solche nicht, die nichts anderes wollen und können, als das gottgeschenkte Licht bezeugen.

er im Fleisch, als er „nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ war, enthüllte, oder das, was er als der Bevollmächtigte und Verklärte den Nationen durch seinen besonders dazu berufenen und ausgerüsteten Apostel lehrte? Diese Dinge sind auf der einen Seite zu klar und eindeutig und auf der ändern zu heilig und kostbar, als dass man darüber streiten sollte. Wer unser Zeugnis nicht annehmen kann oder will, lasse es liegen, schmähe aber solche nicht, die nichts anderes wollen und können, als das gottgeschenkte Licht bezeugen.

Kommen wir auf jene fünf Schriftzusammenhänge zurück, die wir oben andeuteten. Sie lauten:

  1. Wir sind gesegnet mit jeder geistlichen Segnung inmitten der Himmlischen (l,3).
  2. Gott setzte den Christus zu seiner Rechten inmitten der Himmlischen (i, 20).
  3. Gott- hat uns mitauferweckt und mitversetzt inmitten der Himmlischen (2, 6).
  4. Durch die Gemeinde wird die mannigfaltige Weisheit Gottes den Fürstentümern und Gewalten inmitten der Himmlischen kundgetan (3, 10).
  5. Unser Kampf ist wider die geistlichen Mächte der Bosheit inmitten der Himmlischen (6, 12).

‚ Wenn wir diese fünf Zeugnisse betend durchdenken, so sehen wir wunderbare Wechselbeziehungen zwischen dem Herrn und den Himmlischen, dem Herrn und uns und den Himmlischen und uns. Ohne diese Durchblicke vermögen wir weder unsern Glaubenskampf in der Gegenwart noch unsre Stellung in Christo und unsre Aufgaben in den kommenden Ewigkeiten zu begreifen. Erst wenn wir die Gemeinde in ihrer Bezogenheit zu ihrem Herrn und Haupt und zu den unsichtbaren Welten schauen lernen und etwas wissen hinsichtlich ihrer Stellung zum Gesamtplan Gottes, dann sind uns auch jene Überhimmlischen nicht mehr wesenlos, fern und fremd, sondern wir lernen jetzt unter ihrem Druck glaubend und ausharrend unsern Weg zur Vollendung zu gehen, um dereinst ihre Richter und Retter zu sein (1. Kor. 6, 3; Eph. l, 23; 2. Kor. l, 20).

Lasst uns Menschen sein, die dem Herrn nicht nur glauben, wenn er Irdisches sagt, sondern auch dann, wenn er Himmlisches bezeugt I Wohl uns, dass wir durch den Geist Gottes all das erkennen dürfen, was uns von Gott geschenkt ist (1. Kor. 2, 12), und dass wir nicht nur in einen kleinen, vielleicht nur Israel betreffenden Bruchteil, sondern in unser ureignes Erwartungsgut, ja, in „alle Wahrheit“ (Joh. 16, 13) geleitet werden dürfen!