Der arme Mann und der reiche Lazarus (Luk. 16, 19-31)

19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbare Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Es war aber ein Armer namens Lazarus, der lag vor dessen Tür voller Geschwüre 21 und begehrte, sich zu sättigen von den Brosamen, die vom Tisch des Reichen fielen; und es kamen sogar Hunde und leckten seine Geschwüre.22 Es geschah aber, daß der Arme starb und von den Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde. Es starb aber auch der Reiche und wurde begraben. 23 Und als er im Totenreich seine Augen erhob, da er Qualen litt, sieht er den Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich über mich und sende Lazarus, daß er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und meine Zunge kühle; denn ich leide Pein in dieser Flamme! 25 Abraham aber sprach: Sohn, bedenke, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben und Lazarus gleichermaßen das Böse; nun wird er getröstet, du aber wirst gepeinigt. 26 Und zu alledem ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, so daß die, welche von hier zu euch hinübersteigen wollen, es nicht können, noch die, welche von dort zu uns herüberkommen wollen.27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, daß du ihn in das Haus meines Vaters sendest – 28 denn ich habe fünf Brüder –, daß er sie warnt, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen! 29 Abraham spricht zu ihm: Sie haben Mose und die Propheten; auf diese sollen sie hören! 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn jemand von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun! 31 Er aber sprach zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, so würden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer aus den Toten auferstände!

Lukas 16, 19-31

Autor: Theodor Böhmerle (1870-127)

Das ist ein sonderliches Gleichnis, das nimmt seinen Stoff aus der unsichtbaren Welt. Dadurch wird es uns doppelt wertvoll. Einmal gibt es uns wieder Licht über das Königreich Gottes, dann aber sehen wir in viele Wahrheiten des Jenseits hinein. Der Herr der für uns jetzt unsichtbaren Welt, der Sohn Gottes, gibt uns im Gleichnis die wunderbarsten Aufschlüsse. Ihm ist das natürlich alles bekannt – es ist ja seine Welt – aber für uns öffnet sich eine ganz neue Welt, welche uns für gewöhnlich nach diesen speziellen Aufschlüssen hier zugeschlossen ist. Wir wollen zuerst das Gleichnis als solches betrachten und dann die Offenbarungen des Herrn über Zustände nach dem Tode ins Herz fassen. 

     Als Gleichnis reden die vorliegenden Bibelverse natürlich von den Juden und von der Stellung derselben im verheißenen Königreich. Die beiden Gestalten des Gleichnisses: der reiche Mann und der arme Lazarus sind beides Juden. Darum kommt Lazarus in Abrahams Schoß. Er gehört zur Abrahams-Gemeinde. Der reiche Mann aber ruft: “Vater Abraham!” Er gehört also nach dem Fleische auch zu Abrahams Samen. Und Abraham sagt zu ihm: “Mein Sohn” oder wörtlich: “Mein Kind”. So haben wir zwei Juden vor uns, und diese repräsentieren zwei Hauptrichtungen des jüdischen Volkes: Die verweltlichte Richtung und die gesetzestreue Prophetische Richtung.  Vom reichen Mann heißt es: “Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich mit Purpur und köstlicher Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.” Das ist das verweltlichte Geld- und Genussjudentum. Heidnisch lebten diese Abgefallenen und in allen heidnischen Lüsten. Die Berufung Gottes, mit der er Israel berufen hatte, ließen diese Weltlinge liegen. Gesetz und Prophetie war ihnen fremd. Leben, irdisch, sinnlich leben war ihnen und ist ihnen die Hauptsache. Für den eigentlichen Beruf Israels bedeuten sie nichts. Darum haben sie auch keinen Namen. Für das Heilsziel Gottes in Christo mit dem jüdischen Volke sind sie verloren. Darum sind sie der Niemand. Reiche Leute, genießende Leute – das ist ihr ganzes Charakteristikum. Das Judentum hatte immer und hat einen solchen Volksteil. Reich, nationenmäßig, diesseitig in Verdienst und Genuss. Höchster Luxus ist bei ihnen zu finden – Purpur und köstliche Leinwand – und höchster Lebensgenuss – alle Tage herrlich und in Freuden. Die Verbindung mit ihren armen, gläubigen Volksgenossen haben diese Juden fast ganz verloren, ja, sie schämen sich ihrer. Dies Judentum haben wir auch in unseren Tagen der nahenden Endentscheidung in reichlicher Zahl. Dem gegenüber steht ein armer, elender, schwärenbehafteter Teil des jüdischen Volkes. Der liegt auf der Gasse wie Lazarus. Der ist heimatlos, von Ort zu Ort gejagt. Jene Reichen setzen sich hinein in die verschiedenen Nationen und verweltbürgern da. Der arme Teil, der recht jüdische, wird überall gejagt. Er ist auch Schlägen und Verfolgungen unterworfen – er ist schwärenbeladen. Er hält fest an Gesetz und Propheten, er lebt äußerlich elend, in der Hoffnung Israels. Das müssen wir bei Lazarus bestimmt annehmen, sonst hätten ihn nicht nach seinem Tode Engel in Abrahams Schoß getragen. Dieser arme, verfolgte und geschlagene, gesetzes- und prophetentreue Judenteil, liegt vor des Reichen Tür. Er gehört zu ihm. Sie sind  e i n  gottberufenes Volk. Der Reiche achtet das nicht. Er lässt Lazarus liegen. Hunde aber lecken Lazarus die Schwären. Hunde sind in der Schrift die Nationen. Denken wir nur an das kanaanäische Weib, wo der Herr sagt: “Es ist nicht  gut, dass man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor die Hunde.” Nationen-Vertreter – denken wir nur an die großen Arbeiterverbände – werden Judenschützer – lecken ihre Schwären. Oder denken wir daran, wie England den Juden Palästina gibt, wovon die reichen Weltjuden nichts wissen wollen. Dieser arme geplagte, auf der Gasse liegende, aber Israels Hoffnung bewahrende Judenteil, heißt Lazarus. Lazarus kann heißen der “Hilflose” oder der “Gotthilf” – dem Gott hilft. Beides ist recht und wahr. Dieser Teil hat einen Namen – er ist der “Hilflose”, solange er in Schwären auf der Straße liegt; er ist der, dem geholfen ist, wenn sich der Herr seiner annimmt. 

     So ist das jüdische Volk zerrissen und zerteilt. Beide Teile sterben. Den Gerichts- und Sterbensweg geht das ganze jüdische Volk. Das ist wieder eine furchtbare Wahrheit, welche der  Heiland hier ins Gleichnis hüllt. Aber Lazarus kommt in Abrahams Schoß. Es wächst unter allem Jammer eine Gottgemeinde im Judentum heraus, welche der Herr einst brauchen wird in seinem Königreich. Die verweltlichte und versinnlichte Richtung aber geht ins Gericht. Und da ist kein Hinüber- und Herüberkommen. Diese Erden-Freuden-Juden bleiben von der Verheißung ausgeschlossen. Sie werden sich im Gericht und angesichts des Verlustes ihres Teils an die

Verheißung erinnern – aber nun ist es zu spät. Der Antichrist und sein ganzer Anhang fährt vor dem aufgehenden Königreich in die Hölle. Nicht das ganze jüdische Volk, sondern ein durchgerichtetes erlebt den Tag. Da wird dann kein Vater Abraham helfen. Sie haben Abraham in dieser Welt nicht gekannt, nun kennt sie auch Abraham nicht. Es ist ein Jammer, ein Jude zu sein und des jüdischen Volkes Herrlichkeit nicht zu erreichen. Wer aber hier kein Jude sein wollte, wird auch in der Erfüllung keiner sein. Das reiche Weltjudentum ist gerichtlich vom Heil ausgeschlossen. Das Gericht beginnt am Hause Gottes. Nur ein durchgerichtetes Israel kann in Abrahams Verheißung  und ihren Segen eintreten.

     Der reiche Mann hatte fünf Brüder. Um die jammert er. Fünf ist die halbe Zehn. Zehn ist die Zielzahl. Fünf liegt auf dem halben Weg und kommt nicht zum Ziel. Fünf ist die Gerichtszahl. Fünf Städte gingen im Sodom-Tal zugrunde; fünf Abbilder mussten die gerichteten Philister liefern. Fünf Brüder hat der reiche Mann. Es ist ein ins Gericht fallender Teil im Volk der Juden. Nur der Abrahamsteil, zu welchem Lazarus gehört, kommt zum Licht. Und Moses und die Propheten  sind die Erzieher zum Licht. Es gibt keinen anderen Weg. Darum stehen, bevor der Sturz des Antichristen und der Königreichs-Tag des Herrn kommt, die zwei Zeugen auf, Gesetz und Prophetie, in zwei machtvollen Vertretern. Da können alle aufrichtigen Juden hören. Aber die Weltjuden, der Antichrist an der Spitze, werden die zwei Zeugen umbringen. Doch werden die Mörder fallen und die Zeugen, Gesetz und Prophetie in Christo erfüllt, wieder auferstehen. Das jüdische Volk hat bis zum Ende kein anderes Licht als Gesetz und Propheten. Die genügen den Aufrichtigen. 

     So haben wir in unserem Gleichnis die Botschaft von der Zersetzung des jüdischen Volkes – vom Weltreichtum der einen, vom schwärenbeladenen auf die Straße Geworfensein der anderen. Und wir haben das Gericht über das Haus Gottes. Wir haben aber auch den heiligen Samen in Abrahams Schoß, der in der ersten Auferstehung im Anfang des Königreichs Christi hervorbrechen wird. Das sind Wahrheiten, die musste der Heiland zu seiner Zeit in die Hülle des Gleichnisses tun – nun aber, sonderlich in unsern Tagen, wo die Hüllen springen und wo es den Wiederkunftsoffenbarungen entgegengeht – sehen wir diese Wahrheiten erfüllt und sich erfüllen. Überall sehen wir im jüdischen Volk den reichen Mann und den armen Lazarus – wir erfahren nun im Gleichnis, wie dieser Weg läuft und ausläuft. Wir danken dem Herrn. 

     Zugleich aber empfangen wir vom Herrn, welcher das Gleichnis aus der unsichtbaren Welt nimmt, die wunderbarsten Einblicke ins Jenseits. Es ist köstlich, dass diese Einblicke nicht in der Absicht gegeben sind, Jenseitigkeiten aufzudecken, sondern im Verlauf eines Gleichnisses, welches einen ganz anderen Sinn hat. Dadurch werden diese Eröffnungen viel natürlicher. Dem Herrn war ja das alles, was er hier öffnet, auch ein Natürliches. Hier redet er von der Welt, aus der er kam und in die er ging. Wir aber sehen mit Staunen hinein,  in eine uns nach der Natur verschlossene Welt, die aber doch wahrhaftig und gewiss ist und in die wir alle über kurz oder lang eintreten. 

     Wenn wir aber nun in diese unsichtbare Welt unter Führung des Heilandes Blicke tun, so dürfen wir diese Wahrheiten nicht ohne weiteres in die gegenwärtige Zeit hereinziehen und am allerwenigsten in die Gemeinde. Der Heiland redet hier von der für uns unsichtbaren Welt in einer Zeit, in der weder die Versöhnung noch die Erlösung noch die Auferstehung gewesen war. Seitdem das alles geschehen ist, hat sich auch in der Welt drüben viel geändert, und vor allem die Gläubigen in Christo nehmen zu dieser Welt des Jenseits eine ganz eigene Stellung ein. Doch hören wir den Herrn! 

     Er zeichnet uns zunächst einen Menschen ohne Jenseits. Reich, herrliche Kleider, alle Tage herrlich und in Freuden. Menschen ohne Jenseits gibt es viele. Die Seele lebt und webt, wenn sie nicht in Gott ist, im Vielerlei des Diesseits. In Denken, Fühlen und Wollen, in Suchen und Forschen, in Arbeit und Licht lebt eine Masse im Sichtbaren, höher oder tiefer, edler oder Gemeinder, aber ihr Sinn ist im Sichtbaren, in der Kreatur. Wie leben diese Menschen weiter?

     Weiterleben tun sie. Das ist ja das erste, was wir deutlich aus des Heilands Worten sehen. Sie leben alle. Abraham lebt, Lazarus lebt, der reiche Mann lebt. Es geht nach Ablegung der Leiblichkeit einfach weiter. Alles andere, was Menschen sagen, ist Lüge oder Täuschung. Es wird gelebt. Das ist heute noch so wie vor Christus. Jeglicher lebt weiter, wie es ihm gebührt. Und sie kennen einander alle. Der reiche Mann kennt sofort Abraham und kennt auch Lazarus. Und Abraham und Lazarus kennen den reichen Mann. Es ist also ein erkenntliches, geistleibliches Fortbestehen. Und sofort mit dem Augenzumachen für diese Welt geht das Augenöffnen für jene Welt an. Auch in eine Lebensgemeinschaft, die unserm diesseitigen Stand entspricht, treten wir sofort ein. Lazarus ward gleich von Engeln empfangen, welche ihn in Abrahams Schoß trugen. Beim reichen Mann steht nur: “Er ward begraben.” Wer hat ihn empfangen? Darüber schweigt der Heiland. Die Schrift schweigt viel über die Finsternisdinge. Sie hat recht. Entweder hat er mutterseelenallein an seinen Ort müssen, denn für gestorbene Egoisten gibt es keine Lebensgemeinschaft drüben. Egoismus ist Isolierung. Oder es haben ihn hässliche, finstere Geister drüben höhnend begrüßt. Die Schrift lässt es, also lassen wir es auch. Es war genug für den reichen Mann,  dass auf einmal Wahrheit und Wirklichkeit wurde, woran er zeitlebens nicht gedacht hatte und nicht hatte denken wollen. Er stand in einer Welt voller Schrecken. Er hatte Pein in brennender Flamme. Geist und Seele voll, übervoll von Erdengedanken und  Erdenlüsten – und nichts, nichts zu befriedigen. Das war entsetzliche Hölle. Er wollte, wie er gewollt hatte, und hüben war ihm alles zur Verfügung gestanden, drüben nichts. Nicht einmal einen Tropfen Wassers hatte er und konnte ihn nicht kriegen. Er hatte sein gutes Teil gehabt in dieser Welt. Nun war aber dies gut genossene Weltleben seine Pein. Arme Diesseitsmenschen, die ohne Ewigkeit, ohne Jenseits leben. Was ihr hattet, ist dahin; was ihr brauchtet, gibt es dort nicht. “Im Totenreich und in der Qual” war der reiche Mann.  Hören wir wohl, er war nicht in der Verdammnis. Er war nicht im andern Tode. Das alles kommt erst im jüngsten Gericht und nach dem jüngsten Gericht. Er war nur ins Totenreich versetzt. Weil er aber nur Diesseitsleben geführt hatte, war dies Totenreich nun wahrhaftig Tod, nämlich Elend und Pein. 

     Lazarus war auch im Totenreich. Anderswo konnte er ja gar nicht sein. Der Tod war zu seinen Zeiten noch nicht durchbrochen. Auch Abraham war im Totenreich. Aber sie waren hienieden göttlich gesinnt, so weit ein jeder auf seiner Stufe es sein konnte. Und diese göttliche Gesinnung hatten sie jetzt im Totenreich als Licht und Friede und Seligkeit zu genießen. 

     Lazarus war in dieser Zeit ein Mann ohne Diesseits. Er hatte nichts in diesem Leben als Leiden. Die trieben ihn aber ins Göttliche. Es steht ja nichts davon da. Es heißt nur, er habe sich sättigen wollen von den Brocken, die von des Reichen Tische fielen. Aber wenn ihn Engel trugen in Abrahams Schoß, muss doch auch eine entsprechende Gesinnung da gewesen sein. Von ewigem Innenleben kann ja unter Gesetz und Propheten nicht viel die Rede sein, aber, dass er ein Sohn des verheißenen Erbes war, das hat ihn offenbar doch getröstet in seinem Elend. Und die Verachtung der Verheißung und des Bundes durch die Reichen mag ihn nur um so fester gemacht haben. Wohl ging er ins Totenreich, aber getragen von Engeln; wohl ging er ins Totenreich, aber in Abrahams Schoß. So gibt es also im Totenreich Unterschiede, und es gab sie schon vor Jesu Erlösung. Die Gerechten waren an anderem Platz als die Ungerechten. Die Menschen des Wortes selig mitten im Tode. Die Menschen des Diesseits in Tod ringsum. Und diese Unterschiede waren gewiss nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den Nationen. 

     Heute, nach Jesu Erscheinen und Toddurchbrechen ist das anders im Totenreich als damals zu Jesu Zeit und vor Jesu Zeit. Damals ging alles ins Totenreich, die Frömmsten wie die Gottlosen. Von Adam ist der Tod zu allen durchgedrungen. Der Erstling der Auferstehung ist Christus. Aber im Totenreich sind die verschiedensten Abteilungen gewesen. Abrahams Schoß war eine sehr selige Abteilung voller Licht und Hoffnung. Und in Abrahams Schoß saß eine festgefügte Gemeinschaft. Alle gläubigen, gesetzestreuen, auf den Messias hoffenden Juden. In großer Pein saßen die auf Erden gottlosen und abgefallenen Juden. Ihnen ging ihr großer Verlust erst drüben auf, wenn sie die Wartenden in Abrahams Schoß sahen. So lebten dann die Toten in den verschiedensten Abteilungen, alle wartend, die einen auf Seligkeit und Herrlichkeit, die andern auf Gericht. 

     Heute gibt es nun eine Schar Menschen, die hat mit dem Totenreich von vorneherein gar nichts mehr zu tun. Das sind die Gläubigen in Christo. Die sind schon auferstanden in der Schöpfung des neuen Menschen in ihnen. Die sterbenden Gläubigen, wenn sie hinübergehen und wenn sie einfältig in ihrem Herrn standen, dringen durchs ganze Totenreich hindurch zu ihm.  “Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein”, sagt Paulus. Gläubige sind immer bei ihm. Das ist ein großer, seliger Lebenstriumph. Wiedergeborene leben, und wenn sie gleich sterben, beim Herrn. Dort bei ihrem Herrn reifen sie dem Tag der Sammlung der Gemeinde entgegen. 

     Dann ist Abrahams Schoß, welchem wohl das Paradies entspricht,  auch aus dem Totenreich herausgerückt. Es sind ja schon viele Königreichsleute gleich nach der Auferstehung des Herrn erstanden.  Die Auferstehung der Gerechten aus den Juden konnte aber nicht weitergehen wegen des Unglaubens des jüdischen Volkes. Nun warten diese in Abrahams Schoß  auf ihren Tag. Dieser wird am Anfang des 1000-jährigen Reiches sein. Die Gotteskinder stehen jetzt schon fortlaufend auf und haben ihren Tag schon zur Zeit der letzten Posaune. Alle anderen außer den Kindern Gottes und den in Abrahams Schoß gesammelten Königreichsjuden warten auch heute noch auf ihren Tag. Diesen Tag werden diese Geister, nachdem ihnen im 1000-jährigen Reich noch gepredigt worden ist, am jüngsten Gericht haben. Da werden sie auferstehen, die einen zur Seligkeit, die andern zum andern Tode. Diese letzteren gehen also ins Gericht-Totenreich. Bis zum jüngsten Tage werden viele, welche zum Heiland auf verschiedenen Stufen eine Stellung des Untertanseins eingenommen haben, selige Warteorte haben. Viele wiederum, die rein diesseitig waren, werden recht unselige haben. So steht es jetzt mit dem Totenreich. Selig, wer aus Gott geboren und in einem Wachstum geistlichen Lebens stehend durch dasselbe hindurchdringen darf. Wir glauben also, dass die übergroße Masse aller Gestorbenen aus den Nationen, soweit sie nicht aus Gott geboren ist, auch heute noch auf verschiedenen Stufen im Totenreiche, welches Luther mit “Hölle” übersetzt, auf ihren Tag wartet. Ihr Auferstehungstag ist eben erst das jüngste Gericht.

     Der Aufenthalt im Totenreich wird schon eine Art gerechter Vergeltung des Diesseitslebens in sich schließen. Wenn auch der Gerichtsspruch noch nicht gefällt ist, das wird ja erst am jüngsten Tag geschehen, so wird sich doch schon im Wartezustand wie beim reichen Mann und armen Lazarus das kommende Los in Seligkeit oder Pein auswirken. Es wird ein Warten des Hoffens oder des Zitterns sein. Dabei wird es wunderbar gehen. Den Diesseitsmenschen gibt Gott Diesseits. “Du hast dein gutes Teil gehabt in dieser Welt” – wie er es ja gewollt hat – nun hat er drüben kein gutes Teil – er hat es ja nie begehrt. Den Jenseitsmenschen gibt Gott diesseits oft Leiden und Trübsale. Darunter werden sie jenseitiger und haben drüben Freude und Trost.

     Im Totenreich drüben werden die Leute sich kennen und auch miteinander reden, wie wir beim reichen Mann, bei Abraham und Lazarus sehen. Einander helfen können sie aber nicht. Die einzelnen Abteilungen des Totenreiches sind kluftartig voneinander abgeschlossen. Im 1000-jährigen Reich werden ja alle, welche sich in dieser Welt noch nicht entscheiden konnten, vonseiten der erstandenen jüdischen Gerechten gepredigt bekommen, und da gibt’s noch Entscheidungen. Aber auf diese Stunde muss alles warten. So mussten auch die Leute der Sintflut – also die ganze Welt vor Noah – warten, bis auf die Stunde des erstandenen Herrn, der dann zu ihnen ging und ihnen predigte. Im göttlichen Plan hat eben alles seine Zeit, seine Reife- und Fülle-Stunde. Nach Ablauf dieser Evangelisationsepoche im Königreich Christi kommt dann die Auferstehung zum jüngsten Gericht für die Bewohner der Abteilungen des Totenreiches. 

     Es wird natürlich unter den in der Pein lebenden Totenreichsbewohnern große Geisterbewegungen geben. Wir sehen das am reichen Mann. Er ist ja noch in ganz anfänglichen Regungen, aber es regt sich doch in ihm. Der reiche Mann unseres Gleichnisses wird ja auch noch mal gepredigt bekommen, denn er lebte ja vor Christus. Wie nun die Bewohner des Totenreiches sich selber kennen, so sehen sie auch herein in diese Welt. Das wird entweder ihre Seligkeit oder ihre Qual vergrößern, je nach ihrem inneren Stand. Dem reichen Mann hat der Blick auf seine fünf Brüder viel Qual gemacht. Ach, wie werden die Geister im Totenreich sich zerquälen, wenn sie nun mit unbekehrtem Herzen den Lauf der Dinge und Personen in dieser Welt sehen. Sie können nichts daran ändern. Es ist klar, je seliger der Stand eines Menschen im Totenreiche ist, einen umso ruhigeren und friedevolleren Charakter wird er haben im Blick auf das Diesseits. Abraham und Lazarus sahen ja auch herüber, aber sie sahen von einem göttlichen Standpunkt aus, und da waren sie ruhig.

     Wir Gläubigen in Christo haben ja auch eine Wolke von Zeugen drüben beim Herrn, die unsern Glaubenskampf verfolgen, gleichwie ja auch die Engel mit sehr regem Interesse uns begleiten. Wir bedenken oft zu wenig, wie innig die sichtbare und die unsichtbare Welt zusammenhängen. Ein Hereinwirken der drüben Befindlichen  gibt es nicht. Auch die zu Jesus gegangenen Kinder Gottes haben dort bei ihrem Herrn zunächst zu warten und vollends zu reifen. Ihre Einwirkungszeit beginnt erst  nach der Vollendung der Gemeinde am Tage des Herrn. Wir rufen darum keinen Heiligen an, wir leben allein vom Herrn und seinem Wort.

     Es werden auch keine Leute des Totenreiches  herübergeschickt. Es kann niemand zitiert, d. h. gerufen werden, er sei beim Herrn oder in irgendeiner Abteilung des Totenreiches. Erst im Königreich Christi wird die Gemeinde von ihrem Standort in der Luft aus einen gewaltigen Geisteseinfluss auf die gesamte Kreatur ausüben.

Darum wartet diese Kreatur auch auf die selige Freiheit der Kinder Gottes. Aber das sehen wir: warten muss die Kreatur, bis die Zeit voll ist, bis die Gemeinde selig frei ist. Und im Königreich Christi werden auch die auferstandenen Gerechten aus den Juden eine große  Wirksamkeit haben, auch im Totenreich drüben. Aber vorher kommt niemand. Ganz einzelne Ausnahmen erzählt uns die Bibel, z. B. Samuel – aber zum schweren Gericht Sauls. Und Moses und Elia zur Besprechung mit dem Herrn wegen Golgatha. Sonst kommt niemand. Aller Spiritismus, und was in dieses Gebiet gehört, ist Betrug der Engel und Geister der Finsternis und ihrer Lüge. 

     Der Weg zum Glauben ging bei den Juden durch Gesetz und Propheten, bei uns geht er durchs Wort des Evangeliums und durch den Heiligen Geist. Wir haben in Christo die geöffnete Jenseits-Tür, wir haben in ihm einen frei offenen Zugang, Wir haben im Heiligen Geist den unbestechlichen Lehrer, der in alle Wahrheit leitet. Wir haben durch ihn die Salbung empfangen und dürfen wachsen durch Erkenntnis und Erfahrung des göttlichen Lebens. Wir brauchen keinen andern Weg. Alle, die andere Wege als den Herrn Jesum Christum eröffnen, sind Diebe und Mörder; Wort und Geist genügen. Wer aus der Wahrheit ist, der hört seine Stimme. Und was können Leute aus dem Totenreich uns helfen? Leben  h a t  und Leben i s t    nur er.

     Ihm danken wir auch für diese Ewigkeits-Aufschlüsse. Wir dürfen uns auf sie verlassen als auf lauter Wahrheit; denn sie sind vom Herrn, der die Wahrheit ist. Aber so sehr wir für solche Einblicke dankbar sind, aufhalten wollen wir uns bei ihnen nicht. Nur warnen sollen sie uns, dass wir nicht an Orte der Qual  im Totenreiche kommen oder gar in den anderen Tod. Und aufmuntern sollen sie uns, den Herrn selbst im Glauben zu umfassen, damit wir durch alle Totenräume hindurch zu ihm dringen dürfen. 

     Die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu, unserm Herrn!