Das Wort der Verheissung (1. Mose 3, 15)

15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen: Er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

1. Mose 3, 15

Autor: Otto Vosseler, auszugsweise aus seinem Artikel “Von der Vielfalt des Wortes Gottes (Apg. 13, 13-14, 28)”

Die vier hauptsächlichsten Verheißungen (vier  die Zahl der Allseitigkeit, nach allen Richtungen) wurden immer an Einzelpersönlichkeiten gerichtet. Die Menschen sind den Fehlweg gegangen, wie sie immer den Fehlweg gehen. Sie sind gefallen und es ist alles vertan. Alles geht in die Brüche. Aber es ist Gott doch ein Anliegen, dass seine Schöpfung zu dem wird, wozu er sie haben möchte; nicht als eine Öde, wie sie in unserer Zeit im Begriff ist, zu werden, weit schlimmer als wir überhaupt annehmen. Wir wissen’s bloß nicht, wie diese Welt bereits verdorben ist durch die Unvernunft der Menschen. Und es geht immer weiter, sowohl in der moralischen Welt als in der Schöpfungswelt,  wie überhaupt im Zusammenleben der Menschen untereinander. Es geht immer mehr in das Durcheinander hinein. Gibt Gott nun diese Welt auf?

Man hat den Vers aus 1. Mose 3, 15 als das Urevangelium = Frohe Botschaft bezeichnet: “Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Er wird dir den Kopf zermalmen, und du, du wirst ihm die Ferse zermalmen.” Damit werden wir gleich an das Ende der Heilsgeschichte Gottes gestellt. Nicht die Schlange gewinnt, sondern Gott wird gewinnen, denn wenn der Kopf des Widersachers zertreten ist, ist sein Einfluss nicht mehr möglich. Die Ferse ist eine der lebenswichtigsten Körperteile. Man spricht von der Achillesferse, das ist die Stelle, wo der unbesiegbare Achilles tödlich verwundbar war. “Du wird ihm die Ferse zermalmen”, es wird ihm das Leben kosten. Aber der Kopf ist zertreten, und eine Schlange mit zertretenem Kopf kann nichts mehr machen.

Aber was sagen wir? Wer wird der Sieger nach der allgemeinen religiösen Lehre sein? Wer hat die größte Zahl der von Gott geschaffenen Menschen als Beute hinweggeführt? Satan, so sagen wir. Was sind schon die paar hunderttausend Frommen, und wenn man sie anschaut, da muss man sich fragen: “Was, das sollen sie sein? Ist das alles, was herausgekommen ist? Aber die Milliarden, die Satan sich hinweggeholt hat?” – So wird es doch allgemein gelehrt, sowohl im Heidentum, als auch in dem zum halben Heidentum herabgesunkenen Kirchentum. Mit biblischer Auffassung hat das nichts mehr zu tun. Wir singen zwar: “Der Gewappnete bricht dem Satan ins Haus.” Aber wir glauben es nicht, sondern sagen: “Der behält weiter seine Macht.” Aber das Wort der Verheißung besteht.

Am Anfang – das Wort der Verheißung: “Der soll dir den Kopf zertreten”. Und dann ist dieses Wesen, das immer Gott zuwider arbeitet, endgültig abgetan und muss alles, was es erobert hat, herausgeben. Dieses Wort der Verheißung füllt nun die Heilige Schrift. Überall finden wir darin Worte der Verheißung.

Das zweite Verheißungswort in 1. Mose 8, 22: “Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter und Tag und Nacht”, gesprochen an Noah, gibt die Zusicherung der Erhaltung der Schöpfung und Erhaltung der Menschheit. Die Schöpfung kann nicht vernichtet werden, unmöglich, weil sich Gott verpflichtet hat, sie zu erhalten. Der Rhythmus des Lebens wird nicht aufhören und immer wieder neues Leben erzeugen.

Das dritte Wort der Verheißung ergeht an Abram. Sein Name heißt: “Hoher Vater”. Man hatte Achtung vor ihm. Mit 318 Knechten besiegte er ein paar Könige, das heißt schon was. Er hatte Strategie im Kopf und Tapferkeit in den Knochen. Aber er sollte nicht ein Autorität gebietender Vater sein, sondern “Vater der Menge” werden. Aus dir sollen Nachkommen hervorgehen, so wie die Sterne am Himmel, wie der Sand am Meer, wie der Staub des Erdbodens. All das hat seine ganz bestimmte Bedeutung für das Heils- und Eigentumsvolk Gottes, auf die wir aber hier nicht näher eingehen können.

In südlichen Ländern soll der Sternenhimmel bei Ausschaltung aller menschlichen Lichter etwas Überwältigendes sein. Das war nicht ein Sternenhimmel wie in unseren Städten, verblassend durch die vielen künstlichen Lichter) sondern strahlend hell. “So soll deine Nachkommenschaft sein.” (1. Mose 15, 5).

Dieses Wort der Verheißung bliebe immer eine versiegelte Angelegenheit, wenn uns nicht im Römerbrief Abraham als das Vorbild hingestellt würde. Erst dort lernen wir dieses Wort verstehen. Der Römerbrief basiert in seinen Aussagen auf den Verheißungen, die dem Abraham gegeben sind. Römer 4, Vers 18: “Der hoffen konnte” – wo wenigstens noch ein Fünklein Hoffnung war? Nein, “wo überhaupt nichts mehr zu hoffen war.” Als er endlich seinen Sohn hatte und dachte, nun ja, wenn der jetzt sorgsam behandelt wird, dann kann aus ihm vielleicht die Nachkommenschaft kommen, so zahlreich wie die Sterne. Aber was verlangt da Gott von ihm? Das Opfer seines Sohnes. Hier im Römerbrief kommt ein Wort vor, das ist ein typisch hebräischer Ausdruck: “Er glaubte dem Gott, der ein Wiederbringer aus Toten ist” (Vers 17). Er glaubte, er werde den Isaak wieder zum Leben bringen, auch wenn er geopfert ist. Was sich da vollzog und was nicht mit vielen Worten zu sagen ist, kann man vielleicht nur dann ermessen, wenn wir uns vorstellen, was es für einen Vater bedeutet, seinen Sohn zu opfern. Abraham musste hindurch durch die Nöte eines Vaters. Kann ich meinen Sohn opfern? Kann ich dem Gott noch vertrauen, der so etwas fordert? Um dieses Glaubens willen war er gerecht, denn wer das fertig bringt, der kann Gott auch alles andere zutrauen.

Was ist denn unsere schlimmste Sünde? Ich meine das Misstrauen. Zerstört nicht das Misstrauen alles unter Menschen, in Ehen,  in  Freundschaften,  in  Arbeitsgemeinschaften,  in Gemeinden, unter Völkern? Nicht das, was Gott sagt, glauben wir, dem können wir nicht ganz folgen, sondern was “vernünftigerweise” diese kluge Schlange sagt: “Ihr werdet sein wie Gott, das möchte euch Gott vorenthalten.” Und da kam das Misstrauen, das alles zerstört. Nur Vertrauen kann aufbauen. Und was ist eigentlich Glauben? Es ist unbedingtes Vertrauen.

Das Wort der Verheißung, erklärt durch Römer 4, zeigt uns, wie Gott innerlich bebt: Werden mir meine Wesen vertrauen? Ich möchte das Allerbeste, ich möchte die Schöpfung so formen, wie sie ursprünglich gedacht war. Wie bemüht sich Gott, immer wieder zu sagen: “Siehe, ich mache alles neu!” Alles nicht 90%. Glauben wir doch dem Verheißungswort Gottes!

Auch die vierte Verheißung geht an eine Einzelpersönlichkeit, das ist d e r C h r i s t u s. Wer ist denn das, wenn das so betont wird: d e r Christus? Nicht nur die Person, hergekommen aus Abraham und aus Israel nach dem Fleisch (Röm. 9), sondern d e r Christus, der nun eine solche überragende Persönlichkeit geworden ist zur Rechten des Vaters. Das Wort der Verheißung ist so großartig und so vielfältig und für die Gemeinde von eminenter Bedeutung. Denn durch wen wird Gott seine Verheißungen einlösen? “So viele der Verheißungen Gottes sind, in Ihm ist das Ja und in Ihm ist das Amen, Gott zur Herrlichkeit durch uns.” (2. Kor. 1, 20).

Dieses Wort sagt mehr aus als “Gott sprach das große Amen”, das wir vielfach auf Grabsteinen lesen und das bedeuten soll: “Jetzt ist Schluss, aus.” Und wir meinen, wenn wir Amen sagen, jetzt ist mein Gebet zu Ende. Aber das ist gar nicht der Sinn, weder des Betens noch des Wortes Amen. Es bedeutet im Hebräischen genau das gleiche wie das Wort Mama = Mutterbrust, wo die Mutter das Kind an die Brust legt, es nährt und schützt und den ersten Kontakt mit ihm herstellt. Hier lernt das Kind Geborgenheit kennen. Amen ist nichts anderes, ein Urwort, das man eigentlich durch eine Geschichte umschreiben müsste: “Ich lege dir, o Gott, meine Anliegen ans Herz. Nimm sie und halte sie bei dir, denn es gibt keinen anderen Platz, wo das, was ich jetzt gesagt habe, geborgen ist. Deshalb müsste man eigentlich Amen nicht erst am Ende des Gebetes sagen, sondern am Anfang.

Jesus bringt oft seine Gebete mit einem doppelten Amen. Damit meint Jesus: was ich jetzt sage, das ist Wirklichkeit Gottes. Amen ist mehr als eine Silbe, die wir sagen. Wir sollten uns dessen bewusster werden.

Wen benützt nun “der Amen” (das ist auch sein Name, Amen = die Wirklichkeit Gottes) dazu, seine Verheißungen in die Wirklichkeit umzusetzen? Sie werden sichtbar, greifbar, und zwar durch  u n s. Wir sind das Ausführungsorgan, denn “Ihr seid die Fülle dessen, der das All in allem erfüllt.” (Eph. 1, 23). Der Christus wird durch die Gemeinde vervollständigt, zur Fülle gebracht, damit er das ganze All zur Fülle bringen kann, damit alles so wird, wie es Gott vor Grundlegung der Welt in seinem eigenen Vorsatz bestimmt hat.

Wie kann man sich das vorstellen, wozu müsste dann die Gemeinde gemacht werden? Zur Gottesgleichheit. Und Philipper 3, 20 sagt uns es auch: “Unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leibe der Herrlichkeit.

Ich erschrecke oft vor diesem Plan Gottes und sage mir: Schau dich doch selber an. Aber wir dürfen, wenn uns das zur Not wird, anfangen mit Loben und Danken. Der Apostel Paulus sagt es immer wieder: “Danksaget! Ja sogar allezeit und für alles.”

Dieses Einlösen der Verheißung durch uns zeigt uns eines der letzten Ziele. Jetzt möchten manche sagen: “Nun hör auf, du kommst jetzt ins Phantasieren hinein oder ins Spintisieren oder gar in Überheblichkeit. Du, was bist denn du für ein armseliges Wesen. Du sagst, wir sollen so werden, dass wir alle Verheißungen Gottes einlösen? Das kann er doch selber tun!” Ist das wahr? Auf Grund des Wortes Gottes muss ich sagen: “Das ist Gottes Absicht und nichts anderes.” Und der Feind sagt: “Glaub’s doch nicht. Sollte Gott gesagt haben? Nein, wir werden Gott gleich, indem wir die Gentechnik ausbauen, einen neuen Menschen schaffen.” Das kann man nämlich, soweit sind wir schon. Wir wissen nicht, was es auf dem Gebiet der Gentechnik bereits alles gibt. “Wir werden auf diese Weise den Tod überwinden, wir werden eine ganz neue Menschheit herstellen. W I R sind es!”

Wenn sich dieses Ich einschleicht, ist auch der Funke aus der Hölle schon dabei. Georg Steinberger hat recht, wenn er in seinen “Kleinen Lichtlein” sagt: “Der Funke aus der Hölle, das kleine Ich.” Es braucht bloß im Kreis von Geschwistern einer drunter sein, der dauernd sein Ich in den Vordergrund stellt, schon wird das Misstrauen tätig und zersprengt Gemeinschaft.

Wir sollen uns aber gegenseitig stärken. Der Leib des Christus wächst nicht auf mystische Art und Weise, auch nicht durch Engeldienste oder durch sonstige Maßnahmen, die sich aus sich heraus selber entwickeln könnten. Sondern der Leib des Christus wächst dadurch, dass einer dem anderen Handreichung tut und so alle hinab- (nicht hinauf-) wachsen zur vollen Größe des Christus. Der Weg geht nach unten. Im Dienstkapitel des Epheserbriefes (Kap. 4) steht’s geschrieben und jeder kann es nachlesen.