Bleibet in Mir und Ich in euch! (Joh. 15,4)

„Bleibet in Mir, und Ich in euch! Gleichwie die Rebe nicht von sich aus Frucht tragen kann, wenn sie nicht bleibt im Weinstock, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in Mir bleibt.“

Joh. 15,4

Autor: Heinz Schumacher, aus seiner gleichnamigen Schrift in GuH

Dies ist der letzte von drei Aufsätzen über Themen aus den Abschiedsreden Jesu. In Heft 1/1977 erschien: „Der Vater selbst hat euch lieb!“ und in Heft 2/1977: „Ein neues Gebot gebe Ich euch“.

Das Johannesevangelium und der l. Johannesbrief sind reich an „Leitworten“, an Worten, die wiederholt vorkommen — stellenweise sogar gehäuft vorkommen — und dabei eine Wahrheit, einen Begriff, ein Thema in gleich oder ähnlich lautenden Formulierungen einprägsam vor Augen führen. Solche Leitworte, die der Apostel Johannes gern benutzt, sind z. B.: Wort, Licht, Leben, Wahrheit, Finsternis, Lüge, lieben, hassen, Vater, Sohn, und viele andere. — Ein Wörtlein aus nur 2 Buchstaben, das in Johannes 14—17 eine große Rolle spielt (also in Jesu Abschiedsreden und dem darauffolgenden wunderbaren Hohepriesterlichen Gebet), ist das Wörtlein „in“. So klein es äußerlich ist, so groß ist seine innerliche Bedeutung und Tragweite. Es tritt in diesen Kapiteln, aber auch im 1. Johannesbrief, gern auf in Verbindung mit einem anderen Leitwort des Johannes, nämlich mit „bleiben“. Dann ist die Rede vom „Bleiben in“ jemand oder etwas.

Einige wichtige Aussagen aus Johannes 14—17, in denen das Wörtlein „in“ tiefe Blicke tun lässt in das Verhältnis des Vaters zum Sohne, aber auch in das Verhältnis des Vaters zu uns oder des Sohnes zu uns oder des Geistes zu uns und in das Verhältnis der Kinder Gottes untereinander, seien hier vorangestellt. (Wir fassen diese Jesusworte so auf, daß sie nicht nur den hier vom Herrn zunächst angeredeten Jüngern aus Israel, sondern auch uns gelten. Dass die wunderbare Beziehung „Er in uns und wir in Ihm“ nicht nur Seinen israelitischen Schülern, sondern auch den Gläubigen aus den Nationen gilt, wurde dem Apostel Paulus als ein Geheimnis des göttlichen Liebesratschlusses geoffenbart. Er spricht von dieser Beziehung nicht nur in Kolosser l, 27 und Gal. 2, 20, sondern außerdem an einer Vielzahl von Stellen. Wenige Tage vor Seinem Leiden und Sterben enthüllt der Herr im engsten Kreis Seiner Vertrauten auf dem Boden Israels dieses später durch Paulus den Gläubigen aus den Nationen enthüllte Geheimnis. Nun aber sei dieses einzigartige Verhältnis einmal von Johannes 14—17 aus beleuchtet.)

Job.. 14,10: „Glaubst du nicht, daß Ich im Vater und der Vater in Mir ist?… Der

Vater, der in Mir bleibt, Er tut die Werke.“

Joh. 14,11:     „Glaubet Mir, daß Ich im Vater und der Vater in Mir!“

Joh. 14,17: „Er (der Geist der Wahrheit, der Wesenhaftigkeit) bleibt bei euch und wird in euch sein.“

Joh. 14,20: „An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß Ich in Meinem Vater (bin) und ihr in Mir und Ich in euch.“

Joh. 15,4: „Bleibet in Mir, und Ich in euch! Gleichwie die Rebe nicht von sich aus Frucht tragen kann, wenn sie nicht bleibt im Weinstock, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in Mir bleibt.“

Joh. 15, 5: „Wer in Mir bleibt und Ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne Mich (abgetrennt, abgesondert, abgeschnitten von Mir) könnt ihr nichts tun.“ Joh. 15,7: „Wenn ihr in Mir bleibt und Meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen.“

Joh. 15,9:       „Bleibet in Meiner Liebe!“

Joh. 15,10: „Wenn ihr Meine Gebote haltet, werdet ihr in Meiner Liebe bleiben, gleichwie Ich Meines Vaters Gebote gehalten habe und bleibe in Seiner Liebe.“ Joh. 17, 21: „auf daß sie alle eins seien, gleichwie Du, Vater, in Mir und Ich in

Dir, daß auch sie in Uns eins seien.“

Joh. 17,22: „Und die Herrlichkeit, die Du Mir gegeben hast, habe Ich ihnen gegeben, auf daß sie eins seien, gleichwie Wir eins sind.“

Joh. 17,23:     „Ich in ihnen und Du in Mir.“

Joh. 17,26: „Ich habe ihnen Deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, auf daß die Liebe, mit der Du mich geliebt, in ihnen sei und Ich in ihnen.“ Das schlichte Wörtlein „in“ drückt in diesen Zusammenhängen ein göttlichgeistliches Geheimnis aus, das sich letztlich nicht dem forschenden Kopf, sondern nur dem liebenden und gehorsamen Herzen erschließt. Es drückt Lebensgemeinschaft, Lebensverbindung, Wesensgleichheit, Einheit und Einssein aus. Im Weinstock-Gleichnis in Johannes 15, 4 muss dasselbe Wort eigentlich mit „am“ statt „im“ übersetzt werden (denn die Rebe bleibt ja nicht im Weinstock, sondern am Weinstock) — aber gerade dieses Gleichnis macht deutlich, um was es geht: um eine organische Lebensverbindung. Wer sich dieser nicht öffnet bzw. wieder verschließt, wer „ohne Jesus“ lebt und handelt, außerhalb von Ihm, abgetrennt von Ihm, der „kann nichts tun“ (15, 5), nichts in Gottes Augen Nützliches und Echtes und Bleibendes zustande bringen; ja, ihn ereilt das in 15,6 ausgesprochene Schicksal: hinausgetan, verdorrt, im Feuer brennend. (Man kann dabei an Teile aus Israel denken, die den Weg der Verstockung und

der Feuergerichte geführt wurden, aber auch an 1. Korinther 5, l—5.)

Bei Dir, Jesu, will ich bleiben, stets in Deinem Dienste stehn; nichts soll mich von Dir vertreiben, will auf Deinen Wegen gehn. Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.

Es ist in den aufgeführten Stellen gesagt, dass

  • Jesus im Vater ist und der Vater in Ihm;
  • der Heilige Geist in uns sein wird;
  • des Vaters Liebe in uns sein wird;
  • wir in dem Herrn und der Herr in uns ist; wir werden ermahnt,
  • in Jesus zu bleiben;
  • in Seiner Liebe zubleiben; •       Seine Worte sollen in uns bleiben.

Ja, die Gottesherrlichkeit, die der Sohn uns gibt, soll bewirken,

  • eins zu sein, wie Vater und Sohn eins sind!

Es wird in diesen Stellen deutlich, daß das Bleiben in Jesus zugleich immer auch bedeutet: Seine Worte bleiben in uns — Wir bleiben in Seiner Liebe — Wir halten Seine Gebote und bringen dadurch konkret zum Ausdruck, daß wir in Seiner Liebe bleiben. Das „Halten Seiner Gebote“ aber ist nach 1. Johannes 3, 23 nichts anderes als: Jesus vertrauen und die Seinen lieben.

Eine zweifache wunderbare Wechselbeziehung des lebendigen, organischen, göttlichen Geisteslebens führen die genannten Stellen vor Augen: Jesus ist (und bleibt) im Vater und der Vater in Ihm — Wir sollen in Jesus bleiben und Jesus in uns (und damit Sein Wort und Seine Liebe).

Die erste dieser Beziehungen vollzieht sich in der Gottheit selbst, frei von Sünde und Vergänglichkeit.

Die zweite hingegen betrifft Gottheit und Menschheit, bezieht sich auf Jesus, den Sündlosen, Reinen, Unvergänglichen, und uns, die wir Feinde und Sünder waren, von Haus aus Rebellen, Widerspenstige, der Sünde und dem Tode verfallen. Es ist das Wunder aller Wunder, daß auch von solchen (nachdem sie errettet und gerechtfertigt und gereinigt und geheiligt wurden) gesagt werden kann: Er in uns und wir in Ihm

— Der Geist der Wahrheit bleibt in uns — Vater und Sohn kommen und machen unser Inneres zu Ihrer bleibenden Wohnung (Joh. 14, 23).

Wo dies erfahren wird, stellen sich Folgen ein, Folgen, die in den angeführten Jesusworten so beschrieben werden:

a) Wir bringen Frucht. Der Herr spricht in Joh. 15, l—5 von Frucht — mehr Frucht — viel Frucht und in V. 16 von bleibender Frucht. Der

5. Vers sagt nicht: „Wer in Mir bleibt und Ich in ihm, soll Frucht bringen, muss Frucht bringen“, sondern: „der bringt viel Frucht“. Es gibt kein Bleiben in Jesus ohne Frucht! Dabei können wir an die neunfältige Frucht des Heiligen Geistes von Galater 5, 22 denken, oder auch an Frucht der Lippen oder an Frucht in Gestalt von Menschen, zu deren Errettung, Heiligung, Wachstum wir durch unseren Dienst beitragen dürfen. Unsere Sorge muss nicht sein, wie unsere Frucht aussieht — das wirkt der Herr —, unsere Sorge sollte nur die sein, in Ihm zu bleiben.

  • Wir lernen erhörlich beten. Die Verheißung von Johannes 15, 7 ist aber kein Freibrief für die Erfüllung aller möglichen eigenen Wünsche; diese Verheißung ist solchen gegeben, die in Ihm bleiben und in denen Seine Worte bleiben! Wenn unser Wille in Übereinstimmung gekommen ist mit Seinem Wort, dann dürfen wir — eben gemäß Seinem Wort — bitten, „was wir wollen“.
  • Wohl das Größte in diesem Zusammenhang aber ist die Verheißung von Johannes 17, 21 u. 23: Das Einssein der Jesusgläubigen — derer, die in Ihm sind und bleiben — soll die Art und Qualität erreichen: „gleichwie Wir (Vater und Sohn) eins sind“. Dies ist fürwahr nur möglich auf dem Boden des Seins in Christus, auf dem Boden einer neuen Natur, des neuen Menschen. (Paulus fasst dieses Ziel in Epheser 4, 13 ebenfalls ins Auge.) Auf dem Boden des alten Wesens, auch des fromm dressierten alten Wesens, wo noch Sympathie und Antipathie, rechthaberischer Meinungsstreit u. dgl. herrschen, kann es nie erreicht werden. Woran liegt es wohl, daß von diesem „Einssein gleichwie WIR eins sind“ auch bei geförderten Christen oft nur wenig zu verspüren ist? Haben wir die Erkenntnis als Kopfwissen missverstanden und missbraucht? Haben wir uns damit getröstet, Johannes 14—17 gelte Israel und sei nicht für uns bestimmt? Haben uns Lärm und Hetze unserer unruhigen Zeit das leise, stille, nicht auf Erfolg und Sensation bedachte „Bleiben in Ihm“ vergessen lassen? Wohl kein echtes Kind Gottes wird bewusst „ohne Jesus“ leben wollen, abgetrennt von Ihm. Wohl jeder Leser dieser Zeilen wird den inneren Wunsch haben, in Jesus zu bleiben. Doch tun wir es bewusst, betend, aufmerksam, ausdauernd? Das würde doch wohl bedeuten, täglich Zeit für den Herrn zu haben und selbst im Alltagslärm und -stress mit Ihm innerlich verbunden zu bleiben. Sonst besteht die Gefahr, eben doch so manches „ohne Ihn“ zu tun, zu planen, zu denken, zu reden, zu probieren — und das ist nach Jesu Worten „nichts“ (15, 5).

Wohl uns, daß der Herr uns nicht sofort abschneidet, lostrennt, fortwirft, dem Feuer übergibt, wenn unsere innere Aufmerksamkeit auch nur ein wenig nachlässt, unser Bleiben zu wünschen übriglässt. Seine Treue ist größer als die unsere, Sein Bleiben in uns beständiger als unseres. Nicht wir sind Anfänger und Vollender des Glaubens, sondern ER! Trotzdem sollten wir (im Glauben und Vertrauen, nicht aus Angst) neu die Mahnung Jesu hören und ernst nehmen:

„Bleibet in Mir und Ich in euch!“

 „Bleibet in Meiner Liebe!“

Bleiben wir in Jesus, dann — und nur dann — kann viel Frucht, erhörliches Beten, Einssein mit Vater und Sohn und mit anderen Gotteskindern (in der Harmonie der gleichen Liebe, die zwischen Vater und Sohn besteht) bei uns gefunden werden.