Bileams sprechende Eselin (2. Mo. 22-33)

22 Aber der Zorn Gottes entbrannte darüber, daß er ging. Und der Engel des Herrn trat ihm als Widersacher in den Weg. Er aber ritt auf seiner Eselin, und seine beiden Burschen waren bei ihm. 23 Als nun die Eselin den Engel des Herrn im Weg stehen sah und das gezückte Schwert in seiner Hand, da bog die Eselin vom Weg ab und ging aufs Feld. Bileam aber schlug die Eselin, um sie auf den Weg zu lenken.24 Da trat der Engel des Herrn in einen Hohlweg bei den Weinbergen; eine Mauer war auf dieser, eine Mauer auf jener Seite. 25 Als nun die Eselin den Engel des Herrn sah, drängte sie sich an die Wand und klemmte Bileams Fuß an die Wand. Da schlug er sie noch mehr.26 Da ging der Engel des Herrn weiter und trat an einen engen Ort, wo kein Platz zum Ausweichen war, weder zur Rechten noch zur Linken. 27 Als nun die Eselin den Engel des Herrn sah, fiel sie unter Bileam auf ihre Knie. Da entbrannte der Zorn Bileams, und er schlug die Eselin mit dem Stecken. 28 Da öffnete der Herr der Eselin den Mund; und sie sprach zu Bileam: Was habe ich dir getan, daß du mich nun dreimal geschlagen hast?29 Bileam sprach zu der Eselin: Weil du Mutwillen mit mir getrieben hast! Wenn nur ein Schwert in meiner Hand wäre – ich hätte dich jetzt umgebracht! 30 Die Eselin aber sprach zu Bileam: Bin ich nicht deine Eselin, die du von jeher geritten hast bis zu diesem Tag? War es jemals meine Art, mich so gegen dich zu verhalten? Er antwortete: Nein!31 Da enthüllte der Herr dem Bileam die Augen, und er sah den Engel des Herrn im Weg stehen und das gezückte Schwert in seiner Hand. Da verneigte er sich und warf sich auf sein Angesicht. 32 Und der Engel des Herrn sprach zu ihm: Warum hast du deine Eselin nun dreimal geschlagen? Siehe, ich bin ausgegangen, um dir zu widerstehen, weil [dein] Weg vor mir ins Verderben führt! 33 Und die Eselin hat mich gesehen und ist mir nun dreimal ausgewichen. Und wenn sie mir nicht ausgewichen wäre, so hätte ich dich jetzt umgebracht, sie aber am Leben gelassen!

2. Mose 22-33

15 Weil sie den richtigen Weg verlassen haben, sind sie in die Irre gegangen und sind dem Weg Bileams, des Sohnes Beors, gefolgt, der den Lohn der Ungerechtigkeit liebte; 16 aber er bekam eine Zurechtweisung für seinen Frevel: das stumme Lasttier redete mit Menschenstimme und wehrte der Torheit des Propheten.

2. Petrus 2, 15-16

12 Aber Gott sprach zu Bileam: Geh nicht mit ihnen! Verfluche das Volk nicht, denn es ist gesegnet!

4. Mose 22, 12

14 Aber ich habe ein weniges gegen dich, daß du dort solche hast, die an der Lehre Bileams festhalten, der den Balak lehrte, einen Anstoß [zur Sünde] vor die Kinder Israels zu legen, so daß sie Götzenopfer aßen und Unzucht trieben.

Offb. 2, 14

Autor: Adolf Heller, Auszugsweise aus seiner Schrift “Gottes Wunder in der Wüste”

Eine der widerspruchsvollsten, geheimnisreichsten Gestalten der Schrift ist Bileam. Er ist ein heidnischer Seher aus Pethar (auf deutsch: Auslegung oder Stadt des Traumdeuters) am Euphrat. Bileam heißt soviel wie Verderber des Volkes oder Volksverflucher. Er war Schauer oder Seher, ein Mann, zu dem Gott redete, und der von dessen Allmacht so überzeugt war, dass er die Ohnmacht jeden Geschöpfes Gott gegenüber anerkannte und bezeugte.

Andrerseits jedoch war Bileam ein Hellseher in der Art der chaldäischen Magier, der seine Gaben zum Geldgewinn ausnützte. Obwohl er nicht bewusst gegen Gott ankämpfen wollte, hatte er doch seinen heidnischen Freunden zu Dienste stehen wollen. Seine klare Erkenntnis einerseits und der dunkle, ungöttliche Drang seines Herzens andrerseits brachten eine starke Zwiespältigkeit in seine Person. Von göttlicher Begeisterung erfaßt, musste er da segnen, wo er fluchen sollte und wollte. Sein prophetisch erleuchteter Blick sah den Zerbruch der heidnischen Weltmächte voraus und schaute bis in die Zeit des Messias.

Sein hinterlistiger Rat, durch die Weiber der Moabiter und Midianiter die Israeliten zum Götzendienst zu verlocken, offenbart so recht die Bosheit seines Herzens und zeigt, dass die zeitweise Begeisterung für Gott und die geistgeschenkte Schau göttlicher Wege und Ziele noch lange nicht innere Erneuerung und Umgestaltung bedeuten. Das ist eine ernste Mahnung für uns.

Bei dem heiligen Rachekrieg gegen Midian wurde deshalb Bileam mit dem Schwerte getötet (4. Mose 31, 8; Josua 13, 22). Der Herr selbst rückt sein schändliches Verhalten ins rechte Licht, wenn Er in Offb. 2, 14 der Gemeinde von Pergamos sagen lässt: “Ich habe ein weniges wider dich, dass du solche dort hast, welche die Lehre Bileams festhalten, der den Balak lehrte, ein Ärgernis vor die Söhne Israels zu legen, Götzenopfer zu essen und Hurerei zu treiben.”

Doch soll uns der äußere geschichtliche Rahmen, so fesselnd er auch ist, nicht näher beschäftigen. Wir wollen hier nur darauf eingehen, was uns das Wunder der sprechenden Eselin zu sagen hat. 

Wir sahen bereits, dass Bileam ein in sich zerrissener, zwiespältiger Mensch war. Gott hatte ihm bezüglich der Gesandten Balaks und Moabs die klare, unmißverständliche Weisung gegeben: “Du sollst nicht mit ihnen gehen, du sollst das Volk nicht verfluche”! (4. Mose 22, 12).

Dieser Anordnung leistete der Seher zunächst Gehorsam und sprach zu den auf Antwort harrenden Fürsten des Königs Balak: “Ziehet in euer Land, denn der Herr hat sich geweigert, mir zu gestatten, mit euch zugehen!” (Vers 13).

Bald kamen mehr und mächtigere Fürsten als das erste Mal und baten Bileam wiederum, Israel zu verfluchen. Statt sie entschieden abzuweisen, gab der Beschwörer den versuchlichen Stimmen in seinem Herzen Raum und frug den Herrn wiederum, was er denn tun solle.

Hier nun setzt ein eigenartiger Erziehungsweg Gottes ein, den wir beachten wollen. Der Herr lässt Bileam ziehen! Gott lässt sich also dann und wann von störrischen Geschöpfen etwas abtrotzen. Er weiß, dass ihnen nur dann zu helfen ist, wenn Er sie zunächst einmal ihrem selbsterwählten Verderbenslauf überläßt. Er vergewaltigt und zwingt nicht, sondern lockt und mahnt und lässt – denken wir an den Vater des verlorenen Sohnes! – das verstockte Geschöpf seinen eignen Weg gehen.

So bezeugt auch Paulus den Männern in Lystra, dass Gott alle Nationen in ihren eignen Wegen wandeln lässt. Ist das nicht auch bei dem einzelnen Menschen der Fall, dass der Herr ihn zunächst gehen und ihm vieles gelingen lässt, wenn er sein Herz der Gnade verschließt?

Aber Gott lässt Seine Geschöpfe nicht ohne weiteres ins Verderben rennen. Immer wieder wirkt Er, ohne eine Kreatur zu zwingen öder zu vergewaltigen, durch Gericht und Gnade heilige Haltepunkte in ihr Leben hinein.

Dreimal stellte sich der Engel des Herrn dem ungehorsamen Bileam in den Weg. Doch lesen wir, was die heilige Urkunde Gottes darüber berichtet: “Da entbrannte der Zorn Gottes, dass er hinzog; und der Engel des Herrn stellte sich in den Weg, ihm zu widerstehen. Er aber ritt auf seiner Eselin… Und die Eselin sah den Engel des Herrn auf dem Wege stehen mit seinem gezückten Schwert in der Hand, und die Eselin bog vom Wege ab und ging ins Feld; und Bileam schlug die Eselin, um sie wieder auf den Weg zu lenken. Da trat der Engel des Herrn in einen Hohlweg zwischen den Weinbergen: eine Mauer war auf dieser und eine Mauer auf jener Seite. Und die Eselin sah den Engel des Herrn und drängte sich an die Wand und drückte den Fuß Bileams an die Wand; und er schlug sie noch einmal. Da ging der Engel des Herrn nochmals weiter und trat an einen engen Ort, wo kein Weg war auszubiegen, weder zur Rechten noch zur Linken. Und als die Eselin den Engel des Herrn sah, legte sie sich nieder unter Bileam; und es entbrannte der Zorn Bileams, und er schlug die Eselin mit dem Stabe. Da tat der Herr den Mund der Eselin auf, und sie sprach zu Bileam: Was habe ich dir getan, dass du mich nun dreimal geschlagen hast?” (4. Mose 22, 22-28).

Auf gar mannigfache Weise sucht der treue Gott der Barmherzigkeit Seine irrenden Geschöpfe vor Abwegen und Umwegen zu bewahren. Hier gebraucht Er ein stummes Lasttier. Es gehört nicht viel Witz dazu, sich über diese Geschichte lustig zu machen. Der Prophet Jonas im Fischbauch und der redende Esel Bileams waren von jeher billige Zielscheiben ungläubigen Spottes. Wir stellen gar keine naturwissenschaftlichen Untersuchungen an, ob und unter welchen Voraussetzungen es vielleicht möglich sein könnte, dass der Prophet durch einen engen Schlund hindurchkam und es drei Tage in den Eingeweiden eines Fisches aushalten konnte, und dass ein Esel mit menschlicher Stimme spricht.

Wir glauben, was geschrieben steht, ob man uns das nun als Dummheit oder Bosheit auslegt. Es genügt uns, dass der Herr Jesus, der ewige Mund der Wahrheit, der nicht lügen kann, gesagt hat: “Gleichwie Jonas drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches war”. Der Herr sagte nicht, dass er darin gewesen sein soll oder gewesen sein könnte, sondern dass er darin war. Und dieses Wörtlein “war” aus deren Munde des Sohnes Gottes wiegt uns mehr als alle echte oder Scheinwissenschaft noch so kluger Menschen.

Genauso verhält es sich mit der Eselin Bileams. Petrus schreibt im 2. Kapitel seines zweiten Briefes von falschen Propheten und ungerechten Unzüchtigen, dass sie “den geraden Weg verlassen haben, abgeirrt sind, indem sie dem Wege des Bileam nachfolgten, des Sohnes Bosors, der den Lohn der Ungerechtigkeit liebte, aber eine Zurechtweisung seiner eigenen Verkehrtheit empfing: ein sprachloses Lasttier, mit Menschenstimme redend, wehrte der Torheit des Propheten” (Vers 15.16).

Wenn das Alte Testament nicht stimmt, dann stimmt das Neue auch nicht. Und wenn Moses oder die Propheten sich und uns getäuscht haben, so sind auch Petrus und der Herr selbst… nein, wir wollen dieses Wort nicht aussprechen. Man mag von dichtender Volksüberlieferung, Sinnestäuschung und dergleichen reden, wenn man die Berichte der Bibel ablehnt, – wir glauben, was geschrieben steht, und halten daran fest. Nicht unsre verfinsterte Vernunft noch die sogenannten sicheren Ergebnisse der Wissenschaft – so wichtig und unerlässlich sie an ihrem Platz sind! – bilden die Grundlage unsres Glaubens, sondern allein Gottes Wort.

Lasst uns ein wenig über die persönlich-erbauliche und prophetische Bedeutung der Geschichte von der sprechenden Eselin nachdenken! 

Zunächst etwas Persönlich-Erbauliches! Gott ließ Bileam nach seiner zweiten Bitte um Erlaubnis, mit den Gesandten reisen zu dürfen, ziehen, ja, Er gebot ihm sogar, zu Balak zu gehen. Und doch legte Er ihm in heiligem Ernst dreimal Hindernisse in den Weg. Hat Gott so nicht immer wieder den Irrweg Israels “mit Dornen verzäunt und eine Mauer errichtet”, wie in Hosea 2, 6 geschrieben steht? Ist Er nicht in wechselnder Gestalt auch uns in den Weg getreten, wenn wir als Weltmenschen oder Gotteskinder einen Irrweg oder Umweg gehen wollten?

Dabei erwies es sich oft, dass das Törichte klüger war als das Hohe dieser Welt. Eine Eselin musste einen Seher belehren! Es gereicht nur zu unserm eigenen Schaden, wenn wir die gottverordneten Haltepunkte in unserem Leben übersehen und überrennen und uns nichts mehr sagen lassen. Wenn die Demut die Krone der Tugenden ist, dann haben viele Größen und Herrscher der religiösen Welt längst die Krone verloren.

Das Tier sah Wesen, die der Mensch nicht sah. War das nur damals so, oder ist das auch für gewöhnlich der Fall? Wir wissen es nicht! Wohl lesen wir, dass der Herr zuerst die Augen Bileams enthüllen musste, damit er den Engel sehen konnte, während bei der Eselin von einem Enthüllen der Augen nichts berichtet ist. Doch möchten wir selbst unter Hinzuziehung seltsamer Beobachtungen nicht wagen, daraufhin feste Behauptungen aufzustellen. Auf jeden Fall war der scheinbare Umweg des Esels vernünftiger als der vom Seher gewollte gerade Weg.

So sind auch in unserm Leben manche scheinbaren Umwege nichts anderes als göttliche Bewahrungen. Unser selbsterwählter Pfad hätte uns gar manchmal unmittelbar ins Schwert getrieben. Wenn wir das auch jetzt nicht oder nur selten erkennen, so werden wir es doch einmal verstehen, wenn wir beim Herrn sind. Aber im Glauben dürfen wir das jetzt schon fassen hinsichtlich  a l l e r  Seiner Wege und dafür, so dunkel und, schmerzlich sie auch oft erscheinen, loben und danken.

Die Sprache der Eselin war auch Prophetie. Denn die Schrift redet in unmissverständlichen Worten davon, dass dereinst auch das Getier des Feldes Gott loben und preisen wird. Zunächst wollen wir uns an ein Psalmwort erinnern, das uns bezeugt, dass sich Gottes Heil nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tiere bezieht. In Psalm 36, 6b schreibt David: “Menschen und Vieh rettest Du, o Herr”. Schlagen wir auch Jes. 43, 20 auf. Dort sagt Gott selbst: “Das Getier des Feldes wird mich preisen, Schakale und Strauße.”

Wie weit nicht nur die Tiere, die doch nur seelisches, animalisches Leben haben, sondern sogar die nach unserm Dafürhalten “leblose Natur” dereinst Gott loben und preisen wird, ersehen wir aus Vers 7-10 des 148. Psalmes: “Lobet den Herrn von der Erde her, ihr Wasserungeheuer und alle Tiefen! Feuer und Hagel, Schnee und Nebel, du Sturmwind, der du ausrichtest Sein Wort, ihr Berge und alle Hügel, Fruchtbäume und alle Zedern, wildes Getier und alles Vieh, kriechende Tiere und geflügeltes Gevögel!” Dann und wann lässt Gott etwas von dem hindurchleuchten, was Er einst tun wird. Sollte unserm Gott etwas unmöglich sein? So unverständlich Seine Wege unsern blinden Augen auch oft erscheinen mögen, so zielsicher und siegesgewiss geht Er Seinen Gerichts- und Rettungsweg mit allen Seinen Kreaturen. Er ist fürwahr ein wunderbarer und herrlicher Gott!