Verlorenes (Luk. 9, 25)

Denn was hilft es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sich selbst verliert oder schädigt?

Luk. 9, 25

Autor: Karl Geyer, nach seinem gleichnamigen Artikeln bei GuH

Als Gott den Menschen schuf, schuf er ihn in seinem Bilde und nach seinem Gleichnis (1. Mo. l, 26. 27). Er setzte ihn zum Herrscher über alle Werke seiner Hände.

Damit der Mensch ein Stellvertreter Gottes auf Erden sein könne, der sowohl die ihm unterstellte Tierwelt zu verstehen vermag, als auch seinen Herrn und Auftraggeber, den lebendigen Gott, musste er das Wesen von beiden an sich tragen. Die der Kreatur zugewandte Seite des Menschen war Fleisch, die Gott zugewandte Seite Geist. Darum erschuf Gott den Menschen nicht in der gleichen Weise wie die Tiere. Bei ihnen lautet das Schöpferwort Gottes einfach: „Die Erde bringe hervor lebendige Wesen nach ihrer Art: Vieh und Gewürm und Getier der Erde nach meiner Art“ (1. Mo. l, 24), oder: „Und Gott sprach: „Das

Wasser errege sich vom Gewimmel lebendiger Wesen“ (1. Mo. l, 20). Bei dem Menschen, der als ein persönliches Wesen nicht nur Umweltsbewußtsein braucht, das durch die Seele vermittelt und erfasst wird, und das die Tiere auch haben, die ja auch eine Seele haben, sondern Überwelts – und Gottesbewusstsein, das nur durch den Geist vermittelt wird, genügte es nicht, die Erde etwas hervorbringen zu lassen durch ein Schöpferwort, sondern zur Erschaffung des Menschen im Bilde und Gleichnis Gottes war es notwendig, dass Gott zu seinem eigenen Bilde selbst Modell stand und ihm seinen Geistesodem einhauchte. (Vergleiche hierzu Off. 13, 15! Dort ist das Gegenbild. Da wird durch die Macht Satans dem Antichristen Gewalt gegeben, dem Bilde des Tieres Odem (Geist) zu geben, auf dass das Bild des Tieres auch redete.)

Das, was ein Geschöpf aus dem Stande des Tierischen, des rein Kreatürlichen heraushebt und zur Persönlichkeit macht, ist der Geist. Geist ist Gottgegebenes, nicht Geschaffenes, ist darum Seiendes, Bleibendes, Ewiges, nicht Gewordenes.

Wie muss es dem ersten Menschen zumute gewesen sein, zwischen den Kreaturen dahinzuschreiten als einziges Wesen, das Zeit und Ewigkeit in sich trug, Himmlisches und Irdisches in sich vereinte, Unerschaffenes, Göttlich-Geistiges in sich wohnen hatte in einem erschaffenen Leibe! Mit den Tieren verband ihn das Leib-Seelische, mit Gott das Geistige. So ward er zum Schnittpunkt beider Welten, der sichtbaren und der unsichtbaren, und trug beider Wesen und Gestalt an Sich.

Das war Mittlerstellung zwischen Gott und Welt. Der Mensch, das Bild Gottes, zum Herrscher bestimmt über alle Dinge! Kein Ding ausgenommen! Das ganze All ihm unter die Füße getan! (Hebr. 2, 5—9; 1. Joh. 3, 2. 3; Psalm 8; 1. Kor. 6, 2. 3, Rom. 8, 18-23; Offb. ff, 14; 18, 20; Joh. 14, 12 a. v. a.) Vergleiche auch Offb. l, 5. 6; 5, 9. 10.

So ging der Mensch zu Beginn seiner Laufbahn als König der Erde and als Fürst Gottes seinen Weg. Der Geist aus Gott der ihm eingehaucht war, war noch nicht getrübt und gedämpft von Sünde und Schuld. Er durchschaute alles Erschaffene vermöge des ihm innewohnenden Geistes, der ja alle Dinge erforscht, auch die Tiefen der Gottheit (1. Kor.210), und sah das Wesen der Dinge. Darum konnte er den Tieren Namen geben, die ihr Wesen bezeichneten und ihre Zweckbestimmung zum Ausdruck brachten (1. Mo. 2, 10).

Dann aber kam die Sünde. Der Mensch schied sich im Unglauben und Ungehorsam von Gott und wurde Sklave der Schlange, deren Willen er getan hatte und der er dadurch zum Knecht wurde (Rom. 5, 19; 6, 16). Der Heilige Geist, der nur denen gegeben wird, die Gott gehorchen (Ap. 5, 32), hatte keinen Raum mehr in dem Sklaven Satans und der Sünde. Die Leuchte des Gesetzlosen erlischt (Spr. 13, 9). Die Gesetzlosen werden verfinstert am Verstande, und ihr Denksinn (nous) verderbt sich (Rom. l, 18—32; beachte besonders die Verse 23, 25 und 28). Siehe auch Eph. 4,17—19.

Gott aber verhüllte sein geschändetes Bild mit einem Haut- und Haarfellmantel, den wir jetzt noch als Leib der Demütigung an uns tragen mit all seinen Einengungen, seiner Not, seiner Angst und Scham, und aus dem wir uns sehnen, endlich einmal wieder herauszukommen, wie ein Sträfling sich danach sehnt, wieder ehrliche Kleider tragen zu dürfen und das Zuchthausgewand ablegen zu können. (Vergl. 1. Mo. 3, 2l mit Hebr. 10, 20, wo das Fleisch ein Vorhang oder Umhang genannt wird! Beachte auch, dass damals, als der Herr bei dem Erlösungswerk seinen Fleischleib ablegte, um wieder mit der Herrlichkeit Gottes sich bekleiden zu lassen (Joh. 17, 5; Phil 2, 6—8), der Vorhang im Tempel zerriss!) Lies hierzu auch Phil. 3, 20—21; Rom. 8, 23; 1. Petr, l, 4.

Seit das geschändete Bild Gottes mit dem Kleid der Demütigung, dem Fleischleib der Niedrigkeit, dem Haarfellmantel verhüllt wurde, ist dem Menschen die Einsicht in die unsichtbare Welt, in das Reich des Lichtes verwehrt. Verfinstert am Verstande, tot in Vergebungen und Sünden, geht die Menschheit ihren Weg. Die Gesetzlosigkeit nimmt zu, bis sie in der Endzeit in dem Menschen der Sünde, dem Gesetzlosen, dem Antichristen ihre personhafte Darstellung findet. Immer dichter wird mit dem nahenden Vollmaß der Sünde auch die Finsternis auf Erden. Hierdurch aber wird das Maß der Einsicht immer geringer. Nur dort, wo Menschen von neuem geboren werden, wo eine Neuschöpfung aus Wasser und Geist stattfindet, setzt Gott einen neuen Anfang und führt Menschen aus der Finsternis zum Licht und offenbart diesen Ton der Finsternis zum Licht Durchgebrochenen jene Dinge, in die der natürliche oder seelische

Mensch, der Psychikos keine Einsicht hat (1. Kor. 2, 6—16). Vergl. auch Joh, 16, 12—14; 1. Joh. 2, 27; 5, 20; Joh. 7, 38. 39; Rom. 8, 14 u. a. — Die Masse aber geht immer tiefere Wege des Verlorenseins und der Dunkelheit. Damit schwindet die ursprüngliche Fähigkeit, in die unsichtbare Welt des ewigen Seins zu schauen, immer völliger, sodass der Mensch von heute bei weitem nicht mehr jene Klarheit des Erkennens hat, wie der Mensch sie im Anfang besaß. Wir vermögen uns nur noch schwach zu erinnern, ja, haben eigentlich nur noch ein dumpfes Ahnen in uns, dass es vor undenklicher Zeit einmal einen Lichtzustand gab, in dem der Mensch mit Gott Gemeinschaft hatte in einem Wonneland (Eden), zu dem uns der Zutritt verschlossen ist. Einst war der Mensch eine schöne Blume im Garten Gottes, den er zu bebauen und zu bewahren hatte. Dann kam die Sünde, und als ihre Folge der Tod. Der Schnitter Tod mähte die Blume ab. Das Gras verdorrte, und die Blume ist abgefallen, und ihre Stelle kennet sie nicht mehr. Und über diese verwelkte Blume hing Gott in seinem unsäglichen Erbarmen den Mantel des Niedrigkeits- und Demütigungsleibes, der die Schande unserer Blöße, d. h. das Schandmal unserer Schuld bedeckt, damit es nicht mehr gesehen werde von den Engeln, die ja in alle diese Dinge hineinzuschauen begehren.

Der Verlust der geistlichen Durchsicht in alles ist der größte Verlust, den der Mensch als Geschöpf erleiden konnte. Er bedeutet den Rückfall ins Tierische. Denn ohne Geist sind die Menschen nur Tiere (Pred. 3, 18). Das Ende der Entwickelung, die eine Weiterentwickelung des Falles ist, ein Hinabgleiten auf der schiefen Ebene des Losgelöstseins von Gott, ist das Offenbarwerden alles Tierischen im Menschen im Weltreich des Tieres (Off. 13—19).

Welche geistige Armut offenbart sich daher in dem Wort der geistig Blindgewordenen: »Ich glaube nur, was ich sehe!“ Ohne es zu wissen, bekennt damit der Unglaube, dass er nicht hineinzuschauen vermag in das Ewige, das Seiende.

In seiner Hilflosigkeit und Finsternis erkennt er noch nicht einmal die Größe des Verlustes. Und doch ist auch das gut so, denn es ist ein Akt der Barmherzigkeit

Gottes, dass er dem Menschen im Stande des Verlorenseins nicht noch die Last des Wissens und der dauernden Erinnerung an die Größe seines Verlustes auferlegt, sondern alles in gnädiges Dunkel hüllt, bis die Zeit erfüllet ist, dass die Decke, die über allen Verlorenen, über allen Heiden-Nationen gebreitet ist, von ihnen weggenommen wird (Jes. 25, 7; Hiob 19, 26; Rom. 8, 19— 23). Dem Glaubenden ist diese Decke in Christo hinweggetan (2. Kor. 3, 11— 13. 18). Er schaut hinein in das Unsichtbare, in das Bleibende (2. Kor. 4, 18). Von hier aus erkennt er rückschauend, was uns durch den Fall verlorenging und erfährt stückweise und stufenweise die Erneuerung seines Sinnes, seines Denksinns, seines nous (von noeo = denken) und damit jene Fähigkeit der Erkenntnis und Einsicht in alles, jenes geistliche Wahrnehmungs- und Prüfungsvermögen, die zum Wesen des Lichtes gehören (Phil, l, 9—11; Rom. 12, 2; Eph. 4, 23 u. a.).

Nur der Mensch, dem Gott nach dem Maße der Wiedererstattung diese Gaben und Kräfte in der Neuschöpfung wieder schenkte und in der fortlaufenden  Verwandlung  und Erneuerung des Denksinnes stärkt und steigert, erkennt nach dem Grad der inneren Umwandlung schrittweise die Größe des Verlustes. Aber es ist ein positives Erkennen, denn er darf den Umfang des Verlorenen erkennen an dem Maße des Wiedergeschenkten. Mehr ist für uns in dem schwachen und irdenen Gefäß unseres Leibes nicht auf einmal tragbar. Mit dem Wachstum des Glaubens und mit zunehmender geistlicher Reife vermögen wir erst das bis dahin für uns Untragbare zu ertragen, ohne daran zu zerbrechen. — Böhmerle bekennt einmal: „Das Schwerste in meinem Leben waren die direkten Blicke in das Reich der Finsternis.“ Wenn für ihn dies schon so schwer war, der doch unzweifelhaft eine Seher- und Prophetengabe hatte, wie vielmehr für solche, die erst Kindlein im Glauben sind und noch der Milch bedürfen! Sie würden unter solchen Einsichten in das Wesen der Finsternis  zugrundegehen. Und für uns alle genügt die Last, die wir zu tragen haben. Die Herrlichkeit des Wiedergebrachten ist größer, als die Herrlichkeit des Verlorenen,  denn außer  dem Besitz dieser uns wiedergeschenkten Fähigkeiten, haben wir nun noch die Erfahrung und das Bewusstsein der Irrung und des Zurechtgebrachtseins, samt der Erkenntnis, dass nur in Gott das Vollkommene und Gute ist, und samt dem Willen, nie mehr den Irrweg gehen zu wollen. Und über alles hinaus noch die Erkenntnis der Größe seiner Gnade, die gerade dort überströmend wurde, wo die Sünde mächtig war. Ja, nicht nur die Erkenntnis dieser Gnade, sondern ihren wesenhaften Besitz, sodass wir durch die Übermacht der Gnade königlich herrschen können im Leben! Und das schon jetzt in diesem schwachen Gefäß! Wie vielmehr erst dann, wenn nach der Erlösung des Leibes die volle Sohnschaftswürde offenbar wird!

So tritt zu der wiedergeschenkten Herrlichkeit des Verlorenen die aus der Prüfung und Bewährung strömende Herrlichkeit. Dazu erstattet Gott alles vielfältig wieder. Und da alles Leben wachstümlich ist, ist die Mehrung der Herrlichkeit unendlich, sodass das Gewicht an überschwänglicher Herrlichkeit, das aus all dem Leiden kam, die wir infolge der Verluste zu durchstehen haben, nicht verglichen werden kann mit dem Maß der Drangsal, die zeitlich ist und gegenüber der Ewigkeit so kurz und gering ist, dass zwischen beiden überhaupt kein Vergleichsmaßstab vorhanden ist (2, Kor. 4, 16—18; Rom. 8, 17. 18; 1. Petr, l, 3— 7).

Diese Wiedererstattung des Geraubten und Verlorenen (Psalm 69, 4; bei Luther Vers 5) kam dadurch zustande, dass der Sohn des Menschen kam, um das Verlorene zu erretten (Matth. 18, 11). Was Adam, der Mensch, durch seine Sünde verlor, brachte Christus, der Sohn des Menschen, durch seine Gerechtigkeit wieder. Die Volleinlösung dieser Verheißung geschieht, wenn Gott uns den zuvor verordneten Christus sendet, „welchen freilich der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von welchen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat“ (Ap. 3, 21). Dann macht er alles neu (Off. 21, 4. 5). Keinerlei Fluch, nichts Verbanntes wird mehr sein (Off. 22, 3). Er, der allem Verlorenen nachgeht, bis er es findet, bringt es heim zum Vater, auf dass Gott sei alles in allem (1. Kor. 15. 27. 28). Dann ist; das sehnsüchtige Harren aller Kreatur erfüllt und alle Wesen sind erhoben zu der gleichen herrlichen Freiheit, wie die Söhne Gottes auch (Rom- 8, 19—21). „Und jedes Geschöpf, das in den Himmeln und auf der Erde und unter der Erde und auf dem Meere ist, und alles, was in ihnen ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Throne sitzt, und dem Lamme die Segnung und die Ehre und die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Off. 5, 13). Alle Kniee beugen sich ihm, und alle Zungen bekennen, dass er der Herr sei, zur Verherrlichung Gottes des Vaters (Phil. 2, 9—11; Jes. 45, 22—24).