Überströmende Liebe (Phil. 1,9)

Und um das bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überströme in Erkenntnis und allem Urteilsvermögen

Phil. 1,9

Autor: Adolf Heller, auszugsweise aus seinem gleichnamigen Artikel in GuH

Die durch den heiligen Geist in unsre Herzen ausgegossene Liebe Gottes ‚Römer 5, t) will und soll überfließen. Denn „wessen ein Gefäß ist gefüllt, davon es sprudelt und überquillt!“ Worin aber strömt die Liebe über. Nicht in Gefühle und Empfindungen, in Gelübde und Vorsätze, sondern in Erkenntnis und alle Einsicht, wie in Phil, 1, 9 geschrieben steht: „Um dieses bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überströme in Erkenntnis und aller Einsicht.“

Erkenntnis ist mehr als Kenntnis, als bloßes Wissen. Sie ist zutiefst ein Liebesakt, durch den neues Leben gezeugt wird. Lesen wir etwa 1. Mose 4, 1. 17. 25; 1. Sam. 1, 19; Matth, l, 25 (um von den 18 Stellen der Schrift, die vom Erkennen als einem Zeugungsakt reden, nur 5 zu nennen), so werden wir verstehen, was Erkenntnis im tiefsten Sinn bedeutet Dass das auch für das Geistliche gilt, ergibt sich aus Worten wie 1. Kor. 8, 3; 13, 12; Gal. 4, 9 u. a. m.

Erkenntnis und Einsicht sind durchaus nicht theoretische Verstandesdinge, etwa eine Art christlicher Philosophie. Im Gegenteil! Die im folgenden Vers, in Phil. l, 10 angegebene Zweckbestimmung der überströmenden Liebe sagt uns sehr klar, worum es letztlich geht. Es handelt sich darum, zu prüfen, was in federn Fall den Vorzug verdiene, nicht um einen augenblicklichen Lustgewinn und Vorteil zu haben, sondern um am Tage Christi unanstößig und lauter dazustehen. Dann sollen wir nicht nur als Gerechtfertigte erfunden werden, denen Christi Gerechtigkeit durch den Glauben zugerechnet wurde, sondern als solche, die „erfüllt sind mit der Frucht der Gerechtigkeit“. Es gibt eine durch den Glauben an das Opferwerk in einem Augenblick zugerechnete Gerechtigkeit, die uns errettet; eine in täglichem Gehorsam praktisch ausgelebte und ausgewirkte Gerechtigkeit, die uns heiligt, und eine vor Christi und Gottes Thron erwiesene und gekrönte Gerechtigkeit, die uns vollendet. Der religiös-seelische Mensch, den es in allen Organisationen und Kreisen gibt, ja, der oft sogar führend ist, sieht nur eine einzige Seite, legt an die im heiligen „Sowohl- als auch“ bestehenden Gotteswahrheiten den Maßstab seiner natürlich- irdischen Vernunft an und eifert mit seinem menschlich-logischen „Ent- weder—oder“ für das eine oder andre Extrem, indem er jeden, der nicht seine enge Schau teilt, zum Irrlehrer erklärt. Davor bewahre uns Gott in Gnaden!

Nach dem Zusammenhang von Phil, l, 9—11 soll unsre in Erkenntnis und alle Einsicht überströmende Liebe uns zum gründlichen Prüfen und lauteren, unanstößigen Wandel führen, damit wir mit der durch Jesum Christum (und nicht durch uns selbst 1) gewirkten „Frucht der Gerechtigkeit“ erfüllt, d. h. ganz voll seien und das alles zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes geschehe. Hier kommen alle auf ihre Rechnung: der christliche Erkenntnistheoretiker, der Gläubige, der auf praktische Heiligung drängt, und der Zielstrebige, dem letzte Vollendungswahrheiten erschlossen sind.

Der Herr schenke uns den Überschwang der Liebe, die zur Ehre des Vaters und zu unsrer Glückseligkeit solche köstlichen Früchte zeitigt!

Das Überfließen dei Liebe wirkt sich nach außen sichtbar gegen des Glaubens Genossen und gegen alle Menschen aus. Denn „wenn jemand sagt, ich liebe Gott, und er hasst seinen Bruder, so ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann doch auch Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1. Joh. 4, 20.) Darum mahnt Paulus in 1. Thess. 3, 12: „Euch mache der Herr völlig und überströmend in der Liebe gegeneinander und gegen alle!“ Es soll also bei uns nicht nur zu einem Erfüllt- oder Vollwerden mit der Gottesliebe (agapä) kommen, sondern zu einem Überfließen.

Der Nationenapostel, der unser Lehrer und Vorbild ist, darf unter der Leitung des Heiligen Geistes seiner Ermahnung die kühnen Worte hinzufügen: „gleichwie auch wir zu euch“! Er stellt bezüglich des Überströmens der Gottesliebe sich selbst als Beispiel hin. Wer von uns könnte das auch?

Wir dürfen nicht vergessen, dass in der Urgemeinde neben wunderbaren Kraftwirkungen des Geistes viel Armseligkeit, Schwachheit, ja, Sünde war. Es war nicht viel anders, als es heute in christlichen Kreisen ist, ob es sich um Kirchen, Freikirchen, christliche Vereine oder Bruder- und Hausgemeinden handelt. Und trotzdem, ja, vielleicht gerade deswegen soll zu diesen Törichten (Dummen oder Einfältigen), Schwachen (Dürftigen oder Kraftlosen), Unedlen (Niedrigen oder Gewöhnlichen), Verachteten (Unwerten oder Ehrlosen) und Nichtsen oder Nullen (Urtext von 1. Kor. l, 27. 28) aus unserm Herzen und Leben durch Tragen und Trösten, Mitteilen und Darreichen irdischer und geistlicher Gaben die Gottesliebe überfließen.

Und das soll nicht nur „untereinander“, sondern auch „gegen alle“ der Fall sein! Das ist jedoch nur dann möglich, wenn man glauben und fassen darf, dass Gott seine Schöpfung wesenhaft und immer liebt, da ja sein ureigentliches Sein zutiefst Geist und Licht und Liebe ist und Fleisch, Finsternis und Hass nicht endlosen Bestand haben können. Wenn Gott wirklich einmal alles in allen sein will und wird, dann kommt er gemäß seinem eigenen Vorsatz und Eidschwur durch Tod und Verdammnis, Gericht und Gnade mit all seinen Wesen und Welten zum Ziel der Vollendung. Denn wie könnte auch Gott von uns verlangen und erwarten, dass wir seine Liebe gegen alle überfließen lassen, wenn er selber nicht gewillt oder imstande wäre, das in gleicher Weise zu tun?

Wenn Gott in uns bewirkt und dementsprechend auch von uns erwartet, dass wir überströmend werden in Glauben, Hoffnung und Liebe, so ist er es selber doch sicherlich über die Maßen mehr. Wer das Gesetz und die Propheten, die Belehrungen und Ermahnungen des Alten und Neuen Testaments durch den Heiligen Geist als Selbstenthüllungen des Vaters und des Sohnes erkannt hat, der wird überfließend in Danksagung und heiliger Freude, weil er weiß, dass der in sich selbst glückselige Gott wirklich und wesentlich einmal alles in allen sein wird. Wohl dem, der das auf Grund der Schrift fassen und im demütigen, sich an Gott verlierenden Glauben bewahren darf! Wer weiß, wie bald wir in ungeahnter Fülle das schauen und genießen, besitzen und verwalten dürfen, was wir jetzt in zitternder Schwachheit aus den Worten der heiligen Bücher nur dunkel zu ahnen vermögen! „Gott, mein Gott, ich kann’s nicht fassen, was das wird für Wonne sein!“