Stehet fest im Herrn (Phil. 4,1)

Daher, meine geliebten und ersehnten Brüder, meine Freude und Krone, also stehet fest im Herrn, Geliebte!

Phil. 4,1

Autor: Wolfgang Kernchen, sein gleichnamiger Artikel in GuH

Unser Apostel beginnt diesen gehaltvollen Satz mit “daher”. Er hat somit das zuvor Gesagte im Blickfeld. Es geht um unser Hoffnungsgut: Unser Retter kommt bald wieder und wird unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten zur Gleichförmigkeit mit Seinem Leibe der Herrlichkeit (Phil. 3, 20.21). Paulus sieht die Heiligen in Philippi schon am Ziel, und er möchte diese lebendige Hoffnung jetzt schon in der Gemeinschaft verwirklicht sehen. So fügt er dem Bruder-Namen vier köstliche Aussagen bei: Geliebte – Ersehnte – Freude -Krone. 

Zuvor sei aber noch deutlich gesagt: Diesen hohen Namen “Bruder” kann in Wahrheit nur tragen, wer von Golgatha herkommt, wer hier Vergebung der Sünden und neues, ewiges Leben empfangen hat, Erlösung durch das kostbare Blut Christi Jesu. Von Golgatha = Gilgal geht es nach Bethel, ins Haus Gottes, in die Gemeinschaft der Heiligen (vgl. 2. Kön. 2, 1-2). Hier wird Bruderschaft erlebt und erfahren, auch in der Weise, wie sie Paulus hier beschreibt:

Geliebte. Das ist bei ihm kein seelischer Überschwang, sondern Wort der Wahrheit. Er hat mit anderen Aposteln und Schreibern des Wortes Gottes in das göttliche Leben hineingelauscht und erkannt: Gott ist Liebe. Der Sohn ist Träger und Offenbarer dieser Liebe. Er, der von Ewigkeiten her in einer Liebesgemeinschaft mit dem Vater steht, die nie eine Trübung, nie einen Wechsel des Schattens erfuhr, kam in der Fülle der Zeit und offenbarte die Liebe des Vaters in einer Weise, die all unser Denken und Fühlen weit übersteigt: “. . . und sie geliebt hast, gleichwie Du mich geliebt hast” (Joh. 17, 23 b). Da Gott Seine Liebe ausgegossen hat in unsere Herzen durch Seinen Heiligen Geist (Röm. 5, 5) und durch Gebet diese Liebe zum Überströmen bringt (Phil. 1, 9), und da wir im Gehorsam zur Wahrheit unsere Seelen reinigen dürfen zur ungeheuchelten Bruderliebe, ist uns diese Aussage des Apostels nicht fremd oder ungewohnt, nein, dankbar stimmen wir in diese Anrede mit ein: “geliebte Brüder”, von Gott und auch von uns geliebt.

Ersehnte. Auch diese Anrede ist nur möglich durch ein Hineinlauschen in das Göttliche, in das Herz dessen, der uns also liebt. Paulus war es gegeben. Kann er doch seinen Philippern schreiben: “. . . wie ich mich nach euch allen sehne mit dem Herzen – dem Innersten – Christi Jesu” (Phil. 1, 8). Erstaunlich, dass solch ein Hineinlauschen in das Herz unseres Herrn und Hauptes möglich ist, ja, noch erstaunlicher, dass in Seinem Herzen eine tiefe Sehnsucht der Liebe nach allen ist, die Ihm der Vater gegeben hat. Wer das erkennt, darf diese Sehnsucht auch in seinem Herzen tragen, er geht dem Bruder nicht mehr aus dem Wege, er freut sich der Begegnung – aus dem Ersehntsein heraus.

Freude. Paulus mag hier und auch bei der nächsten Aussage an das Ziel gedacht haben. Wir entnehmen es dem 1. Thessalonicher-Brief (2, 19). An dem unaussprechlich herrlichen Tag Christi Jesu werden seine Thessalonicher, seine Philipper und alle, die durch seinen Dienst gläubig wurden, seine Freude sein. Da ist es doch billig für diesen Apostel, der so stark zielmäßig lebt, dass seine Brüder “heute” schon seine Freude sind. Aber mangelt diesen Heiligen nicht noch so manches? Ganz gewiss. Paulus sagt es gleich anschließend und an anderen Stellen seiner Briefe, aber er blickt dabei auf seinen Herrn, der alles Mangelnde noch hinzuzufügen vermag. Die Freude im Herrn ist unsere Stärke und hilft uns sehr, das Ungöttliche zu verneinen und dem Wort des Herrn zu folgen. Darum will Paulus nicht über den Glauben der anderen herrschen, sondern Mitarbeiter ihrer Freude sein. Gemeinsame Freude macht reich.

Krone. Ja, Paulus weiß, an dem herrlichen Tage Christi werden die Philipper ihm zur Krone des Ruhmes sein (1. Thess. 2, 19). Wie mag unser großer Apostel da alle Mühe seines rastlosen Einsatzes in dem Evangelium des Christus vergessen – im Blick auf diesen Tag! Meine Brüder – meine Krone.

Hier wollen wir uns ermuntern lassen, an diesem rettenden Evangelium teilzuhaben, Mitkämpfer des Evangeliums zu sein und nicht nur Genießer. Wir wollen beten, dass der Herr es uns zeigt, wie wir am Evangelium der Errettung teilhaben können, damit auch wir einmal in diese Bruder-Anrede mit einstimmen dürfen.

Nach dieser lieblichen Bruder-Anrede folgt eine wichtige Ermahnung an die Angeredeten: “. . . stehet fest im Herrn, Geliebte.”
Zunächst sei an den Schluss des Hebräer-Briefes erinnert: “Ich bitte euch aber, Brüder, ertraget das Wort der Ermahnung!” (Hebr. 13, 22). Weiter wollen wir festhalten: Ermahnungen an die Glieder Seines Leibes erfolgen “im Herrn”, sie sind Ausdruck ihrer Lebensgemeinschaft mit Ihm im praktischen Wandel. Hier geht es um unsere Darstellung. Da werden wir alle der Ermahnung! Ermunterung bedürfen. Dagegen beziehen sich die Worte “in Christo” auf unser innerstes Sein, unser Vollendetsein in Ihm, das Zur- Fülle-Gebracht-sein. Da redet die Schrift von unserer Stellung. Wir wollen nicht das eine gegen das andere ausspielen oder gar aufheben. Die Schrift redet von beidem, und wir sollen ja “im Gleichgewicht göttlicher Wahrheiten bleiben”, wie unser Bruder Adolf Heller zu sagen pflegte.

“Also stehet fest im Herrn”, sagt uns die Schrift. “Stehet fest” (stäkete) finden wir 10 mal im NT, davon 7mal bei Paulus. Wie wichtig ist es für jedes Kind Gottes, besonders in unseren Tagen, wo uns immer wieder neue “Lehren” erreichen, festzustehen, damit wir nicht wie Unmündige von jedem Wind der Lehre hin- und hergetrieben werden, sondern die Wahrheit in Liebe festhalten und mit allen Heiligen hinanwachsen zu Ihm hin, der das Haupt ist, der Christus (Eph. 4, 14 – 16). Wir spüren, unser Feststehen im Herrn hat nicht nur für uns selbst Wert und Bedeutung, sondern auch für unseren Bruder. Wenn Paulus schreibt: “. . . denn jetzt leben wir, wenn ihr feststeht im Herrn” (1. Thess. 3, 8), sollten wir hinzufügen: wie viel mehr auch wir! Wir sind ein Leib und jedes Glied bedarf dringend des anderen. So dürfen wir sagen: Je fester der Stand des einzelnen, um so größer das Wachstum, die Ausreife des Ganzen.

Wir wollen uns noch einige Worte unseres Apostels über “Stehet fest” kurz ansehen.

“Stehet fest im Glauben” (1. Kor. 16, 13). Wenn Gott in Seiner Treue uns berufen hat, so hat Er uns mit Glauben beschenkt. Dieser Glaube ist auf Wachstum angelegt und bedarf der täglichen Glaubensnahrung. Bei den Thessalonichern war dies der Fall, ihnen konnte Paulus schreiben: „…weil euer Glaube überaus wächst” (2. Thess. 1, 3). Solches Wachstum bedarf der Befestigung, und es wird uns in der Liebesgemeinschaft mit Ihm und untereinander zuteil. So verlangt es den Apostel immer wieder nach der Gemeinschaft mit allen Heiligen, weil er um die so notwendige gegenseitige Darreichung weiß (Röm. 1, 9-12).

Freiheit. “Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht, stehet nun fest. . .” (Gal. 5, 1). Welch kostbares Gut ist dies und gerade darum so gefährdet; denken wir nur an Galater 5, 13! Wie leicht stehen wir in der Gefahr, um der Eigenliebe willen diese Freiheit falsch zu deuten, ihr einen Raum zu geben, den die Schrift gar nicht meint. Wir wollen erkennen, dass wirkliche, wesenhafte Freiheit nur aus der Bindung an Ihn erwachsen kann, je fester, um so besser. Im Leben des Sohnes in Niedrigkeit sehen wir es klar. In Johannes 5 sagt Er es zweimal: “Ich kann nichts von mir selbst tun” (V. 19 u. 30). So spricht Er, durch den die Welten geworden sind! Im gleichen Kapitel sehen wir aber auch, wie gerade dieses Leben wunderbare Resultate erbringt; man lese daraufhin das ganze Kapitel. Wahrlich, wir bedürfen der Ermahnung: Stehet fest in der Freiheit!

Im Geist. “. . . dass ihr feststehet in einem Geiste” (Phil. 1, 27). Der Anfang dieses Verses: “Wandelt nur würdig . . . ” sollte genauer (nach Dr. de Boor) wiedergegeben werden mit: “Führt euer Gemeindeleben nur würdig des Evangeliums.” Wir sahen schon zu Anfang: ein Bruder gehört in die Gemeinschaft der Heiligen. Hier ist Begrenzung, hier ist Ermunterung, Stärkung, Tröstung, Mitarbeit. Hier gilt: Feststehen in einem Geiste, mit einer Seele mitkämpfen mit dem Glauben des Evangeliums. Welch große Aufgabe für eine Gemeinde, die sich ja aus einzelnen zusammensetzt. Die Durchführung wird nur möglich sein im persönlichen Feststehen in einem Geiste. Ob wir auch dieser Ermunterung bedürfen?

Überlieferung / Unterweisung. “Also nun, Brüder, stehet fest und haltet die Überlieferungen, die ihr gelehrt worden seid” (2. Thess. 2, 15). Wir stehen in unseren Tagen in Auflösungen von Ordnungen, die über Jahrhunderte den festen Bestand unseres Daseins bildeten. Die Auflösungen schreiten schnell voran und werden doch nur wenig gesehen und verstanden. Beträfe es nur die Welt, wäre es leichter zu ertragen. Doch wir sehen mehr und mehr, wie auch die Versammlungen davon betroffen sind. Anstelle von Trauer und Buße, die man nur wenig findet, lobt man es noch und erfreut sich der Fortschritte unserer Tage. Wie man das Wort Gottes entleert, wird nicht bemerkt, weil man die Schrift schon lange ihrer göttlichen Autorität entkleidet hat und es täglich mehr und mehr tut. Wer auch um dieser Dinge willen betrübt ist, möge einmal 2. Timotheus 4, 3 lesen und dazu Titus 2, 1 und die sich anschließenden Ausführungen über ältere Männer und Frauen, junge Frauen und Männer. Dürfen wir die Frage stellen: Wird noch geredet, was der gesunden Lehre geziemt, oder klammern wir diese gesunde Lehre aus unserer Verkündigung aus? Doch immer noch gilt der Auftrag: “Du aber rede, was der gesunden Lehre geziemt!” Wie nötig ist gerade in unseren Tagen die Ermunterung, in diesem Punkt festzustehen.

Mit unserem Apostel, dem “Lehrer der Nationen”, Paulus, wollen wir den Schluss unseres Verses festhalten und alle aus Gott Geborenen also grüßen:

Geliebte! 

Gott ist Liebe – und die Liebe vergeht nimmer. Wir beten Ihn darüber an und freuen uns, daß sich Ihm einmal alles unterordnen wird. Als von Ihm Geliebte wollen wir es schon heute tun und feststehen im Herrn.