Kraft zum Überwinden (Apg. 1,8, Jes. 40, 29)

„Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist.

Apg. l, 8.

„Er gibt dem Müden Kraft, und dem Unvermögenden reicht er Stärke dar in Fülle.“

Jes. 40, 29

Autor: Karl Geyer, nach seinem gleichnamigen Artikel in GuH

„Denn mit dir werde ich gegen eine Schar anrennen und mit meinem Gott werde ich eine Mauer überspringen — „Der Gott, der mich mit Kraft umgürtet und vollkommen macht meinen Weg.“  Psalm 18, 29. 32.

Wenn ein Mensch die Vergebung seiner Schuld erlebt hat, ist er ein Kindlein in Christo. Als solches ist er begierig nach der reinen und lauteren Milch des Evangeliums, auf dass er durch diese ins Heil hineinwachse (1. Petr. 2, 2; nach Menge). Er soll ja nicht nur eine Herausrettung aus der Welt der Finsternis erleben (Ägypten = Finsternis), sondern auch eine Hindurchrettung durch die Wüste und ein Hinein- oder Hinüber gerettet werden in das fruchtbare Land der Verheißung. Durch die lautere und reine Milch des Wortes der Frohbotschaft soll er wachstümlich in das Zeitalter der Jünglingschaft versetzt werden, damit er auch die Kennzeichen des Jünglings an sich trage: Sieg über das Böse (1. Joh. 2, 12 —14).

Viele Gläubige erreichen diese Stufe des Wachstums in Christo nicht. Sie vermischen das Wort, das ihnen gepredigt wird, nicht mit dem Glauben (Hebr. 4, 2). Wohl sind sie gerettet, haben die Güte Gottes erfahren und immer wieder von seiner Gnade Gebrauch gemacht, aber sie ließen sich an der Tatsache ihrer Errettung genügen und lebten „vierzig Jahre“ (= irdische Erfüllung) in der Wüste und starben auch dort als Säuglinge in Christo. Sie hätten der Zeit nach Lehrer sein sollen, aber sie kamen nicht über die Elemente des Anfangs hinaus und buchstabierten immer wieder an den ersten Buchstaben der göttlichen Worte (Hebr. 5, 12—14; 6, L 2). Gerettet wie ein Brand aus dem Feuer, wie ein Lot aus Sodom, gehen sie mit leeren Händen dahin ohne einen Erweis des Geistes und der Kraft, und am Ende ihres Lebens, wenn die Zeit ihres Abscheidens kommt, haben sie wohl Heilsgewissheit, aber keine Kronengewissheit (2. Tim. 4, 6—8).

Das Ziel alles Arbeitens und Ringens aber ist das Hinführen zur geistlichen Reife, zum vollen Manneswuchse in Christo (Kol. l, 28. 29).

Gott hat an allem Unvollendeten kein Wohlgefallen. Er will alles in die ganze Fülle des überströmenden Lebens führen. Nachdem er seinen guten Willen an uns zur Durchführung brachte und uns aus der Obrigkeit der Finsternis befreite, will er in wachstümlicher Entfaltung seinen wohlgefälligen Willen an uns zur Darstellung bringen, um zuletzt das Vollkommenste, was sein Wille aus uns machen kann, zu offenbaren (Rom. 12, 2).

Gott will einen Triumph an uns haben, und zwar nicht erst dort im Licht, sondern schon hier auf Erden, wo wir Menschen und Engeln ein Schauspiel sind, um seine mannigfaltige Weisheit darzustellen. Das Böse, die Sünde, soll im Fleische überwunden werden, damit Gott zu jenem Triumphe, den er ständig vor sich hatte, als sein Eingeborener im Fleische den Vater offenbarte und verherrlichte, immer neue Triumphe seiner Gnade schauen und feiern kann, indem auch in unserer armen Leibeshütte Gott hochgelobt und gepriesen werde durch seinen in uns wohnenden Geist.

Das Siegesleben der Jünglingschaft hat eine Voraussetzung, die, so merkwürdig es scheinbar klingt, darin besteht, dass die eigene Kraft zerbrochen wird, um der völligen Offenbarung der Gnade Platz zu machen. Nur da, wo die völlige Hilfsbedürftigkeit in allen Lagen offenbar geworden ist und erkannt und rückhaltlos anerkannt wird, reicht Gott durch seinen Geist dauernd die Kraft zum Überwinden dar.

Wohl dürfen wir immer und immer wieder seine Gnade in jedem Einzelfall beanspruchen, wenn wir in Not sind. Er hilft uns auch, denn seine Gnade ist mächtig und reich über alle, die ihn anrufen. Doch Kraft zum dauernden Überwinden bedeutet dies noch nicht. Unsere Schwachheit muss völlig offenbar geworden sein, sonst wäre ja die Ehre unser und nicht sein.

Es dauert sehr, sehr lange, bis wir es selbst restlos erkennen und glauben und zugeben, dass wir aus uns selbst nicht auf einem einzigen Lebensgebiet mit der Sünde (als Hang und Begierde) fertig werden. Wir mögen vielleicht durch Askese und andere Mittel dahinkommen, die Symptome dieser entsetzlichsten aller Blutkrankheiten zu beseitigen, — nie sind wir sicher, dass sie nicht im gegebenen Augenblick, wo die Verhältnisse ihr günstig sind und uns ungünstig, aus ihrem Versteck hervorbricht und uns überfällt und zu Boden wirft. Weil es uns so schwer eingeht, dass nur die Gnade zu befreien vermag und dass nur durch Gnade das Herz fest wird und dass wir nur durch die Übermacht der Gnade königlich herrschen können im Leben, deshalb muss Gott uns so lange in der Übung lassen. Diese Übung kann und darf er um seinetund unsertwillen nicht früher abbrechen, bis mir von uns selbst gelöst sind und nur noch auf die Macht der Gnade hoffen, die sich in unserem Leben offenbaren soll. Erst dann dürfen wir die Befreiung schauen und erfahren.

Kraft zum Überwinden wird in uns selbst nicht gefunden. Auch der Gläubige, der Vergebung der Sünde hat, besitzt keine Kraft in sich, nunmehr die Sünde zu überwinden. Diese Kraft ist nur in dem, der den Tod überwunden hat, und er vermittelt sie uns durch seinen Heiligen Geist. Der Geist des Lebens besitzt die Kraft, die Werke des Fleisches zu töten und die gerechten Forderungen des Gesetzes in uns zu erfüllen.

Aber diese Kraft ist im Geiste, nicht in uns! Nie können wir hier aus uns irgendwie überwinden. Stets bleiben wir in Abhängigkeit von dem in uns wohnenden Geiste. Er ist die Kraft Gottes in uns.

Man kann hier ohne weiteres leicht verstehen, warum gerade solche Gotteskinder, denen der Herr tiefe Blicke der Erkenntnis schenken konnte, so lange und durchgreifend in der Übung bleiben und ihren Weg in Schwachheit gehen müssen. Nur dort, wo die Ohnmacht des Geschöpfes völlig offenbar wurde, macht es Gott nicht mehr die ihm zukommende Ehre streitig. Darum lässt er seine Kraft erst dort wirksam werden, wo die Schwachheit genügend, d. h. völlig klargelegt wurde. Darum ist der Gläubige in Wahrheit erst dann stark, wenn er sich seiner Schwachheit rühmt. Paulus bekennt daher: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Ja, er, der bis in den dritten Himmel entrückt wurde, bis in das Paradies, bekam einen Satansengel zugesellt, der ihn mit Fäusten schlagen durfte, damit sich dieses Offenbarungsgefäß der Gnade nicht selbst überhebe.

Tief im Herzen verbirgt sich bei einem jeden von uns der Hochmut, um im geeigneten Augenblick sich auf den Thron zu setzen. Selbst das Werk der Gnade an uns ist ihm gut genug, um es sich selbst zuzuschreiben und sich damit zu rühmen. In diesem versteckten Hochmut liegt die wahre Ursache unserer meisten Niederlagen. „Hochmut kommt vor dem Fall“ (Spr. 16, 18). „Dem Demütigen aber gibt Gott Gnade.“ Darum müssen auch alle zur geistlichen Reife kommenden Gotteskinder so tiefe Demütigungswege gehen, damit auch an ihnen die Gnade ein völliges Werk habe.

Gott hat im Sohn der Liebe die Welt überwunden und am Sohne die Sünde gerichtet. Und nur Gott kann durch seinen Geist das Gleiche in uns ständig bewirken: die Sünde im Fleische richten und die Welt überwinden (Rom. 8, 2—4). Das Mittel aber, diesen Sieg zu ergreifen, ist der Glaube (1. Joh. 5, 4. 5; Josua l, 5; Kol. 2, 15; Jos. 2, 9—11; Rom. 8, 51—39; Eph. l, 19—23; Kol. 2, 10). Möge der Herr uns alle zu dieser geistlichen Reife führen gemäß der Wirksamkeit seiner Gnade, die in uns wirkt in Kraft!