Joseph … fürchtete sich … damit erfüllt würde (Matth. 2, 19-23)

19 Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erscheint ein Engel des Herrn dem Joseph in Ägypten im Traum20 und spricht: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter zu dir und zieh in das Land Israel; denn die dem Kind nach dem Leben trachteten, sind gestorben! 21 Da stand er auf, nahm das Kind und seine Mutter zu sich und ging in das Land Israel. 22 Als er aber hörte, dass Archelaus anstatt seines Vaters Herodes über Judäa regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und auf eine Anweisung hin, die er im Traum erhielt, zog er weg in das Gebiet Galiläas. 23 Und dort angekommen, ließ er sich in einer Stadt namens Nazareth nieder, damit erfüllt würde, was durch die Propheten gesagt ist, dass er ein Nazarener genannt werden wird.

Matth. 2, 19-23

Autor: Adolf Heller, nach seinem gleichnamigen Artikel in GuH

Es gefällt unserm großen, herrlichen Gott wohl, sich armseligster Mittel und

Werkzeuge zu bedienen, um seine alles überragenden Liebesgedanken und Heilsratschlüsse durchzuführen. Nicht strahlend und imposant, sondern in Menschenjammer, Angsttränen und Todesfurcht vollziehen sich göttliche Dinge, die nur von himmlischer Warte aus gewertet werden können. In verächtlicher Niedrigkeitshülle — Luther spricht von einem „Mummenschanz Gottes“! — werden, unerkannt von Engeln und Menschen, vor weltliche Rettungs- und Vollendungspläne verwirklicht.

Lesen wir Matth. 2, 19—23 und unterstreichen wir die Worte: „Joseph… fürchtete sich . . . damit erfüllt würde“, so finden wir eine unserm menschlichen Denken und Empfinden, eine unserm religiös-moralischen Pharisäismus unbegreifliche Tatsache.

Fast hundertmal werden wir in den heiligen Schriften durch Gottes Stimme, durch Engel- und Menschenmund aufgefordert, uns nicht zu fürchten. Der Herr gebietet nicht nur, getrost und freudig zu sein (2. Kor. 13, 11; Josua l, 9; Luthertext), sondern stellt auch die Verzagtheit, Feigheit oder Furcht auf eine Linie mit Ungehorsam, Befleckung, Mord, Unzucht, Zauberei, Götzendienst und Lüge (Offb. 21, 8). Denn Furcht ist im tiefsten Grunde nichts anderes als Misstrauen gegen Gott.

Und nun lesen wir, dass Joseph den Befehl des Herrenengels, nach Judäa zu ziehen, aus Furcht nicht abführte, sondern mit göttlicher Erlaubnis, die ihm um seiner Schwachheit willen gegeben worden war, nach Galiläa zog. Dadurch aber wurde er ohne sein Wissen und Wollen ein Werkzeug zur Erfüllung alttestamentlicher Prophetie.

Was uns auf den ersten Blick als Nachgiebigkeit und Schwäche Gottes vorkommen mag, ist in Wirklichkeit ein Beweis seiner Liebe und Treue. Er weiß, was für ein Gemachte wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind (Ps. 103, 14). Darum geht er auf unsre Unzulänglichkeiten und Torheiten scheinbar ein. In Wahrheit aber benützt er auch unsre Irr- und Umwege einerseits zu unsrer Demütigung und unserm Heil und auf der ändern Seite zur Erreichung alles dessen, was er sich vor Grundlegung der Welt vorgenommen hat, dass es geschehen sollte. Wer wollte ihn darob tadeln? Fürwahr, seine Wege sind unausspürbar! (Römer 11, 33.)