Innenziele Gottes (Phil. 3, 13-14)

Brüder, ich halte mich selbst nicht dafür, dass ich es ergriffen habe; eines aber [tue ich]: ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt, und jage auf das Ziel zu, den Kampfpreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Phil. 3, 13-14

Autor: Adolf Heller, auszugsweise nach seinem gleichnamigen Artikel in GuH

Viele Menschen werden an Gott irre, weil sie nichts von seinen Innenzielen wissen. Sie sehen nur Not und Jammer, leiden unter der Ungerechtigkeit und dem Hass Ihrer Umwelt und verzweifeln an ändern und sich selber. Schließlich erscheint ihnen ihr gequältes Leben so sinnlos, dass sie an einen Gott der Allmacht, Weisheit und Liebe nicht mehr zu glauben vermögen.

Das erleben wir immer wieder, und zwar nicht nur bei ausgesprochenen Weltmenschen, sondern auch bei Erweckten, ja selbst bei vielen, die sich Jahre oder gar Jahrzehnte hindurch für wirklich „Fromme“ hielten. Die schmerzliche Erfahrung von Ps. 73, 2—16 muss wohl jeder einmal durchlaufen, damit sein Vertrauen allein auf Gott gegründet werde. Das, geschieht meist dadurch, dass er die heiligen Zweckbestimmungen aller irdischen Mühsale, die göttlichen Innenziele alles Weltgeschehens geistlich verstehen und durch den Glauben bejahen lernt (vgl. Vers 17—28!).

Nur Kinder und Narren sehen in einem Zahnarzt einen bösen Mann, der auf seinem Marterstuhl die armen Menschen quälen will und an ihren Schmerzen Freude hat. Gleichen wir nicht oft, geistlich gesehen, solchen Kindern und Narren? Erst wenn wir Gott ins Herz geschaut haben, beginnen wir seine wunderbare zarte Liebe und Fürsorge zu begreifen seine Güte und Treue zu schmecken und seine Innenziele zu verstehen. Wie unsagbar mühselig, wie; bitter und demütigend war der Weg, den Israel geführt wurde und bis zur Stunde noch geführt wird! Besonders die vierzigjährige Wüstenreise scheint unserm natürlichen Empfinden eine sinnlose Qual gewesen zu sein. Wie aber schaut Gott die Sache an? Was war dabei sein verborgenes Innenziel? In 5. Mose 8, 2 —5. 16 b lesen wir darüber: „Du sollst gedenken des ganzen Weges, den der Herr, dein Gott dich hat wandern lassen diese vierzig Jahre in der Wüste, um dich zu demütigen, um dich zu versuchen, um zu erkennen, was in deinem Herzen ist, ob du seine Gebote beobachten würdest oder nicht. Und er demütigte dich und ließ dich hungern; und er speiste dich mit dem Man, das du nicht kanntest und das deine Väter nicht kannten, um dir kundzutun, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was aus dem Munde des Herrn hervorgeht. Dein Kleid ist nicht an dir zerfallen, und dein Fuß ist nicht geschwollen diese vierzig Jahre. So erkenne in‘ deinem Herzen, dass so, wie ein Mann seinen Sohn züchtigt, der Herr, dein Gott, dich züchtigt . . ., um dich zu versuchen, damit er dir wohltue an deinem Ende.“

Dieser wunderbare Durchblick in den Zweck unserer Leiden und Nöte, diese Schau köstlicher Innenziele, leuchtet im Neuen Testament noch viel heller auf. Denken wir etwa an das bekannte Wort in 1. Kor. 5, 5, wo Paulus in apostolischer Vollmacht einen Sünder dem Satan überliefert zum Verderben des Fleisches. Wenn hier ein Punkt wäre, so müssten Furcht und Grauen unsre Herzen unaufhörlich erfüllen. Es geht aber weiter, und die folgenden Worte enthüllen uns die Zweckbestimmung, das Innenziel dieser so grausam dünkenden Maßnahme: „. . . auf dass der Geist errettet werde am Tage des Herrn Jesu.“ Nicht endlose Strafe oder Vernichtung, sondern Errettung ist die Absicht Gottes, wenn er so scharf züchtigt. Nur wer solche Zusammenhänge im Glauben fasst, kann auch mitten in der Not und dem Verderben, das uns umbrandet, von Herzen froh werden und bleiben.

Oder blättern wir einige Seiten weiter in unserm Korintherbrief und lesen wir 9, 25—27: Paulus spricht hier von einem geradezu verzweifelten Kampf in einem „Totaleinsatz“. Was es bedeutet, wenn ein Mensch oder ein Volk alles einsetzt und jedes Opfer bringt und das Ende und Ergebnis sei doch nur Qual und Untergang ist, haben wir alle am eignen Leib erlebt, Es ist deshalb durchaus zu begreifen, dass Zeiten nach Kriegen und Katastrophen immer Zeiten der Fleischesfreiheit und des Sündentaumels sind. Man will nachholen, was man versäumt hat, da sich ja doch jede sittliche Lebenshaltung des Verzichtes und des Opfers als sinnlose Narrheit erwies und man dafür nicht nur verhöhnt, sondern sogar noch bestraft wurde.

Wie ganz anders aber wird die Lage, wenn man weiß, dass kein Opfer, das man um Gottes und Jesu willen brachte, umsonst ist! Unser Glaubenskampf besteht nicht aus Luftstreichen. Der Feind wird wirklich niedergeworfen und besiegt, und die unvergängliche Krone der Ehre wartet auf uns. Nur wem die Innenschau der Endziele Gottes geschenkt ist, der kann mit Freuden Unrecht und Armut, Demütigungen und Verleumdungen ertragen.

Den gleichen Zusammenhang ersehen wir aus 2. Kor. 12, 7. Ein Satansengel, ein Bote der Hölle, durfte Paulus mit Fäusten schlagen. Ob es sich um ein hässliches, schmerzliches Augenleiden oder sonst eine Krankheit handelte, wissen wir nicht. Auf jeden Fall war Paulus alles andre als ein gefeierter, bewunderter „Führer“, dem es an Wohlergehen, Besitz und Genuss nie mangelte. Das gerade Gegenteil war der Fall! Der Grund für diese Demütigung bestand darin, dass der Apostel in der Gefahr stand, sich zu überheben ob der hohen Offenbarungen, die ihm zuteil geworden waren. Davor wollte ihn sein Herr bewahren und wählte zu diesem Zweck den Weg der Armut, Schwachheit und Niedrigkeit, weil es, menschlich gesprochen, keinen andern Weg gab. Wollen nicht auch wir, du und ich, zu den Bitternissen und Nöten, die Gott in seiner Weisheit und Liebe in unser Leben legte, von ganzem Herzen „Ja, Vater!“ sagen? O, dass wir es doch könnten! Wie glückselig wären wir, und wie fruchtbar und gesegnet wäre unser verborgener Dienst an den Ärmsten und Geringsten dieser Welt!

Solche Menschen, die das gute Gewissen von sich stießen und im Glauben Schiffbruch litten, übergab der Apostel dem Satan. Worin im Einzelnen dieses

Übergeben an den Feind bestand, wissen wir nicht genau. Es war wohl ein Ausschluss aus der Gemeinde, vielleicht verbunden mit Schmerzen, Krankheiten und seelischen Leiden. Es mag je nach dem vorliegenden Fall verschieden gewesen sein. Was solche Abtrünnigen erduldeten, war allen offenbar. Verborgen aber war der Zweck, das göttliche Innenziel einer solchen Maßnahme. Sie sollten von ihrem Lästern (Dächsel: ihren Schandreden) frei werden; nur dazu diente letztlich die scharfe Zucht, der sie durch die göttliche Vollmacht des Apostels unterstellt wurden (1. Tim. l, 20).

Die Weisheit der Wege Gottes, das planvolle, wohlüberlegte Einordnen aller kosmischen Geschehnisse zu einem höheren Ziel, der längst vor allen Ewigkeiten verordnete Wechsel von Freude und Leid, von Elend und Erquickung, „von Ehre und Unehre, von bösem Gerücht und gutem Gerücht“ (2. Kor. 6, 8) hat einen tiefen Zweck von solch großem und seligem Ausmaß, dass wir es in der Armseligkeit unsres gegenwärtigen Leibes- und Seelenlebens gar nicht zu fassen vermögen: die göttliche Zielsetzung aller Führungen unsres Lebens ist in den drei Wörtlein zusammengefasst „zu unsrer Herrlichkeit“ (1. Kor. 2, 7)! Hier muss jeder Jammer und jede Klage gegen widerliche Menschen oder Verhältnisse verstummen; hier kann der Glaube nur tief gebeugt und beseligt schweigen und anbeten.

Weshalb musste selbst der Sohn Gottes unter die Engel, die Boten und Diener des Thrones, denen Gott Torheit zur Last legt und die in seinem Lichtglanz ihr Antlitz verhüllen, erniedrigt werden und die Bitternis des Todes schmecken? Er, „um dessentwillen das All ist und durch den das All ist“ (Hebr. 2, 10 a), machte durch sein Leiden viele zu Söhnen Gottes und führte sie zur Herrlichkeit (Vers 10 b). Nun ist er mit „Ehre und Herrlichkeit gekrönt“ (Vers 9 a). Es war Gnade, eine Gunst und ein Liebeserweis Gottes, dass er für alle den Tod schmeckte (Vers 9b).

Der natürliche Mensch verzichtet gerne auf eine solche „Gunst“ und „Gnade“, aber der Geistesmensch, der etwas von den Innenzielen Gottes geschaut und von den Kräften und Wundern jener Wesenhaften Welt geschmeckt hat, bekennt mit Paulus: „Ich vergesse, was dahinten ist und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt; ich eile hin zu dem vorgesteckten Ziel, zu dem Siegespreis dort oben, zu dessen Empfang mich Gott in Christus Jesus berufen hat.“ (Phil. 3, 13 b. 14 nach der Mühlheimer Übers.)

Zwei Dinge sah Jesus, der Anfänger und Vollender des Glaubens, vor sich: Schande und Freude (Hebr. 12, 2). Die Freude war das noch weit entfernte Innenziel Gottes, die Schande dagegen der Weg, den seine müden, staubbedeckten Füße täglich betraten und der ihn ans Fluchholz tiefster Schmach führte. Man kann auch so übersetzen: „Anstelle der vor ihm liegenden Freude erduldete er das Kreuz und verachtete die Schande nicht.“ Das gibt einen tiefen, kostbaren Sinn. Christus hätte als sündloser Mensch, an den der Tod kein Anrecht hatte, sofort in die Freude der wiederhergestellten vollen Gottesgemeinschaft eingehen können. Dann wäre ihm die Schande des entehrenden Verbrechertodes erspart geblieben. Das tut er aber nicht! Er erduldet das Kreuz und missachtet, d. h. achtet nicht der Schande.

Was aber befähigt ihn zu diesem Weg? Unser Text sagt es uns: der Blick auf die vor ihm liegende Freude. Er wusste um die kommenden Vollendungs- und Freudenäonen. Er wusste auch, dass er ein Anrecht darauf hatte. Aber er wollte all das, was ihm rechtmäßig gehörte und gebührte, nicht an sich reißen. So, wie er die Gottesgleichheit nicht wie einen Raub, d. h. als etwas, was ihm durchaus zu eigen war (im Krieg waren Raub und Beute rechtmäßiges, unantastbares Eigentum des Siegers!), festhielt, sondern preisgab, so wollte er sie auch nicht früher und auch nicht auf einem ändern Weg wiedernehmen, als Gott es verordnet hatte. Und die göttliche Ordnung war das Kreuz! Der Herr hatte ja die Vollmacht zu beidem: sein Leben zu lassen und es wiederzunehmen (Joh. 10, 18). Auch in diesem Zeugnis begegnen wir dem Begriff entolä — Innenziel. Von diesen beiden Vollmachten, göttliche Innenziele zu verwirklichen, machte Christus zur rechten Zeit und Stunde und auf die rechte Art und Weise Gebrauch.

Weil nun Jesus das verborgene, Wesenhafte Innenziel der Freude sah, war er befähigt, den Weg der Schande und des Leidens zu gehen. Wenn schon — wir reden menschlich — unser verklärtes Haupt die Innenschau göttlicher Freude brauchte, um seinen vom Vater verordneten Pfad zu wandeln, wievielmal mehr wir, die wir so blind und leidensscheu, so gottentfremdet und selbstsüchtig sind! Verstehen wir in diesem Licht, warum dem Feind soviel daran liegt, aus der

Freudenkunde, der Frohbotschaft unsres Heils und unsrer Herrlichkeit, durch Vermischung eine Reihe drohender gesetzlicher Forderungen zu machen, mit denen er die Erweckten und Gläubigen in Minderwertigkeitsbelastungen und Furcht hineintreibt? Wer den tiefen, reinen Klang des Evangeliums wirklich verstanden hat, wer etwas von der von Gott verordneten vor uns liegenden Freude weiß, der geht mit Loben und Danken seinen Weg zum Ziel und achtet nicht der Mühsale und Bitternisse, die der Vater der Liebe uns in seiner Weisheit zugedacht hat. Dazu möge uns Gott seine wunderbaren Innenziele immer klarer und wesenhafter aufleuchten lassen, damit wir in Wahrheit solche werden, die das suchen und auf das sinnen, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes (Kol. 3, 1).