Gedenket der Gefangenen, als Mitgefangene! (Hebr. 13,3)

Gedenket der Gefangenen, als Mitgefangene!

Hebr. 13, 3

Autor: Karl Geyer, aus GuH

Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit (1. Kor. 12, 26). Wir sind ein Leib in Christo und sind Glieder voneinander. Was den Leib betrifft, geht jedes Glied an, und was ein Glied betrifft, geht den ganzen Leib an. Der Heilige Geist wohnt in jedem Gliede. Leid und Freude eines jeden Leibesgliedes werden durch den Geist dem ganzen Leib vermittelt, so dass alle Glieder mitempfinden. So leiden wir oft und wissen nicht, warum; so freuen wir uns oft und haben keine Erklärung dafür aus unserem eigenen Leben und Erleben. Im Anfang unseres Glaubenslebens empfinden wir dies alles mehr unbewusst. Mit zunehmender Reife erkennen wir jedoch immer klarer, gemahnt durch Wort und Geist, dass es sich um Erlebnisse handelt, die den gesamten Leib betreffen, wenn sie auch zunächst nur einem einzelnen Gliede gelten. Durch unsere Eingliederung in den Leib des Christus empfinden wir alles mit, was den Gesamtleib oder eines seiner Glieder angeht. Jede Empfindung solcher Art soll uns zu einem bewussten Gedenken führen. Wenn wir das leidende Einzelglied auch nicht kennen und oft auch gar nicht wissen, welcher Art seine Leiden sind, so gedenken wir doch in herzlicher Fürbitte aller Glieder, sobald der Geist uns an sie erinnert. „Mit dem Herzen Christi Jesu (Phil, l, 8; Gal. 2, 20) umschließen wir sie alle (2. Kor. 11, 28. 29).

Wenn wir aber Bewussterweise an bestimmte und bekannte Leiden der Brüder erinnert werden, so gedenken wir um so bestimmter und klarer und fester ihrer Not und bringen alles vor das Angesicht dessen, der treu- besorgt ist um seinen Leib. Die Drangsal derer, die Ungemach leiden, erinnert uns zudem daran, dass wir selbst noch im Leibe sind, und dass alles, was sie erleben, morgen unser Teil sein kann.

Niemand kann sich den Ereignissen dieses Weltlaufs entziehen. Der Erscheinungen Flucht vollzieht sich in rasendem Wechsel. Der Gott und Fürst dieses Äons ist ein Blender. Er lässt die Ungläubigen nicht zur Ruhe und zur Besinnung kommen. Schneller als die Schattenbilder auf der Kinoleinwand rasen die

Eindrücke des Zeitgeschehens dahin. Wo ist außer Christo noch ein fester Grund, der nicht wankt? —

In diese Welt sind wir gestellt und leiden mit, um einmal später bei der Erfüllung unserer Zukunftsaufgaben gottgemäß trösten und lösen zu können.

In dieser Welt litt Christus und starb. In dieser Welt litten und starben seine Gesandten, die Apostel. In dieser Welt leiden, auch heute noch, ungezählt von Menschen, aber bekannt bei Gott, viele Brüder um seines Namens willen. Dabei ist zu bedenken, dass die meisten Gläubigen nicht durch die grobe Welt leiden, sondern durch die religiöse Welt, wie ja auch Christus von den religiösen Führern seines Volkes getötet bzw. verurteilt wurde.

Das Böse erreicht sein Vollmaß erst auf der religiösen Ebene. Der Antichrist setzt sich in den Tempel und lässt sich als Gott verehren und behauptet: „Ich bin der Christus.“ Die Sünde im Geist ist schlimmer als die Sünde im Fleisch, denn das Fleisch ist immer nur Werkzeug, nur ausführendes Organ, der Geist aber ist bewusster Führer, der mit seinem Willensentscheid erst die Ausführung bewirkt bzw. verursacht. Darum gehen die Zöllner und Hurer den Pharisäern und Schriftgelehrten voran in das Reich der Himmel. Die Sünde im Fleische geschieht aus Schwachheit und oft unbewusst; die Sünde im Geiste ist bewusst Gewolltes, ist Sünde als Prinzip, ist Rebellion gegen Gott, ist Los-sein-wollen von Gott, ist Gottlosigkeit und Gesetzlosigkeit, ist Thronräuberei (vergl.: „Dies ist der Erbe! Lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein!“), ist ein Widerstreben dem Heiligen Geiste, ist Lüge gegen den Geist und Lästerung des Geistes.

Keinem echten Kinde Gottes bleibt Verfolgung um des Herrn willen erspart. Wir müssen durch viel Trübsale ins Reich Gottes eingehen (Apg. 14, 22). Nach dem Wort des Herrn in Joh. 16, 2 werden sie uns aus der Synagoge ausschließen, und die, die uns töten, werden meinen, Gott einen Dienst zu tun. Ohne Prüfung hat der Glaube kein Gewicht. Er soll aber durch die Prüfungen geläutert und viel köstlicher erfunden werden, als das im Feuer geläuterte Gold. Eines aber bringt jede Prüfung uns zum Bewusstsein, sei es eigene, oder die der Brüder: dass wir Mitleib mit dem Christus sind und Glieder voneinander (Eph. 3, 6; 1. Kor. 12, 12). Diese Erkenntnis verpflichtet uns, füreinander einzutreten und vor dem Herrn an all das zu gedenken, was an Leiden über die Brüderschaft dahingeht in dieser Welt. Sollte Gott das Schreien seiner Auserwählten nicht hören? (Luk. 18, 7.)

In besonderer Weise aber sollen wir der Gefangenen gedenken! Nicht nur der Brüder sollen wir gedenken, sondern aller Menschen (1. Tim. 2, 1). Es gibt kein Land der Erde, in dem es nicht Gefängnisse gibt. Ja, alle Unerlösten sind Gefangene Satans, sind Sklaven des Fleisches und der Sünde. Und noch tiefer sind die Gefängnisse der Unterwelt, in denen die Gefangenen schmachten, in der Grube, in der kein Wasser ist. Und an diese gedachte der Herr nach seiner Auferstehung zuerst, als er im Geiste der Auferstehung hinging und den Geistern im Gefängnis das Evangelium verkündigte in den untersten Örtern der Erde (Eph. 4, 8—10; 1. Petr. 3, 18—20; Ps. 107, 10—16; 1. Petr. 49 6; Sach. 9, 11. 12). Freiheit auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen ist ein wesentlicher Teil der Frohbotschaft. Und dem Vorbild, das er uns gab, sollen wir nacheifern. Darum gedenken wir aller Gefangenen, sowohl derer auf der Erde, als auch derer in den untersten Örtern der Erde.

Der Segen des Gedenkens aber kommt zuerst uns selbst zugute. Wir werden durch das „Mit-Leiden“ tiefer einbezogen in die Leidensgemeinschaft  es Christus. Unser Geist wird willig, keinen Vorzug mehr zu begehren vor dem Teil der leidenden Brüder, ja> vor dem Los, das dem Haupte hier auf Erden einst zuteil wurde (Phil. 3, 7—16). Und dadurch wird uns ein weiterer Segen zuteil; denn durch Leiden und Sterben bringen wir letzte und reifste Ewigkeitsfrucht. Ein überschwänglich Maß von Herrlichkeit wird uns bewirkt, das wir im Glauben schon jetzt genießen, und das uns weit erhebt über die Not dieses Lebens und uns als Sieger und Überwinder dahingehen lässt (2. Kor. 4, 16—18; Rom. 8, 18 —39).

Der Glaube aber betet an vor Gott und bekennt vor aller Kreatur im ganzen Kosmos: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Gewalten, weder Höhe noch Tiefe, noch irgend ein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermögen wird von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.“