Die Dimension der Liebe Gottes (Eph. 3, 18)

„auf daß ihr völlig zu erfassen vermöget mit allen Heiligen, welches die Breite und Länge und Tiefe und Höhe sei, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, auf daß ihr erfüllt sein möget zu der ganzen Fülle Gottes.“

Eph. 3, 18-19

„Kannst du die Tiefe Gottes erreichen, oder das Wesen des Allmächtigen ergründen? Himmelhoch sind sie, was kannst du tun? Tiefer als der Scheol, was kannst du wissen? Länger als die Erde ist ihr Maß und breiter als das Meer.“

Hiob 11, 7-9

Autor: Adolf Heller, nach seinem gleichnamigen Artikel https://data.kahal.de/pdf/495_AH__Die_Dimension_der_Liebe_Gottes_GuH.1963.S209.pdf

In Epheser 3, 14-21 lesen wir ein paulinisches Gemeindegebet. Als ich vor Jahren anfing, meine Gebetsgegenstände und -ziele mit denen des Apostels zu vergleichen, da erschrak ich über die Hohlheit und Oberflächlichkeit dessen, was ich bis dahin erbeten hatte. Wie groß und gewaltig ist doch das, was Paulus für uns von Gott erbittet! Und wenn er wirklich Muster und Norm für uns ist und kein Schwärmer, der Unmögliches von Gott verlangt, dann wollen wir uns doch im Glaubensgehorsam an ihm orientieren und entsprechend seiner Auf-forderung in diesem Stück seine Nachahmer werden! 

Der Apostel erbittet in Epheser 3, dass wir entsprechend dem Reichtum Seiner Herrlichkeit (und nicht nur entsprechend unseren Bedürfnissen!) durch Seinen Geist (nicht durch seelisch-religiöse Zeremonien!) an dem inneren (nicht dem äußeren) Menschen gestärkt werden. Der Christus soll derart unsere Herzen bewohnen (nicht nur in einer Ecke unserer Herzen wohnen, sondern sie ganz bewohnen!), dass wir, in der Liebe (nicht nur in der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes) gewurzelt und gegründet, mit allen Heiligen (nicht nur mit denen unserer „Richtung”) völlig zu erfassen vermögen, welches die Länge und Breite und Tiefe und Höhe sei, und erkennen die, das Wissen übersteigende Liebe des Christus, auf dass wir erfüllt sein mögen zu der ganzen Fülle Gottes. Und nun erschrickt der Apostel nicht etwa vor der unerhörten Größe seiner Gebetsforderung, sondern steigert sie noch! Er bezeugt, dass Gott weit über alle Maßstäbe unseres Betens oder Denkens hinaus zu tun vermöge, und bricht in anbetenden Lobpreis aus. Entweder ist Paulus nun ein zügelloser Schwärmer, oder aber ist das, was man weithin als Evangelium bezeichnet, den gewaltigen Liebesabsichten unseres herrlichen Rettergottes gegenüber ein armes Produkt unseres Kleinglaubens. Wem Gott sich in Seiner Fülle zu offenbaren beginnt, der wird nicht selbstsicher und hochmütig, sondern klein und arm in seinen Augen, weiß sich aber erwählt, geliebt und überreich gesegnet in Christo. –

Von vier Ausdehnungen der Liebe ist hier die Rede. Alle irdischen Dinge sind nur dreidimensional, d. h. sie haben Länge, Breite und Höhe. Aber das Wesen des Allmächtigen ist nach Hiob 11, 7-9 vierdimensional. Dort ist ebenso wie in unserem Schriftwort die Rede von Länge, Breite, Tiefe und Höhe. 

1. Die Breite der Liebe Gottes 

Das Wort platos bedeutet Breite oder Umfang. Wir sollen nicht nur ahnen und hoffen, sondern „völlig erfassen”, wen und was die Liebe Gottes umfängt. Die-ser göttlichen Aufforderung sollen wir nicht in scheinbarer Demut aus dem Wege gehen, sondern ihr zum Lobe Gottes nachkommen. Freilich ist das nur dann möglich, wenn wir in der Liebe, dem eigentlichen Wesen unseres Vaters, gewurzelt und gegründet sind und nicht einen Zwiespalt zwischen Heiligkeit und Liebe, zwischen Gericht und Gnade in den Charakter Gottes hineintragen. Wie viele Zeugnisse der Schrift sagen uns, wie breit und weit und allumfassend die Liebe Gottes ist! „Also hat Gott die Welt geliebt …”

2. Die Länge der Liebe Gottes 

Wie lange währt wohl Gottes Liebe? Wann erschöpft sie sich? Wann versiegt sie? Wie lange geht sie dem Verlorenen nach? Bis ihre Geduld zu Ende ist? Solche Fragen grenzen für den, der Gott wirklich kennt, an Lästerung. Während Zorn, Gericht und Verdammnis einmal am Ziel endende Wege Gottes sind, um Seine verfinsterte Schöpfung zurechtzubringen, ist die Liebe Sein ureigentliches, innerstes Wesen. Sie höret nimmer auf! Je mehr sie sich in überwältigen-der Fülle verschwendet, um so reicher wird sie. Vergleiche Sprüche 11, 24! Vor Grundlegung der Welt schuf sie die Christusgarantie des stellvertretenden Lammes (1. Petri l, 19. 20), auf deren Grund Gott erst Seine Schöpfung ins Da-sein rief. Noch ehe Sünde und Verderben in Erscheinung traten, war schon das Allheilmittel vorgesehen. Sollte einer solch wunderbaren Liebesweisheit irgend etwas misslingen? Sollte Er, der alles zuvorerkannt hat, nicht auch das Ende gesehen haben? Sollten Seine Liebesenergien nicht ausreichen, Seine beseli-genden Herrlichkeitsziele auch zu erreichen? Vor Grundlegung der Welt wirkte bereits die Liebe, offenbarte sich in ihrer Fülle am Kreuz des Gotteslammes und reicht weit über alle Ewigkeiten hinaus. Wenn die Gerichtsäonen abgelau-fen sind und Tod und Verdammnis ihr Werk im großen Gesamtplane Gottes ge-tan haben, dann erstrahlt die Liebe in immer neuer Gestaltung und Entfaltung. 

3. Die Tiefe der Liebe Gottes 

Wie tief neigt und beugt sich wohl die Liebe Gottes herab? Wem je der Menschheit ganzer Jammer auf dem Herzen brannte und die, Wehen und das Seufzen der Schöpfung in die Seele drang, dem wird von Gott eine Antwort in der Heiligen Schrift gegeben. Dagegen vermag der hochmütige ichbekehrte Mensch, dessen Seligkeit durch das Bewusstsein, dass Millionen von Geschöpfen in endloser Qual und Verdammnis schmachten, nur erhöht wird, die Gedanken Gottes darüber nicht zu erfassen, denn das Wesen Gottes, die Liebe, ist ihm fremd. Er weiß nicht, was das Herz des Vaters bewegte, als Er Seinen Sohn sandte, „um Gefangene aus dem Kerker herauszuführen, und aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen” (Jes. 42, 7). Er kann nicht glauben und fassen, dass „die Bewohner der Finsternis und des Todesschattens, gefes-selt in Elend und Eisen, weil sie widerspenstig waren gegen die Worte Gottes und verachtet hatten den Rat des Höchsten”, wenn sie gebeugt sind und ohne Helfer straucheln, zu Jehova schreien und aus ihrer Drangsal errettet werden (Ps. 107, 10-16!). Dann erfüllt sich an den Gefangenen der Tiefe, was wir so oft von den verschiedenen Geschöpfen lesen: dass Gott aus Finsternis und Todesschatten herausführt, Fesseln zerreißt, eherne Türen zerbricht und eiserne Riegel zerschlägt. Selbst die finsterste Finsternis verbirgt den Flüchtling nicht vor Gottes lichtvoller Gegenwart! Lies aufmerksam Psalm 139,7-12! Fürwahr, der Dichter hat recht, wenn er singt: 

Einer nur ist Licht und Liebe, 

Der das Weh der Schöpfung stillt Und die dunkeln Todestiefen 

Mit dem Licht des Lebens füllt!

Keine Tiefe ist Ihm zu tief, keine Finsternis zu finster, kein Kerkerriegel zu stark; gleich dem guten Hirten steigt Er hinab in die tiefsten Abgründe, stirbt als ent-ehrter Verbrecher einen schmachvollen Kreuzestod und ruht nicht eher, bis al-les Verlorene wiedergebracht ist. Der Glaube betet die Tiefe der Liebe Gottes an und wird ihr selbstloser Nachahmer. 

4. Die Höhe der Liebe Gottes 

Die Breite der Liebe Gottes zeigt uns, wen und was sie umfasst, die Länge tut uns kund, wie lange sie währt, die Tiefe bezeugt uns, wie sehr die heilige, herr-liche Gottesliebe sich entäußert und hinabsteigt, aber die Höhe erschließt dem staunenden Glaubensblick die schier unfassbare Fülle von Segen und Herrlich-keit, zu der die jetzt noch in Finsternistiefen schmachtende Schöpfung erhoben und verklärt werden wird. 

Der Vater, der den heimkehrenden verlorenen Sohn nicht als begnadigten Verbrecher behandelt, sondern ihm. entgegeneilt und ihn vielmals küsst und ihm das Kleid der Gerechtigkeit, die Sandalen der Freiheit (Sklaven gingen barfuss) und den Siegelring der Vollmacht gibt, ist ein Abbild von dem, der der wahre Vater über alle und alles ist. Nach Gottes vorbedachtem Rat und Plan sollen und werden wir die gleiche Herrlichkeit ererben, wie sie der eingeborene Sohn besitzt. Aber nicht nur wir als der Leib des Christus sollen und werden in diese unfassbar hohe Stellung erhoben werden, sogar die Schöpfung, die ganze Kreatur „wird freigemacht werden von der Knechtschaft des Verderbnisses zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes” (Römer 8, 20. 21). Nicht nur die Menschheit, sondern alles Geschaffene wird die Herrlichkeit des Vaters erlangen! Wie groß und gewaltig sind solche Zusagen und Verheißungen! Möchten wir nie an der Wahrhaftigkeit dessen zweifeln, der sie gegeben hat! Möchten wir Ihn nie durch Unglauben zum Lügner machen! 

Gott wolle das von Ihm gewirkte Gemeindegebet des Apostels auch an unserm Herzen und Leben erhören und uns mit allen Heiligen völlig erfassen lassen, welches die, Breite, Länge, Tiefe und Höhe sei, und uns erkennen lehren die das Wissen übersteigende Liebe des Christus, auf dass wir erfüllt sein mögen zu der ganzen Fülle Gottes!